Dienstag, 07. Dezember 2021

Archiv

Buch für Unterricht verbotenAutorin Dorit Rabinyan nicht zur Versöhnung bereit

Die israelische Schriftstellerin Dorit Rabinyan hat erlebt, was das heißt, wenn postfaktisch Dinge über einen Menschen behauptet werden, die jeder Grundlage entbehren. Ihr Buch wurde am vorletzten Tag des Jahres 2015 in Israel auf den Index gesetzt, die Folgen spürt sie bis heute. Allerdings nicht nur negative.

Von Sabine Adler | 30.12.2016

Die israelische Schriftstellering Dorit Rabinyan während eines Fotoshootings in Rom.
Dorit Rabinyan kann sich dennoch nicht über mangelnde Solidarität nicht beklagen. (imago stock&people)
Vor genau einem Jahr wurde aus der israelische Erfolgsautorin Dorit Rabinyan eine Feindin der Nation. Ihr Buch, das auf Deutsch "Wir treffen uns am Meer" heißt, sei eine Bedrohung der jüdischen Identität. Das ist es zumindest in den Augen des Bildungsministers Naftali Bennet. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einem Palästinenser und einer Israelin in New York, was genügte, um es für den Schulunterricht zu verbieten. Hätte der Minister das Buch tatsächlich gelesen, hätte er nichts Unpatriotisches darin gefunden und es wohl kaum verboten. Stattdessen bezichtigte er sie, die israelische Armee zu diffamieren.
"Das, was mir widerfahren ist, ist sehr typisch für unseren kollektiven Zeitgeist: dass man jeder Information misstrauen muss. Weil es keine Quellen mehr gibt, auf die man sich verlassen kann, die Medien nicht mehr zuverlässig sind. Postfaktisch. Aber was soll das heißen? Genaugenommen Lügen."
Im Fernsehen als "Feindin der Nation" bezeichnet
Viele schenkten den Worten des Bildungsministers keinen Glauben, sondern verstanden sein Vorgehen als Angriff auf die künstlerische und Redefreiheit und Lüge. Denn die Liebenden in dem Roman stehen zu ihrer Herkunft, verraten gerade nicht die eigenen Überzeugungen.
"Am Tag nachdem er mich in den 8-Uhr-Nachrichten als Feindin der Nation bezeichnete, sprach mich in meinem Supermarkt ein Verkäufer an. Ach, Sie waren das! Warum haben sie diese gemeinen Dinge über unsere Soldaten geschrieben? Ich fragte: Haben Sie mein Buch gelesen? Da meinte er: Mir reicht, was ich von Minister Bennet darüber gehört habe, ich werde dieses dreckige Buch nicht lesen."
Dorit Rabinyan kann sich dennoch nicht über mangelnde Solidarität nicht beklagen, die wichtigsten Autoren des Landes standen, wie sie sagt, wie Bodyguards hinter ihr. Und nicht nur sie.
Die zierliche Autorin möchte mir etwas zeigen. Wir verlassen das Café und laufen los. Zu einem Gymnasium.
"Ein Lehrer, der hier Literatur unterrichtet, hat im Auftrag der Lehrergewerkschaft 800 Exemplare meines Buchs gekauft. So wollen die Lehrer dem Minister klarmachen, dass er nicht derjenige ist, der ihnen sagt, was sie lesen und unterrichten sollen."
Ganz frei sind die Lehrer nicht, aber sie haben einen Spielraum:
"30 Prozent des Curriculums dürfen sie nach ihrem Literatur-Geschmack gestalten. Mein Buch darf zwar nicht als Pflichtlektüre eingesetzt werden, aber wer will, kann es in diesem Rahmen im Unterricht behandeln."
Die 43-Jährige, deren Eltern aus dem Iran stammen, will weiter, hin zum Yitzak-Rabin-Platz in Tel Aviv, auf dem für kurze Zeit ein neues Denkmal aufgetaucht war.
"Es war eine kleine Demonstration, aber komisch, Leute kamen direkt hier her, sie wollten es sich ansehen, das vier Meter hohe Denkmal von Premier Netanjahu."
Überlebensgroß, ganz aus Gold erinnerte es an Kim Il Sung, den nordkoreanischen Ex-Diktator. Es wurde gemeinschaftlich vom Sockel gestürzt. Was bei dem lebendigen Premier nicht so leicht fallen dürfte, denn Benjamin Netanjahu regiert die dritte Amtszeit in Folge.
"Ich bedauere meine Neffen und die Kinder meiner Freunde, dass sie noch nie eine Zeit erlebt haben ohne das Netanjahu-Regime, diesen Mini-Trump."
Nicht bereit für eine öffentliche Versöhnung
Nach dem starken Gegenwind hat der Minister aus dem Kabinett Netanjahu vorfühlen lassen, ob Dorit Rabinyan zu einer öffentlichen Versöhnung bereit ist.
"Was er getan hat ist unentschuldbar, weil es in voller Absicht geschah. Ich bin eigentlich eine harmoniebedürftige Person, aber er tat das eiskalt und mit Kalkül. Ich bin nicht bereit, ihm dabei zu helfen, sich reinzuwaschen. Ihn hat nichts anderes als Populismus dazu angetrieben, und er hat die Chance genutzt, weil er die Macht hat, das zu tun. Das war unmoralisch."
Drei Romane, ein Dreh- und ein Kinderbuch hat sie bislang geschrieben, doch nach Fiktion steht ihr im Moment nicht der Sinn. Sie brauche jetzt festen Boden unter den Füßen, arbeite an einem Essay.
"Ich habe jetzt das dringende Bedürfnis, ein Sachbuch zu schreiben, keinen Roman. Ich muss jetzt mit der Wahrheit umgehen und will mich nicht an diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten beteiligen, diesem Tanz mit den Teufeln, die versuchen, die Leute zu betrügen und versuchen, Vorteile rauszuschlagen aus der Unschuld und dem Vertrauen der Menschen und ihrer Unfähigkeit, Fakten zu prüfen."
Die Aussicht, dass das neue Jahr mit Donald Trump an der Spitze der Vereinigten Staaten beginnt, ist für sie wenig ermutigend.
"Dass Trump der neue Präsident der USA wird, ist das schlimmste Beispiel für jeden jungen Menschen, der nun sieht, dass die Führung der freien Welt von einem Clown übernommen wurde. Dass jemand so oberflächlich ist und täuscht und damit Erfolg hat."