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StartseiteHintergrundDie Sorgen der Landwirte und Erntehelfer in Nord-Spanien06.07.2020

CoronakriseDie Sorgen der Landwirte und Erntehelfer in Nord-Spanien

Durch die Corona-Pandemie mangelt es den spanischen Landwirten an Arbeitskräften, denn viele Arbeitsmigranten durften nicht einreisen. Die kleinen Obstbauern fürchten, dass die Krise ihre Lage im Konkurrenzkampf gegen die großen Agrar-Investoren noch verschlechtert.

Von Hans-Günter Kellner

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Ein Arbeiter arbeitet mit Mund-Nasenschutz in einer Kirschplantage. (imago-images)
Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionsmittel - durch die Coronakrise entstehen den Landwirten einige Zusatzkosten (imago-images)
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"Das ist ein schwieriges Jahr. Die Kirschblüte dauerte in diesem Jahr sehr lange. So haben wir hier jetzt Kirschen, die schon völlig reif sind. Und am selben Baum Kirschen, die fast noch einen Monat bräuchten."

Landwirt Antonio Latorre greift tief in die Zweige des Kirschbaums hinein, unter dem er steht, und zeigt die Früchte. 

"Aber bei den Temperaturen bin ich nicht sicher, ob sie es schaffen. Wir hatten viel zu viel Regen im März und April. Mit den Pfirsichen hatten wir ähnliche Probleme, aber es wirkt sich wohl weniger auf die Früchte aus."

Landwirt Antonio Latorre greift in eine Schachtel voller Kirschen. (Deutschlandfunk/Hans-Günter Kellner)Auf 15 Hektar baut Antonio Latorre in der nordspanischen Region Aragón Kirschen, Pfirsiche, Nektarinen, Birnen und Aprikosen an (Deutschlandfunk/Hans-Günter Kellner)

Auf 15 Hektar baut Antonio Latorre in der nordspanischen Region Aragón Kirschen, Pfirsiche, Nektarinen, Birnen und Aprikosen an. Aber die Aprikosen hat es in diesem Jahr völlig verhagelt, da war nichts mehr zu retten, sagt er, während er Kirschen aussortiert, die die Supermärkte wegen äußerlicher Fehler zurückweisen würden. Für ein Kilo Kirschen wird er in diesem Jahr etwa 1,50 Euro bekommen, schätzt er, im Laden kosten sie dann rund fünf Euro pro Kilo. Sein Gewinn wird nicht mehr als ein paar Cent betragen, sagt er: Als kleiner Landwirt lebe er damit von der Hand in den Mund. Ganz anders als die Großen der Branche:

"Seit Jahren investieren große Kapitalfonds in die Landwirtschaft. Die kaufen für Millionen enorme Flächen Land auf. Bis vor zehn Jahren noch lag die Obstproduktion in den Händen der Landwirte aus den Dörfern. Jetzt haben wir hier Investoren, die denken in astronomischen Größen wie 500 Hektar. Für die rechnet sich natürlich auch eine Investition in ein modernes, unterirdisches Bewässerungssystem. Ich kann mir 500 Hektar nicht einmal vorstellen. Da kann ich nicht mithalten."

Corona erschwert die Arbeit mit Erntehelfern

In diesem Jahr erschwert den Obstbauern zudem die Coronakrise das Geschäft. Die Nachfrage nach Erntehelfern ist enorm. Landwirt Antonio beschäftigt vier "temporeros", wie sie auf Spanisch heißen, fast jedes Jahr sind es dieselben. Sie rufen ihn meist schon im März an und fragen, ob er sie dieses Jahr wieder braucht. Doch während der Ausgangssperre waren die Reisen quer durch Spanien beschränkt, und in diesem Jahr ist es auch schwer geworden, für sie Schlafplätze zu finden. Viele Vermieter haben Angst, mit den Erntehelfern könne auch das Coronavirus durchs Land reisen:

"Ich habe Kontakt zu einem Algerier, der in Saragossa lebt. Ein sehr guter und zuverlässiger Junge. Aber er kann nicht kommen, weil ihm niemand eine Unterkunft organisieren konnte. Das ist ein großes Problem, das vor allem wir, die kleinen Landwirte, haben."

