Samstag, 01. Oktober 2022

Armageddon für Anfänger
Wie entschärft man einen Asteroiden?

Wenn irgendwann ein Asteroid der Erde gefährlich nahe kommt, sollten wir gewappnet sein. Eine Technik wird nun erstmals erprobt. Die NASA-Sonde DART ist auf dem Weg zum Asteroiden Dimorphos und wird am 26. September mit ihm kollidieren. Kann die Wucht eines solchen Aufpralls die Erde im Ernstfall retten?

Von Karl Urban | 18.09.2022

Die NASA-Sonde DART kurz vor dem Einschlag in den Asteroidenmond  Dimorphos (Illustration) (JHU/NASA)
Die NASA-Sonde DART kurz vor dem Einschlag in den Asteroidenmond Dimorphos (Illustration) (JHU/NASA) (JHU/NASA)
„Die Bibel nennt es Armageddon. Das Ende aller Tage.“
Die Sonne, dann Merkur, Venus, Erde, Mars. Und dahinter? Dahinter liegt die Müllhalde des Planetensystems, der Asteroidengürtel: 1,5 Millionen Objekte, das größte fast tausend Kilometer, die meisten nur ein paar Dutzend Meter. Diese Brocken sind eigentlich ungefährlich, weil sie der Erde nie zu nahe kommen können. Aber es gibt Ausnahmen.
„Einer der ersten, den wir entdeckt haben, war 1979VA, der im November 1979 vorbeikam. Das dürfte auch meine allererste Entdeckung gewesen sein. Die waren damals noch ziemlich selten. Unsere damalige Ausrüstung war gerade so ausreichend, um die hellsten von ihnen zu sehen.“
Als David Tholen 1979 im Rahmen seiner Doktorarbeit sein erstes erdnahes Objekt entdeckte, waren nur eine Handvoll von ihnen bekannt. Diese Kometen und vor allem Asteroiden kreuzen immer wieder die gedachte Linie, auf der die Erde ihre Bahn um die Sonne zieht. Zu ihnen gehören auch Dimorphos und Didymos.
Nancy Chabot von der Johns Hopkins University koordiniert die DART-Mission: “Zuallererst: Diese Asteroiden sind keine Bedrohung für die Erde. Sie sind keine Gefahr für die Erde. Sie werden die Erde auch nicht in absehbarer Zukunft treffen. Und gerade das macht sie zu einem idealen ersten Test.“
Die Falcon-9 mit der DART-Sonde startet von der Vandenberg Space Force Base am 24. November 2021
Bilderbuchstart der DART-Mission - bei einer realen Asteroiden-Abwehr wäre eine etwaige Panne zu Beginn der Mission fatal (imago/ZUMA Wire/Bill Ingalls/NASA)

Ramm-Attacke auf ein winziges Ziel im All

„T minus 15.“ Am 24. November 2021 ist auf der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien alles bereit. Die Raumsonde ist leicht und vergleichsweise günstig. 610 Kilogramm, 330 Millionen Dollar. Ins All geht es mit einer Falcon-9-Rakete. “Start von Falcon und DART, dem ersten Planeten-Verteidigungstest der NASA, um absichtlich einen Asteroiden zu rammen.“
Das Reiseziel des „Double Asteroid Redirection Test“, kurz DART, ist ein Doppelasteroid. „Es sind zwei Asteroiden. Der größere heißt Didymos und hat einen Durchmesser von 780 Metern. Und der hat einen kleinen Mond namens Dimorphos mit 160 Metern.“
Dimorphos ist das eigentliche Ziel der Sonde. Ein kosmischer Winzling, kaum größer als das Kolosseum in Rom. Ihn zu treffen, wird nicht leicht, sagt die Chefingenieurin der Mission, Elena Adams. DART hat ein DRACO genanntes Teleskop dabei, das während der zehnmonatigen Reise getestet wird. Zehn Tage vor dem Einschlag wird zuerst LICIACube ausgeklinkt: Der Minisatellit dient als Augenzeuge, denn DART selbst wird beim Aufprall zerschellen. Aber was geschieht dabei mit dem Asteroiden?
"Etwa vier Stunden vor dem Einschlag werden wir die intelligente Navigationstechnologie einschalten, die wir für die NASA demonstrieren. Sie wird uns im Anflug leiten, denn sehen werden wir Dimorphos erst nach einer Stunde." Diese Etappe ist noch aus einem anderen Grund schwierig. Denn die Flugbahn von DART und die exakte Position des Asteroidenpaars auf ihrem Weg um die Sonne sind so gewählt, dass sie sich mit Teleskopen von der Erde aus gut beobachten lassen. Aber aus Sicht der Sonde wird das Zielobjekt Dimorphos nur spärlich beleuchtet sein. „Und dann schlagen wir ein.“
EIn Bohrfahrzeug steht in einer Höhle des Asteroiden mit Kurs auf die Erde im Film "Armageddon" von 1998
Im Film "Armageddon" bleiben gerade einmal 18 Tage bis zum Weltuntergang - und der Killer-Asteroid wird im letzten Moment in zwei Teile zersprengt (imago/EntertainmentPictures)

