Samstag, 04. Dezember 2021

Corona-PandemieLeopoldina-Vize: Dialog zwischen Politik und Wissenschaft fehlt

Die Wucht der vierten Corona-Welle überrascht viele. Für den Vize-Präsidenten der Leopoldina, Robert Schlögl, liege dies auch am fehlenden Dialog zwischen Politik und Wissenschaft. "Es hat keinen Sinn, immer nur im Notfall miteinander zu reden, sondern es bräuchte einen kontinuierlichen Dialog", sagte er im Dlf.

Robert Schlögl im Gespräch mit Lennart Pyritz | 12.11.2021

Ein gelber Pfeil auf dem Boden eines Impfzentrums weist Menschen in die richtige Richtung.
Mit besserer Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik schneller aus der Pandemie? (picture alliance / dpa / Christophe Gateau)
Für Deutschland werde der bevorstehende Winter eine gesellschaftliche und medizinische Herausforderung - infolge eines Mangels an Prävention, klaren Regeln und Stringenz. Das steht in einer Stellungnahme der Leopoldina vom 10. November 2021. Als Nationale Akademie der Wissenschaften hat sie auch die Aufgabe, die Politik wissenschaftlich zu beraten.
Warum aber sind die Warnung dort nicht wirklich angekommen und die Wucht der vierten Welle wird teils mit Überraschung aufgenommen? Die Fronten dazu scheinen klar: Die Wissenschaft hat frühzeitig gewarnt, die Politik hat angesichts der verhältnismäßig entspannten Corona-Lage im Sommer jedoch nicht entsprechend gehandelt. Ist es aber tatsächlich so, ein Versagen nur auf der einen Seite? Nein, sagt der Vize-Präsident der Leopoldina, Robert Schlögl, im Deutschlandfunk. Für ihn sind Politik und Wissenschaft gefordert, die Situation zu verbessern. Schlögl ist Chemiker und Direktor sowie Wissenschaftliches Mitglied am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin und am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion in Mülheim an der Ruhr.
Robert Schlögl, Chemiker und Vizepräsident der Leopoldina
Robert Schlögl, Chemiker und Vizepräsident der Leopoldina (picture alliance/dpa - Kay Nietfeld)

Starke Berührungsängste

Für Schlögl gilt es unter anderem, besser zu vermitteln, dass wissenschaftliche Dinge, wenn sie erkennbar sind, auf längeren Zeitskalen ihre Wirkung erfassen, als der Politiker aktuell handeln könne. Im Sommer sei kaum jemand bereit gewesen, irgendwelche Freiheitseinschränkungen hinzunehmen, wohingegen das jetzt in der vierten Welle in den Umfragen ganz anders aussehe.
Beide Seiten müssten generell mehr und ideologiefrei miteinander sprechen und sich klarer werden, unter welchen Bedindungen sie jeweils arbeiten und was ihre Aufgabe sei. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler würden oft per Papier mit der Politik kommunizieren. Aufgrund schlechter Erfahrungen gebe es auch eine starke Berührungsangst. Oft würden die vorgelegten Fakten von der Politik eben nicht als freundlicher Ratgeber empfunden, weil sie den politischen Handlungsspielraum einschränken, weil dann bestimmte Dinge eigentlich sinnlos würden.
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"Wisenschaftler keine Ersatzpolitiker"

Auf der anderen Seite sieht der Vize-Präsident der Leopoldina aber auch Probleme auf Seiten der Forschung: Die Wissenschaft habe die Aufgabe, der Politik die Optionen klar zu machen, welche Folgen es hat, wenn man etwas tut oder nicht tut. Das werde von manchen Wissenschaftlern aber nicht so gesehen. Diese glaubten, dass sie Ersatzpolitiker sind und das sei natürlich nicht wahr. Die Wissenschaft sei ein sehr kleiner Teil unserer Gesellschaft und das müsse immer klar sein.
Gleichzeitig müsse Politik verstehen, dass es eine koordinierte Meinung gibt und dass es eine Einzelmeinung gibt. Schlögls größte Bitte - auch mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen beim Klimawandel: "Lasst uns doch mehr miteinander reden. Es hat keinen Sinn, immer nur im Notfall miteinander zu reden, sondern es bräuchte einen kontinuierlichen Dialog und der fehlt am allermeisten."

