Donnerstag, 29. September 2022

Wissenschaft und Medien in der Pandemie
"Erklären, wie der wissenschaftliche Erkenntnisprozess funktioniert"

Faktenbasiert, sachlich und ausgewogen sollten Journalisten über die Corona-Pandemie informieren, sagte Regina Riphahn, Vizepräsidentin der Leopoldina, im Dlf. Die "Bild"-Berichterstattung über Forscher als angebliche "Lockdown-Macher" zeige, welche Gefahr von einseitiger Berichterstattung ausgehe.

Regina Riphahn im Gespräch mit Lennart Pyritz | 09.12.2021

Zeitungen und Zeitschriften (Bild, Spiegel, Zeit), die das Coronavirus thematisieren
Forschung sucht Erkenntnisse, aber Medien wollen Schlagzeilen (Deutschlandfunk)
In einer Stellungnahme kritisieren Wissenschaftsorganisationen die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung über sogenannte "Lockdown-Macher" - Forschende, die sich zur Corona-Pandemie öffentlich äußern. Hier seien drei Forschende "zur Schau gestellt" worden, sagte Regina Riphahn, Vizepräsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Wirtschafts-Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg, im Deutschlandfunk. Solche medialen Darstellungen könnten dazu führen, "dass einzelne Forscherpersönlichkeiten für unpopuläre Maßnahmen der Pandemiebekämpfung verantwortlich gemacht werden". Das sei "diffamierend und auch völlig unzutreffend" so Riphahn, "weil die Entscheidungen über die Maßnahmen ja nicht von den Forschenden getroffen werden".

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Das Interview im Wortlaut:
Lennart Pyritz: Welche Rolle haben Forschende als Vermittler zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik - gerade in der aktuellen Pandemie?
Regina Riphahn: Prinzipiell ist es so, dass Wissenschaftler die Politik und die Gesellschaft unterstützen, zum Beispiel durch ihre Forschungsergebnisse. Das haben wir in der Pandemie besonders gesehen. Hier wurden die wissenschaftlichen Daten, Fakten und Expertisen intensiv und vermehrt nachgefragt. Das gilt auch für die Leopoldina als nationale Akademie der Wissenschaften. Wissenschaftsbasierte Beratung ist einer ihrer Aufträge. Was dabei wichtig ist, ist, dass die Publikationen der Leopoldina immer nur eine Unterstützung sein sollen. Und es ist dabei zu trennen: Die Wissenschaft informiert und die Politik entscheidet.
Pyritz: Auf den Punkt würde ich später noch genauer zu sprechen kommen. Lassen Sie uns erst mal noch auf die Berichterstattung und das Zusammenspiel zwischen Journalismus, Gesellschaft und Wissenschaft schauen. Welche Risiken für einzelne Forschende in der medialen Darstellung birgt denn eine aktuelle Krisensituation wie die derzeitige Pandemie? Sie gehen in Ihrem Aufruf zu mehr Sachlichkeit in Krisensituationen ja explizit auf die aktuelle Berichterstattung der "Bild"-Zeitung im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie ein.
Riphahn: Ja, genau. Wir beobachten momentan die Auseinandersetzung um diese Berichterstattung der "Bild"-Zeitung. Dort wurden drei Forschende, die der Politik beratend zur Seite gestanden haben, als Lockdown-Macher zur Schau gestellt. Und das ist beispielhaft dafür, welche Gefahr von einseitiger und undifferenzierter Berichterstattung ausgeht. Solche medialen Darstellungen können dazu führen, dass einzelne Forscherpersönlichkeiten für unpopuläre Maßnahmen der Pandemiebekämpfung verantwortlich gemacht werden. Das ist diffamierend und auch völlig unzutreffend, weil die Entscheidungen über die Maßnahmen ja nicht von den Forschenden getroffen werden.
Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
Auch die Physikerin Viola Priesemann und ihr Kollege Dirk Brockmann wurden von der "Bild" attackiert (IMAGO | Jürgen Heinrich)
Pyritz: Welche Rolle spielt es denn in diesem Zusammenhang auch, dass in der Corona-Pandemie einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler extrem in den Fokus der allgemeinen Öffentlichkeit gerückt sind, zum Beispiel Christian Drosten oder Viola Priesemann?
Riphahn: Zum einen kann man sicher sagen, dadurch, dass man sich an die Gesichter gewöhnt, wird die Wissenschaft persönlich, sie wird nahbar. Auf der anderen Seite ist es umgekehrt für diese Personen auch riskant. Sie bieten Angriffsfläche und es entstehen einige Risiken für die Individuen und auch für ihre Familien. Durch die übertriebene Personalisierung läuft man auch Gefahr, dass man die Mechanismen des kollegialen Austauschs, die in der Wissenschaft ja oft dominieren, übersieht, und man betrachtet nur einzelne Personen, wo doch oftmals Teams an der Arbeit sind.

