Montag, 23. Mai 2022

Rinderwahnsinn BSE
25 Jahre nach der Notschlachtung von Importrindern

In den 1990er-Jahren sorgte die sogenannte BSE-Krise für einen Einbruch des Rindfleischmarktes in Europa. Die Tierkrankheit verunsicherte Verbraucher und Politik. In Deutschland wurden Tausende Rinder aus Großbritannien und der Schweiz notgeschlachtet – auch weil man zu wenig wusste über die Ursache von BSE.

Von Lutz Reidt | 21.01.2022

Gesunde Tiere wurden notgeschlachtet, obwohl sie gesund waren. Auch in anderen europäischen Ländern fanden Notschlachtungen statt, wie die von 151 Rindern am 25.03.1996 auf einem Bauernhof in der französischen Bretagne
Gesunde Tiere wurden notgeschlachtet, obwohl sie gesund waren. Auch in anderen europäischen Ländern fanden Notschlachtungen statt, wie die von 151 Rindern am 25.03.1996 auf einem Bauernhof in der französischen Bretagne (picture-alliance / dpa / epa AFP)
Gerade hat Wilhelm Bussen frisches Heu in die Vorlage geschaufelt, schon beginnt das große Fressen im Rinderstall. Die Mutterkühe gehen voran, die Kälber folgen. Weizengelb die einen, kastanienbraun die anderen. Es sind französische Rassen, Aubrac und Salers, die Wilhelm Bussen im Nebenerwerb hält, in einem nach drei Seiten offenen Stall - knapp 20 Kühe mit gut 40 Kälbern:
„Die stammen beide aus dem Großraum Zentralmassiv, Auvergne, dort werden sie auch als Mutterkuhrassen in der Regel gehalten mit wenigen Ausnahmen. Und die ganze Region da vom Zentralmassiv ist reines Grünland. Ackerbau ist da nur sehr schwer möglich, und dort hat man sich einfach auf extensive Haltung von Mutterkuhrassen spezialisiert, ganz einfach, weil eben die sich bewährt haben, sie sehr robust sind und nicht unbedingt Kraftfutter brauchen und recht gut mit Gras und Heu zurechtkommen."

22. Januar 1997: Schlachtung von 5.700 Importrindern auf Verdacht

Im Winter Heu, und im Sommer frisches Gras auf der Weide - so soll es sein auf dem Bussen-Hof im schwäbisch-bayerischen Allmannshofen, zwischen Donauwörth und Augsburg gelegen. Und so war es im Grunde auch schon vor 25 Jahren. Damals war Wilhelm Bussen noch als Gutsverwalter auf einem 200-Hektar-Anwesen tätig, und zwar in Oberbayern, unweit des Ammersees. Eine Herde mit rund 300 Galloways hatte er dort aufgebaut - aus Schottland stammende, sehr robuste Rinder für die ganzjährige Freilandhaltung.
Die meisten Tiere waren bereits in Deutschland geboren. Doch gut 20 davon stammten aus Großbritannien und deswegen drohte ihnen der Weg zur Schlachtbank. Denn Bund und Länder hatten am 22. Januar 1997 die Notschlachtung von Rindern angeordnet, die in der Schweiz und Großbritannien geboren worden waren. Man wollte so verhindern, dass eine von Großbritannien ausgehende Nutztiererkrankung auch nach Deutschland übergreift: Der Rinderwahnsinn BSE. Ausgelöst durch das Verfüttern von verseuchtem Tiermehl.

Tierhalter übt Kritik an der „Symbolpolitik“

Für Wilhelm Bussen war diese Anordnung ein Schock: Eine Notschlachtung von Tieren, nur, weil sie woanders zur Welt gekommen waren. Und nicht etwa, weil sie im Verdacht standen, das Falsche gefressen zu haben – was Wilhelm Bussen schon damals anzweifelte: "Es ist einfach so, dass die Galloways grundsätzlich eben auch nur Gras und Heu kriegen, und als Mutterkuhrasse - weil die Kälber immer bei der Kuh bleiben und niemals extra Futter kriegen - konnten sie nach meinem Wissensstand diese Krankheit nicht kriegen. Es war einfach nicht möglich. Und von daher hat es mich halt ziemlich aufgeregt, weil sich bestimmte Politiker das so ausgedacht haben, damit man eben sieht, für den Verbraucher, es wird etwas getan, aber es war eine völlig sinnlose Aktion.“

