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StartseiteInterview"Die App muss in die Freiheit entlassen werden"21.10.2020

Corona-Warn-App des Bundes"Die App muss in die Freiheit entlassen werden"

Der FDP-Netzpolitiker Manuel Höferlin hält den Aufbau weiterer privater Corona-Warn-Apps für sinnvoll. Viele Funktionen würden in der staatlichen App immer noch fehlen. Private Entwicklungen sollten deshalb mehr gefördert werden. So bestehe die Chance, mehr User zu erreichen, sagte er im Dlf.

Manuel Höferlin im Gespräch mit Sandra Schulz

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Die Corona-Warn-App mit der Seite zur Risiko-Ermittlung ist im Display eines Smartphone vor der Kuppel des Reichstags zu sehen. (Michael Kappeler/dpa)
Die Corona-Warn-App des Bundes steht wegen fehlender Funktionen immer wieder in der Kritik. (Michael Kappeler/dpa)
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Immer wieder haben Nutzer Probleme mit Fehlermeldungen der Corona-Warn-App des Bundes. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bezeichnete die App jüngst als wirkungslos. Sie müsse dringend verbessert werden und brauche ein technisches Update. Kritik kommt auch von Ärztekammer-Präsident Klaus Reinhard. Momentan gäben lediglich 60 Prozent der Infizierten ihre positiven Test-Ergebnisse in die Warn-App ein, sagte er im Deutschlandfunk.

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, steht am 18.07.2020 vor einer Glastür mit dem Logo der Bundesärztekammer (dpa / picture alliance / Kumm) (dpa / picture alliance / Kumm)Bundesärztekammer: Nur 60 Prozent geben ihre positiven Test-Ergebnisse ein
Der Präsident der Bundesärztekammer, Reinhardt, ist dafür, die Corona-Warn-App stärker in die Bekämpfung der Pandemie einzubeziehen. Momentan würden lediglich 60 Prozent positive Test-Ergebnisse in die App eingeben.

Die Corona-Warn-App des Bundes funktioniert mittlerweile auch länderübergreifend. Seit einem Update können bei der Risiko-Ermittlung auch Kontakte etwa in Irland und Italien ermittelt werden. Weitere Staaten, darunter Dänemark, Lettland und Spanien, sollen folgen.

FDP-Netzpolitiker: System hat noch Verbesserungsbedarf

Der FDP-Netzpolitiker Manuel Höferlin hält die App grundsätzlich technisch für "in Ordnung". Das System um die App herum müsse jetzt jedoch auch auf den richtigen digitalen Stand gebracht werden. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Labore sollten das System umfänglich nutzen, um die Informationsketten nicht zu unterbrechen. Im Vergleich zu asiatischen Systemen habe man es jedoch geschafft, eine datenschutzfreundliche Version aufzubauen.

In einem nächsten Schritt gehe es jetzt darum, die App "in die Freiheit zu entlassen". Es gebe noch viele Ideen für den Ausbau einer Corona-App. "Das sollte allerdings nicht die staatliche Corona-Warn-App tun, sondern das sollten andere Apps machen, in denen so etwas mit drin ist". Viele Funktionen würden immer noch fehlen, zum Beispiel bei der Nutzung für Teenager oder der Internationalisierung. Private Entwicklungen sollten deshalb mehr gefördert werden. So bestehe auch die Chance, mehr User erreichen, meint Höferlin. Die Bundesregierung habe nämlich zum Start der Corona-App durch schlechte Fehlerkommunikation viel Vertrauen verspielt.

Corona, App, Smartphone (picture alliance/Stefan Jaitner/dpa) (picture alliance/Stefan Jaitner/dpa)So funktioniert die deutsche Corona-Warn-App
Die offizielle Corona-Warn-App soll Nutzer frühzeitig über einen Kontakt zu einem Infizierten informieren und helfen, Infektionsketten zurückzuverfolgen. Ein Überblick.


Das Interview im Wortlaut:

Sandra Schulz: Haben Sie Ihren Risikostatus heute schon angeschaut?

Manuel Höferlin: Heute Morgen noch nicht, aber sonst mach ich das einmal am Tag, irgendwann, wenn’s mir einfällt, ja.

"Da ist noch Luft nach oben"

Schulz: Es gibt regelmäßig ja die Aufrufe für eine stärkere Nutzung der Corona-Warn-App, eben auch weil die Gesundheitsämter jetzt anscheinend? mehr und mehr an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Denken Sie, dass da noch Luft nach oben ist?

Höferlin: Ja, klar ist da noch Luft nach oben. Die Corona-Warn-App ist eine App, die schwierig gestartet ist technisch, als App ist sie in Ordnung. Wir haben so viel Geld ausgegeben, dass es schade wäre, wenn das System um die App herum nicht auch endlich auf den richtigen digitalen Stand gebracht worden wäre. Sie haben es ja gerade gesagt, es ist nicht nur die App, sondern das sind zum Beispiel die Labore, die angeschlossen sind, viele andere Dinge, die da mit reinspielen, und all das muss digital sein, es muss funktionieren, es muss benutzt werden. Es hilft ja nichts, wenn die Menschen die App benutzen, aber die Labore beispielsweise nicht oder die Übertragung von Ergebnissen. Damit ist diese Informationskette unterbrochen, und damit kann man Infektionsketten am Ende nicht so einfach unterbrechen. Und sie ist ein Helferlein, und das sollten wir nutzen.

