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Biografie Kann Gabriel Kanzler?

SPD-Chef Sigmar Gabriel gilt als erster Anwärter auf die Position des Kanzlerkandidaten bei den Bundestagswahlen 2017. Dabei zählt er nicht gerade zu den beliebtesten Politikern. Eine soeben erschienene Biografie zeichnet einen machtbewussten Politiker, an dem sich die Geister scheiden.

Von Moritz Küpper

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) unterhält sich am 05.11.2016 bei einem Hintergrundgespräch während des Rückflugs von Hongkong nach Berlin mit mitreisenden Journalisten. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Offen, direkt – mitunter auch pampig: Das ist Sigmar Gabriel, Bundeswirtschaftsminister, Vize-Kanzler, aber vor allem der am längsten amtierende SPD-Partei-Vorsitzende seit Willy Brandt. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
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An Sigmar Gabriel scheiden sich die Geister, doch bei einem Kernsatz sind sich fast alle einig: "Wir müssen raus ins Leben. Da, wo es laut ist, da wo es brodelt, da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt!"

Gebannt lauschen die Genossen in der Dresdner Messehalle. Es ist der 13. November 2009 und mucksmäuschenstill, als Gabriel seine Bewerbungsrede für den SPD-Parteivorsitz hält: "Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist, liebe Genossinnen. Weil nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben."

"Er ist einer der besten Redner im Bundestag, vielleicht sogar der Beste", sagt Autor Daniel Friedrich Sturm. Und das sagen viele, sogar auch Gegner, über Gabriel. "Und er hat natürlich ein großes Vorbild, auch wenn er das so nicht sagen würde: Das ist Gerhard Schröder. Niedersachse wie er, machiavellistisch, ruchlos und vor allem -  erfolgreich."

"Offen, direkt - mitunter auch pampig"

Kann dieser Sigmar Gabriel Kanzler? Es ist diese große Frage, die über der ersten offiziellen Gabriel-Biografie schwebt, einem Gemeinschaftswerk Sturms mit Co-Autor Christoph Hickmann. "Patron und Provokateur", so der vielsagende Untertitel des Werks – über dessen Entstehen Gabriel selbst nicht begeistert war:

"Er hat dann zu mir gesagt: Dann hätten wir ja die Gelegenheit, unsere Vorurteile über ihn zwischen zwei Buchdeckel zu pressen."

Offen, direkt – mitunter auch pampig. Das ist Sigmar Gabriel. Und das wird nicht nur an dieser Antwort deutlich, sondern auch in dem Buch der beiden Journalisten Sturm und Hickmann, die für "Die Welt", den "Spiegel" und die "Süddeutsche Zeitung" seit Jahren die SPD und damit auch Gabriel begleiten, sich davon aber weder beeindrucken, beeinflussen oder von kritischen Nachfragen hätten abhalten lassen, versichert Sturm:

"Das haben wir nicht getan, weil wir mit über 120 Leuten, Weggefährten und Widersachern gesprochen haben. Wir waren viel unterwegs in Goslar, in Hannover, in Berlin. Also, an den Stationen seines Lebens. Wir waren in diversen Archiven bei den Falken, im Archiv der Ebert-Stiftung und so weiter. Haben also auch viel Neues ans Tageslicht befördert. Und wir haben natürlich mit Sigmar Gabriel auch selbst gesprochen. Zweimal. Und das war dann doch etwas freundlicher als in der ersten Reaktion."

Und zeigt vielleicht auch exemplarisch, was für ein Typ dieser 57-Jährige ist. Ein sprunghafter Sponti, mitunter sogar auch eher harsch und hart, dann aber doch auch herzlich. Ein lebender Widerspruch, der es – trotz oder wegen – dieser Mentalität schaffte, bereits einem Landtag sowie dem Bundestag angehört zu haben.

Mal volksnah - mal intrigant

Er war Ministerpräsident in Niedersachsen, hat zwei Bundesministerien geleitet, ist nun Vize-Kanzler, aber vor allem - der am längsten amtierende SPD-Partei-Vorsitzende seit Willy Brandt. Und auch unterhaltsam kann er sein, wie sich offenbar bereits in der Schulzeit zeigte:

"Selbst im Fach Mathematik sei Gabriel immer wieder witzig gewesen. Einmal sei es darum gegangen, für einen Hühnerhof bei konstanter Fläche den geringsten Zaunverbrauch zu ermitteln. Da habe Gabriel sich gemeldet: 'Herr Schmidt, können Sie mir sagen, ob die Hühner fliegen können? Davon hängt ja ab, wie hoch der Zaun sein muss.'"