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Deutsche Rinder waren zunächst noch nicht an BSE erkrankt. Die Wende kam Ende 1996, und das war Anlass für die Notschlachtungsanordnung wenige Wochen später, im Januar 1997. Bei Höxter im Weserbergland starb ein aus Großbritannien stammendes Gallowayrind an BSE. Der erste Fall in Deutschland. Vier weitere BSE-Fälle bei Importrindern sollten folgen. Nun sollten alle importierten Rinder aus Großbritannien und der Schweiz gekeult werden, samt ihrer Folgegenerationen. Symbolpolitik auf Kosten der Tierhalter und der Rinder. So sah es Wilhelm Bussen damals, und so sieht er es auch heute noch.
Erstmals diagnostiziert wurde BSE 1986 in Großbritannien. Das Kürzel steht für „Bovine Spongiforme Enzephalitis“. Das Hirn der erkrankten Rinder weist charakteristische Fehlstellen in der Hirnmasse aus, die dann ähnlich aussieht wie ein Schwamm. Die Ursache dafür kam zwei Jahre später ans Licht: Verseuchtes Tiermehl, in dem unbedenkliche Schlachtabfälle mit Resten infektiöser Tierkadaver miteinander vermengt waren.
Zwei Hände halten Tiermehl
Verseuchtes Tiermehl vermengt mit Resten infektiöserTierkadaver als Ursache für BSE (picture alliance / dpa | Tobias Kleinschmidt)

Verseuchtes Tiermehl als Ursache für BSE?

Martin Groschup vom „Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit“ auf der Insel Riems bei Greifswald in Vorpommern kritisiert, dass in Großbritannien ab Mitte der 1970er-Jahre auf bewährte Standards keinen Wert mehr gelegt wurde, um Geld zu sparen: „Man verwendete eine niedrigere Temperatur; nicht mehr die erforderlichen 133 Grad Celsius für 20 Minuten, sondern nur noch weniger als 100 Grad Celsius; und gleichzeitig verzichtete man auf die Dampfdruck-Behandlung. Dadurch konnten die BSE-Erreger fortan im Tiermehl überleben.“
BSE begleitet Martin Groschup schon fast ein Berufsleben lang. Der Fachtierarzt unterstreicht, dass der Ursprung des Erregers, entgegen anderslautender Meldungen, immer noch unklar ist. Die Forschung tappt hier also immer noch im Dunkeln: „Es gibt bei Schafen schon seit Jahrhunderten die so genannte Scrapie-Erkrankung, ebenfalls eine spongiforme Enzephalopathie, aber die dabei auftretenden Erreger unterscheiden sich eindeutig vom BSE-Erreger.“

Kennzeichnungspflicht für Importfleisch von der EU gefordert

Die Anordnung zur Notschlachtung von Import-Rindern vor 25 Jahren war eine deutliche Zäsur. Denn im Jahr zuvor noch war die von Helmut Kohl geführte Bundesregierung überzeugt, dass BSE nur ein Problem von britischen Rindern war, auf britischem Boden. Der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert von der CDU drängte deswegen die EU in Brüssel, eine Kennzeichnungspflicht für Importfleisch anzuordnen, so wie es bei Obst und Gemüse schon lange Usus war:
„Wir werden dies auch jetzt wieder erneut fordern. Und ich hoffe, dass wir vor dem Hintergrund der jetzigen Situation in Europa auch eine Regelung bekommen, die dann dazu führt, dass auch bei Fleisch eine Kennzeichnung stattfindet. Das heißt, gekennzeichnet wird, aus welchen Ländern das Fleisch stammt, damit der Verbraucher beim Kauf die Sicherheit hat und weiß, woher das Fleisch stammt.“
Lendensteak, Rindersteak, Tomaten und Kartoffelspalten auf einem Grill
Kennzeichnungspflicht für Importfleisch gefordert (picture alliance / imageBROKER / Paul Williams)
Unterstützt vom damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer war Jochen Borchert im Rahmen einer Bundespressekonferenz im März 1996 hörbar bemüht, keine Panikstimmung in der Bevölkerung aufkommen zu lassen:
Borchert: „Also, ich esse gerne Rindfleisch und empfehle allen, Markenfleisch aus Deutschland zu essen.“
Seehofer: „Ich füge auch absolut das Gleiche hinzu und würde jedenfalls in Bayern empfehlen, auch noch besonders bayerisches Rindfleisch." (Gelächter)

