Montag, 03. Oktober 2022

Debatte über Spitzensportförderung
"10 Prozent mehr Geld heißt nicht: 10 Prozent mehr Medaillen"

Wie soll eine effektive Spitzensportförderung in Deutschland künftig gestaltet werden? Einfach mehr Geld ins System zu pumpen, dies alleine reiche nicht aus, sagten die Olympiasieger Britta Steffen und Jonas Reckermann im Sportgespräch. Beide arbeiten heute mit jungen Sportlerinnen und Sportlern.

Britta Steffen und Jonas Reckermann im Gespräch mit Matthias Friebe | 21.08.2022

Beachvolleyball-Olympiasieger Jonas Reckermann
Beachvolleyball-Olympiasieger Jonas Reckermann: "Olympia in Deutschland, wenn es ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist" (picture alliance)
Britta Steffen, zweifache Schwimm-Olympiasiegerin von 2008, gibt ihre Erfahrungen als Laufbahnberaterin am Olympiastützpunkt in Berlin weiter. Jonas Reckermann gewann an der Seite von Julius Brink 2012 Olympia-Gold im Beachvolleyball, er arbeitet heute als Lehrer an einem Gymnasium in Leverkusen.

Defizite bei der Förderung des Spitzensports in Deutschland

Die frühere Weltklasse-Schwimmerin Steffen sieht nach wie vor Defizite bei der Förderung des Spitzensports in Deutschland, auch an Eliteschulen. Es brauche insgesamt mehr Geld im System, aber vor allem eine bessere Verteilung der eingesetzten Mittel. Steffen sprach von "Insellösungen", aber insgesamt fehle es an einem sichtbaren Konzept und Beispielen, wo eingesetzte Mittel erkennbar zu sportlichen Erfolgen führten.
Auch Reckermann sieht bei der finanziellen Förderung des Spitzensports in Deutschland einen Nachholbedarf gegenüber anderen Nationen, vor allem was die Entlohnung von Trainern angehe. "Es wäre aber zu einfach, zu sagen: Wenn wir 10 Prozent mehr Budget reinstecken, dann haben wir auch 10 Prozent mehr Medaillen." Wichtig sei vor allem eine Verbesserung der Strukturen, etwa die Anbindung an Hochschulen, auch die Unterstützung von Laufbahnberaterinnen an den Stützpunkten, wie Britta Steffen.  

Britta Steffen: "Breitere gesellschaftliche Basis für den Sport"

Bei der Frage, wie eine bessere Förderung des Spitzensports aussehen könnte, forderte Olympiasiegerin Steffen auch eine Wertedebatte. Es müsse erst eine breitere gesellschaftliche Basis dafür geschaffen werden, wie wichtig Sport und Bewegung im Allgemeinen ist, bemerkte Steffen: "Dann wäre die Wertschätzung für den Sport eine andere." Aus dieser größeren Breite heraus könne man dann auch die Spitze besser entwickeln und dort das Geld gezielter einsetzen.
Jonas Reckermann, der an einem Gymnasium in Leverkusen mit angeschlossenem Sportinternat arbeitet, skizzierte die Rolle der Schulen bei der Förderung des sportlichen Nachwuchses. Vor allem das System der Eliteschulen, die in ihrer jeweiligen Region eng an die Vereine angebunden sind, spiele hier eine wichtige Rolle. Im Vordergrund stehe aber immer die Vereinbarkeit von Sport und schulischer Leistung.

Reckermann: "Leistungssport ohne Breitensport unmöglich"

Wie Steffen betonte aber auch Reckermann, wie wichtig es sei, den Sport in seiner ganzen Breite zu fördern und sich nicht nur auf den Spitzensport zu konzentrieren. "Wir haben Anmeldungen ohne Ende in den Vereinen, in vielen Abteilungen, gerade im Kinder und Jugendbereich. Es fehlen aber Trainer und Hallen. Deshalb muss auch der Breitensport mitgenommen werden."
Am sportorientierten Gymnasium in Leverkusen werde deshalb auch versucht, sportinteressierte Kinder in speziellen Kursen für das Ehrenamt, die Trainerausbildung oder eine Tätigkeit als Sporthelfer zu gewinnen. Davon profitiere zum einen die Gesellschaft. "Ich bin froh um jedes Kind, das sich bewegt, auch wenn völlig klar ist, dass es niemals irgendwas mit dem Thema Leistungssport zu tun hat." Zugleich aber auch der Spitzensport, durch eine breitere Basis an Menschen, die sich im Sport betätigen: "Leistungssport ohne Breitensport ist ein Ding der Unmöglichkeit."
Schwimm-Olympiasiegerin und Laufbahnberaterin Britta Steffen
Schwimm-Olympiasiegerin und Laufbahnberaterin Britta Steffen: "Den Sport auf eine breitere gesellschaftliche Basis stellen" (picture alliance)
Für eine breitere Verankerung von Sport und Bewegung spiele der Spitzensport aber weiterhin eine herausragende Rolle, betonte Reckermann. Ohne Idole, Aushängeschilder in einer Sportart sei es auch für Breitensport deutlich schwieriger, neue Mitglieder zu generieren und die Leute in Bewegung zu bringen.

Steffen begrüßt Umdenken im Umgang mit Spitzensportlern

Britta Steffen konstatierte ein Umdenken im Umgang mit bei der Wahrnehmung von Spitzensportlerinnen und -sportlern und ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft.
"Als junge Athletin musste ich bei meinen Idolen erleben, wie sie medial richtig durch den Kakao gezogen wurden", sagte Steffen. "Das hat mir als junge Athletin richtig Angst gemacht, dass ich gedacht habe: Hey, will ich das überhaupt, eine gute Athletin werden? Denn wenn es einmal nicht läuft, dann wirst du zerhackt. Das darf nicht sein."

Partizipativer Führungsstil als Erfolgsfaktor

Inzwischen sei es viel besser möglich und auch anerkannter, sich psychologisch betreuen zu lassen, um dem immensen Druck besser standhalten zu können: "Da haben wir uns wirklich entwickelt."
Auch dass der Umgang von Trainern mit Athletinnen und Athleten inzwischen stärker im Fokus steht, sei eine wichtige Entwicklung, betonte Steffen: Die Abkehr vom autoritäten, hin zum partizipativen Führungsstil, auch dies könne ein Erfolgskriterium sein, für bessere Leistungen.

European Championships als Vorbild für Olympia in Deutschland?

Der geänderte Blick auf den großen Sport sei auch bei den European Championships in München zu besichtigen gewesen, sagten die Olympiasieger im Dlf-Sportgespräch. Die Veranstaltungen seien „super angenommen worden von der Bevölkerung“, sagte Jonas Reckermann, eben weil der Sport im Vordergrund gestanden habe.
Vor diesem Hintergrund befürworteten Steffen und Reckermann auch eine mögliche neue deutsche Olympia-Bewerbung, solange dies ökologisch und ökonomisch sinnvoll umzusetzen wäre. Dies könne die Begeisterung für den Sport in der Gesellschaft sicherlich weiter anfachen.