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StartseiteDeutschland heuteGesundheitsamt: Armut und Wohnen sind maßgebliche Gründe27.04.2021

Corona-Hotspots in KölnGesundheitsamt: Armut und Wohnen sind maßgebliche Gründe

Die Inzidenzen in Kölner Stadtteilen reichen von Null bis 700. Armut sei hier "ein Sozialfaktor, der uns erst im Laufe der Pandemie bekannt geworden ist", sagte der Leiter des Gesundheitsamts in Köln, Johannes Nießen im Dlf. Um gegenzusteuern, setze die Stadt auf vermehrtes Testen und mobile Impfteams.

Johannes Nießen im Gespräch mit Anh Tran

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Eine Frau geht mit Mund-Nasen-Schutz an einem Wohnhaus im Stadtteil Chorweiler vorbei.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Im strukturell benachteiligten Stadtteil Köln-Chorweiler lag die Inzidenz am 27.04.2021 bei rund 520 (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Derzeit steht die Stadt Köln in den Schlagzeilen, da sie unter den 14 größten Städten Deutschlands diejenige mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz ist; am 27.04.2021 lag sie bei 240. Doch dieser Wert ist lediglich ein Durchschnitt für das gesamte Stadtgebiet: Wenn man sich die Inzidenzen in den verschiedenen Stadtbezirken anschaut, sind die Unterschiede groß: von einer Null-Inzidenz in Köln Fühlingen und Hahnwald bis zur 700er-Inzidenz in Köln Libur.

Besonders hart trifft es arme, strukturell schwache, dicht besiedelte Viertel. Wesentlich für hohe Inzidenzen seien Armut und damit verbunden das Wohnen, sagte Johannes Nießen, Leiter des Gesundheitsamts der Stadt Köln, im Dlf, "ob ich nun wie in Köln-Chorweiler auf engem Raum wohne oder wie in Fühlingen mehr Einfamilienhäuser habe".

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Armut als Sozialfaktor sei erst im Laufe der Pandemie bekannt geworden: "Wir kommen jetzt erst drauf zu sehen, dass besonders sozial benachteiligte Stadtteile besonders betroffen sind. Das war zu Beginn der Pandemie in Köln ganz anders. Da spielten andere Faktoren eine Rolle, was die Ausbreitung des Virus angeht, wie jetzt ein Skiurlaub in Ischgl, wo ich mich möglicherweise angesteckt habe." Nun wolle man mit Tests und mobilen Impfteams vor Ort gegensteuern. 

Das Interview zum Nachlesen:

Anh Tran: Köln-Fühlingen verzeichnet eine Sieben-Tage-Inzidenz von null, gleich nebenan in Köln-Chorweiler liegt sie bei über 500. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

Johannes Nießen: Ein ganz wesentlicher Grund ist das Wohnen, ob ich nun auf engem Raum wohne wie jetzt in Köln-Chorweiler mit vielen Menschen, oder ob ich jetzt wie in Fühlingen oder auch in einem anderen Stadtteil in Köln mehr Einfamilienhäuser habe, in denen ich genügend Platz habe und gerade wenn ich dann mich angesteckt habe, auch gut in Quarantäne gehen kann. Das ist ein ganz wesentlicher Grund für diesen Unterschied, der von Null- bis 700-Inzidenz.

Durchschnittliche 7-Tage-Inzidenz in Kölner Stadtteilen im Vergleich mit sozio-ökonomischen Faktoren

Durchschnittliche 7-Tage Inzidenz in Kölner Stadtteilen im Vergleich mit sozio-ökonomischen Faktoren. (Fraunhofer IAIS )Darstellung des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS (Fraunhofer IAIS )

"Der Sozialfaktor spielt eine ganz große Rolle"

Anh Tran: Und welchen Faktor spielt die Armut?

Nießen: Wenn ich wenig Geld habe, kann ich mir auch kein Einfamilienhaus leisten und auch keine große Wohnung, und meist ist es ja auch so, dass die größeren Familien dann auch mehrere Kinder haben, und wenn wenig Geld da ist, wohnt man dann eben zu sechs, sieben Leuten auf sehr engem Raum, auf 80 Quadratmeter. Das ist dann anders, als wenn ich mit zwei Personen auf 150 Quadratmeter wohne.

Das sind die maßgeblichen Gründe, dass eben hier der Sozialfaktor eine ganz große Rolle spielt. Natürlich kommen noch hinzu die Art und Form der Arbeit: Ob ich nun zu Hause im Homeoffice arbeiten kann oder ob ich im Pizzadienst umherfahre, das sind doch schon unterschiedliche Arbeitsverhältnisse, die nicht zuletzt auch da an der Stelle eine nicht unwichtige Rolle spielen.

7-Tage-Inzidenzen in Deutschland

"Streetworker, Test- und Impfangebote"

Tran: Und kommt Information auch gleichmäßig übers Stadtgebiet verteilt an die Menschen heran?

