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StartseiteFirmenporträtKeine Weiche von der Stange16.08.2019

Bahn-Tochter "Oberbaustoffe" ín WitteKeine Weiche von der Stange

Die Bahn investiert in diesem Jahr über zehn Milliarden Euro in die Erneuerung der Infrastruktur, unter anderem in rund 1.500 neue Weichen. Ein Weichen-Werk in Witten könnte jetzt dazu beitragen, dass die Bahn in Zukunft wieder pünktlicher kommt.

Von Klaus Deuse

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Eine langgezogene Farbikhalle wird durchzogen von am Boden liegenden Weichen. (DB Netz AG)
Das Weichenwerk der Bahn in Witte kennt jedes Detail einer georderten Weiche (DB Netz AG)
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In der fast 300 Meter langen und 100 Meter breiten Halle wird hörbar mit Hochdruck gearbeitet. Es wird gebohrt, gefräst und geschweißt, um dann in weiteren Arbeitsschritten aus diversen Einzelstücken komplette Weichen zu fertigen. Denn Weichen gibt es nicht von der Stange. Für normale Weichen, sagt Michael Niesporek, benötigt man rund 50 Stunden, für doppelte Kreuzungsweichen bis zu 500 Stunden.

 "Es gibt eine Weiche, die besteht aus zehn Komponenten. Und es gibt ganz große Weichen, die bestehen aus 30, 50 Komponenten. Liegt am Radius und: Habe ich eine Kreuzungsweiche, eine doppelte Kreuzungsweiche? Da gibt es ja verschiedene Bauformen."

Zugeschnitten auf unterschiedliche Streckenabschnitte im über 33.000 Kilometer langen Schienennetz der Deutschen Bahn. Einem der meist frequentierten in Europa. Über zehn Milliarden Euro investiert die Bahn in diesem Jahr in die dringend erforderliche Erneuerung der Infrastruktur.

Weiche, Kreuzungsweiche, doppelte Kreuzungsweiche?

Dazu gehören auch 1.500 Weichen, denn die sind nicht nur die Schnittstellen für einen reibungslosen Verkehrsfluss auf der Schiene, sondern ebenso elementare Bestandteile von Rangierbahnhöfen und Anlagen für die Zusammenstellung von Zügen. Als Leiter der Fertigung im Wittener Werk Oberbaustoffe kennt Diplom-Ingenieur Niesporek jedes Detail einer georderten Weiche, die im Schienennetz der Bahn verlegt wird.

"Jede Weiche wird hier neu konstruiert. Es gibt Standardformen, aber die werden immer wieder überprüft. Da wird ein Verlegeplan gemacht, so heißt das, wie liegt die draußen im Gleis. Und eine Weichenskizze, wie sieht das genau aus."

Danach, erläutert Werksleiter Holger Schwarz,  abseits des Produktionslärms in seinem Büro, von dem aus er  das insgesamt 140.000 Quadratmeter große Betriebsgelände überblicken kann, werden die Weichen auf den Zehntelmillimeter genau geformt und hergestellt. Auch die Weichen für die Hochgeschwindigkeitsstrecken.

"Wir haben die Gesamtproduktion aller Weichen hier für die DB Netz AG. Es liegen rund 67.000 Weichen im Netz und wir sind hier praktisch das Werk, das die Weichen dann herstellt. Nicht nur die Weichen, sondern auch die Hauptkomponenten, die in der Weiche liegen. Wie Herzstücke, Zungenvorrichtung, Radlenker."

Weichen haben Herzen und Zungen

Komponenten, die die Züge bei einem Gleiswechsel stabil über die Weichen führen. Herzstücke etwa, über die die Räder auf den anderen Schienenstrang rollen, werden bei hohen Temperaturen in einer Biegemaschine in die passende Form gebracht, wie ein Mitarbeiter in Schutzkleidung in der Fertigungshalle beschreibt.

