Samstag, 28. Januar 2023

Fachkräftemangel
Warum Arbeitskräfte fehlen und was dagegen getan wird

Immer mehr Unternehmen in Deutschland müssen ihre Geschäfte einschränken, weil Fachkräfte fehlen. Ein Grund dafür ist die Coronakrise, ein anderer der demografische Wandel. Die Bundesregierung will handeln. Wäre Zuwanderung aus dem Ausland eine Lösung?

30.11.2022

    Ein Handwerker schraubt an einer Baustelle etwas in die Wand
Handwerker und Fachkräftemangel in Deutschland am 21.07.2022 Baustelle am June 23, 2021 in München, Germany.
    Schon vor Beginn der Coronakrise fehlten in Deutschland jährlich immer mehr Fachkräfte. Die Pandemie hat den Mangel noch verstärkt. (IMAGO/Action Pictures)
    Der Fachkräftemangel liegt in Deutschland weiter auf hohem Niveau. Die Zahl der offenen Stellen gab die Bundesagentur für Arbeit im September 2022 mit rund 873.000 an. Das waren etwas weniger als in den Monaten Juli und August - aber etwa 74.000 mehr als vor einem Jahr.
    Die sogenannte Fachkräftelücke liegt laut Institut der deutschen Wirtschaft im Zwölf-Monats-Durchschnitt von Juli 2021 bis Juli 2022 für qualifizierte Arbeitskräfte über alle Berufe hinweg bei 537.923 Stellen. Die Zahl beinhaltet die offenen Stellen, die rein rechnerisch nicht besetzt werden konnten, da es keine passend qualifizierten Arbeitslosen für sie gab.
    Eine Säulengrafik zeigt den Bestand an gemeldeten offenen Arbeitsstellen in Deutschland
    Bestand an offenen Stellen bis September 2022 (Bundesagentur für Arbeit/statista.de)

    Welche Gründe gibt es für den Fachkräftemangel in Deutschland?

    Als aktuellste Ursache für den Mangel ist die Coronakrise zu nennen. Viele Branchen haben während der Pandemie Beschäftigte verloren oder entlassen, die jetzt nicht zurückkommen. Laut Bundesagentur für Arbeit haben allein bei Gastronomie und Hotellerie im ersten Coronajahr 2020 knapp 390.000 Beschäftigte - das ist mehr als die Hälfte - neue Stellen angetreten. Viele davon im Verkauf, der Logistik und in der Verwaltung von Unternehmen.
    Die Grafik zeigt Berufsgruppen mit den meisten offenen Arbeitsstellen am ersten Arbeitsmarkt in Deutschland im September 2022
    Die Gesamtzahl der gemeldeten offenen Arbeitsstellen in Deutschland betrug im Juli 2022 ca. 881.000 (Bundesagentur für Arbeit/statista.de)
    Eine besonders starke Abwanderung gab es bedingt durch die Coronakrise im Bereich der Dienstleistungsberufe. Das merken Verbraucherinnen und Verbraucher im Alltag, wenn beispielsweise Handwerker fehlen oder Frisöre. So wie es aussieht, wollen die meisten der Beschäftigten auch nicht in ihre alten Berufe zurückkehren. Die Zahl unbesetzter Stellen ist allerdings schon vor der Corona-Pandemie stetig gestiegen - vor allem aufgrund einer veränderten Altersstruktur der Bevölkerung.

    Welchen Einfluss hat der demografische Wandel auf den Fachkräftemangel?

    Die zahlenmäßig starken Jahrgänge der Babyboom-Generation gehen langsam in Rente. Sie wurden Ende der 1950er- und in den 1960er-Jahren geboren. In den 2020er-Jahren werden diese Altersjahrgänge den Arbeitsmarkt verlassen. Aktuell machen Menschen im Rentenalter noch den kleinsten Teil der Bevölkerung aus. In zehn bis 15 Jahren werden sie den größten Anteil darstellen, davon geht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus. Zugleich werden in Deutschland, so schätzt es das Statistische Bundesamt, voraussichtlich immer weniger Kinder geboren. Der Stellenmarkt wird aber nicht kleiner.
    Zwar arbeiten mehr Frauen als früher, viele Arbeitskräfte bleiben auch länger erwerbstätig, doch das reicht nicht, um alle Jobs zu besetzen. Die bis 2026 errechnete Fachkräftelücke von rund 240.000 Personen aus Neubedarf und Neuangebot fällt aber laut Zahlen des Bundes weniger als halb so groß aus wie noch im vorigen Jahr für 2025 erwartet (540.000 Personen). Dies wird mit dem höheren Arbeitskräfteangebot etwa durch Geflüchtete aus der Ukraine und dem geringeren Wirtschaftswachstum begründet.

