Vakzin von Biontech/PfizerEMA empfiehlt Corona-Impfstoff für Kinder ab fünf

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat den ersten Corona-Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren zur Zulassung empfohlen. Wann ist nun mit einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu rechnen? Wie beurteilen Kinderärzte die Immunisierung von Kindern unter 12 Jahren? Ein Überblick.

26.11.2021

- Wien 15.11.2021 - Coronavirus Krise - Seit heute gibt es im Austria Center Vienna (ACV) die erste Impfstraße in Öster
Am 25. November 2021 hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) grüne Licht für den Einsatz des Biontech-Vakzins bei Kindern unter 12-Jahren gegeben (imago images/photonews.at)
In der Altersklassen von fünf bis elf Jahren, für die die EMA den Corona-Impfstoff jetzt zur Zulassung empfohlen hat, gibt es in Deutschland etwa fünf Millionen Kinder. Pro Jahrgang sind es etwa 750.000. Nach Angaben des geschäftsführenden Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) erhält die gesamte EU die Lieferung des Kinder-Impfstoffs am 20. Dezember. Deutschland bekomme dann 2,4 Millionen Dosen.
Die EU-Kommission muss den Impfstoff noch offiziell zulassen, das gilt aber als Formsache. Eine offizielle Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) für die Immunisierung von Fünf- bis Elfjährigen steht jedoch noch aus. Sie wird wohl auch nicht vor dem 20. Dezember ausgesprochen werden, sagte STIKO-Mitglied Martin Terhardt im Dlf.


Welche Daten liegen der Empfehlung der EMA zugrunde?

In den Zulassungsstudien wurde der Impfstoff der Firma Biontech in einer geringeren Dosis an fast 2.300 Kindern in der Altersgruppe fünf bis elf Jahre getestet. Geringere Dosis heißt, die Kinder bekamen nur ein Drittel der Impfstoffmenge, die an Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren verimpft wird. Offenbar reicht das aus, denn diese Dosis schützte die unter Zwölfjährigen ähnlich gut vor einer Infektion wie diejenigen über der Altergrenze. Auch die Nebenwirkungen seien vergleichbar mit denen älterer Kinder, heißt es. Manche Kinder hatten Kopfschmerzen und fühlten sich schlapp - ganz ähnliche Nebenwirkungen also, wie sie auch bei Erwachsenen auftreten. Schwerwiegende Nebenwirkungen gab es laut der Studie nicht.

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Wird auch die STIKO die Impfung für Kinder empfehlen?

Kinderärzte rechnen damit, dass die STIKO die Empfehlung zunächst nur für Kinder geben wird, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf haben. Zum Beispiel weil sie chronisch krank oder stark übergewichtig sind. Später, wenn man schon etwas mehr Erfahrungen mit der Impfung gesammelt hat, dürfte die STIKO die Empfehlung dann auf alle Fünf- bis Elfjährigen ausweiten.
Im Moment gehe die Tendenz eher dazu, einen ähnlichen Weg zu gehen wie bei den 12- bis 17-Jährigen, sagte STIKO-Mitglied Martin Terhardt im Deutschlandfunk. Es solle zunächst eine Empfehlung für die Kinder geben, "die es wirklich dringend, dringend nötig haben, weil sie ein höheres Risiko der Erkrankung haben", so Terhardt.

Warum wägt die STIKO nochmal ab?

