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StartseiteInterview„Mütter sind am Anschlag“10.04.2021

Belastung in der Corona-Pandemie„Mütter sind am Anschlag“

Homeoffice, Haushalt und Hausaufgabenbetreuung: Besonders Mütter seien in der Corona-Pandemie einem unglaublichen Druck ausgesetzt, sagte Anne Schilling vom Müttergenesungswerk im Dlf. Sie benötigten mehr Hilfsangebote, um auch mal Luft holen zu können.

Anne Schilling im Gespräch mit Rainer Brandes

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Ein zweijähriges Kind spielt im Wohnzimmer, während seine Mutter Zuhause im Homeoffice an einem Laptop arbeitet.  (picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)
Besonders Mütter seien in der Corona-Pandemie übermäßig gestresst, so Anne Schilling vom Müttergenesungswerk. (picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)

Mütter würden in der Corona-Pandemie oft allein gelassen, sagte die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes, Anne Schilling, im Deutschlandfunk. Sie übernähmen zum großen Teil den Haushalt und die Kinderbetreuung, wenn Schulen und Kitas geschlossen seien. Zudem müssten sie oft ihren eigenen Job im Homeoffice erledigen. Den dadurch entstehenden Stress würden sie oft an die Kinder weitergeben.

Schilling plädierte dafür, den Müttern mehr Hilfsangebote zu stellen. In Mutter-Kind-Kuren fänden sie oft einen Schutzraum und könnten loslassen. Auch Kinder würden dort aufleben.

Von der Politik forderte Schilling, "Schulunterricht, wenigstens in Teilmodellen, Kinderbetreuung, wenigstens in irgendeiner Art von Wechsel oder an bestimmten Tagen" möglich zu machen. Mütter und Kinder müssten Licht am Horizont sehen können.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Das Interview in voller Länge:

Rainer Brandes: Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr, da haben ja quasi fast alle politisch Verantwortlichen gesagt, nie wieder dürfen Familien diejenigen sein, die in dieser Pandemie alleingelassen werden. Jetzt werden wieder Schulen geschlossen, Büros aber bleiben oft auf. Wie stehen die Familien in der dritten Welle da?

Anne Schilling: Das, was wir erleben in den Kurmaßnahmen für Mütter und Väter und insbesondere in den Maßnahmen für Mütter, ist, dass die Eltern und insbesondere die Mütter – ich muss das jetzt einfach mal so sagen, weil die übernehmen einfach den Hauptpart, wenn Kinderbetreuung und Schule wegfallen. Die Mütter sind am Anschlag. Wir haben immer schon erlebt, dass die Mütter sehr, sehr belastet sind und eigentlich erst kommen, wenn sie so erschöpft sind, dass sie gar nicht mehr können oder irgendwas nicht mehr funktioniert. Aber das, was wir jetzt erleben, ist, dass sie über sich hinausgegangen sind und dass sie unter einem unglaublichen Druck stehen und alleingelassen werden.

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"Die Mütter fühlen sich übermäßig gestresst"

Brandes: Wie äußert sich dieser Druck, wenn sie dann zu Ihnen in die Kliniken kommen oder beziehungsweise zu den Kliniken, die in Ihrem Auftrag dann die Therapien durchführen?

Schilling: Die Mütter sind sehr, sehr angespannt, sie fühlen sich übermäßig gestresst, und es dauert einfach länger, bis sie loslassen können, bis sie runterkommen, bis die Therapien richtig einsetzen. Und diesen Druck, den haben auch die Kinder, weil das ist ja eine Einheit auch, Mutter und Kind. Das, was wir erleben, ist, dass die Mütter nach ein paar Tagen, wenn sie anfangen loszulassen und sich drauf einlassen, dass sie dann eine unglaubliche Dankbarkeit entwickeln, dass sie nicht alleine sind und dass sie so was wie einen Schutzraum haben, dass sie Unterstützung bekommen in diesem "sie alleine sollen das managen".

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Und bei den Kindern erleben wir ganz deutlich, dass die Kinder nach ein paar Tagen einfach nur glücklich sind, dass sie als soziale Wesen, wie Sie es genannt haben, dass sie mit anderen Kindern spielen können, dass sie so viele Angebote kriegen, dass sie die Kontakte haben. Die leben unglaublich auf.

Brandes: Kommen wir gleich noch mal zu den Kindern, ich wollte noch mal eben bei den Müttern bleiben. Jetzt ist es ja so, dass in dieser Pandemie, eben weil Schulen und Kitas oft geschlossen sind, sind ja die Eltern und dann eben oft die Mütter diejenigen, die zu Hause ganz dringend gebraucht werden. Das heißt, können sich Mütter denn überhaupt erlauben, in dieser Zeit in eine Klinik zu gehen?

