Freitag, 19. August 2022

Fachkräftemangel
Warum Arbeitskräfte fehlen und was man dagegen tun will

Immer mehr Unternehmen in Deutschland müssen ihre Geschäfte einschränken. weil Fachkräfte fehlen. Ein Grund dafür ist die Coronakrise, aber auch der demografische Wandel. Zuwanderung aus dem Ausland wäre eine Lösung, doch die Hürden dafür sind hoch.

10.08.2022

    Ein Handwerker schraubt an einer Baustelle etwas in die Wand
Handwerker und Fachkräftemangel in Deutschland am 21.07.2022 Baustelle am June 23, 2021 in München, Germany.
    Schon vor Beginn der Coronakrise fehlten in Deutschland jährlich immer mehr Fachkräfte. Die Pandemie hat den Mangel noch verstärkt. (IMAGO/Action Pictures)
    Der Fachkräftemangel hat in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Im Juli gab fast die Hälfte der Unternehmen an, sie seien wegen Personalmangels beeinträchtigt, so das Ergebnis einer Umfrage des ifo Instituts. Das waren so viele wie nie seit Beginn der ifo-Konjunkturumfragen 2009. Der Fachkräftemangel wird von den meisten Unternehmen als größtes Geschäftsrisiko der Zukunft eingeschätzt, denn er kann zum betrieblichen Stillstand führen.
    Die meisten offenen Stellen gibt es laut Daten der Bundesagentur für Arbeit aktuell in der Verkehrs- und Logistikbranche, gefolgt vom Verkauf. Insgesamt waren danach im Juli 2022 circa 881.000 Arbeitsstellen als unbesetzt gemeldet. Das sind 18 Prozent mehr als im Juli 2021.
    Eine Säulengrafik zeigt den Bestand an gemeldeten offenen Arbeitsstellen in Deutschland im Jahresdurchschnitt von 2011 bis 2022
    Im Jahr 2022 waren bis Mai 846.656 freie Arbeitsstellen gemeldet. Im Corona-Krisenjahr 2020 sank die Zahl der offenen Stellenausschreibungen auf rund 613.000 im Jahresdurchschnitt. (Bundesagentur für Arbeit/statista.de)

    Welche Gründe gibt es für den Fachkräftemangel in Deutschland?

    Als aktuellste Ursache für den Mangel ist die Coronakrise zu nennen. Viele Branchen haben während der Pandemie Beschäftigte verloren oder entlassen, die jetzt nicht zurückkommen. Dazu gab es nun erste Auswertungen der Bundesagentur für Arbeit: So haben beispielsweise im Bereich Gastronomie und Hotellerie im ersten Coronajahr 2020 knapp 390.000 Beschäftigte - das ist mehr als die Hälfte - neue Stellen angetreten. Viele davon im Verkauf, der Logistik und in der Verwaltung von Unternehmen.
    Die Grafik zeigt Berufsgruppen mit den meisten offenen Arbeitsstellen am ersten Arbeitsmarkt in Deutschland im Juli 2022
    Die Gesamtzahl der gemeldeten offenen Arbeitsstellen in Deutschland betrug im Juli 2022 ca. 881.000 (Bundesagentur für Arbeit/statista.de)
    Eine besonders starke Abwanderung gab es bedingt durch die Coronakrise im Bereich der Dienstleistungsberufe. Das merken Verbraucherinnen und Verbraucher im Alltag, wenn beispielsweise Handwerker fehlen oder Frisöre. So wie es aussieht, wollen die meisten der Beschäftigten auch nicht in ihre alten Berufe zurückkehren. Die Zahl unbesetzter Stellen ist allerdings schon vor der Corona-Pandemie stetig gestiegen - vor allem aufgrund einer veränderten Altersstruktur der Bevölkerung.

    Welchen Einfluss hat der demografische Wandel auf den Fachkräftemangel?