    Bevölkerung nach Alter - Vergleich 2018 mit 2035

    Eine Statistik zeigt die Altersverteilung in Deutschland in den Jahren 2018 und 2035
    Die Altersverteilung in Deutschland in den Jahren 2018 und 2035 im Vergleich (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

    Kann Zuwanderung das Problem des Fachkräftemangels lösen?

    Angesichts eines zunehmenden Mangels an Arbeitskräften will die Bundesregierung die gezielte Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt fördern. Rund 400.000 Zuwanderer braucht Deutschland, so Experten, um den Bedarf an Fachkräften zu stillen. Erleichtert werden soll das bereits mit dem "Fachkräfteeinwanderungsgesetz", das Union und SPD 2019 eingeführt hatten: Menschen aus Drittstaaten, also nicht EU-Ländern, mit beruflicher, nicht-akademischer Ausbildung sollen damit einfacher nach Deutschland einwandern können. Bislang wirkt das Gesetz allerdings nicht als Magnet.
    Das Kabinett beschloss am 12.10.2022 in Berlin eine Fachkräftestrategie, wonach unter anderem das Einwanderungsrecht reformiert und die Verfahren beschleunigt werden sollen. Firmen, Länder, Kommunen, Sozialpartner, Bundesagentur für Arbeit, Bildungsträger und die Bundesregierung sollten zudem stärker zusammenarbeiten.
    Eine Grafik zeigt den Anteil der Menschen, die aus dem Ausland zum Arbeiten nach Deutschland kommen
    Im Jahr 2021 kamen rund 1,9 Millionen Menschen aus dem Ausland nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Die Mehrheit dieser Arbeitskräfte stammte aus anderen Ländern der Europäischen Union. (dpa-infografik GmbH)
    Bei einem seit 2019 mit 13 Millionen Euro geförderten Pilotprojekt der Europäischen Union und des Entwicklungsministeriums zur Arbeitsmigration und -mobilität zwischen Nordafrika und Europa (THAMM) werden bereits Arbeitsagenturen in Tunesien, Marokko und Ägypten geschult und mit den Arbeitsagenturen in Belgien, Frankreich und Deutschland verbunden. Deutsche Unternehmen können über diesen Weg Stellen besetzen, falls sie dafür in Deutschland niemanden finden. Laut Entwicklungsministerium wurden bislang 234 Auszubildende und 44 Fachkräfte aus Tunesien, Marokko und Ägypten an Betriebe in Deutschland vermittelt.

    Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes

    Am 29. November 2022 hat das Bundeskabinett die Pläne für eine Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes gebilligt. Profitieren sollen dabei auch Menschen, die keine Fachkräfte sind, aber über lange Berufserfahrung in Bereichen verfügen, in denen in Deutschland Arbeitskräfte fehlen – in der Pflege zum Beispiel.
    Drei Personengruppen soll künftig die Einwanderung erleichtert werden:
    1. Fachkräften und Hochschulabsolventinnen und –absolventen. Voraussetzung: ein anerkannter Abschluss, ein gültiger Arbeitsvertrag und zu Inländern gleichwertige Beschäftigungsbedingungen. Neu ist: Personen, die über einen in Deutschland anerkannten Abschluss verfügen, sollen in Zukunft jede qualifizierte Beschäftigung ausüben können. Eine Mechanikerin soll demnach auch als Logistikerin eingestellt werden können. Die geforderte Gehaltsgrenze wird maßvoll abgesenkt. Auch die sogenannte Vorrangprüfung wird abgeschafft, die bisher deutsche Arbeitnehmer schützen sollte.
    2. Menschen, die über eine zweijähriger Erfahrung in dem Beruf verfügen, der in Deutschland ausgeübt werden soll, wenn sie in ihrem Heimatland einen Berufs- oder Hochschulabschluss gemacht haben. Dieser muss dann nicht mehr wie bisher in Deutschland als gleichwertig anerkannt werden. Eine Prüfung der Sprachkenntnisse soll dem Arbeitgeber obliegen. Bei IT-Spezialisten soll auf einen Sprachnachweis ganz verzichtet werden.
    3. Menschen "mit Potential", die aber bei der Einreise noch keinen Arbeitsvertrag in Deutschland vorweisen müssen. Personen mit einem guten Potential sollen sich für eine sogenannte "Chancenkarte" bewerben können – auch wenn sie noch keinen Arbeitsvertrag vorweisen können. Dafür soll ein Punktesystem nach dem Vorbild Kanadas eingeführt werden. Als Auswahlkriterien werden Qualifikation, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung, Deutschlandbezug und Alter genannt.

    Kritik an der Reform

    Für die Opposition geht die Reform in die falsche Richtung. "Wir brauchen Fachkräfte. Was die Ampel jedoch will, ist eine allgemeine Arbeitsmigration", sagte Alexander Throm, innenpolitischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion. Im geltenden Gesetz gebe es bereits die Regelung, dass eine Berufsausbildung ausreichend sei und man über Aufbaukurse eine Nach-Qualifizierung absolvieren könne. Es gebe viele Menschen in Deutschland, die arbeitslos seien, aber grundsätzlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen würden. Hier müsste man ansetzen, um eine "Zuwanderung in die Sozialsysteme" zu verhindern.
    Die Linke warnt davor, anderen Ländern Menschen abzuwerben, die dort ausgebildet wurden und dort dringend benötigt werden. Zudem sollte man auch auf die Menschen setzen, die bereits in Deutschland sind, wie zum Beispiel Geflüchtete. Außerdem, moniert die Linke, sei der Arbeitsmarkt bereits stark dereguliert.
    Ohnehin sei die Zuwanderung "kein Allheilmittel", sagte Ulrich Kober, Direktor Demokratie und sozialer Zusammenhalt bei der Bertelsmann-Stiftung, im Dlf. Das sehen auch andere Expertinnen und Experten so. Laut des IaB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) kann Migration den Rückgang des Arbeitskräftepotenzials verschieben und abschwächen, aber nicht stoppen.

    Welche Rolle spielt das Thema Bildung beim Fachkräftemangel?

