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StartseiteInterview"Wir können die Schulen jetzt nicht verantwortlich öffnen"04.01.2021

Bildungsministerin Prien (CDU)"Wir können die Schulen jetzt nicht verantwortlich öffnen"

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) steht einer Öffnung der Schulen zum 11. Januar skeptisch gegenüber. Je höher das Infektionsgeschehen in der Gesellschaft insgesamt sei, umso höher sei es auch an Schulen, sagte sie im Dlf. Jetzt müsse der digitale Distanzunterricht erprobt werden.

Karin Prien im Gespräch mit Sandra Schulz

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Leeres Klassenzimmer, die Stühle sind auf die Tische gestellt. (imago images/Sven Simon)
Am Mittwoch (6. Januar) enden in Schleswig-Holstein die Ferien, doch Präsenzunterricht wird es vorerst nicht geben (imago images/Sven Simon)
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Im Kampf gegen Corona dreht sich weiterhin alles um die Beschlüsse der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten. Sie beraten erneut am Dienstag (5. Januar), es wird mit einer Verlängerung des sogenannten Lockdowns über den 10. Januar hinaus gerechnet. Noch keine klare Linie gibt es allerdings in der Frage, wie es in den Schulen weitergeht. Karin Prien (CDU), Kultusministerin von Schleswig-Holstein, hält es angesichts des Infektionsgeschehens derzeit nicht für verantwortbar, die Schulen wieder zu öffnen. Gleichzeitig betonte sie, Präsenzunterricht sei nicht ersetzbar, vor allem für Grundschüler. Mit der Digitalisierung der Schulen hätte man 10 bis 15 Jahre früher beginnen müssen. Sie könne jetzt nicht innerhalb weniger Monate nachgeholt werden. Die Politik und die Schulen arbeiteten aber daran.

Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, trägt eine Maske mit den Buchstaben des Alphabets während einer Landtagssitzung. (picture alliance/dpa/Christian Charisius)Karin Prien (CDU) (picture alliance/dpa/Christian Charisius)

Sandra Schulz: Wann enden in Schleswig-Holstein die Ferien?

Karin Prien: Die Ferien enden planmäßig am kommenden Mittwoch, und wir gehen, wie wir es schon Ende November angekündigt haben, dann Donnerstag und Freitag in Distanzlerntage, weil wir auch endlich mal üben und unter Beweis stellen wollen, was wir in Sachen Digitalisierung in den letzten Monaten vorangebracht haben.

"Bildung ist nicht einfach eine Branche"

Schulz: Jetzt gibt es schon ganz unterschiedliche Ankündigungen aus den Ländern. Ihre Nachbarn in Hamburg, die haben die Anwesenheitspflicht schon mal bis zum 17. Januar aufgehoben, in Thüringen geht man davon aus, dass im ganzen Januar kein regulärer Unterricht stattfinden wird, kein regulärer Präsenzunterricht. Zeichnet sich da jetzt schon ab, dass da jedes Bundesland seins macht?

Prien: Wir tagen ja nun heute Morgen dazu, wir haben ja eine öffentliche Debatte in den letzten Tagen, und ich kann sagen, dass ich persönlich der Schulöffnung zum 11. Januar skeptisch gegenüberstehe. Zwar eint uns das gemeinsame Verständnis, dass Kinder und Jugendliche besonders leiden unter der Pandemie und dass sie eben auch nicht Verlierer sein dürfen und das Thema Bildung sozusagen immer vor die Klammer gezogen werden muss. Bildung ist nicht einfach eine Branche, über die man sprechen muss, wann man die am besten wieder öffnet, sondern Bildung ist essenziell. Da geht es um das Recht auf Bildung und das Kindeswohl, und deshalb müssen wir so schnell wie möglich wieder in einen geregelten Präsenzunterricht zurückkehren, vor allem für die Grundschüler. Aber jetzt, zu einem Zeitpunkt, in dem die Datengrundlage so ungewiss ist, in dem wir tatsächlich nicht wissen, ob der Lockdown erfolgreich ist, und wo wir auch nicht wissen, welche Auswirkungen die neuen Virusvarianten B.1.1.7 aus England unter anderem haben, können wir die Schulen nicht verantwortlich öffnen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Auch Schulen müssen einen Beitrag leisten"

Schulz: Sie sagen ja jetzt doch, dass ihnen als Kultus- und Bildungsminister die Inzidenzzahlen nicht egal sind. Werden Sie da auch noch mal genauer mit Susanne Eisenmann sprechen? Ihre Kollegin, die ja auch eine Parteikollegin von Ihnen ist in Baden-Württemberg, die hat ja für eine Öffnung der Schulen unabhängig vom Inzidenzgeschehen gesprochen.