    Die zahlenmäßig starken Jahrgänge der Babyboom-Generation gehen langsam in Rente. Sie wurden Ende der 1950er- und in den 1960er-Jahren geboren. In den 2020er-Jahren werden diese Altersjahrgänge den Arbeitsmarkt verlassen. Aktuell machen Menschen im Rentenalter noch den kleinsten Teil der Bevölkerung aus. In zehn bis 15 Jahren werden sie den größten Anteil darstellen, davon geht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus. Zugleich werden in Deutschland, so schätzt es das Statistische Bundesamt, voraussichtlich immer weniger Kinder geboren. Der Stellenmarkt wird aber nicht kleiner.
    Zwar arbeiten mehr Frauen als früher, viele Arbeitskräfte bleiben auch länger erwerbstätig, doch das reicht nicht, um alle Jobs zu besetzen. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung hat ausgerechnet, dass Deutschland pro Jahr eine Netto-Zuwanderung, also die Summe aus Zuwanderung und Abwanderung, von 400.000 Personen im Arbeitsmarkt bräuchte, um die Folgen des demografischen Wandels zu kompensieren. Prognosen des IAB sagen jedoch voraus, dass in den kommenden Jahren noch weniger Menschen als bisher aus EU-Staaten einwandern werden.

    Bevölkerung nach Alter - Vergleich 2018 mit 2035

    Eine Statistik zeigt die Altersverteilung in Deutschland in den Jahren 2018 und 2035
    Die Altersverteilung in Deutschland in den Jahren 2018 und 2035 im Vergleich (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

    Kann Zuwanderung das Problem des Fachkräftemangels lösen?

    Viele Politikerinnen und Politiker sehen in der Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland die Lösung des Problems. Erleichtert werden soll das mit dem "Fachkräfteeinwanderungsgesetz", das seit März 2020 in Kraft ist. Menschen aus Drittstaaten, also nicht EU-Ländern, mit beruflicher, nicht-akademischer Ausbildung sollen damit einfacher nach Deutschland einwandern können. Bislang wirkt das Gesetz allerdings nicht als Magnet und das liegt zum einen an der Coronakrise, die die Mobilität der ganzen Welt über zwei Jahre erheblich eingeschränkt hat.
    Ein weiteres Problem sei, dass das Gesetz Wert darauf lege, dass die Qualifikationen der Menschen die kommen, gleichwertig zu den deutschen Qualifikationen seien, sagte Ulrich Kober, Direktor Demokratie und sozialer Zusammenhalt bei der Bertelsmann-Stiftung, im Dlf. Sinnvoller wäre stattdessen eine Anerkennung beispielsweise eines Studiums ohne die genaue Überprüfung jedes einzelnen Moduls. Die Leute würden sich ja auch "am Job" noch mal Dinge aneignen. Ohnehin sei die Zuwanderung "kein Allheilmittel". Das sehen auch andere Expertinnen und Experten so. Laut des IaB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) kann Migration den Rückgang des Arbeitskräftepotenzials verschieben und abschwächen, aber nicht stoppen.
    Eine Grafik zeigt den Anteil der Menschen, die aus dem Ausland zum Arbeiten nach Deutschland kommen
    Im Jahr 2021 kamen rund 1,9 Millionen Menschen aus dem Ausland nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Die Mehrheit dieser Arbeitskräfte stammte aus anderen Ländern der Europäischen Union. (dpa-infografik GmbH)

    Welche Rolle spielt das Thema Bildung beim Fachkräftemangel?