Hollywood-Asteroidenabwehr nicht sehr realistisch

Wie muss man sich das vorstellen, die Abwehr eines herannahenden Asteroiden? Wie im Film "Armageddon" von 1998, mit Bruce Willis in der Hauptrolle eines Bohrspezialisten, der sich am Schluss selbst opfert, um die Menschheit zu retten - mit einer gigantischen Explosion, fliegenden Trümmern und Staub, der als Fontäne in die tiefschwarze Nacht schießt? Stefan Ulamec, Planetenforscher beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln: „Na ja, also die Hollywoodfilme leben meist davon, dass die Abfolge der Ereignisse kurzfristig passiert. In letzter Minute, der Asteroid ist wenige Meter über Texas, und dann wird er noch abgelenkt, also das wäre ziemlich schwierig. Wenn man aber die Bahn über viele Jahre vorausberechnen kann, dann könnte man so eine Impaktormission ähnlich wie DART starten, gegebenenfalls auch mehrere, um Redundanz zu haben, um den Körper abzulenken und dann nach dem Impakt über astronomische Beobachtungen auch zu kontrollieren, wie sich die Bahn geändert hat, ob das ausreichend war oder ob man noch etwas zusätzlich machen muss.“
DART gilt deshalb als idealer Test: Mit heutiger Technologie und dem Erfahrungsschatz der Raumfahrt lässt sich ein Asteroid genau so am besten ablenken, wie es nun probiert wird. „So ein kinetischer Impaktor ist in mancherlei Hinsicht die einfachste oder geradlinigste Methode. Man haut da eine Sonde drauf und lenkt den ab.“
Es gibt dabei nur ein Problem. Und dieses Problem offenbarte sich bei einer Mission, mit der Stefan Ulamec früher beschäftigt war. Der Forscher war für eines der waghalsigsten Manöver der Planetenforschung verantwortlich: Am 12. November 2014 löste sich der 100 Kilogramm schwere Lander Philae von seiner Muttersonde Rosetta und flog seinem Ziel entgegen – dem Kometen Tschurjumow-Gerasimenko. „Das war ein sehr aufwendiger Separationsmechanismus, da konnte man die Geschwindigkeit vorher einstellen. Man musste genau zielen.“

Zwei große Unbekannte: Oberflächenbeschaffenheit...

Da niemand wusste, wie hart die Oberfläche sein würde, hatten Ingenieure gleich drei Landesysteme integriert: ein Triebwerk zum Bremsen, Schrauben, die sich in mögliches Eis drehen sollten, und Harpunen. Alle drei scheiterten – und Philae prallte ab. „Wir haben gelernt, dass die Kometenoberfläche erstaunlich hart war. Wir wissen trotzdem, dass der Komet als Ganzes sehr porös ist. Porös im Sinne von 75 Prozent. Da ist nichts und nur der Rest ist dieses Staub- oder Kiesel-Material. Das heißt, man darf davon ausgehen, dass er im Inneren porös und weich ist.“
Philae landete dann doch noch, aber 90 Minuten später, weil die Oberfläche ganz anders beschaffen war als gedacht. Für die Mission DART war das eine Lehre: Deren Aufschlag fällt vielleicht gar nicht so hart aus wie gedacht.
Der Meteoritenexperte Kai Wünnemann sitzt in seinem Büro, in einem Seitengebäude des Naturkundemuseums in Berlin: „Man hat sehr lange gesagt, wenn so ein Körper kommt, können wir immer noch eine Mission starten. Und dann gilt es, möglichst viel Energie zu übertragen. Aber da liegt der Hund begraben. Wie viel Impuls brauche ich eigentlich, um so einen Körper so signifikant abzulenken, dass er, wenn er droht auf die Erde zu schlagen, uns auch verfehlt?“
Nur wenige Meter von Wünnemanns Büro entfernt lagert eine der größten Meteoritensammlungen der Welt[3]. 6000 Steine, die von Asteroiden und Kometen stammen und die irgendwann aus dem All auf die Erde gefallen sind. Dabei haben sie allerdings allesamt die Atmosphäre durchquert, sie sind heiß geworden, geschmolzen oder zerbröselt. Kein Meteorit sieht am Erdboden noch so aus, wie ein Asteroid im All.
„Man muss einfach zusammenfassen, dass wir bisher recht wenig über die Beschaffenheit von solchen Körpern wissen. Dinge wie die Porosität, wie ist der Aufbau? Wir reden oft von Rubble Piles, also von Schutthaufen. Gibt es da mehr Makro- oder Mikroporosität? Da sind viele Dinge, die wir nicht genau verstehen, wie der Körper darauf reagiert, wenn wir etwas dagegen schießen.“