Prien: Wir sind uns einig darüber, dass wir den Bildungsbereich nicht behandeln können wie alle anderen Bereiche. Das ist eben was anderes, ob ich Einzelhandelsgeschäfte oder Baumärkte wieder öffne oder Schulen wieder öffne. Darin sind wir uns völlig einig, und das ist bei der Frage, schicke ich Grundschulkinder wieder in die Schule, gehen Kita-Kinder wieder in die Schule, da sind eben Abwägungsprozesse vorzunehmen, die weit über den Infektionsschutz hinausgehen. Darüber besteht Einigkeit.

Schulz: Ja, aber Sie, die Kultusminister und Bildungsminister, haben jetzt auch ganz stark immer mit der Formel gearbeitet, dass die Schulen keine Treiber der Pandemie sind. Können Sie das so aufrechterhalten?

Prien: Schulen sind nicht Treiber der Pandemie, aber es gibt Infektionsgeschehen an Schulen, und umso höher das Infektionsgeschehen in der Gesellschaft insgesamt ist, umso höher ist auch das Infektionsgeschehen an Schulen. Deshalb müssen auch Schulen einen Beitrag leisten im Rahmen des Lockdowns, und das tun wir ja auch, weil wir im Dezember sehr konsequent die Schulen auch geschlossen haben.

Blick von oben auf einen Tisch mit hochgestellten Schulstühlen (Getty Images / Christian Ender) (Getty Images / Christian Ender)Welche Bedeutung haben Schüler für die Ausbreitung?
In fast ganz Deutschland sind auch Schulen und Kitas wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Zwei aktuelle Studien legen nahe, dass diese Maßnahme zur Eindämmung des Virus wichtig sein könnte als lange gedacht.

"Distanzunterricht nur zweitbeste Lösung"

Schulz: Da kann man sich, glaube ich, sehr drüber streiten, ob das konsequent war oder nicht. Es war ja wirklich lange die Linie, dass es absolute Priorität habe, am Präsenzunterricht festzuhalten, dass die Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen. Da hat es auch viel Kritik dran gegeben, zum Beispiel von den Lehrerverbänden. Und wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass in diesem Start im Dezember, als es dann wirklich mal um den Digitalunterricht ging, dass es da auch erste Abstürze gegeben hat, weil eben die Lernplattformen nicht so ausgestattet waren und nicht so vorgehalten waren, wie man sich das eigentlich wünschen würde nach vielen Monaten Pandemie. Liegt daran oder lag daran auch dieses relativ starre Festhalten am Präsenzunterricht?

Prien: Präsenzunterricht ist aus unserer gemeinsamen Überzeugung heraus nicht ersetzbar. Distanzunterricht und hybride Modelle, die wir brauchen jetzt in der Pandemie, sind immer nur die zweit- und drittbeste Lösung. Dieser Unterstellung, der kann ich wenig abgewinnen. Wir müssen, was die Digitalisierung dieser neuen Unterrichtsmodelle angeht, jetzt ins Doing kommen. Deshalb probieren wir das in Schleswig-Holstein auch unter Volllast aus, und dass dann nicht immer alles klappt, ja, das ist so, das ist aber auch bei der Umstellung großer Konzerne nie so gewesen. Wir hätten in Deutschland sicherlich zehn bis 15 Jahre früher beginnen müssen mit der Digitalisierung der Schulen, aber man kann das eben nicht alles innerhalb weniger Monate nachholen. Wer das behauptet, der redet, sorry, aber wenig sachkundig über die Dinge.

"Völlig neue Art des Unterrichtens"

Schulz: Na, Sie haben "bild.de" einen Satz gesagt jetzt Anfang des Jahres, ich muss sagen, den fand ich recht überraschend, nämlich dass die Lehrkräfte jetzt Vertrauen und Zeit bräuchten, um neue digitale Unterrichtskonzepte zu erarbeiten. Ich glaube, es sind sich alle einig, dass wenn wir was nicht haben, dass es dann Zeit ist. Warum stehen die digitale Unterrichtskonzepte noch nicht?

