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StartseiteInterview"Populisten sollte man mit Verachtung begegnen"29.07.2016

Brexit-Votum"Populisten sollte man mit Verachtung begegnen"

Die Brexit-Befürworter hätten zugegeben müssen, dass sie die Unwahrheit gesagt hätten, sagte Seb Dance, Abgeordneter der britischen Labour-Partei im Europäischen Parlament, im Deutschlandfunk. Zudem hätten sie denkbar einfache Botschaften vertreten.

Seb Dance im Gespräch mit Christoph Heinemann

Eine Britische Fahne weht vor dem Uhrenturm Big Ben. (dpa / Michael Kappeler)
Das Brexit-Votum treibt nach wie vor viele Leute um. (dpa / Michael Kappeler)
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Zum Nachhören: .

Christoph Heinemann: Glauben Sie, ein voller Zugang zum Binnenmarkt ist erreichbar?

Seb Dance: Die EU ist im Augenblick in dieser Frage ganz klar. Man bekommt keinen Zugang zum Binnenmarkt ohne freien Personen- und Warenverkehr. Der Ausgang des Referendums hat gezeigt, dass viele Menschen auf der Grundlage von Lügen und Unwahrheiten des Brexit-Lagers abgestimmt haben. Besonders skandalös war die Vorstellung, wir würden die Einwanderung stoppen. Die Menschen haben den Satz, "wir werden die Kontrolle wieder übernehmen", so interpretiert, dass wir die Grenzen schließen würden. Daran stimmte nichts. Und auch nichts an den 350 Millionen Pfund die angeblich jede Woche an die Europäische Union gezahlt werden. Dieses Geld, so hieß es ständig immer wieder, stünde nun für das Gesundheitssystem zur Verfügung. Am Freitag nach dem Referendum, wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Ergebnisses, stellten sich die prominentesten Brexit-Befürworter ins Fernsehen und gaben zu, dass sie das nicht hätten sagen dürfen, weil es nicht stimmte.

Heinemann: Wieso hat die Mehrheit das geglaubt?

Brexit wurde niemals definiert

Dance: Weil es so einfach ist. 350 Millionen Pfund gehen an die EU. Lasst es uns nicht dorthin schicken, sondern für das Gesundheitssystem ausgeben. Diese Botschaft ist denkbar einfach. Wenn man erklären möchte, wie die Finanzierung der EU funktioniert, dass wir einen Rabatt erhalten, dass es Strukturförderung gibt, dass wir für jedes Pfund, das wir in die EU stecken zehn Pfund als wirtschaftlichen Vorteil zurückbekommen, ist das wesentlich schwieriger auszudrücken und in eine griffige Botschaft zu packen. Ein Grund für den Sieg des Brexit-Lagers bestand darin, dass deren Position für jeden Einzelnen alles Mögliche bedeuten konnte. Es wurde niemals definiert und festgelegt, was ein Austritt bedeuten würde. Es war einfach das Gegenteil von Drinbleiben. Brexit hieß nichts Konkretes. Das gilt auch für die Position der neuen Premierministerin. Wenn sie sagt, Brexit heißt Brexit, bedeutet das gar nichts, weil wir uns nicht klargemacht haben, was ein Brexit beinhaltet.

Heinemann: Von Donald Trump zum Brexit, vom Front National zur AfD in Deutschland: Wie sollte man mit Populisten umgehen?

Dance: Mit Verachtung, um ehrlich zu sein. Sie spielen mit Angst, mit Emotionen. Es ist so einfach in unserer Gesellschaft, dem Anderen die Schuld für unsere Probleme zu geben. Jeden betreffen die Themen Wohnung, Arbeit, Gesundheitssystem. Da gibt es aus vielen Gründen Belastungen: fehlende Finanzierung, mangelnde Planung. Aber es ist so viel leichter, das auf den Anderen abzuwälzen, denjenigen, der nicht so spricht wie ich, jemanden mit anderer Hautfarbe oder Religion, oder der einfach anders aussieht. Das ist sehr, sehr einfach. Populismus nährt sich von dieser Einfachheit. Und die wird täglich angeregt durch die Botschaften in einem großen Teil unserer Boulevardpresse. Das muss aufhören.

Heinemann: Was heißt das für die Boulevardpresse?

Bestimmte Kolumnisten betreiben Anstachelung zum Rassenhass

Dance: Im Vereinigten Königreich können Sie an jedem Tag, in jeder Woche Schlagzeilen lesen, die Migranten für dies oder jenes die Schuld geben. Über einen Schwarm von Menschen wird geschrieben, der in das Land kommt. Das Land wird überrannt. Bei uns gibt es Kolumnisten, wie etwas Katie Hopkins, die tatsächlich syrische Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, als Kakerlaken beschrieben hat. Wenn ich ihre Sprache verwenden, auf Papier drucken und das in der Stadt verteilen würde, würde ich festgenommen. Und zwar zu Recht, denn das ist Aufstachelung zum Rassenhass. Wenn Sie das in einer Zeitung schreiben, als akkreditierter Meinungsbilder, als Kolumnist, dann ist das auf einmal OK. Aber das ist es nicht.

Heinemann: Die konservative Partei war zerstritten. Warum ist es die Labour Partei immer noch?

Dance: Das hat mit der Reaktion des Labour-Parteichefs auf die nach meiner Auffassung wichtigste Krise des Vereinigten Königreichs seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Diese ist eine sehr ernste Krise. Es kann sein, dass wir wirtschaftlich abstürzen. Das könnte zu Unruhen führen. Und das träfe den schwächsten Teil der Gesellschaft. Ich glaube, unser gegenwärtiger Parteichef schätzt den Ernst und die möglichen Auswirkungen der Lage nicht im Entferntesten richtig ein. Wir verfügen über keine schlüssige Antwort auf diese Krise. Und das hat in der Labour-Partei für Unruhe gesorgt. Wir müssen jetzt aufstehen und sagen: Diese Krise haben die Torys verursacht. Und wir müssen die Sache reparieren.

Heinemann: Seb Dance, vielen Dank für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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