...und die Masse des Asteroiden

Dazu kommt noch eine Frage, die im Moment des herbeigeführten Aufpralls entscheidend sein wird. „Wir wissen eine ganz elementare Sache nicht, die ich unbedingt wissen muss, um sagen zu können, wie effizient das war. Das ist die Masse. Ich kenne die Masse von diesem Mond nicht. Die wird man erst relativ genau und präzise bestimmen können, wenn Hera ankommt.“
Hera, die griechische Göttin der Ehe und immer eifersüchtige Gattin des Göttervaters Zeus ist Namensgeberin einer Raumsonde der ESA, die 2024 zu Didymos und Dimorphos aufbrechen soll. Hera soll im Dezember 2026 beim Doppelasteroiden ankommen und hier, wenn man so will, das von der NASA angerichtete Chaos begutachten. Kai Wünnemann: „Ich bin selber sehr gespannt, was wir da an der Oberfläche sehen werden, was das Resultat von dem Einschlag ist. Sehen wir einen Krater? Bisher sind wir immer stark davon ausgegangen, dass wir einen Krater sehen werden. Wenn wir den Krater kennen, wissen wir, wie groß, wie tief, vielleicht erkennen wir auch noch die Morphologie. Und das ist eine ganz wichtige Größe, die wir dann mit unseren Modellen vergleichen können, wo wir indirekt ablesen können, wie eigentlich die innere Beschaffenheit des Körpers war.“
Die meisten Forschenden rechnen fest damit, dass Hera einen Krater vorfindet, der zwischen fünf und 14 Meter groß ist. Immerhin dürfte der Aufprall mit kosmischer Geschwindigkeit mehrere tausend Tonnen Material in Bewegung setzen. Wirklich sicher ist das aber nicht.
„Es gibt tatsächlich ein paar Studien, die gezeigt haben, dass wenn die Eigenschaften dieses Körpers sehr extrem sind, beispielsweise bei der Kohäsion - Kohäsion ist das, was die Festigkeit gegen plastische Deformationen ausmacht. Wenn die sehr gering ist, dann wird wahrscheinlich kein Krater entstehen. Dann wird es mehr so eine Art globale Deformation geben.“
Wenn Dimorphos wie ein Gummiball reagiert, wäre das für die Abwehr von Asteroiden eine schlechte Nachricht: „Das muss man sich vorstellen wie einen Rückschlag, wenn man mit einem Gewehr schießt. Das gibt einen zusätzlichen Push und das kann die ganze Sache viel effizienter machen. Das ist aber eher der Fall, wenn wir mit einem festen Körper rechnen. Wenn wir jetzt etwas sehr Poröses, sehr Weiches haben, dann ist das so, als würde das alles verpuffen.“
Eine Grafik illustriert den Einschlag der DART-Sonde auf Dimorphos und die dadurch möglicherweise bewirkte Bahnänderung des Asteroiden-Mondes um Didymos
So ähnlich könnte die Bahnänderung von Dimorphos aussehen - aber das hängt von der Beschaffenheit und Masse des Asteroiden ab (imago/Cover-Images)

