Mittwoch, 01. Februar 2023

Vor 100 Jahren geboren
Alice Miller - schillernder Star der Kinderpsychologie

Ihr 1979 erschienenes Buch „Das Drama des begabten Kindes“ machte die Schweizer Kinderpsychologin Alice Miller zu einem Star der Erziehungstheorie. Doch das Bild von ihr als Mutter bekam deutliche Kratzer. Heute wäre Miller 100 Jahre alt geworden.

Von Martin Tschechne | 12.01.2023

Die Autorin und Psychologin. Alice Miller in einer undatierten Aufnahme
Kindheitsforscherin Alice Miller (picture alliance / dpa / Julika Miller)
Sie war ein braves Mädchen, und ihre Mutter war stolz auf sie – besonders, wenn sie die sauber geführten Schulhefte der Tochter im Bekanntenkreis herumzeigen konnte, was ja immer auch ein gutes Licht auf die häusliche Erziehung wirft. Dass sie tatsächlich ein emotional missbrauchtes Kind war, fiel Alice Miller, geboren am 12. Januar 1923 im damals polnischen, heute zur Ukraine gehörenden Lwiw, erst viel später auf – als ihr nämlich nach einem Studium der Philosophie und einer Ausbildung zur Psychoanalytikerin, inzwischen in der Schweiz, klar wurde, dass gerade sie als sensibles, intelligentes, begabtes Kind immer wieder gezwungen war, sich den Wünschen und Erwartungen der Mutter unterzuordnen.
Doch, so Alice Miller: „Es gilt für alle Kinder, dass sie sich in einem hohen Maß anpassen müssen an die Eltern. Aber ich glaube, das Spezifische bei den Begabten sind ja diese Antennen, ich nannte die so, die Antennen für die Bedürfnisse der Mutter. Und darum meine ich, dass die begabten Kinder noch viel mehr gefährdet sind, das Eigene nicht entwickeln können.“

Ihr bekanntestes Buch: "Das Drama des begabten Kindes"

Es sind Momente scheinbarer Harmonie, in denen sich verfestigt, was Alice Miller „Das Drama des begabten Kindes“ nennen sollte: Die Familie bespricht ein an sich passables Schulzeugnis; das Kind, das feinfühlige, begabte, sieht ein, dass es sich noch ein bisschen anstrengen sollte, um zur Freude der Eltern von einer drei auf eine zwei zu kommen. Oder: Die Eltern kaufen sich ein Eis; dem Kind sagen sie, nein, du bekleckerst dich nur, geben ihm aber großzügig aus ihren Waffeln ab. Und keiner bemerkt, welche Kränkung in solcher Fürsorglichkeit steckt, welches Machtgefälle sich darin zeigt und welche Hindernisse auf dem Weg zu einem wahren Selbst darin aufgetürmt werden, so Alice Miller:
„Ich meine, dass das wahre Selbst dann dem Menschen zugänglich ist, wenn die Gefühle, die er in seiner Kindheit erlebte, auch ihm zugänglich sind. Und das ist meistens nicht der Fall. Und dann entwickelt das Kind etwas, das die Eltern gerne an ihm haben, Leistung und gutes Benehmen, aber das andere bleibt unentwickelt. Und das ist der Unterschied zwischen dem wahren Selbst und dem falschen. Das falsche Selbst ist das angepasste.“

Entfaltung statt Dressur als Ziel von Erziehung

Wer immer nur zur Anpassung gezwungen wird, so argumentiert Miller, der bleibt sich selber fremd. Der hat Wut und Enttäuschung nie ausgelebt, aber auch den Stolz nicht kennengelernt, etwas allein geschafft zu haben. Ihr Buch „Das Drama des begabten Kindes“ erschienen 1979, war eine Sensation, Leitfaden einer Erziehung, die nicht mehr Dressur, sondern Entfaltung zum Ziel hat. Und Alice Miller gab das Leitbild vor: Das war Narziss, jener Jüngling aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Spiegelbild auf dem Wasser verliebt, so Alice Miller: „Ja, ich habe das auch so gesagt: dass die narzisstischen Bedürfnisse legitime Bedürfnisse sind, und denen muss man eigentlich jetzt zum Durchbruch verhelfen. Dass ein Mensch das Bedürfnis hat, respektiert zu werden, gesehen zu werden – ein Kind auch, nicht? Und dass es ein Echo von der Mutter braucht. Und dass es sich ausdrücken möchte.“

Einwände - und Vorwürfe gegen Alice Miller

Bald jedoch warf der Psychologe und Psychoanalytiker Günther Bittner ein: Keine Mutter könne voll einlösen, was Alice Miller hier ideal darstellt: „Sie sagt, die Mutter muss der reine, ungetrübte Spiegel sein, in dem das Selbst des Kindes sich gespiegelt findet. Ich finde diesen ganzen Ausdruck ‚spiegeln‘ nicht günstig und eher irreführend. Ich würde sagen, die Mutter soll Resonanz geben.“

Wenn der Sohn fragt, "Wer hat Angst vor Alice Miller?“

Alice Miller starb im April 2010 in der Provence. Die Geschichte der Frau, die sich von der Psychoanalyse und deren Konzept unbewusster Triebe abgewandt, die in der Prügelpädagogik des 19. Jahrhunderts den Boden erkannt hatte, auf dem kaum zwei Generationen später der Menschenhass des Nationalsozialismus wuchern konnte – sie endet in einem dunklen Kapitel. Ihr eigener Sohn nämlich, selbst aktiv als Psychotherapeut, stellte sie in seinen Erinnerungen „Wer hat Angst vor Alice Miller?“ bloß als kalte, abweisende und egozentrische Mutter dar, die ungerührt zusah, wenn der Vater ihn verprügelte.
Mit der Veröffentlichung wartete Martin Miller bis nach ihrem Tod. Den Zorn der Mutter hatte er zur Genüge kennengelernt.