BSE-Variante tauchte erstmals auch bei Menschen auf

Frohsinn in Berlin, Kummer in Großbritannien. Inzwischen hatten die britischen Behörden weit mehr als 100.000 BSE-Fälle bei Rindern nachgewiesen, und dann kursierten auch erste Meldungen von infizierten Menschen, die zum Teil noch sehr jung waren, mit Symptomen, die sonst eher bei alten Menschen auftreten: Vergesslichkeit, Sehprobleme und taumelnder Gang sowie ein Verfall der Persönlichkeit bis hin zu vorzeitiger Demenz. Die Gehirnveränderung ähnelt stark der klassischen Creutzfeld-Jakob-Erkrankung. Martin Groschup vom „Friedrich-Löffler-Institut“:
„Im Jahr 1996 wurden die ersten Fälle der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung bei Menschen dort festgestellt, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Übertragung von BSE zurückzuführen waren.“ Offenbar verursacht durch den Verzehr von verseuchten Rindfleischprodukten.
Ende November 2000, also knapp vier Jahre nach der verordneten Notschlachtung, wurde dann der erste BSE-Fall eines in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Rindes bekannt. Das kleine Dorf Hörsten am Nord-Ostsee-Kanal in Schleswig-Holstein geriet in die Schlagzeilen. Der gesamte Rinderbestand des Halters dort - 166 Tiere - wurde in die Tierkörperbeseitigungsanlage Neumünster geschafft und dort getötet.
Meldungen über weitere Fälle häuften sich jetzt, besonders in Bayern. Der Milchviehhalter Josef Schmid ist Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft: „Die ersten Fälle in Bayern waren wirklich bei Milchviehbetrieben, die ansonsten überhaupt nicht auffällig waren, einfach ganz durchschnittliche Betriebe waren das."

BSE - Deutschlands "Futtermittelskandal"

In der Europäischen Union war das Verfüttern von Tiermehl schon seit 1994 verboten. Dennoch gelangte verseuchtes Futter in deutsche Tröge - warum nur?
„Es ist natürlich so, dass man damals auch bei den Futtermitteln weniger auf die Herkunft achtete und dass die Herkünfte damals noch weniger nachvollziehbar waren, als das heute der Fall ist. Und es könnte theoretisch möglich sein, dass Tiermehl aus Großbritannien oder aus einem anderen EU-Staat in Deutschland im Futter verwendet wurde."
Spätestens jetzt war BSE als „Futtermittelskandal“ auch in Deutschland angekommen. In Zeiten eines gemeinsamen Agrarmarktes mit seinen verschlungenen, häufig nur schwer nachvollziehbaren Handelswegen war dies nur eine Frage der Zeit, urteilt Matthias Wolfschmidt von der Verbraucherschutzorganisation „Foodwatch“:
„Da gibt es ja die vorherrschende Auffassung: Wir machen es ja besser als die anderen; wir haben das alles im Griff; bei uns kann es eigentlich gar nicht passieren. Das werfe ich eigentlich retrospektiv der Agrarpolitik und damit den handelnden Regierungsverantwortlichen vor: Den Eindruck zu erwecken, dass um uns herum, also um Deutschland herum, zwar so und so viele Fälle aufgetaucht sind, und dass aber in Deutschland vorbeigehen würde. Das hat wertvolle Zeit gekostet und letztlich auch verschwendet, würde ich sagen."

Schlachtabfälle als Bestandteil von Billigfleischprodukten

Matthias Wolfschmidt war seinerzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag beschäftigt und ist als ausgebildeter Veterinärmediziner ein kundiger Zeitzeuge des BSE-Geschehens von damals. Als Ende 2000 die ersten BSE-Fälle von in Deutschland geborenen Tieren nachgewiesen wurden, waren die Unionspolitiker Jochen Borchert und Horst Seehofer längst nicht mehr im Amt. Den Nachfolgern, Karl-Heinz Funke von der SPD und Andrea Fischer von den Grünen, blieb das Problem BSE erhalten. Und das drängte mit weiteren Facetten auf die Agenda. So stellte sich heraus, dass bereits 1996, also noch zur Amtszeit von Borchert und Seehofer, die EU-Kommission in Brüssel eine Warnung an ihre Mitgliedsstaaten übermittelt hatte, somit auch an die Bundesregierung. Es ging dabei um Schlachtabfälle, die in der industriellen Fleischwirtschaft als wichtiger, weil billiger Bestandteil, die Grundrezepturen bestimmten. Von Brühwürsten über Leberkäse und Döner-Kebab-Spießen bis hin zu Brühwürfeln und Fleischpasten - das so genannte „Separatorenfleisch“:
„Separatorenfleisch ist das am Knochen anhaftende Muskelgewebe. Das sind also letzte Muskelfasern sozusagen, die man mechanisch vom Knochen dann abgelöst hat, bei denen dann teilweise auch Knochenhaut und Knochenmaterial mit abgelöst wurde, also kleinste Knochensplitter; und da die Nerven, die Innervation des Muskels ja in den Knochen hinein und über die Knochenhaut teilweise geht, gab es eine Verknüpfung zu möglichen riskanten Nervengewebsstrukturen. Deswegen hat man gesagt beim Separatorenfleisch, das sollte man eigentlich überhaupt nicht von Wiederkäuern in die Nahrungskette gelangen lassen.“

