Donnerstag, 02. Februar 2023

150. Geburtstag des Verlegers
Bruno Cassirer - er verlegte Kunst, Bücher und Pferde

Der Kunstsalon Cassirer brachte den Impressionismus ins Deutsche Kaiserreich und setzte die Berliner Secessionisten durch. Bruno Cassirer überließ die Galerie 1901 seinem Cousin Paul, reüssierte als Verleger - und floh 1938 nach England.

Von Jochen Stöckmann | 12.12.2022

Der Verleger und Galerist Bruno Cassirer (1872-1941) auf einem Gemälde des Berliner Malers Max Liebermann, 1921
Der Verleger und Galerist Bruno Cassirer (1872-1941) auf einem Gemälde des Berliner Malers Max Liebermann, 1921. Cassirer förderte Vertreter des deutschen Impressionismus wie Liebermann. (picture alliance / akg-images / akg-images)
„Das war ein richtiges Chefbüro mit einem schweren Clubsessel, in dem Cassirer meistens saß. Und er erzählte mir, es sei Autoren seines Verlages nicht zu empfehlen, Vorschuss zu verlangen. Das hätte mal Frank Wedekind getan und darauf hätte er Frank Wedekind durch den Packer des Verlages vor die Tür setzen lassen. Aber nachher hat er ihn verlegt.“
Die erste Begegnung mit Bruno Cassirer im Sommer 1933 gerät für den angehenden Schriftsteller Wolfgang Koeppen zur Schlüsselszene. Der Verleger wirkt zugeknöpft und unnahbar, zeigt sich dann aber dem jungen Autor gegenüber so aufgeschlossen, dass er gegen heftige Schmähkritik der Nazi-Presse Koeppens erste Romane herausbringt.

Galerie Cassirer - Der Kaiser ist "not amused"

Bruno Cassirer, geboren am 12. Dezember 1872 in Breslau, pflegt seine ganz eigenen Ansichten – und setzt sie gegen Widerstände durch. Zusammen mit seinem Vetter Paul Cassirer gründet er 1898 in Berlin einen Kunstverlag mit Galerie, engagiert sich für die Künstler der Secession und bringt die französischen Impressionisten nach Deutschland – sehr zum Ärger des Kaisers. Wilhelm II. inspiziert die Nationalgalerie, deren Direktor Hugo von Tschudi Gemälde von Manet, Cézanne und Renoir prominent platziert hat. Tage später berichtet Bruno Cassirer seinem Pariser Kunsthändler-Kollegen Durand-Ruel:
“Sie wissen wahrscheinlich, dass Herr von Tschudi gezwungen war, die impressionistischen Bilder aus dem dafür vorgesehenen Kabinett zu entfernen. Das alles geschah auf besonderen Befehl des Kaisers.“

Wegen "unzüchtiger Schriften" vor Gericht

Cassirer findet seinen eigenen Weg. Er verlegt bibliophile, aufwendig illustrierte Bücher, selten sind es Bestseller wie die „Galgenlieder“ seines Lektors Christian Morgenstern, die 1920 bereits in der 55. Auflage gedruckt werden. „Die Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind landet 1904 wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften vor Gericht, der Prozess geht durch drei Instanzen. Und Bruno Cassirer stellt fest:
„Man gewinnt am meisten, wenn man da noch lächeln kann, wo man eigentlich zuschlagen möchte.“
Vom zivilisierten Streit, der fruchtbaren Debatte zwischen Verleger und Redakteur, lebt die Zeitschrift „Kunst und Künstler“. Karl Scheffler, der das Blatt bis zum Schluss 1933 leitet, beschreibt das Verhältnis als „freundschaftliche Feindschaft“. Für Bruno Cassirer ist das die Seele des Verlagsgeschäfts:
„Mit Organisation und mit Administration allein kann man nicht geistig aufbauen. Wenn man nur Geist zu Geld machen will, dann wird das Ganze ein Pokerspiel.“
Nicht auf gut Glück, sondern mit einem Wettbewerb baut der Verlag das literarische Programm aus. 1929, in einem Krisenjahr der Weimarer Republik, werden junge Autoren aufgerufen, wirtschaftliches Elend und soziale Spannungen zu schildern. Als der Lektor Max Tau einen Kandidaten für die Erstveröffentlichung präsentiert, fragt Cassirer: Ist er ein Genie oder ein Talent? Ein Genie kostet mich dreihundert Mark im Monat, ein Talent ist billiger.“
Shakespeare, "Macbeth": Illustrationen des impressionistischen Malers und Grafikers Max Slevogt, herausgegeben 1927 vom Verlag Bruno Cassirer.
Shakespeare, "Macbeth": Illustrationen des impressionistischen Malers und Grafikers Max Slevogt, herausgegeben 1927 vom Verlag Bruno Cassirer. (picture alliance / akg-images / akg-images)
Da schlägt der Pferdeverstand durch: Für den Verlag sucht Cassirer gute Autoren, in seinem Gestüt erfolgreiche Traber. Der Hengst „Walter Dear“, 1930 gekauft, ist ein Talent, mausert sich zum schnellsten Rennpferd Deutschlands. Und Wolfgang Koeppen lernt seinen Verleger von einer ungewohnten Seite kennen:
„Menschlich nahegekommen bin ich ihm, als er mich mal einlud zu seinem Pferd. Er wollte mich seinem berühmten Pferd vorstellen. Ich kam in ein schönes Gespräch mit ihm – mit dem Pferd.“

Hoffnung auf schnelles Ende der Nazi-Diktatur

In der Politik setzt Cassirer alles auf konservative Kräfte, von denen er ein schnelles Ende der Nazi-Diktatur erhofft:
„Das geht alles vorüber. Das ist nur eine schwarze Wolke am Himmel. Es gilt nun, die Kultur zu erhalten. Selten hatten wir eine so große Aufgabe.“
Die Reichsschrifttumskammer, deren Vorgaben Cassirer noch bis 1936 mit einigen Neuerscheinungen zu umgehen versteht, entzieht dem jüdischen Verleger 1937 die Mitgliedschaft. Bruno Cassirer verlässt Deutschland und stirbt am 29. Oktober 1941 in Oxford.