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StartseiteInterview"Wir glauben nicht, was wir eigentlich wissen“03.01.2021

Corona-Pandemie als antizipierte Zukunft"Wir glauben nicht, was wir eigentlich wissen“

Das Verhältnis des Menschen zur Katastrophe ist ein Thema, mit dem sich die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn beschäftigt. Im Dlf-Interview nennt sie zwei Gründe dafür, warum wir nicht auf die Corona-Pandemie vorbereitet waren – trotz Epidemie-Erfahrungen, Planspielen und Antizipation.

Eva Horn im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Zahlreiche Besucher gehen über den Wochenmarkt am Maybachufer in Neukölln, Berlin (dpa/Bernd von Jutrczenka)
Alltag mit Maske - Menschen in der Corona-Pandemie (dpa/Bernd von Jutrczenka)
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Seit dem 11. September 2001, seit den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon ist die Welt in der Krise. Mit immer neuen Höhepunkten, so wie der Finanzkrise 2009, der sogenannten Flüchtlingskrise 2015, der Klimakrise und nun der Coronakrise. Die Populärkultur spiegelte das verlässlich in Filmen oder Serien wider, es gibt unzählige Romane zur Apokalypse und auch die Medien mischen mit, wenn es um Weltuntergangsszenarien geht.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn hat sich in ihrem Buch "Zukunft als Katastrophe" mit dem Verhältnis des Menschen zur Apokalypse beschäftigt. Sie erklärt das Interesse daran mit der seit der Moderne vorherrschenden Vorstellung, dass der Mensch seine Zukunft selbst gestaltet. Die sei zunächst mit viel Optimismus und Fortschrittsglauben verbunden.

Gebot zur Verhinderung der Katastrophe

Wenn der Mensch seine Zukunft selbst mache, obliege es ihm aber auch, Katastrophen zu antizipieren und zu verhindern. Das Gebot des Verhinderns von Katastrophen sei immer dominanter geworden. "Das heißt, unser Zukunftsverhältnis bestimmt sich jetzt immer stärker nicht mehr aus Fortschrittsideen, sondern aus Ideen der Prävention, der Risikoantizipation oder Berechnung von Risiken und also dem Verhindern der Katastrophe", sagte Horn im Dlf-Interview.

Eine Frau in einem Schutzanzug steht am 05.12.2020 in einer Coronvirus-Teststation in Saalfelden, Österreich, vor einer grünen Wand (imago images / Eibner Europa) (imago images / Eibner Europa)"Die Seuchenbekämpfung des 21. Jahrhunderts ist vormodern" 
Die politischen Maßnahmen gegen Corona ähneln denen vergangener Zeiten, sagte der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven im Dlf. Doch eine Krankheit wie COVID-19 könne man nicht mit den Maßnahmen vergangener Jahrhunderte kontrollieren.

Es sei aber durchaus verwunderlich, dass das Gesundheitssystem und der Katastrophenschutz nicht ausreichend auf die Corona-Pandemie vorbereitet gewesen seien. Zumal es seit zehn Jahren immer wieder Epidemien gegeben habe, etwa SARS in Asien oder Ebola in Afrika, und Pandemie-Szenarien antizipiert worden seien, beispielsweise im Katastrophenschutz.

Fehlende Anerkennung von wissenschaftlichen Vorhersagen

Das habe zum einen mit der "Kurzsichtigkeit von Politik" zu tun, zum anderen mit der Weigerung, Dinge, die wir wissenschaftlich oder planerisch antizipierten hätten, wirklich auch real anzuerkennen. Als Beispiel nannte Horn den Klimawandel, vor dem Wissenschaftler bereits seit 30 Jahren warnten. Das Wissen um den Klimawandel und seine Folgen sei da gewesen, es habe jedoch lange der politische Wille gefehlt, etwa dagegen zu tun.

  (Sean Gallup / Getty Images) (Sean Gallup / Getty Images)

Es habe eine Schülerin aus Schweden gebraucht, um dies ins "öffentliche Bewusstsein zu hämmern". Eine ähnlich emotionale Stimme wie die von Greta Thunberg fehle in Bezug auf das Cornavirus. Zwar fürchteten sich alle irgendwie davor, aber es gebe die Zweifel, ob alles wirklich so ernst ist und die Maßnahmen dagegen gerechtfertigt. Alles sei doch sehr abstrakt. "Wenn wir Sachen auch emotional an uns heranlassen sollen, dann sind Wissenschaftler nicht die allerbesten Träger der Botschaft", sagte Horn.

Die Katastrophe als Art "Tabula-Rasa-Fantasie"

In der Kunst sei die Katastrophe eine Art "Tabula-Rasa-Fantasie", in die projiziert würde, wie man den Menschen grundsätzlich sieht: als gut und hilfreich oder als hässlich und egoistisch. Daraus erkläre sich zum einen die Vorstellung der Katastrophe als Wunschtraum - für einen besseren Neubeginn und ganz andere soziale Beziehungen, oder als Alptraum, in dem nach dem Zusammenbruch jeder Ordnung alle übereinander herfallen.

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