    Noch immer gilt in Deutschland das Prinzip: Je höher der Bildungsgrad, desto besser sind die Chancen des Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt. 2020 verließen in Deutschland mehr als 47.000 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss, 2017 waren es mehr als 52.000, so Daten des Statistischen Bundesamt. Für die Zukunft der Betroffenen heißt das meist: Ein Durchhangeln von Aushilfsjob zu Aushilfsjob. Für den Arbeitsmarkt: Noch mehr Personen, die als Fachkräfte wegfallen. Die Schulabbrecherquote ist die Achillesferse des Bildungssystems und eine Dauerbaustelle. Auf einem Bildungsgipfel 2008 in Dresden versprachen die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten, die Zahl der Schulabbrecher zu halbieren. Seitdem ist nicht viel passiert.
    Diese Statistik zeigt den Anteil der Schulabgänger/-innen ohne Hauptschulabschluss an der gleichaltrigen Bevölkerung in Deutschland nach Bundesländern im Abgangsjahr 2020
    Diese Statistik zeigt den Anteil der Schulabgänger/-innen ohne Hauptschulabschluss an der gleichaltrigen Bevölkerung in Deutschland nach Bundesländern im Abgangsjahr 2020 (Statistisches Bundesamt / Statista)
    Die zunehmende Zahl an hohen Schulabschlüssen verringert den Mangel an Fachkräften nicht. Noch immer ist es so, dass viele Abiturienten automatisch in Richtung Studium tendieren. Lehrerinnen und Lehrer könnten andere Wege aufzeigen, kennen aber häufig nur die eigene Berufswelt. Mit Projektwochen und dem Schulfach „Berufliche Orientierung“ versucht man, diese Lücke zu schließen. Schülerinnen und Schüler sollen dort die Vorteile von Ausbildungen kennenlernen - beispielsweise von dualen Ausbildungen, bei denen im Betrieb mitgearbeitet und parallel an einer Berufsschule gelernt wird. Lange hoch gelobt, hat die Attraktivität dieses Ausbildungssystems jedoch gelitten.
    Viele Abiturienten befürchteten nach einer solchen dualen Ausbildung für immer im betrieblichen Bereich festzustecken, erläuterte Dlf-Bildungsredakteurin Kate Maleike im Politikpodcast. Dass man sehr wohl auch noch studieren und sich weiterentwickeln könne, sei lange nicht eröffnet worden. Umgekehrt sei das Problem, dass viele Unternehmen Menschen ohne Abitur nicht im Blick hätten. Dabei seien viele der Hauptschulabgänger sehr qualifiziert, so Kate Maleike.
    Nicht wirklich anziehend wirkt auch die Bezahlung. Viele Ausbildungsberufe werden nicht so gut entlohnt wie jene, für die man einen Hochschulabschluss benötigt. Das Ergebnis im Maschinenbau: Aktuell können 37.000 von 92.000 angebotenen Ausbildungsplätzen nicht besetzt werden.
    Und dann wäre da noch die Pandemie als Faktor: War man sich vor 2020 unsicher, welchen beruflichen Weg man einschlagen will, konnte man sich in Praktika ausprobieren oder sich auf Messen informieren – all das hat die Coronakrise verhindert. Lockdowns und Homeschooling haben viele noch enger ans Elternhaus gebunden. Eine große Kohorte an potentiellen Bewerbern wartet gerade, weil sie unentschlossen sind.

    Rente mit 70 - ist das die Lösung für den Fachkräftemangel?

    Jüngst wieder aufgeflammt ist die Debatte über das Renteneintrittsalters. Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, hat sich für eine schrittweise Anhebung auf 70 Jahre ausgesprochen. Ansonsten werde das Sozial- und Rentenkassen-System mittelfristig nicht mehr finanzierbar sein, so Wolf gegenüber der Funke-Mediengruppe.
    Auch der Wirtschaftsforscher Clemens Fuest unterstützt diese Forderungen. Die zusätzlichen Lasten bedingt durch eine steigende Lebenserwartung und weniger Beitragszahler "allein durch höhere Beiträge oder Steuerzuschüsse zu finanzieren, wäre grob unfair gegenüber der jungen Generation und würde Beschäftigung und Wachstum stark beeinträchtigen", so Fuest im Interview mit der "Rheinischen Post".
    Gewerkschaften und Sozialverbände haben diese Idee heftig kritisiert und auch aus der Politik gab es Gegenwind. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch bezeichnete den Vorschlag als "unsozialen Bullshit". Viele Kritiker befürchten, dass eine Anhebung auf Rentenkürzungen hinauslaufen würde, denn viele Menschen könnten ihre Beruf nicht länger ausüben - man denke an Pflegeberufe oder handwerkliche Arbeiten.
    Eine weitere Überlegung ist die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden. Umfragen zeigen offenbar, dass viele Teilzeitkräfte gerne mehr arbeiten würden, viele Vollzeitkräfte aber dafür gerne weniger. Die Ökonomin und Wirtschaftsweise Monika Schnitzer fordert eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, um einfach möglichst viele Menschen in den Arbeitsmarkt zu bekommen.
    Quellen: Statistisches Bundesamt, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Bundesagentur für Arbeit, Nastassja Shtrauchler, Silke Hahne, Kate Maleike