
Seit einigen Tagen ist Fable 5 schon nicht mehr erreichbar. Anthropic hat nach einer Anordnung der US-Regierung den Zugang zu seiner erst vor wenigen Tagen veröffentlichten KI blockiert.
Regierungsbehörden hätten Anthropic zuvor unter Verweis auf die nationale Sicherheit angewiesen, den Zugang aller Ausländer zu den KI-Modellen Fable 5 und Mythos 5 zu unterbinden. Der Grund: Die US-Regierung befürchtet einen sogenannten Jailbreak, also das Umgehen der Sicherheitsmaßnahmen der Software, um sie so zum Beispiel für einen Hackerangriff zu nutzen.
Weil Anthropic mit seinem Modell Fable 5 aber nicht zwischen amerikanischen und ausländischen Staatsbürgern unterscheiden kann, hat der KI-Konzern das Modell ganz abgeschaltet.
Befeuert wurden Sicherheitsbedenken zumindest teilweise durch eine vorangegangene Debatte über die Gefahren von Mythos 5.
Vorgeschobene oder berechtigte Begründung der US-Regierung?
“In der Vergangenheit hat es immer wieder die Möglichkeit gegeben, dass solche Sicherheitssperren umgangen werden konnten, unter anderem zur Durchführung von Cyberangriffen, beispielsweise auch zum Bau von Bombenanleitungen”, sagt auch Dennis-Kenji Kipker, Leiter und Gründer des Cyber Intelligence Instituts in Frankfurt.
Außerdem könnten andere Länder das KI-Modell nicht nur hacken, sondern auch zur sogenannten Destillation nutzen, sagt Moritz Metz, Host des DLF-Podcasts “KI verstehen”. Dabei würden neue KI-Entwicklungen mittels Faible 5 trainiert.
“Und das ist natürlich auch eine Möglichkeit, die die US-Regierung nicht bei den Chinesen liegen haben möchte.” Aus seiner Sicht sei die Entscheidung der US-Regierung also durchaus “plausibel”.
Anthropic spricht hingegen von einem Missverständnis - und weckt Zweifel, ob die Begründung der US-Regierung wirklich so stichhaltig ist. Denn das von der US-Regierung beanstandete Sicherheitsproblem gelte auch für andere KI-Modelle wie ChatGPT - dem Konkurrenten von Anthropic. Mehr zur Rivalität der beiden KI-Unternehmen lesen sie hier.
Kurzum: Würde man diesen Maßstab auf die ganze Branche anlegen, käme die Einführung neuer Modelle praktisch zum Erliegen, argumentiert das Unternehmen.
Ähnlich sieht dies KI-Experte Kipker. Dass die US-Regierung bisher keine spezifischen technischen Details freigegeben habe, wecke Zweifel an der offiziellen Begründung, betont er.
Streit über KI-Einsatz bei autonomen Waffen
Das Verhältnis von Anthropic zur US-Regierung ist schon seit Längerem belastet. Denn die Firma hat der US-Regierung nicht erlaubt, seine KI zur Massenüberwachung im Inland zu nutzen oder für vollständig autonome Waffensysteme, bei denen die KI dann wesentliche Entscheidungen trifft.
Daraufhin hatte US-Präsident Donald Trump Bundesbehörden die Nutzung von Anthropic untersagt. Das Pentagon erklärte Anthropic zum „Lieferkettenrisiko für die nationale Sicherheit“. Die Folge: Firmen, die mit dem Militär zusammenarbeiten, durften keine Anthropic-Produkte einsetzen.
Anthropic klagte dagegen und errang im März 2026 zumindest einen Teilsieg: Eine Richterin erließ eine einstweilige Verfügung, mit der die Einstufung von Anthropic als Lieferketten-Risiko für die nationale Sicherheit blockiert werden soll.
Gleichzeitig arbeitet Anthropic aber weiter mit der US-Regierung zusammen, betont Metz. Zumindest über den Umweg der Firma Palantir, die eine Software zur Bestimmung von Bombardierungszielen haben soll, die möglicherweise im Irankrieg eingesetzt wurde.
“Historisch einmaliges Vorgehen der US-Regierung"
Das jetzige Eingreifen der US-Regierung gegenüber Anthropic sei historisch gesehen einmalig, so Kipker. “Erstmals ist es so, dass die US-Regierung eine direkte Exportkontrolle auf ein kommerzielles KI-Sprachmodell angewandt hat.” Und zwar sowohl für staatliche Rivalen als auch für Verbündete. Eine solch “pauschale Gleichbehandlung” aller Nicht-Amerikaner habe es in der Technologiegeschichte bislang noch nicht gegeben.
Besonders brisant sei dies, weil KI längst zu einer kritischen Infrastruktur geworden sei - ähnlich wie Strom, Internet oder Wasser. “Washington demonstriert damit, dass es den globalen Zugang zu Frontier-KI-Modellen, also den leistungsstärksten neuesten Modellen, kontrollieren kann”, so Kipker.
Experten mahnen zu digitaler Unabhängigkeit Europas
Die Maßnahme werfe also ein Schlaglicht auf die Abhängigkeit von KI-Modellen aus den USA hierzulande, da sind sich alle Digitalexperten einig und fordern: Digitale Souveränität und eigene KI-Kompetenzen gehören an die Spitze der politischen Prioritäten in Deutschland und Europa.
Denn die Vorgaben der US-Regierung gegenüber Anthropic könnten nur der Beginn sein, mutmaßt jedenfalls Kipker: Er geht davon aus, dass wir in Zukunft mehr und mehr regionale KI-Ökosysteme haben werden, mit gegenseitig eingeschränktem Zugang. In den USA, in Europa oder China. “Und dass wir insbesondere auch darauf basierend stärkere internationale Diskussion über E-Governance führen müssen, also: Wer darf was und nach welchen transparenten Regeln?”
Radiobeitrag: Mischa Erhardt, Onlinetext: Leila Knüppel
