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Das Interview in voller Länge:
Lennart Pyritz: Kommen in der jetzigen Pandemie-Lage zu wenig klare Impulse aus der Politik?
Robert Schlögl: Ich glaube, das Problem liegt daran, dass es die Politik nicht gibt, gerade in Corona-Verhältnissen haben wir ja 17 Player und die müssen sich erst einmal zusammenfinden. Es ist bedauerlich, dass so eine schwierige Situation wie Corona nicht einheitlich und zentral geregelt wird. In unserer Verfassung würde stehen, das Parlament kümmert sich darum. Das ist aber bei uns leider nicht der Fall und deswegen kann man nicht erwarten, dass es eine einheitliche Reaktion darauf gibt.
Pyritz: Da muss man sicher differenzieren. Das haben Sie jetzt ja auch gemacht. Erwarten Sie denn von den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in der Regierungsverantwortung klarere Impulse zum jetzigen Zeitpunkt?
Schlögl: Ich erwarte mir eine klarere Führung, denn es geht hier wirklich um ernste Fragen. Und in solchen Situationen, wo es quasi um Leben und Tod geht, können nicht alle Meinungen gleichwertig sein. Die Wissenschaft braucht für die Politik auch einen einheitlichen Ansprechpartner.

Politik handelt unter anderen Bedingungen

Pyritz: Die Leopoldina, die hat im Dezember 2020 für einen harten Lockdown plädiert. Das wurde politisch damals nicht in der Form umgesetzt. In diesem Jahr haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Monaten vor der vierten Welle und einer zu niedrigen Impfquote gewarnt. Das Robert-Koch-Institut, das hat im Juli vor einem Szenario gewarnt, das dem jetzigen ziemlich nahe kommt. Jetzt ist die vierte Welle da und Politiker zeigen sich doch überrascht von deren Größe und Dynamik. Wieso sind die Warnungen aus der Wissenschaft offensichtlich da nicht wirklich angekommen?
Schlögl: Ich vermute, dass die Warnungen schon angekommen sind, aber zurzeit, wo die Politiker darüber nachdenken hätten sollen, war eben eitel Sonnenschein. Und hier erkennt man ein Problem der Politik, nämlich die arbeitet in aller Regel zu kurzfristig. Im Sommer hätte sich niemand bereit erklären lassen, irgendwelche Freiheitseinschränkungen hinzunehmen, um das zu vermeiden. Jetzt, wo das Problem da ist, sieht das ganz anders aus, wie man ja auch aus den Umfragen erkennt. Die Lehre, die man daraus ziehen müsste, ist der Politik zu vermitteln, dass wissenschaftliche Dinge, wenn sie erkennbar sind, vielleicht auf längeren Zeitskalen ihre Wirkung erfassen, als der Politiker aktuell handeln kann.
Pyritz: Schauen wir noch mal durchaus auf die kurzfristige Perspektive Wie könnte sich denn jetzt das Zusammenwirken von PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen verbessern, um die vierte Welle und den weiteren Pandemie-Verlauf jetzt ganz konkret besser in den Griff zu bekommen?
Schlögl: Indem man miteinander ideologiefrei spricht. Es ist immer so: Wir kommunizieren per Papier mit der Politik. Wir wissen nicht, wer das akzeptiert. Was einfach fehlt ist tatsächlicher ein persönlicher Kontakt und den gibt es nicht. Es gibt tausend Räte in unserem Land, aber diese Räte verstellen natürlich auch dann den Kontakt und es gibt aus sehr schlechten Erfahrungen von Politikern mit Wissenschaftlern auch eine starke Berührungsangst. Die Schnittstelle der Kommunikation zwischen Politik und Wissenschaft ist nicht sehr gut ausgebildet.

Zentrales Beratergremium nötig?

