Sonntag, 04. Dezember 2022

Vor 475 Jahren
Als Iwan der Schreckliche zum Zar gekrönt wurde

Reformer, Feingeist und Terrorherrscher: Die schillernde Figur Iwan des Schrecklichen inspirierte Künstler über Jahrhunderte. Am 16. Januar 1547 ließ sich Iwan IV. in Moskau zum ersten Zaren des gesamten russischen Reiches krönen.

Von Doris Liebermann | 16.01.2022

Filmszene aus "Iwan, der Schreckliche" von Sergei Eisenstein: Iwan (rechts) setzt einem jungen, geistig zurückgebliebenen Verwandten die Krone auf
Filmszene aus "Iwan, der Schreckliche" von Sergei Eisenstein: Iwan (rechts) setzt einem jungen, geistig zurückgebliebenen Verwandten die Krone auf -ahnend, dass ein Mordkomplott auf ihn geplant ist. Kurz darauf wird der junge Mann tatsächlich an seiner statt ermordet. (Imago / United Archives)
„Er war in das Festgewand des Zaren gekleidet wie am Auferstehungstage Christi, in Panzer und Silber, eine von Saphiren strahlende und mit Edelsteinen geschmückte goldene Krone auf dem Haupte, einen purpurnen Mantel um die Schultern, und bis zu den Knöcheln war er mit Gold und Silber und Smaragden und anderen Edelsteinen bedeckt ."
So beschrieb ihn ein anonymer zeitgenössischer Autor Iwan IV. auf der Höhe seiner Macht. Von der Nachwelt wurde er „Iwan der Schreckliche“ genannt. Geboren wurde Iwan Wassíljewitsch in der Nacht vom 28. auf den 29. August 1530. Drei Jahre später starb der Vater und hinterließ dem Kind ein mächtiges Reich. Als der Junge acht Jahre alt war, starb auch die Mutter. Vermutlich wurde sie vergiftet. Iwan blickte auf eine trostlose Kindheit zurück. Er wurde von der Hofkamarilla vernachlässigt:
„Wie habe ich unter dem Mangel an Kleidung und Nahrung gelitten! Die Leiden, die ich in der Jugend erdulden musste, kann man gar nicht alle aufzählen.“

"Er war ein Schriftsteller"

Er war intelligent, belesen und theologisch gebildet, aber auch jähzornig und argwöhnisch. Am 16. Januar 1547 nach dem Julianischen Kalender ließ sich der
16-jährige Großfürst von seinem väterlichen Mentor, dem Moskauer Metropoliten Makárij, in der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale des Moskauer Kreml zum ersten „Zaren der ganzen Rus“ – des russischen Reiches - krönen. Dazu der russische Publizist Naum Klejman:
„Als Mensch er war sehr begabt. Ich muss sagen, er war ein Schriftsteller. Er hat ganz interessant über die Zukunft gedacht, und zuerst, in der ersten Hälfte seines Lebens, war er fortschrittlich, kann man sagen. Er hatte gute Berater, er hat sehr viel für Russland gemacht, und dann ist er verrückt geworden.“

Zwischen Reformen und Blutbädern

Iwan nahm zahlreiche Reformen in Angriff, modernisierte die Verwaltung und das Heer und förderte den niederen Dienstadel auf Kosten der einflussreichen Bojaren. Mit seinen Truppen zog er erfolgreich gegen die Nachfolger der „Goldenen Horde“, die Tataren-Khanate von Kasan und Astrachan, und gewann den Zugang nach Sibirien und zum Nordkaukasus. "Wie hungrige Adler Falken" seien die Russen auf die Ruinen der Stadt gestoßen, berichtet der  anonyme Autor über den Sturm auf Kasan, das christlich geweiht und mit Russen besiedelt wurde.
„Ströme von Blut flossen durch die Straßen, Ströme von Tränen ergossen sich, und wie eine gewaltige Regenpfütze sammelte sich das Blut an den niederen Stellen ...“

Der Livländische Krieg um die Ostsee

Um im Westen Häfen zu gewinnen, kämpfte Iwan der Schreckliche 25 Jahre lang im „Livländischen Krieg“ um die baltische Küste. Es gelang ihm aber nur vorübergehend, einen direkten Zugang zur Ostsee zu schaffen.
Nach dem frühen Tod seiner geliebten Gattin Anastasíja, der noch sechs weitere Ehefrauen folgten, war der Herrscher zunehmend von Misstrauen und Verfolgungswahn gezeichnet: vermutlich wurde auch Anastasíja vergiftet. Eine von ihm eigens geschaffene, in schwarze Kutten gekleidete militärische Eliteeinheit verbreitete Angst und Schrecken im ganzen Land. Niemand war vor den „Oprítschniki“ sicher. Bei einem Massaker in der Stadt Nowgorod, vom Zaren der Kollaboration mit Polen-Litauen verdächtigt, starben 18.000 Einwohner. Grausame Folterungen und Massenexekutionen auf dem Moskauer Roten Platz zählen zu weiteren traurigen Höhepunkten in Iwans Gewaltherrschaft.,

Den eigenen Sohn ermordet?

Seinem Jähzorn fiel 1581 schließlich sein eigener Sohn, der Thronfolger Iwan Iwanowitsch, zum Opfer. Als der Despot wütend nach ihm schlug, soll er ihn mit der eisernen Spitze seines schweren Stabes so unglücklich am Kopf getroffen haben, dass der Zaréwitsch starb. Beim Trauergottesdienst brach Iwan zusammen: „Ich fand den Zaren in tiefer Verzweiflung.“, notierte ein päpstlicher Gesandter:

„Der einst so prächtige Hof glich nun einem Kloster. Selbst dann, als er ruhiger geworden war, trug er niemals mehr die Krone noch sonst einen fürstlichen Schmuck.“
Iwan IV. starb am 18. März 1584 in der Aleksándrowa Slóboda, der Alexander-Siedlung, dem heutigen Alexándrow, seinem jahrelangen Sitz, einhundert Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen. Er wurde im Moskauer Kreml beigesetzt. Für das russische Reich folgte eine Zeit schwerer politischer Wirren.