"Bei 400 Grad holen wir die Herzstücke aus dem Ofen raus, um die später zu bearbeiten. Und wir haben ein geringes Fenster bis 300 Grad, bis dahin müssen wir das verschweißt haben. Ansonsten geht das wieder in den Ofen, wenn das zu kalt ist. Und das passiert auch mit den Futterstücken, die angeschweißt werden. So wie mit den Längsnähten auch."

In den Kabinen, in denen die Mitarbeiter die Herzstücke formen, herrschen  schweißtreibende Temperaturen von fast 50 Grad. 550 Mitarbeiter insgesamt beschäftigt das Tochterunternehmen der Bahn. Rund 100 von ihnen liefern aus dem bayerischen Schwandorf die erforderlichen Bahnschwellen dazu. Die jährliche Produktion liegt bei über 1.400 Weichen, 2.700 Herzstücken und ca. 4.500 Radlenkern. Rechnet man diese Stückzahlen ins verarbeitete Rohmaterial um, kommen an die 40.000 Tonnen Stahl zusammen.

Weichen bauen rund um die Uhr

Der Jahresumsatz beläuft sich auf  220 Millionen Euro. Um die Flexibilität beim benötigten Nachschub zu gewährleisten, wird in Witten an 365 Tagen rund um die Uhr im Dreischichtenbetrieb gearbeitet, sagt Werksleiter Schwarz.

"Wir sind so aufgestellt, dass wir für alle wichtigen Strecken Material vorliegen haben. Und wir können bundesweit innerhalb von 24 Stunden ausliefern."

Geliefert wird Material, das enormen Belastungen Stand halten muss. Schließlich rollen über Gleise und Weichen Lasten bis zu 120.000 Tonnen. Täglich. Vom Personen- bis zum Güterverkehr. Übrigens: Selbst der heißeste Sommer kann diesen Schienen nichts anhaben, versichert Michael Niesporek und weist dabei auf eine ofenartige Anlage, in der helle Flammen lodern.

"Die Gleisstücke halten eigentlich jede Temperatur aus. Weil die werden ja bei über 1.000 Grad hier bei uns gehärtet."

Im Zuge der aktuellen Schienennetz-Erneuerung befindet man sich nach den Worten von Werksleiter Schwarz im Plan. Auch bei den Weichen für die Hochgeschwindigkeitsstrecken, obwohl keines der dafür angefertigten Herzstücke einem anderen gleicht.

Eine Weiche für jede Umgebung

Denn bei der Konstruktion und der Fertigung kommt es stets auf den jeweiligen Streckenabschnitt und die jeweiligen Radien an, betont Michael Niesporek:

"Wir bauen hier Radien bis zu zweieinhalbtausend, also für die Hochgeschwindigkeitsstrecken. Angefangen bei 190 Metern bis zu 2.500 Metern."

Weichen, die für Geschwindigkeiten bis zu 300 Stundenkilometern, wie etwa auf der Strecke zwischen Köln und Frankfurt, ausgelegt sind. Das setzt bei der Produktion, sagt Fertigungsleiter Niesporek beim Gang durch die Halle, höchste Präzision bei jeder einzelnen Komponente voraus.

"Wir sind hier in der Montage der Herzstücke für Höchstgeschwindigkeitsstrecken. Und im Gegensatz zu den Herzstücken, die wir gerade gesehen haben, ist diese Spitze hier vorne nicht starr eingebaut, sondern beweglich. Die wird über einen Stellmotor  von rechts nach links gezogen. Und diese Herzstücke müssen wir einbauen  bei Geschwindigkeiten ab 160 km/h. Aus Sicherheitsgründen. So ein Herzstück braucht auch über 200 Fertigungsstunden, ja. Und ist halt eine echte Einzelanfertigung."

Die Bahn kommt, lautete einst deren Werbeslogan. Das Werk in Witten kann mit seinen Weichen dazu beitragen, dass die Bahn in Zukunft auch wieder pünktlicher kommt.

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