Pyritz: Wie könnte das denn ja dann langfristig grundsätzlich geändert werden? Die wissenschaftliche Politikberatung, könnte Großbritannien da ein Vorbild sein, speziell in so einer Notlage, wie wir sie gerade haben? Da gibt es ja die Scientific Advisory Group for Emergencies, ein wissenschaftliches Beratergremium, wo eben eine große Gruppe von Fachleuten mit unterschiedlicher Expertise drin sitzt, die Berichte für die EntscheidungsträgerInnen in der Regierung erarbeiten.
Schlögl: Ja, das kann die National-Akademie wahrscheinlich besser, denn auch 40 Wissenschaftler könnten jetzt nicht alle denkbaren schwierigen Lagen eines Landes erfassen. Also ich halte das für keine gute Idee, denn dafür haben wir eigentlich die National-Akademie mit der Aufgabe, Politikberatung zu betreiben. Wir, glaube ich, können in allen Wissenschaftsgebieten Kompetenz aufs Feld bringen. Wir können auch schnell handeln. Wir könnten schneller handeln, wenn wir besser ausgestattet werden. Das sage ich auch ganz deutlich. Und ansonsten, glaube ich, braucht es wirklich mehr Bereitschaft, zwischen den beiden Gruppen miteinander in Dialog zu treten. Die Politik emfindet die Wissenschaft in aller Regel nicht als einen freundlichen Ratgeber, weil die Wissenschaft mit Fakten kommt oder faktenbasierte Dinge darstellt. Und die schränken natürlich den Handlungsspielraum der Politiker, der eigentlich beliebig groß sein sollte, ein, weil durch die Fakten bestimmte Dinge einfach sinnlos werden.

"Wissenschaft muss Folgen klar machen"

Pyritz: Haben Sie denn die Hoffnung, dass gerade durch diese Pandemie-Erfahrung sich da im Zusammenspiel zwischen - ich sage es jetzt doch allgemein, - Wissenschaft und Politik grundsätzlich etwas ändern könnte?
Schlögl: Ich glaube, da ist schon einiges passiert im Verhältnis zu dem, was vorher war. Und in dem anderen großen Gesellschaftsgebiet, das wir irgendwann einmal angreifen müssen, nämlich Energie und Klimawende, wird das ganz dringend gebraucht werden. Da ist nämlich die Sachlage erheblich komplexer und da sind erheblich mehr Spieler am Werk. Aber mein Appell geht wirklich gerade an beide Gruppen, sich mehr klar zu werden, was die Aufgaben der Stakeholder sind. Denn die Wissenschaft hat nicht die Aufgabe, der Politik eine Empfehlung zu geben, was sie tun soll. Denn die Politik muss alle Stakeholder unter einen Hut bringen. Die Wissenschaft hat die Aufgabe, der Politik die Optionen klar zu machen, welche Folgen es hat, wenn man etwas tut oder nicht tut. Und das wird von manchen Wissenschaftlern auch nicht so gesehen, die glauben, dass sie Ersatzpolitiker sind und das ist natürlich nicht wahr. Denn die Wissenschaft ist ein sehr kleiner Teil unserer Gesellschaft und das muss den Wissenschaftlern, die die Politik beraten, auch immer klar sein, dass das so ist.

Mehr Verständnis füreinander

Pyritz: Was würden Sie sich wünschen für die Zukunft, um das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik nachhaltig zu verbessern, zu verändern?
Schlögl: Ich würde mir vor allen Dingen wünschen, dass beide Stakeholder-Gruppen sich klar werden, was wir leisten können und was wir nicht leisten können. Wir werden ad hoc mit irgendetwas angefordert, was wir so schnell nicht leisten können, weil wir die Vorbereitung dazu nicht haben. Es fehlen uns zum Teil auch die Mittel dazu und zur anderen Seite hört man uns nicht zu, weil man sagt, die Leopoldina sagt das, aber der individuelle Wissenschaftler sagt etwas anderes. Und deswegen wäre es schön, wenn die Politik oder die Politiker, die mit uns reden wollen, auch verstehen würden, dass es eine koordinierte Meinung gibt. Und dass es eine Einzelmeinung gibt. Und dieses Verständnis ist auch nicht entwickelt. Und daher ist meine größte Bitte: Lasst uns doch mehr miteinander reden. Es hat keinen Sinn, immer nur im Notfall miteinander zu reden, sondern es bräuchte einen kontinuierlichen Dialog und der fehlt am allermeisten.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.