EU-Verordnung schränkt Nutzung von Separatorenfleisch ein

Doch das geschah weiterhin. Derweil häuften sich BSE-Nachweise, vor allem in Bayern. Gesundheitsministerin Fischer und Agrarminister Funke gerieten zunehmend unter Druck. Anfang Januar 2001 traten sie fast zeitgleich von ihren Ämtern zurück. Inzwischen war BSE Chefsache geworden. Eine Woche nach den Rücktritten trat Bundeskanzler Gerhard Schröder von der SPD vor die Mikrofone:
„Wenn ein Fall auftaucht, dann bleibt bisher nur die Möglichkeit zu sagen: Wir müssen die ganze Herde schlachten und das Fleisch vernichten, weil wir zu wenig wissen. Nur, ich habe jetzt eine Bitte: Wir sind ganz besonders vorsichtig, weil wir uns nicht erneut irgendwann vorwerfen lassen wollen von Ihnen oder anderen: Was habt ihr denn damals gemacht? Da wart ihr wieder zu blauäugig. Und deswegen brauchen wir Zeit, um das vernünftig zu prüfen, vernünftig zu regeln, denn wir müssen jetzt alles ausschließlich unter dem Gesundheitsaspekt betrachten, was in diesem Bereich geschieht!“
Erst jetzt, fünf Jahre nach dem Warnruf aus Brüssel, trat im Juni 2001 eine EU-Verordnung in Kraft. Seitdem ist die Nutzung von Separatorenfleisch nur noch eingeschränkt möglich, und bei Risikomaterial – Hirn- und Rückenmark - gilt ein Verbot wegen der möglichen Infektionsgefahr für Menschen.
Bayerns Sozialministerin Barbara Stamm (CSU) verteidigte 2001 den bayerischen Sonderweg in Anlehnung an das Schweizer Modell, bei dem im Fall einer einzelnen BSE-Infektion auf eine Herdentötung verzichtet werde
Bayerns Sozialministerin Barbara Stamm (CSU) verteidigte 2001 den bayerischen Sonderweg in Anlehnung an das Schweizer Modell, bei dem im Fall einer einzelnen BSE-Infektion auf eine Herdentötung verzichtet werde (picture-alliance / dpa / Stephan Jansen)

Proteste gegen Notschlachtungen

Wilhelm Bussen genießt den Anblick seiner friedlich fressenden Salers und Aubrac-Rinder. Vor 25 Jahren war seine Stimmung ganz anders. Als Gutsverwalter in Oberbayern kämpfte er für seine Galloway-Rinder, denen vorzeitig die Schlachtbank drohte. Mit anderen Rinderhaltern hatte er sich zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam informierten sie sich bei Wissenschaftlern, fuhren dafür nach München und in die Schweiz, ließen sich Sachverhalte erklären, sammelten Argumente. BSE sei kein Problem für Rinder, die nur Gras und Heu fressen, war die Meinung der Forscher, die Tiere würden sich auch nicht gegenseitig anstecken. Vor allem aber wäre ein befristetes Verwertungsverbot der Rinder ein guter Kompromiss, weil ein Münchner Forscher einen BSE-Test für noch lebende Rinder entwickeln wollte.
Mit diesen Argumenten zogen sie nur wenige Wochen nach der Anordnung zur Notschlachtung vor Gericht. Mit Erfolg. Die Richter urteilten in ihrem Sinne: „Und daraufhin hat man halt das Ganze auf freiwilliger Basis gemacht, und hat dann eine relativ hohe Entschädigung angeboten für diejenigen, die ihre Tiere töten lassen; und der Eigentümer, der wollte halt unbedingt, dass die von dem Betrieb verschwinden, also sprich: getötet werden; und das war dann mit ein Grund, warum ich dann dort die Stellung gekündigt habe."
Kein Gutsverwalter mehr am Ammersee. Doch Wilhelm Bussen wollte die Argumente damals auch beim Bauernverband und im zuständigen Gesundheitsministerium in Bayern vortragen. Er sei damit auf taube Ohren gestoßen:
„Ich habe das ganz deutlich beim Bauernverband gemerkt. Man hat gehofft, dass das Ganze so still und leise wieder verschwindet, ohne dass sie da direkt darauf reagieren müssen. Und so ähnlich hatte ich das Gefühl bei den Politikern auch. Ihnen war klar: Das ist aus Sicht eines Entscheidungsträgers brisant; vor allen Dingen, weil die meisten ja gar nicht wussten, worüber sie da reden. Und es war einfach eine Situation, wo jeder gedacht hat: Hoffentlich geht das schnell vorbei, ohne viel Aufsehen und gut ist. Aber das war halt nicht der Fall.“