Nießen: Das ist ein Punkt, wo wir als Stadt eben uns noch verbessern müssten. Wir sind schon vor Ort, wir haben Streetworker, wir sprechen in vielen Sprachen die Menschen an, aber merken eben, dass noch nicht der Erfolg so ist, wie er sein sollte. Von daher müssen wir das unbedingt intensivieren, dass wir quasi mit Streetworkern, Test- und Impfangeboten vor Ort die Inzidenzen dann langsam wieder herunterbekommen.

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Tran: Könnte man vielleicht sagen, weil die Entwicklung ist nicht besonders neu, die Zahlen sind jetzt so dermaßen unterschiedlich, dass die Politik den Faktor Armut in der Pandemie bisher einfach vernachlässigt hat?

Nießen: Also wir kommen ja jetzt erst drauf zu sehen, dass besonders sozial benachteiligte Stadtteile besonders betroffen sind. Das war zu Beginn der Pandemie in Köln ganz anders, da waren linksrheinisch mehr betroffen als rechtsrheinisch. Da spielten andere Faktoren eine Rolle, was die Ausbreitung des Virus angeht, wie jetzt ein Skiurlaub in Ischgl, wo ich mich möglicherweise angesteckt habe.

Das ist ein Sozialfaktor, der uns erst im Laufe der Pandemie bekannt geworden ist, und wir haben es aber jetzt so erkannt, dass wir da massiv gegensteuern, testen und jetzt auch mobile Impfteams vor Ort. Das ist der Plan, den wir mit der Landesregierung noch abstimmen.

"Wir müssen auch das Impfkontingent dazu brauchen"

Tran: Der Bürgerverein Köln-Heimersdorf fordert aber nicht nur ein eigenes Testzentrum seit letztem Jahr, sondern auch ein eigenes Impfzentrum, denn Hausärzte in Köln-Chorweiler sind rar gesät, und wer dann keinen Hausarzt hat und sich trotzdem impfen lassen will oder müsste, weil er Prioritätsgruppe ist, müsste ins nächste Impfzentrum auf die andere Rheinseite in die Messe fahren. Wieso gibt’s in Köln-Chorweiler nur ein Test- und immer noch kein Impfzentrum?

Nießen: Das Testzentrum ist ja von uns selber dort installiert worden, weil ein Großteil der Testzentren innerhalb der Stadt im Zentrum sich befinden. Da sind wir also schon von uns aus rausgegangen dort vor Ort, um das Testen anzubieten. Das Impfen ist der nächste Schritt. Wir haben mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten dort vor Ort Kontakt aufgenommen und auch mit dem Bürgermeister dort vor Ort, um zu gucken, was ist der richtige Raum, was ist der nächste Schritt, wo wir zum Beispiel ein solches Impf-Event dann mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten dort vor Ort machen können.

Dafür brauchen wir aber extra Impfstoff auch. Wir möchten es also nicht aus dem Impfzentrum rechtsrheinisch, wo wir ja die gesamte Bevölkerung impfen, sondern wir müssen da eben das Impfkontingent auch dazu brauchen. Dafür sind wir in Abstimmungsgesprächen mit dem Land und auch guter Dinge. Man hat schon ein offenes Ohr für uns gefunden, aber der Impfstoff ist noch nicht da. Aber der nächste Schritt ist eben dann auch dort vor Ort, das ist, glaube ich, der logische nächste und auch richtige Schritt, um das Impfen hochzubringen und die Inzidenzen runter.

Tran: Beim Wort Impf-Event musste ich ein bisschen Aufhorchen. Was kann ich mir denn darunter vorstellen, wie soll das ablaufen?

Nießen: Wir brauchen ja eine Räumlichkeit, wo man genügend Platz hat, damit man den Abstand halten kann. Zum anderen müssen die Impfteams organisiert werden, das bedarf immer einer gewissen Vorbereitung. Und zu guter Letzt oder gerade müssen gerade die Impflinge, sprich Bewohnerinnen und Bewohner, aus dem Stadtteil selber informiert werden in verschiedenen Sprachen, und ich denke mir, man muss gucken, wie kommt das an. Wenn wir dort Erfolg haben mit dem konkreten Vor-Ort-Angebot, dann werden wir es auf andere Stadtteile ausbreiten.

Ich glaube, das ist ganz wichtig zu sehen, wie das funktioniert. Aber dann müssen wir einfach vorsichtig sein, eins nach dem anderen, also die Prioritätengruppe einerseits abarbeiten, aber dann da, wo die Inzidenz so hoch ist, da muss man dann auch gezielt hingehen, weil es gibt einen hohen Neidfaktor bei all dem. Deswegen muss man transparent agieren als Stadt, dann ist das Verständnis auch eher dafür da bei den Menschen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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