Schilling: Ja, das ist eine tolle Frage, weil wir tatsächlich insbesondere im letzten Jahr erlebt haben, dass Mütter ihre Maßnahmen abgesagt haben, auch kurzfristig abgesagt haben, weil sie gedacht haben, sie können jetzt nicht fahren und sie müssen zu Hause sein. Das hat ziemlich lange gedauert, einige Monate. Und mit den Nachrichten, die Sie auch jeden Tag, die wir alle jeden Tag hören, wo es dann immer um neue Ansteckungen geht, um Hotspots, um Warnungen, nicht zu reisen und so weiter, das macht sich bei den Müttern bemerkbar.

Also viele haben monatelang versucht, diese Kur rauszuschieben, abzusagen, aufs nächste Jahr zu verschieben. Was wir jetzt aber in diesem Jahr erleben, ist, dass die Mütter einfach so nicht mehr können, dass sie jetzt sagen, ich komme, egal wie, ich komme, ich kann einfach nicht mehr, ich brauche jetzt Unterstützung.

In den Kliniken wird auch festgestellt, dass diese Verunsicherung, die ja überall in der Bevölkerung da ist, und diese Ängste, dass die bei den Frauen schon sehr stark angekommen sind, weil sie ja auch sozusagen für die ganze Familie sorgen und für deren Gesundheit auch sorgen wollen. Da wurden auch teilweise neue Therapieeinheiten geschaffen, um hier entgegenzuwirken.

"Es sind zu wenig Hilfsangebote"

Brandes: Nimmt die Gesellschaft denn überhaupt wahr, welche Last gerade Eltern tragen?

Schilling: Einerseits ja, weil einerseits ist das mehr in der Öffentlichkeit und in den Medien Thema im ganzen letzten Jahr, und gleichzeitig muss sich schon deutlich sagen, es sind zu wenig Hilfsangebote. Wenn wir das wahrnehmen und wenn wir wissen, was Mütter leisten, und wir wissen es eigentlich, und wir wissen es, es gibt schon viele Studien jetzt über dieses Jahr Corona, was das für die Frauen bedeutet hat, dann wird einfach viel zu wenig getan. Die Mütter haben überhaupt keine Sicherheit, wie lange geht’s jetzt gut, wie lange geht’s nicht gut, bleibt die Schule offen, schließt sie wieder.

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Wissen Sie, es muss doch zumindest solche Fenster geben, es muss irgendwelche Teilangebote wenigstens geben, dass Mütter auch mal Luft holen können. Eine der größten Belastungen ist, sie sind ja neben ihrer eigenen Erwerbstätigkeit, wo wir alle ja auch davon ausgehen, dass die weitergeht, zum Teil im Homeoffice, sind sie ja auch für den Haushalt zuständig.

Und wenn alle zu Hause sind und nichts außen stattfindet, dann wird ja auch die Hausarbeit und Kochen und Sorgen wird ja auch immer mehr. Dieser Druck, dass alles in diesem Haus stattfindet und sie oft keinen Raum für sich sehen, auch mal Luft zu holen, auch mal ein bisschen einen Freiraum für sich zu haben, das führt zu einer extremen Erschöpfung.

"Es kann nicht sein, dass alles zugemacht wird"

Brandes: Aber wie könnten solche Fenster, wie Sie das nennen, denn aussehen, was könnte die Politik tun, um Mütter hier zu entlasten?

Schilling: Ich bin keine Medizinerin, aber ich finde, Schulunterricht, wenigstens in Teilmodellen, Kinderbetreuung, wenigstens in irgendeiner Art von Wechsel oder an bestimmten Tagen wenigstens. Es müssen Angebote da sein, damit irgendwie noch mal Licht am Horizont ist, weil wir haben jetzt Monate und Monate, wo kein Licht da ist, und niemand weiß, wie es sozusagen konkret weitergeht.

Es kann nicht sein, dass einfach nur alles zugemacht wird und dann gesagt wird, dann sollen die Mütter halt zu Hause bleiben. Das ist zu wenig, und das ist kein Angebot. Da sind wir als Gesellschaft auch verpflichtet, mit dem, was wir von Frauen erwarten, und mit dem, was wir von Müttern erwarten, ihnen auch eine Hilfestellung zu geben.