"Mediale Verzerrung"

Pyritz: Wie beeinflussen Medienberichte, gerade auch unausgewogene oder schlichtweg falsche, auch das allgemeine Meinungsklima und die Debattenkultur in der Gesellschaft?
Riphahn: Ja, ein wichtiges Thema in der Medienberichterstattung ist das Problem der medialen Verzerrung. Das gibt es zum Beispiel in der False-Balance-Problematik, also der falschen Ausgewogenheit, bei der man immer versucht, Minderheitenmeinungen oder Außenseitermeinungen medial gleich viel Raum zu geben wie dem wissenschaftlichen Konsens. Und dadurch passiert es, dass in der Öffentlichkeit ein falsches Bild vom wissenschaftlichen Erkenntnisstand vermittelt wird, und das kann zur Verunsicherung beitragen. Möglicherweise ist es auch Konsequenz der Art der Medienberichte, dass jetzt der Ton in der Diskussion rauer geworden ist. Und es wäre für alle schlecht, wenn es dazu führt, dass die Forschenden sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen, weil sie es sich selbst und ihren Familien nicht mehr zumuten möchten.
Pyritz: Welche Maßnahmen sollten denn ergriffen werden, um genau das zu verhindern, um da weiter einen offenen und konstruktiven Austausch zu gewährleisten?
Riphahn: Ja, auf der einen Seite ist es wichtig, klarzumachen, was die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft ist und das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken. Wichtig ist auch, zu erklären, wie der wissenschaftliche Erkenntnisprozess funktioniert, damit das besser verstanden wird. Man muss auf Falschdarstellungen reagieren und zur Versachlichung der Debatte beitragen.

"Forschung vermitteln können"

Pyritz: Lassen Sie uns das mal konkret machen und die einzelnen Akteurinnen und Akteure anschauen. Was sollten Medien bei ihrer Berichterstattung in der aktuellen Krisensituation besonders beachten?
Riphahn: Unabhängig von den Wissenschaftsjournalisten wäre es sehr hilfreich, wenn Journalistinnen und Journalisten ein grundsätzliches Verständnis über wissenschaftliche Prozesse erlangen und auf diese Weise Forschung vermitteln können und die Kompetenzen stärken, kritische Beurteilungen von Studien und Quellen vorzunehmen. Gleichzeitig ist es auch Aufgabe der Medien, sich über ihre Verantwortung bewusst zu sein und faktenbasiert, sachlich und ausgewogen zu informieren und im Zweifel nicht um jeden Preis eine Schlagzeile zu produzieren.
Pyritz: Worauf sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler achten, um ihre eigene Rolle klarzumachen, um zum Beispiel auch nicht mit politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern verwechselt zu werden, das, was Sie ja am Anfang schon angedeutet haben?
Riphahn: Die Aufgabe der Forschenden ist es, zu erklären, wie sie zu ihren Forschungsergebnissen kommen. Es ist wichtig, dass sie auf die Grenzen des eigenen Kenntnisstandes hinweisen und auch die Vorläufigkeit von Ergebnissen benennen. Nur so kann falschen Erwartungshaltungen an die Wissenschaft entgegengewirkt werden. Gleichzeitig sollten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als Person jeweils deutlich machen, in welcher Rolle sie sprechen. Sprechen sie als Wissenschaftler und vermitteln Faktenwissen, oder sprechen sie als Person, als Bürger und Bürgerin, und sprechen ihre eigene Meinung aus? Das wäre hilfreich, das zu trennen und Interessenskonflikte transparent zu kommunizieren.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.