    Die Ampel-Bundesregierung will sich laut ihrer am 12.10.2022 vorgestellten Fachkräftestrategie verstärkt um die Ausbildung von Fachkräften bemühen. Vorgesehen ist, unter anderem eine zeitgemäße Ausbildung und eine gezielte Weiterbildung zu unterstützen. Zu den weiteren Vorhaben gehört auch, die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu erhöhen.
    Noch immer gilt in Deutschland das Prinzip: Je höher der Bildungsgrad, desto besser sind die Chancen des Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt. 2020 verließen in Deutschland mehr als 47.000 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss, 2017 waren es mehr als 52.000, so Daten des Statistischen Bundesamt. Für die Zukunft der Betroffenen heißt das meist: Ein Durchhangeln von Aushilfsjob zu Aushilfsjob. Für den Arbeitsmarkt: Noch mehr Personen, die als Fachkräfte wegfallen. Die Schulabbrecherquote ist die Achillesferse des Bildungssystems und eine Dauerbaustelle.
    Diese Statistik zeigt den Anteil der Schulabgänger/-innen ohne Hauptschulabschluss an der gleichaltrigen Bevölkerung in Deutschland nach Bundesländern im Abgangsjahr 2020
    Diese Statistik zeigt den Anteil der Schulabgänger/-innen ohne Hauptschulabschluss an der gleichaltrigen Bevölkerung in Deutschland nach Bundesländern im Abgangsjahr 2020 (Statistisches Bundesamt / Statista)
    Die zunehmende Zahl an hohen Schulabschlüssen verringert den Mangel an Fachkräften nicht. Noch immer ist es so, dass viele Abiturienten automatisch in Richtung Studium tendieren. Lehrerinnen und Lehrer könnten andere Wege aufzeigen, kennen aber häufig nur die eigene Berufswelt. Mit Projektwochen und dem Schulfach „Berufliche Orientierung“ versucht man, diese Lücke zu schließen. Schülerinnen und Schüler sollen dort die Vorteile von Ausbildungen kennenlernen - beispielsweise von dualen Ausbildungen, bei denen im Betrieb mitgearbeitet und parallel an einer Berufsschule gelernt wird. Lange hoch gelobt, hat die Attraktivität dieses Ausbildungssystems jedoch gelitten.
    Viele Abiturienten befürchteten, nach einer solchen dualen Ausbildung für immer im betrieblichen Bereich festzustecken, erläuterte Dlf-Bildungsredakteurin Kate Maleike im Politikpodcast. Dass man sehr wohl auch noch studieren und sich weiterentwickeln könne, sei lange nicht eröffnet worden. Umgekehrt sei das Problem, dass viele Unternehmen Menschen ohne Abitur nicht im Blick hätten. Dabei seien viele der Hauptschulabgänger sehr qualifiziert, so Kate Maleike.
    Nicht wirklich anziehend wirkt auch die Bezahlung. Viele Ausbildungsberufe werden nicht so gut entlohnt wie jene, für die man einen Hochschulabschluss benötigt. Das Ergebnis im Maschinenbau: Aktuell können 37.000 von 92.000 angebotenen Ausbildungsplätzen nicht besetzt werden.
    Und dann wäre da noch die Pandemie als Faktor: War man sich vor 2020 unsicher, welchen beruflichen Weg man einschlagen will, konnte man sich in Praktika ausprobieren oder sich auf Messen informieren – all das hat die Coronakrise verhindert. Lockdowns und Homeschooling haben viele noch enger ans Elternhaus gebunden. Eine große Kohorte an potenziellen Bewerbern wartet gerade, weil sie unentschlossen sind.

    Rente mit 70 - ist das die Lösung für den Fachkräftemangel?

    Jüngst wieder aufgeflammt ist die Debatte über das Renteneintrittsalters. Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, hat sich für eine schrittweise Anhebung auf 70 Jahre ausgesprochen. Ansonsten werde das Sozial- und Rentenkassen-System mittelfristig nicht mehr finanzierbar sein, sagte Wolf der Funke-Mediengruppe.
    Auch der Wirtschaftsforscher Clemens Fuest unterstützt diese Forderungen. Die zusätzlichen Lasten bedingt durch eine steigende Lebenserwartung und weniger Beitragszahler "allein durch höhere Beiträge oder Steuerzuschüsse zu finanzieren, wäre grob unfair gegenüber der jungen Generation und würde Beschäftigung und Wachstum stark beeinträchtigen", so Fuest im Interview mit der "Rheinischen Post".
    Gewerkschaften und Sozialverbände haben diese Idee heftig kritisiert und auch aus der Politik gab es Gegenwind. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch bezeichnete den Vorschlag als "unsozialen Bullshit". Viele Kritiker befürchten, dass eine Anhebung auf Rentenkürzungen hinauslaufen würde, denn viele Menschen könnten ihre Beruf nicht länger ausüben - man denke an Pflegeberufe oder handwerkliche Arbeiten.
    Eine weitere Überlegung ist die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden. Umfragen zeigen offenbar, dass viele Teilzeitkräfte gerne mehr arbeiten würden, viele Vollzeitkräfte aber dafür gerne weniger. Die Ökonomin und Wirtschaftsweise Monika Schnitzer fordert eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, um einfach möglichst viele Menschen in den Arbeitsmarkt zu bekommen.
    Quellen: Statistisches Bundesamt, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IW, epd, rtr, tei, og, Bundesagentur für Arbeit, Nastassja Shtrauchler, Silke Hahne, Kate Maleike, Dirk-Oliver Heckmann