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Brandes: Dann schauen wir noch mal auf die Kinder, die eben im Lockdown sind, dann immer wieder nicht in die Schule gehen können und immer wieder erleben, dass es so ein Hin und Her gibt, mal eine Woche da in der Schule, da freuen sie sich, dann müssen sie wieder nach Hause. Was macht das mit den Kindern, das heißt, wie äußern sich die psychischen Probleme der Kinder, wenn sie zu Ihnen in die Kliniken kommen?

Schilling: Zuerst mal ist einfach die Gereiztheit und die Anspannung, die auch die Mütter haben, die ist natürlich auch bei den Kindern da, und dieses zu wenig Bewegungsraum. Bei den Kindern erleben wir aber, dass viele richtig aufblühen nach ein paar Tagen, weil sie es unendlich genießen, diese Angebote zu bekommen und richtig spielen zu dürfen und Kontakte zu haben.

Und was die Kliniken auch ganz deutlich uns zurückkoppeln, ist, dass es … In den Kliniken gibt es ja auch Hygienekonzepte und es gibt Abstandsregeln, und es gibt natürlich auch kleinere Therapiegruppen und so weiter. Aber das alles ist in der Regel kein Problem, weil alle so glücklich sind, dass sie diesen Freiraum haben und dass sie so viel dürfen und eben nicht nur auf die eigene Wohnung begrenzt sind und auch mit anderen Kindern spielen können, dass uns Kliniken schon sagen, das ist einfach auch oft das reine Glück, was aus den Kindern dann rauskommt.

"Nachfrage nach Therapieplätzen wird steigen"

Brandes: Und wenn dann hoffentlich am Ende dieses Jahres die Pandemie vielleicht weitgehend überstanden ist, werden wir dann erleben, dass Eltern und Kinder reihenweise psychiatrische Hilfe brauchen, und haben wir dann überhaupt die Kapazitäten dafür?

Schilling: In den Kliniken für Mütter, also in Mutter-Kind-Kliniken oder in Mütterkliniken, da gibt es immer auch psychosoziale Therapien, aber es gibt auch andere Therapien. Das, was wir gesehen haben, war, vor der Pandemie waren die Kliniken auf Monate belegt, wenn Sie so wollen, ausgebucht, also es gibt zu wenig Plätze. Nach der Pandemie wird mit Sicherheit die Nachfrage weiter steigen.

Wir sehen ja jetzt schon eine Veränderung, und wir sehen noch nicht, dass es genügend Kapazitäten dafür gibt, aber wir werden als Gesellschaft Hilfsangebote schaffen müssen, und ich hoffe, dass die Frauen laut werden und diese Hilfsangebote einfordern. Und ich hoffe auch, dass die Kliniken, die jetzt alle nicht voll belegen dürfen aufgrund dieser Hygienekonzepte und Vorgaben der Länder, dass diese Kliniken nachher noch da sind, um den Müttern ausreichend Plätze anzubieten.

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Brandes: Und was kann die Politik da jetzt konkret für tun, dass diese Kliniken finanziell überleben können?

Schilling: Na, also da sind wir sehr intensiv in der politischen Arbeit, weil es muss diesen Rettungsschirm, den es gibt – glücklicherweise –, aber der bei den Kliniken die Plätze, die nicht belegt werden können und die frei bleiben pandemiebedingt, da wird 50 Prozent des Tagessatzes erstattet. Das ist für gemeinnützige Kliniken, die im Mutter-Kind-Bereich einen relativ geringen Tagessatz haben, sammelt sich da schon ein sehr deutliches Defizit an. Wir haben gefordert, den Rettungsschirm wieder wie im letzten Jahr auf 60 Prozent wenigstens zu erhöhen, weil es kann keine Kurzarbeit geben, weil die Kliniken arbeiten ja. Wir kämpfen sozusagen, der Rettungsschirm wurde gerade verlängert auf Ende Mai, wir haben gefordert das ganze Jahr, damit ein bisschen mehr Planungssicherheit da ist. Im Moment wird der immer so monatlich, alle zwei Monate verändert, das hilft nicht wirklich, aber wir sind dankbar, dass es überhaupt diesen gibt.

Aber darüber hinaus – und da gibt es eine gesetzliche Grundlage inzwischen – sollen Krankenkassen sozusagen Anpassungen an die Tagessätze vornehmen in Bezug auf die Pandemie. Da merken wir eine große Blockade, dass dieses Gesetz nicht umgesetzt wird, und deswegen haben wir uns auch kürzlich erst wieder an die Politik gewandt. Gesetz ist gut, ist alles okay, aber wir brauchen Unterstützung, weil die Krankenkassen sich nicht bewegen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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