Schulz: Sie sagen, die App ist schwierig gestartet, was natürlich klar ist, ist, dass sie später gestartet ist als geplant, aber als sie an den Start gegangen ist, da gab’s ja dann sogar auch ganz positive Kommentierungen zum Beispiel von eigentlich Chefkritikern wie dem Chaos Computer Club.

Höferlin: Die App selbst ist technologisch gut gelungen. Es ist eine super App, vor allen Dingen, ich hab das schon mal gesagt, im Verhältnis zu den asiatischen Modellen beispielsweise haben wir es in Europa geschafft, mit dem System datenschutzfreundliche Versionen aufzubauen, die uns ja jetzt, wenn wir sagen wollen, wie gut sie benutzt wird und wie viel User-Zahlen es gibt, Probleme bereiten. Das kann man nämlich nicht so einfach feststellen, wie viel Daten übermittelt wurden, weil es eben sehr zentrale und pseudonyme Daten sind. Von daher ist die App gut gelungen, die Schwierigkeiten entstanden eben an anderer Stelle. Die Bundesregierung hat am Anfang ein Kommunikationschaos verursacht, indem sie darüber gesprochen hat, dass es eine Datenspende-App gibt, dass es diese Corona-Warn-App gibt, der Gesundheitsminister hat darüber fabuliert, ob man eine Quarantäneüberwachungs-App installieren sollte. Das hat Vertrauen zerstört, massiv am Anfang, und das ist der Grund, warum so viele Menschen kein Vertrauen – immer noch oder im Laufe der Zeit – in die App haben. Die technischen Schwierigkeiten sind nicht transparent aufgearbeitet worden. Das Problem war nicht, dass die App Probleme macht, dass es mal Probleme gibt bei so einer schnell entwickelten App, sondern dass man darüber wochenlang nicht spricht und dass irgendwann im Prinzip die Presse da aufdeckt, dass Daten nicht ordentlich übermittelt wurden. Das geht nicht, das zerstört Vertrauen, und bei einer App, die freiwillig genutzt wird, bei der jeder mitmachen will, oder die nur funktioniert, wenn die Menschen mitmachen wollen, dann geht das nicht, dann muss man stark darauf setzen, dass man das Vertrauen hochhält. Das war ein großer Fehler der Bundesregierung, insbesondere des Gesundheitsministers, und daran arbeiten wir heute noch im Prinzip, an dem Vertrauen, das wieder aufzubauen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Eine Corona-Warn-App 2.0 muss her"

Schulz: Okay, jetzt sprechen wir über den Status quo, da ist diese App ja auch wieder stärker in der politischen Diskussion. Der bayrische Ministerpräsident, der CSU-Chef Markus Söder, der fordert jetzt ein Update. Hat er recht damit?

Höferlin: Ja, ich hab schon vor einiger Zeit selbst ein Update gefordert und hab gesagt, eine Corona-Warn-App 2.0 muss her. Ich meine damit vor allen Dingen, dass sie in die Freiheit entlassen werden muss. Es ist ja ein offenes Projekt, da können viele andere Programmierer mitmachen, allerdings müssen sie von der Bundesregierung sozusagen freigeschaltet werden gegenüber Apple und Google, die diese Schnittstelle für die Kontakterfassung machen. Es gibt viele Ideen, was man noch mit einer App machen könnte, das sollte allerdings nicht die staatliche Corona-Warn-App tun, sondern das sollten andere Apps machen, in denen so was mit drin ist. Es fehlen immer noch viele Funktionen, beispielsweise können die jungen Menschen unter 17 die App nicht installieren. Unsere Teenager laufen in Bussen, in Bahnen, in Schulen, überall rum, treffen auch viele, die sie nicht kennen, da ist eine Kontaktverfolgung über eine App wirklich sinnvoll, das muss dringend her. Außerdem haben wir immer noch ein Problem bei der Internationalisierung. Der Start, der jetzt gelaufen ist, das ist sehr minimalistisch, zwei oder drei Länder, mit denen man das jetzt machen kann – Frankreich ist beispielsweise nicht drin, einer unserer wichtigsten Nachbarn.

Schulz: Aber da gibt es ja auch das Problem, dass Frankreich diesen zentralen Datensammlungsansatz hat, in Frankreich hat auch die App überhaupt eine viel kleinere Resonanz. Lässt sich da überhaupt eine Zusammenarbeit denken technisch? Das war ja auch ein sensibles Thema bei uns.