Notgeschlachtete Rinder: Fast alle waren kerngesund

Und so kam es, dass vor 25 Jahren mehr als 5.700 Importrinder notgeschlachtet wurden. Heute weiß man: Fast alle waren kerngesund. Denn die meisten wurden nachträglich auf BSE untersucht. Martin Groschup vom „Friedrich-Löffler-Institut“ kann nur einen einzigen positiven Fall in der Dokumentation finden - ein Rind aus der Schweiz. Der Forscher räumt heute auch ein, dass BSE nicht ansteckend ist, weder von Tier zu Tier in einer Herde, noch von der Kuh aufs Kalb. Dies sei jedoch vor 25 Jahren noch umstritten und nicht abschließend geklärt gewesen, sagt der Fachtierarzt.
Seit 2009 ist BSE nur noch dreimal in Deutschland bei Rindern nachgewiesen worden. 2014 bei zwei älteren Tieren aus Brandenburg. Und im vergangenen Jahr bei einem ebenfalls schon alten Rind in Bayern. Überall wurde ein sogenannter atypischer BSE-Erreger festgestellt. Martin Groschup hält es für möglich, dass es sich hier um eine Art Alzheimer bei Rindern handeln könnte. Mit der eigentlichen Tierseuche habe dies aber nichts zu tun. BSE - so hat es den Anschein - ist kein Thema mehr.
Kritiker argwöhnen, dass es ohnehin nur eine „Phantom-Seuche“ gewesen sei - von den Medien gepuscht und auf dem Rücken der Rinder und Tierhalter ausgetragen. Doch Martin Groschup hält dagegen: 190.000 BSE-Fälle allein in Großbritannien sprächen eine deutliche Sprache. Ebenso die sicher dokumentierten Fälle der neuen Creutzfeldt-Jacob-Variante beim Menschen. In Deutschland wurde zwar kein einziger Fall bekannt. Doch weltweit erkrankten bislang 226 Menschen, davon 174 in Großbritannien und 26 in Frankreich.

Rinderzüchter: Viele sind immer noch auf Billigfleisch aus

Der Futtermittelskandal war real, der BSE-Spuk ist Geschichte. Wilhelm Bussen ist froh über Letzteres. Viel lieber widmet er sich seinen französischen Edelrassen aus der Auvergne. Die extensive Mast mit Heu und Gras über drei Jahre hinweg liefert ein besonderes Fleisch, das Kenner schätzen und gut bezahlen – und von diesen Gourmets gibt es immer mehr. Der Konsum von Rindfleisch in Deutschland ist heute fast wieder so groß wie vor der BSE-Krise. Wenngleich immer noch viele Menschen auf Billigfleisch aus sind - aber das war vor 25 Jahren auch nicht anders:
„Als die Situation mit BSE so richtig diskutiert wurde, hat dann ein Metzger, die natürlich auch massivste Probleme hatten, ihr Rindfleisch loszuwerden, Werbung gemacht damit, dass er sämtliches Rindfleisch, was er hat, für den halben Preis hergibt. Daraufhin haben sich sehr, sehr lange Schlangen vor seinem Laden gebildet, die alle auf einmal Rindfleisch haben wollten, denn merkwürdigerweise war es dann nicht mehr so gefährlich, dieses Fleisch zu essen, weil es nur noch halb so teuer war.“