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StartseiteInformationen am MorgenDer Untergang des Jemen16.07.2018

Ausstellung im Islamischen Museum BerlinDer Untergang des Jemen

65 antike Orte im Jemen liegen durch Bomben und Raketenbeschüsse in Schutt und Asche, darunter auch UNESCO-Welterbestätten. Eine Ausstellung im Islamischen Museum Berlin zeigt nun Bilder des Anthropologen Trevor Marchand. Darauf ist zu sehen, welcher Schatz an Architektur durch Kriege verloren ging.

Von Werner Bloch

Sanaa, Blick auf das Qasimi-Viertel der Altstadt (T. Marchand)
Der Verlust an architektonischen Meisterwerken im Jemen ist immens (T. Marchand)
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Vom Jemen spricht kaum jemand. Das Land hat keine Lobby. Die rund 25 Millionen Einwohner, zu denen als berühmteste einmal die Königin von Saba zählte, interessieren fast niemanden. Kein Öl, keine Bodenschätze – die einzige Ressource ist die Kultur.

Die aber ist eine Sensation für die meisten Jemen-Reisenden. Auch für Günter Grass. Der besuchte 2002 den Jemen, und der Schriftsteller, der doch oft so kritisch sein konnte, geriet in Ekstase.

"In gehäufter Form habe ich hier, während dieser wenigen Tage, ich muss sagen, ich habe hier geradezu Glücksmomente erlebt. Diese Mischung aus wunderbarer Landschaft und Einöde und dann wieder fruchtbare Täler. Überall Reste alter Kultur und erhaltene Kultur. Und dann die Menschen."

Kulturerbe steht unter Feuer

Grass begeisterte sich vor allem für die überwältigende Architektur, eine 3.000 Jahre alte Baukunst, die sich perfekt der Landschaft anpasst. Rasante Türme, wie Puzzleteile auf steile Felsen gesetzt, die kühn auf Felsen fußen, Städte aus bemalten, verziertem Lehm. Doch das Kulturerbe steht unter Feuer. Ute Franke, die Kuratorin und Stellvertretende Direktorin des Islamischen Museums in Berlin:

"Ganz konkret in Sanaa. Sicherlich ist eine bestimmte Häuserfront an einem Garten eines der meist fotografierten Motive gewesen, und ein Teil dieser Häuserfront liegt jetzt eben in Schutt und Asche, zerstört im Rahmen dieser Bombardements. Also das ist natürlich besonders tragisch, weil die Altstadt von Sanaa zum Beispiel in den späten 80er und 90er Jahren durch die GTZ und andere Organisationen komplett saniert worden war."

Mitten im historischen Zentrum von Sanaa klafft jetzt ein fußballfeldgroßer Krater. 65 antike Orte im Jemen wurden durch Bomben und Raketeneinschlag zerstört. Alle Museen sind geschlossen. Das Museum von Dhamar mit seinen 12.500 Objekten wurde geradezu pulverisiert. Das wunderbare Minarett in Taiz, der drittgrößten Stadt, geriet zwischen die Kriegsfronten. 18 antike Stätten, ganze Moscheen und Minarette sind durch fanatisch-religiöse Bombenattentäter, zum Teil sechzehnjährige Jungen, in die Luft gesprengt worden. Iris Gerlach vom Deutschen Archäologischen Institut in Sanaa, eine der besten Jemen-Kennerinnen:

"Wir haben einmal eine enorme Zerstörung durch Bombardements der Koalition, wir haben durch Bodenkämpfe tiefe Zerstörungen an Ruinenstätten, und wir haben Zerstörungen durch Raubgrabungen. Aber wir haben auch religiös motivierte Zerstörungen, vor allem im Hadramaut, dass man dort Heiligengräber zerstört oder auch Museen plündert, also auch religionsbedingt und nicht nur, um sich diese Schätze anzueignen. Das ist sowohl Al Qaida als auch IS."

Die Stadt Shibam, das so genannte "Manhattan in der Wüste", ist ein architektonisches Wunder. Wohntürme schrauben sich wie wahre Wolkenkratzer in den Himmel, 15 Stockwerke und mehr. Der britische Architekt Trevor Marchand war Ende der neunziger Jahre hier und hat eine Lehre bei den Baumeistern in Shibam gemacht.

Bilder im Islamischen Museum Berlin zu sehen

Er ist auch ein begnadeter Fotograf, seine Bilder sind nun erstmals in Deutschland zu sehen – im Islamischen Museum in Berlin. Fotos, die jetzt schon historisch sind, allein deshalb, weil ein Teil der Bauwerke zerstört ist. Heute blicken Archäologen von außerhalb des Landes auf Satellitenbilder, die die Zerstörungen zeigen, und kartographieren sie. Iris Gerlach:

"Das DAI hat eine Liste erstellt mit allen Koordinaten von wichtigen Monumenten, archäologischen Stätten, Museen etc. und haben sie über die UNESCO an die saudische Militärkoalition geschickt. Die Antwort war: Herzlichen Dank, sie werden sich berühren, aber sie können für nichts garantieren und keine Rücksicht nehmen."

Dabei hat uns die Architektur des Jemen noch so viel zu sagen, meint Trevor Marchand.

"Die traditionelle Architektur des Jemen handelt nicht nur von der Vergangenheit. Sie zeigt uns im Westen auch, wie die Baukunst der Zukunft aussehen könnte. Es sind ökologisch funktionierende Gebäude mit Materialien, die aus der Erde kommen und wieder in der Erde verschwinden. Es gibt darin so etwas wie eine funktionierende natürliche Klimaanlage. Alles an der jemenitischen Architektur ist nachhaltig – und für uns ein Modell für die Zukunft."

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