Höferlin: Genau, technisch geht das, auch da empfehle ich mal einen Blick auf Start-ups, die haben dafür auch schon eine Schnittstelle geschaffen. Es gibt eine Schnittstelle, die mit allen anderen Corona-Apps weltweit zusammenarbeitet, es ist immer eine Frage, ob man das halt nutzen möchte oder nicht, oder ob man lieber weiter auf eigene Entwicklungen setzt. Deswegen bin ich der Meinung, so eine App 2.0 oder sie in die Freiheit zu entlassen, dass Private mit dran arbeiten können und dann auch eigene Entwicklungen vorantreiben können, das wäre gut. Ich rede ja nicht von Hunderten von Corona-Warn-Apps, ich glaube, die wird’s am Ende nicht geben. Aber was spricht denn dagegen, wenn man ein paar wenige hat mit verschiedenen Funktionen, und dann würden wir auch mehr User erreichen.

Höferlin: App muss auch auf älteren Geräten installierbar sein

Schulz: Aber wenn ich dann mit meiner kompatiblen App nach Frankreich reisen würde, jetzt im Moment rein hypothetisch gesprochen, machen viele im Moment ja ohnehin nicht, dann lande ich mit meinen Daten doch auf einem zentralen Server. Ist das die Idee?

Höferlin: Die Idee ist vor allen Dingen, dass wenn einer mit einer französischen App in Deutschland rumläuft und die Daten dort im Prinzip mit anderen in Kontakt gerät oder umgekehrt, dann landen die Daten zunächst mal auf den Servern, wo sie auch jetzt landen, und werden dann über eine zentrale Schnittstelle ausgetauscht. Das heißt, das funktioniert schon. Und als letzten Punkt will auch noch loswerden, was auch wirklich ein Problem ist, dass viele Menschen mich persönlich ansprechen. Viele Menschen haben noch ältere Geräte, da muss die Bundesregierung und andere Länder aus Europa mit Apple und mit Google mal wirklich ein ernstes Wort reden. Es kann nicht sein, dass Menschen, sogar eine erhebliche Anzahl von Menschen neue Geräte sich kaufen müssen, nur um eine Corona-Warn-App zu installieren.

Schulz: Da hat die Bundesregierung, auch Vorgängerregierungen ja schon Erfahrungen mit Stichwort "ernstes Wort" mit Google und Apple reden. Das sind mächtige Konzerne, die in den USA sitzen. Jetzt wollte ich noch auf einen Punkt schauen, es ist im Moment ja so, dass ich, wenn ich eine Risikobegegnung hatte, erfahre, dass die stattgefunden hat, aber nicht wann und wo. Kann das so bleiben?

Höferlin: Ja, das ist ja völlig ausreichend. Die Idee der Corona-Warn-App war ja, einen Hinweis zu geben, dass man mit jemandem in Kontakt trat und wie riskant das ist. Es gibt ja oft auch Risikobegegnungen, die nicht so riskant waren, die bleiben dann auch beim Status auf Grün, und darum geht es nur. Man bleibt weiter selbst in der Verantwortung, dann auch einen Test machen zu lassen und sich zu versichern, aber im Prinzip ist das genau das, was wir bei der analogen Kontaktverfolgung ja auch machen. Da fragt das Gesundheitsamt auch ab, wen hat man getroffen, und man geht dann sein Gedächtnisprotokoll durch, und da fallen natürlich viele Leute weg, vor allen Dingen die, die man nicht kennt. Und dafür ist die App drin, das ist eine Ergänzung zur allgemeinen Kontaktverfolgung der Gesundheitsämter.

"Ich glaube, das System an sich hat noch Verbesserungsbedarf"

Schulz: Ja, und es liegt im Moment ja auch die Verantwortung bei den Nutzern selbst, ob sie, wenn sie positiv getestet sind, dieses Ergebnis in die App einspeisen sozusagen. Wir wissen, dass das ungefähr 60 Prozent der positiv Getesteten machen. Kann man die Verantwortung da belassen?

Höferlin: Na ja, es spricht vieles dafür, dass das Problem da auch nicht nur bei den Usern, sondern auch bei den Laboren liegt. Es gibt auch Labore, die sind angeschlossen an die digitale Übermittlung und übermitteln sie nicht richtig. Das heißt, ich glaube, man muss erst mal im System ansetzen, bevor man die User dafür versucht mehr zu kriegen, dass sie irgendwas tun, dass sie schuldig sind. Ich glaube, das System an sich hat noch Verbesserungsbedarf. Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass jedes Labor erst mal angeschlossen ist, und zweitens, dass es auch die digitalen Möglichkeiten wirklich nutzt und am Ende auch die Ergebnisse überträgt und sich nicht auf den Standpunkt stellt, na ja, wir haben da schon immer angerufen, wir rufen auch weiterhin an, diese Digitalisierung, da sind wir zwar angeschlossen, nutzen sie aber nicht. Solche Fälle gibt es, die darf es nicht geben, das kostet uns wertvolle Zeit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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