Heimlicher Anflug mit der Sonne im Rücken

Die DART-Mission und die Sichtkontrolle durch Hera sind nur ein Experiment - an einem für die Erde eigentlich nicht relevanten Asteroiden-Mond. Aber es gibt draußen im All vermutlich noch einige tatsächlich gefährliche Brocken. David Tholen von der University of Hawaii: „Ich glaube noch immer nicht, dass wir den Himmel genug absuchen, gerade in Teilen des Nachthimmels, die sehr nah an der Sonne liegen. Dort also, wo man mit höherer Wahrscheinlichkeit Objekte wie Apophis findet, da tun wir definitiv nicht genug.“
Apophis ist ein erdnaher Asteroid, den Tholen im Jahr 2004 entdeckt hat. Damals arbeitete der Astronom gerade an einem Suchteleskop, für das er Jahrzehnte lang gekämpft hatte: Er konnte nach Asteroiden fahnden, die sich mit der Sonne im Rücken der Erde nähern, und die sich deshalb nur kurz vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang beobachten lassen. Die dafür notwendige Technik war besonders sensitiv und damit teuer.
„Wir brauchten Weitwinkelkameras auf Teleskopen, die groß genug waren, um die schlechte Bildqualität während der Dämmerung zu kompensieren. Wir haben nach kleinen Asteroiden gesucht, die eher Mondsicheln glichen als einem strahlenden Vollmond.“ Tholen hat als einer der ersten systematisch nach solchen speziellen Asteroiden gesucht. „Eines unserer Teleskope war das 90-Zoll-Instrument der Universität von Arizona auf dem Kitt Peak, das nach Bart Bok benannt ist, das sogenannte Bok-Teleskop.“
Am 19. Juni 2004 ist die Nacht klar. Tholen richtet das Bok-Teleskop auf eine Region des Himmels, in der er eigentlich nur die Bewegung eines schon bekannten Asteroiden nachmessen will. „Wir haben die drei Bilder betrachtet und fanden ein sich bewegendes Objekt. Mein Beobachtungspartner Roy Tucker zeigte auf ein Objekt und fragte mich: Ist er das? Und ich sagte: Nein, meiner sollte eigentlich oben links sein. Und der hier sitzt unten rechts.“

Ein Asteriod auf Kollisionskurs mit der Erde

Tholen sieht, dass sich auch dieser zweite Punkt zwischen den Bildern leicht bewegt hat. Ist es auch ein Asteroid? Zwei Nächte später wollen die Astronomen noch einmal nachsehen. Jedenfalls, wenn das Wetter mitspielt. „Im südlichen Arizona gibt es etwas, das sie dort Monsun nennen. Das dauert normalerweise von Juli bis September. Wir hatten zwar erst den 23. Juni, aber trotzdem begann es ganz unpassenderweise zu regnen.“
Auch am 24. Juni regnet es. Danach werden die Nächte zwar klarer, aber der zunehmende Mond macht den Himmel zu hell. Als der Mond zwei Wochen später wieder schwach genug leuchtet, schwindet dafür die Helligkeit des vermeintlichen Asteroiden, der wohl vorerst auf seiner Bahn in Richtung Sonne davonfliegt. Die ersten Messungen reichen noch nicht, um irgendetwas Genaueres über den Orbit auszusagen. Sie nennen den Himmelskörper vorerst nur: Objekt 2004NM4.
„Dann im Dezember entdeckte eine Himmelsdurchmusterung in Australien am Siding-Springs-Observatorium ein Objekt und man brachte es direkt mit 2004NM4 in Verbindung.“ Astronominnen und Astronomen werden jetzt hektisch. Und immer klarer zeichnet sich ab: Das Objekt, das David Tholen später Apophis taufen wird, könnte am Freitag, den 13. April 2029 die Erde treffen.
Den Namen Apophis schlägt Tholen selbst vor. Nach dem Bösewicht der Fernsehserie Stargate, der die menschliche Zivilisation vernichten will. „Einige meiner Kollegen nannten es den Grinch, der Weihnachten gestohlen hat. Denn jetzt waren plötzlich viele Leute damit beschäftigt, das Objekt mit ihren Teleskopen zu verfolgen.
Der Asteroid Apophis zieht im April 2029 in geringem Abstand an der Erde vorbei
Haarscharf daneben - um das sagen zu können, mussten Astronomen die Bahn von Apophis auf wenige hunderte Meter genau vermessen (JPL)