Auch später ist Gabriel immer für Überraschungen gut gewesen, wie bei jener Episode in der kubanischen Hauptstadt Havanna, als der Vize-Kanzler noch in eine Disko wollte – und letztendlich nach einer Odyssee auf der hoteleigenen Terrasse endete. Oder in Moskau, zu Besuch bei Russlands Machthaber Wladimir Putin, bei dem Gabriel – außenpolitischer Dissens hin oder her – ein Autogramm für die Zahnarzthelferin seiner Frau erbat. Es sind diese Anekdoten, die ein unterhaltsames und gut lesbares Buch ergeben haben, das Gabriels Leben und Handeln plastisch zu schildern vermag, weil es von den Autoren akribisch recherchiert und sorgfältig zusammengestellt worden ist.

Die zahlreichen Anekdoten fügen sich zu einem großen Bild, das im Anekdotischen das Exemplarische zu entdecken versucht und dadurch ein politisch wie persönlich aussagekräftiges Portrait abliefert. Das ist die Stärke dieses Buches – und es gibt wohl nur wenige zeitgenössische Politiker in Deutschland, deren Leben dafür so geeignet wäre, wie das des Vize-Kanzlers. Und der, trotz herausragender Position, weiterhin den Parteitags-Animateur gibt oder eben auch seine Mitstreiter düpiert, wie beispielsweise Olaf Scholz, damals immerhin Partei-Vize und Hamburgs Regierender Bürgermeister, der einst mit seiner Frau die "documenta" besuchte:

"In Kassel, so wird die Geschichte in der SPD übereinstimmend erzählt, schlenderte Scholz nun mit seiner Frau durch die Halle seines Hotels, als er ein Schild entdeckte, demzufolge in einem der Sitzungsräume der SPD-Pateivorstand tage. [...] Er klopfte an die Tür, öffnete sie und sah Gabriel dort sitzen. Der leitete gerade die konspirative Sitzung einer Arbeitsgruppe, die ein sozialdemokratisches Rentenkonzept erarbeiten sollte. Nicht eingeladen war der für das Thema zuständige Rentenexperte und stellvertretende Parteivorsitzende Scholz – dem angesichts der versammelten Personen sofort klar war, um welches Thema es hier ging."

Am Ende doch bloß ein Zauderer?

Angenehm fällt auf, dass die Autoren sich gegen eine rein chronologische Lebensschilderung entschieden haben sondern sich vielmehr an Stichworten und Themen entlang arbeiten: "Ersatzfamilie SPD", "Das Goslar-Prinzip" oder auch "Gabriel und die Medien" liest man etwa als Kapitel-Überschriften:

"Wir haben uns natürlich gefragt, bei all den Wendungen, die Sigmar Gabriel ja zuweilen täglich vollzieht: Was sind eigentlich die Grundkonstanten seiner Persönlichkeit, seiner Politik? Gibt es sowas überhaupt? Und, in der Tat, die gibt es. Also, einmal sein Eintreten gegen Antisemitismus, sein Engagement für Israel ist da ein sehr, sehr wichtiger Punkt, aber natürlich auch das Thema, ja, Emanzipation, Aufstieg. Er ist ja der erste in seiner Familie, der Abitur hat machen können. Der dann später studiert hat und so weiter. Das sind für ihn schon sehr, sehr wichtige Dinge, an denen er auch hängt."

Dass es dennoch ein Wagnis war, ein Buch über einen aktiven Spitzenpolitiker zu schreiben, ist klar: Die Biografie über Matthias Platzeck etwa, einer von Gabriels Vorgängern im Amt des SPD-Partei-Vorsitzenden, war noch nicht fertig, als dieser bereits zurücktrat. Das hätte – Beispiel "Ceta-Abstimmung" oder auch "Ministererlaubnis bei Kaiser‘s/Tengelmann" – auch mit Sigmar Gabriel passieren können. Oder eben ein Rückzieher in der Kanzlerkandidaten-Frage. Doch bislang ist das nicht passiert. Und nun also? Kann Gabriel Kanzler?

"Wir sagen jetzt nicht Ja oder Nein, Hop oder Top, das wäre uns ein bisschen zu billig." Und letztendlich wohl auch nicht möglich. Denn am Ende der Lektüre könnte man meinen, dass Gabriel es vielleicht selbst noch gar nicht weiß.

Daniel Friedrich Sturm, Christoph Hickmann: "Sigmar Gabriel: Patron und Provokateur"
dtv-Sachbuch-Verlag, München 2016. 320 Seiten. 24 Euro.

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