Bei den Zulassungsstudien geht es vor allem darum, die Sicherheit eines Impfstoffs zu bewerten. Bei der Untersuchung, auf der die EMA-Empfehlung beruht, wurde das Vakzin aber nur weniger als 3.000 Kindern verabreicht. Das sind zu wenige Teilnehmer, um sehr seltene Nebenwirkungen zu entdecken.
Insgesamt gebe es noch nicht genügend Daten über die Sicherheit des Impfstoffes bezüglich seltener Komplikationen, sagte STIKO-Mitglied Terhardt im Dlf. Auch aus den USA lägen diese Daten bisher nicht ausreichend vor. Die Komplikationen, die bei den 12- bis 17-Jährigen und den jüngeren Erwachsenen aufgetreten seien, etwa Herzmuskelentzündungen, seien vorwiegend nach der zweiten Impfung registriert worden. Es dauere daher länger, bis diese Daten generiert werden könnten, so Martin Terhardt.
Seit Beginn der weltweiten Corona-Impfungen hat sich gezeigt: Manche Nebenwirkungen der Vakzine wurden erst registriert, nachdem mehrere Millionen Menschen geimpft worden waren. Für die Zulassung des Impfstoffs reichen die Ergebnisse der vorliegenden Studie aber aus.
Wenn es jedoch um eine Impfempfehlung geht, wägt die STIKO anders ab. Dabei steht der individuellen Nutzen einer Impfung im Vordergrung. Wenn dieser die möglichen Risiken einer Imfpung überwiegt, empfiehlt die STIKO den Impfstoff. Um dies beurteilen zu können, schauen sich die Kommissions-Mitglieder alle Studien und Daten an, die zu dem Impfstoff bereits vorliegen. Dabei sind die Erfahrungen aus anderen Ländern extrem wertvoll. So ist der Biontech-Impfstoff in den USA bereits an mehr als drei Millionen Kinder unter Zwölf verimpft worden. Und auch in Israel und Kanada wurde bereits mit Impfungen von jüngeren Kindern begonnen.

Wie bewerten Kinderärzte die Impfung für kleine Kinder?

Der Präsident der deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin, Jörg Dötsch, beurteilt das Risiko für kleine Kinder, schwer an Covid zu erkranken, als weiterhin gering. Momentan würden sich die Kinderärzte eher Sorgen um ein anderes Virus machen: Das RS-Virus, das bei einigen Kindern zu schweren Krankheitsverläufen führt.
Eltern sollten für sich abwägen, ob sie ihr Kind vor einer Infektion schützen wollen oder ob aus ihrer Sicht die möglichen Risiken einer Impfung überwiegen. Ein Argument für die Immunisierung von Kindern könnte auch der Schutz eines Familienmitglieds mit erhöhtem Risiko für einen schweren Covid-Verlauf sein.
Auf keinen Fall dürfe es aber darum gehen, durch die Impfungen von Kindern unter zwölf Jahren eine höhere Impfquote in der Gesellschaft zu erreichen, betonte Dötsch: Es sei nicht Aufgabe der Kinder, Erwachsene vor einer Ansteckung zu schützen, vielmehr seien die ungeimpften Erwachsenen das Problem.
Impfung für Kinder: Interview mit Jakob Maske, Verband der Kinder- und Jugendärzte

Wieviele Eltern werden ihre Kinder jetzt impfen lassen?

Das ist schwer zu beurteilen. Dötsch berichtet, dass ihn täglich E-Mails von Eltern erreichten, die sich sorgen, ihre Kinder könnten an Covid erkranken. Bekannt ist auch, dass einige Eltern ihre Kinder bereits vor der EMA-Zulassung des Kinderimpfstoffs "off-label" haben impfen lassen, also mit einer niedrigeren Dosierung des Erwachsenen-Impfstoffs, der nicht für die Impfung von Kindern zugelassen ist.
Einen Anhaltspunkt liefert die COSMO-Studie an der Universität Erfurt, die unter anderem die Impf-Motivation in Deutschland anhand von Stichproben untersucht. Bei dieser Befragung gaben Anfang November 40 Prozent der Eltern an, dass sie ihre Kinder sehr wahrscheinlich impfen lassen werden. 20 Prozent waren noch unsicher, weitere 40 Prozent der Eltern sagten, dass sie ihre Kinder wahrscheinlich oder eher nicht impfen lassen werden.
Quelle: Christine Westerhaus