Apophis und das Katastrophen-Schlüsselloch

Anfangs sind die Berechnungen noch nicht sehr präzise. Sie machen trotzdem die Runde. Ein 400-Meter-Asteroid könnte die Erde treffen. Der Einschlag würde so viel Energie wie 1900 Millionen Tonnen TNT freisetzen, 38 mal mehr als die stärksten Kernwaffen. Kann Apophis die Menschheit auslöschen? „Zu einem bestimmten Zeitpunkt lag die Einschlagswahrscheinlichkeit bei etwa drei Prozent. Das war beispiellos, eine Chance von eins zu 30, dass dieses Ding im Jahr 2029 die Erde treffen würde.“
Erst wenige Tage später zeigten die mit den weltweit gesammelten Daten gefütterten Rechenmodelle ein präziseres Bild. Der Asteroid wird die Erde verfehlen, wenn auch sehr knapp: Die Distanz am 13. April 2029 liegt bei gerade einmal 31.600 Kilometern, noch innerhalb des Rings der geostationären Satelliten. Der 370 Meter große Asteroid dürfte sich dann schon mit einem Fernglas beobachten lassen. Gebannt ist das Risiko nicht.
„Wir hatten zwar den Einschlag für 2029 ausgeschlossen, aber durch den nahen Vorbeiflug wird sich der Orbit verändern und wenn der Asteroid sechs weitere Male die Sonne umrundet hat, dann kommt er wieder sehr nah an der Erde vorbei.“ Beim Vorbeiflug 2029 entscheidet sich, ob es sieben Jahre später doch noch eine Katastrophe geben könnte.
„Die Entdeckung von Apophis hat ein völlig neues Forschungsfeld bei der Einschlagsgefahr von Asteroiden hervorgebracht, das wir Schlüsselloch-Wissenschaft nennen. So ein Schlüsselloch kann sehr, sehr klein sein, manchmal nur so groß wie der Asteroid selbst. Mit anderen Worten mussten wir den Orbit von Apophis auf wenige hundert Meter genau vermessen, um sicher zu sein, ob er das Schlüsselloch trifft oder nicht.“
Auch die Sonnenwärme kann die Umlaufbahn des Asteroiden verändern. Forschende sprechen vom Jarkowski-Effekt. Der ist extrem schwach – durch ihn verändert sich die Asteroidenbahn nur um wenige Kilometer im Jahr. Doch inzwischen gibt es auch für den Apophis-Vorbeiflug 2036 Entwarnung. „Es hat uns 14 Jahre gekostet, um den Orbit genau genug zu bestimmen. Und jetzt können wir mit Zuversicht sagen: Es wird in den nächsten 100 Jahren keinen Einschlag von Apophis geben.“

Abwehr mit Asteroiden-Anstrich - oder Atomrakete?

Unter Asteroidenforschern gilt Apophis als Warnschuss. Der Asteroid ist groß genug für eine Megakatastrophe und doch entging er lange Zeit allen Suchteleskopen. Seit damals wurden internationale Warnsysteme verbessert und sogar Übungen abgehalten, wie Forscher sich bei einem Ernstfall schnell koordinieren. Denn dann tickt die Uhr für die effiziente Abwehr dieses gefährlichen Asteroiden.
Und welche Abwehrmöglichkeiten gäbe es dabei grundsätzlich? Stefan Ulamec: „Erwähnen könnte man den Gravitationstraktor. Das würde bedeuten, dass man eine relativ schwere Sonde parallel zu dem Asteroiden fliegen lässt. Und die hat immer so eine leichte Gravitationskraft und zieht den dann über Jahre ein bisschen aus seiner Bahn heraus.“ Eine solche Traktorsonde müsste jahrelang neben dem Asteroiden postiert werden. Das braucht Vorlauf.
„Wenn man das Albedo von einem Asteroiden ändern würde, also einen hellen schwarz anmalen, dann würde sich der Effekt des Lichtdrucks und auch der Jarkowski-Effekt ändern. Und das wäre zumindest auf dem Papier ein funktionierender Mechanismus, den man sich überlegen kann.“ Auch diese Methode gilt als wenig ausgereift und derzeit kaum praktikabel.
„Und dann, um auf Hollywood zurückzukommen, gibt es die Option, den mit Nuklearwaffen abzulenken. Also man würde das vermutlich nicht so machen wie der Bruce Willis, ein Loch bohren und die Atombombe reinwerfen, um den Asteroiden zu zersplittern, weil dann hätte man mehrere Impakte. Sondern man würde vermutlich die Nuklearwaffe in der Nähe von der Oberfläche zünden. Die Hitzewelle würde das Gestein oder das Material abdampfen und dadurch käme es zu einem Schub. Auf dem Papier würde das funktionieren. In der Praxis hat das natürlich niemand ausprobiert. Es ist aus verschiedenen guten politischen Gründen sehr schwer, so etwas einfach mal ausprobieren zu wollen. Das steht im Augenblick nicht zur Debatte, ist auch politisch nicht vertretbar und widerspricht dem Weltraumvertrag, der besagt, dass man Nuklearwaffen nicht im Weltraum testen darf.“