Prien: Na ja, das eine ist, den Lehrkräften die entsprechenden technischen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, Lernplattformen zur Verfügung zu stellen, aber sie brauchen ja eine völlig neue Art des Unterrichtens, und auf die war niemand vorbereitet. Auch der Digitalpakt ist ja niemals gemacht worden, um Distanz- und Hybridunterricht zu unterstützen, sondern um Infrastruktur in den Schulen zu schaffen. Dieses Zusammenführen von Technik und neuen Unterrichtsmethoden – wir bewegen uns auf eine völlig neue Art von Schule zu –, das braucht nun mal Zeit. Sie können Hunderttausende von Lehrkräften nicht innerhalb von wenigen Wochen in ein neues Zeitalter führen. Wir sind in einem riesigen Transformationsprozess, und da brauchen Lehrer Zeit. Und wenn ich diesen Satz gesagt habe, dann meine ich damit, wir müssen den Lehrern auch Zeit zur Verfügung stellen, das heißt auch, wir müssen mehr Ressourcen zur Verfügung stellen. Wir brauchen mehr Stellen, damit Lehrkräfte das auch machen können, so war der Satz zu verstehen.

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"Unterricht müssen die Schulen schon selber machen"

Schulz: Ja, aber wenn es da um Konzepte geht, warum sehen Sie da überhaupt die Lehrkräfte in der Pflicht? Müssten solche Konzepte nicht aus dem Ministerium, müssten die nicht von Ihnen kommen?

Prien: Das ist ja eine, Entschuldigung, etwas weltfremde Vorstellung von Schule. Den Unterricht…

Schulz: Die Lehrpläne kommen doch auch von Ihnen.

Prien: Entschuldigen Sie, den Unterricht an Schule gestaltet die einzelne Lehrkraft in ihrem Unterricht. Es ist doch nicht so, dass das Ministerium den Unterricht vorbereitet für alle 28.000 Lehrer in den Schulen, nein, nein, das müssen die Schulen schon selber machen, das tun sie übrigens auch. Sie haben in den letzten Monaten intensiv daran gearbeitet, die Schulen insgesamt, aber auch die einzelnen Lehrkräfte, ihre Unterrichtskonzepte so umzustellen.

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Schulz: Und das soll jetzt jede Lehrkraft im Land für sich in ihrem Arbeitszimmer mutmaßlich zu Hause selbst erarbeiten. Meine Frage zielt natürlich darauf ab, Sie sprechen von Konzepten, und die werden doch wie auch die Lehrpläne, die werden doch nicht von den Lehrkräften individuell entwickelt.

Prien: Wir haben Lehrpläne, die heute Fachanforderungen heißen und die umgesetzt werden in schulinterne Curricula. Das machen wir seit vielen Jahren so. Jede einzelne Schule setzt die Fachanforderungen in eigene Curricula um, und genauso geht es auch bei der Umsetzung der pädagogischen Digitalisierung. Natürlich unterstützen wir massiv über Fortbildungsangebote, über Best-Practice-Beispiele über unser Landesinstitut. Das ist nicht so, dass die Ministerien die Schulen dabei allein lassen, aber das ist viel Arbeit für die Lehrkräfte, und jede einzelne Unterrichtseinheit muss selbstverständlich entsprechend angepasst werden. Es ist ein Riesenunterschied, ob ich analog, rein analog unterrichte, ob ich hybrid unterrichte oder im Distanzunterricht unterrichte.

"Halte nichts von einer Verkürzung der Ferien"

Schulz: Jetzt gäbe es in dieser konkreten Situation, in der wir jetzt sind Anfang Januar, ja eine relativ leichte Möglichkeit, Zeit zu kaufen, indem man die Ferien jetzt verschiebt, zwei oder drei Wochen verlängert und die Zeit dann von den Sommerferien abknapst. Warum machen Sie das nicht?

Prien: Zunächst mal verlängern wir die Ferien nicht, sondern wir gehen jetzt in Distanzunterricht.

Schulz: Meine Frage war, warum Sie die Ferien nicht verlängern.

Prien: Das ist das, was wir tun, und Sie selber und die Verbände fordern ja auch ein, dass wir Distanz- und später Hybridunterricht machen, das werden wir auch tun jetzt. Und dann müssen wir schauen, ob wir unseren Anspruch, nämlich nach Fachanforderungen in diesem Schuljahr weiter zu unterrichten, ob wir das im Rahmen der zeitlichen Vorgaben schaffen können, die wir uns vorgenommen haben in der Ferienplanung. Ich halte von einer Verkürzung der Ferien überhaupt nichts, denn gerade die Familien und auch die Lehrkräfte werden nach diesem extrem anstrengenden Schuljahr ihre Ferien brauchen. Aber über die Frage der Verschiebung von Ferien wird man natürlich im Einzelfall diskutieren müssen, auch über die Verschiebung von Prüfungsterminen, das ist in einzelnen Bundesländern ja auch bereits erfolgt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.ac

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