Frühes Erkennen ist das Wichtigste

Noch ist das Instrumentarium also begrenzt. DART stellt lediglich einen ersten Test dar. Der kritischste Punkt bei der Asteroidenabwehr ist aber ohnehin nicht die Technik, sondern die Zeit. „Wenn wir es früh genug wissen, wären wir in der Lage, etwas zu tun. Aber im Prinzip hoffen wir bei diesen Ablenkmanövern, dass wir im Bereich vieler Jahre, also vielleicht zehn Jahre, im Voraus das Risiko abschätzen können und uns dann vorbereiten und entsprechend Missionen starten.“

Seit David Tholen im Jahr 2004 Apophis entdeckt hat, hat sich viel getan. Teleskope in den USA, Italien und im Orbit suchen mittlerweile systematisch den Himmel ab – und das mit einigem Erfolg: „Seit wir diese Arbeit machen, haben wir mit den Teleskopen fünf Asteroiden entdeckt, die innerhalb von 24 Stunden auf die Erde getroffen sind. Das waren aber alles sehr kleine Objekte, grob vier oder fünf Meter groß. Die meisten sind in der Atmosphäre verglüht. Und am Boden regnete es höchstens ein paar Meteoritenfragmente.“
Aber es gab auch Einschläge. Der spektakulärste Fall ereignete sich am 15. Februar 2013 über Tscheljabinsk am Ural. Ein etwa 20 Meter großer Meteorit schoss durch die Atmosphäre und zerplatzte über der russischen Großstadt. Zwar stürzten die Reste des Brockens in einen See – aber die Druckwelle der Detonation ließ in der ganzen Stadt Glassscheiben zerbersten. 1.500 Menschen wurden verletzt. Der Meteorit erwischte die Menschen kalt – niemand hatte ihn kommen sehen.
„Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Sollten wir nicht versuchen, sie alle zu finden? Aber das ist schwierig, weil manche von ihnen auf sehr langgestreckten Orbits kreisen, die Jahrzehnte für einen Umlauf um die Sonne brauchen. Da müsste man auch Jahrzehnte warten, bis sie mal wieder nah genug an der Sonne vorbeikommen, damit sie hell genug werden, um sie in unseren Überwachungsteleskopen zu finden.“

"Planetary Defense Officer" will weitere Tests

Laut NASA sind heute 96 Prozent aller Objekte bekannt, die zu einer globalen Katastrophe führen könnten: Asteroiden mit einem Durchmesser von über einem Kilometer. Bei Asteroiden größer 140 Meter, zu denen Apophis gehört, sind noch nicht einmal die Hälfte aller im All vermuteten Objekte bekannt. Sie könnten zwar nicht die Zivilisation ausradieren, aber ganze Länder und Kontinente verwüsten oder Tsunamiwellen auslösen.
Auch hier sind Fortschritte zu erwarten: 2024 öffnet auf dem Cerro Pachón in Chile das Vera-Rubin-Teleskop seine Kuppel[13]: Darin befindet sich ein Kamerachip mit drei Milliarden Pixeln, der größte aller Zeiten. David Tholen: "Das Rubin-Teleskop wird sicherlich die Zahl der Funde potentiell gefährlicher Asteroiden deutlich anheben. Da es ein viel größeres Teleskop ist, wird es schwächere Objekte entdecken. Die werden wahrscheinlich von der weniger bedrohlichen Sorte sein. Es könnte aber auch größere Objekte finden, die weiter entfernt sind. Es wird interessant sein, welches Verhältnis wir sehen."
Mit dem Vera-Rubin-Teleskop dürfte die NASA ihrem Ziel deutlich näher kommen, 90% Prozent aller erdnahen Asteroiden zu finden, die größer als 140 Meter sind. Das wird vermutlich zwei bis drei Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Stefan Ulamec vom DLR: „Wir sind weit davon entfernt, alle potenziell gefährlichen Asteroiden entdeckt zu haben. Weit davon entfernt. Insofern würde es nicht schaden, mehr zu tun, weil wir dann die Chance erhöhen würden, einen gefährlichen früh genug zu erkennen, um ihn abzulenken.“
Apophis hat die Forschung verändert, sagt Stefan Ulamec. Das Feld der planetaren Abwehr ist bei den Raumfahrtagenturen wichtiger geworden. Allein die NASA hat ihr Budget verzehnfacht. 2016 bestimmte sie mit dem Astronomieprofessor Lindley Johnson einen Planetary Defense Officer. Der würde nach DART gerne weitere Versuche durchführen: „Wir haben alle möglichen Szenarien studiert und gesehen, dass wir mit verschiedenen Umlaufbahnen oder Geschwindigkeiten konfrontiert werden könnten. Wieviel Zeit haben wir überhaupt? Deshalb brauchen wir ein ganzes Bündel an Fähigkeiten, nicht nur eine Technik. Der kinetische Einschlag muss nicht in allen Situationen zum Erfolg führen.“

Happy End oder Armageddon - es bleibt spannend

Wenn DART am 26. September einschlägt, werden Teleskope weltweit auf den Asteroiden gerichtet sein. Sehen werden sie einen gewaltigen Lichtblitz. Doch der kleine Asteroid Dimorphos wird weiter um den größeren Didymos kreisen. Missionskoordinatorin Nancy Chabot: „Die Sonde DART ist hundertmal kleiner als Dimorphos, der Asteroid, den sie anvisiert. Sie wird den Asteroiden also nicht zerstören. Sie wird ihm nur einen kleinen Schubs geben. Und der wird seine Bahn um den größeren Asteroiden herum ablenken. Es handelt sich dabei nur um eine Änderung von etwa einem Prozent der Umlaufzeit, so dass aus 11 Stunden und 55 Minuten vielleicht 11 Stunden und 45 Minuten werden. Da sind wir uns nicht ganz sicher."
Die neue Umlaufbahn liefert einen Messwert, erklärt Nancy Chabot: Es ist ein Messwert, der helfen kann zu berechnen: Wieviel Kraft ist nötig, um einen Asteroiden abzulenken, der ähnlich aufgebaut ist wie Dimorphos? Stefan Ulamec: „Die Frage ist, wie viele muss man anfliegen, um eine Statistik zu bekommen und zu erkennen, wie die Bandbreite ist?“
Wie genau die 30.000 erdnahen Objekte aussehen, ob sie harte oder weiche Oberflächen besitzen, ob sie bei Beschuss einfach zerplatzen oder standhaft bleiben und sich leicht in ihrer Bahn verschieben lassen, das lässt sich bisher nur mit Raumsonden ergründen.
„Wissenschaftlich ist es spannend, überhaupt mal so ein Doppelasteroidensystem zu beobachten. Es gibt sehr viele Doppelasteroiden. Es gibt Theorien, wie die entstanden sind, nämlich, dass durch einen großen Impakt nicht dieser ganze Schutt von dieser Schutthalde wieder auf einen Körper stürzt, sondern sich bahndynamisch ein Mond und ein Hauptkörper bildet. Und das werden wir da zum ersten Mal im Detail untersuchen können. Und das ist auch interessant.“
Für David Tholen gibt es ein Happy End. Wenn der von ihm entdeckte Apophis am Freitag, den 13. April 2029 an der Erde vorbeischrammt, wird die NASA-Raumsonde OSIRIS-REx ihm einen Besuch abstatten. Sie wird Apophis genau unter die Lupe nehmen. „Als ich im November 1979 meinen ersten erdnahen Asteroiden entdeckt habe, war das nur ein Lichtpunkt in einem Teleskop. Und jetzt fliegen Raumsonden dorthin und machen Bilder aus nächster Nähe, die ganz anders sind als in den Filmen. Auf dem SciFi-Channel lief neulich Armageddon. Und die Oberfläche des Asteroiden dort ist so unglaublich fremdartig verglichen mit der Realität. Und man fragt sich: Wer hat sich das ausgedacht?“