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Wer im Homeoffice arbeitet, kann soziale Kontakte meiden. Auf dem Bau, den Feldern und in Krankenhäusern aber ist das unmöglich. Die migrantische Bevölkerung und Frauen trifft das besonders.

Denn auch hier sind die großen Unternehmen im Vorteil, die auf den Plantagen Unterkünfte errichten können. Während Antonio die Kirschen sortiert, pflücken Erntehelfer in den Baumreihen das Obst. Dani aus Ghana steht auf einer Leiter. Wie die meisten Erntehelfer möchte er seinen vollen Namen nicht nennen. Bevor er im Juni zur Kirschernte nach Aragón kam, hatte er in Jaén, in Andalusien, Oliven geerntet: 

"Hier in Almunia ist es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Jeder muss sich sein Zimmer suchen. Ich zahle 140 Euro. Das Wasser zahlt man zusätzlich. Jeder muss sehen, wo er bleibt. Und wenn die Ernte vorbei ist, muss ich dort raus. So läuft das jedes Jahr. Ich hatte auch drei Jahre lang mal eine Wohnung in Andalusien. Aber das kann ich mir nicht mehr leisten. Ich bin ja immer mindestens drei Monate lang weg. Und dieses Jahr läuft sowieso schlecht."

So reist der 37-jährige Afrikaner von einer Region in die nächste, wo gerade Erntezeit ist, erzählt er, und rückt sich den Mundschutz zurecht. Bei Landwirt Antonio arbeitet er nun schon im dritten Jahr. Über das Risiko, das die vielen Reisen, das enge Zusammenleben in Corona-Zeiten mit sich bringen, meint er:

"Na ja, ich habe keine große Angst mehr. Ich wasche mir oft die Hände. Ich habe Masken. Und diese Krankheit geht ja jetzt auch zurück. Ok, jetzt heißt es, sie kann wiederkommen. Aber hier auf dem Land ist es nicht so schlimm. Wenn ich vom Feld zurückkomme, gehe ich sofort nach Hause, ich dusche mich, dann verlasse ich die Wohnung nicht mehr. Darum habe ich keine große Angst. Ich passe auf, ich besuche niemanden. Ich bleibe zu Hause. Ich passe immer auf."

Antonio zahle ihm den vorgeschriebenen Mindestlohn für Erntehelfer - 6,40 Euro pro Stunde. Das sei ok, versichert der Afrikaner.

Vorurteile gegen Erntehelfer

Aber nicht überall funktioniert das Mit- und Nebeneinander von Einheimischen und ausländischen Saisonarbeitern reibungslos. Die Spanierin Verónica Argelet betreibt in dem kleinen Dorf Alcarràs in der katalanischen Nachbarprovinz Lleida eine Kneipe. Seit afrikanische Erntehelfer zu ihren Kunden zählen, bleiben die meisten Spanier weg, erzählt sie hinterm Tresen:

"98 Prozent meiner Kunden sind Afrikaner. Schwarze. Nur noch zwei Prozent sind Weiße. Den Leuten aus dem Dorf gefällt das Ambiente mit den Afrikanern hier nicht. Mir macht das nichts aus. Ich gehe auch nicht gerne in ein Café, in dem nur weiße Mamas rumsitzen. Ich meine damit Frauen, die ihre Kinder in die Schule gebracht haben und sich hinterher alle zum Kaffee treffen. Ich fühle mich wohl hier mit meinen Schwarzen. Wir sind eine große Familie."

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Sie ist inzwischen mit einem Afrikaner verheiratet, die beiden haben einen dreijährigen Sohn. Die Wirtin stellt einer Gruppe Erntehelfer, die Tischfußball spielen, vier Milchkaffees auf die Theke. Mit dem Wechsel der Kundschaft habe sich auch das Geschäft verändert, erzählt sie, früher habe sie viele alkoholische Getränke verkauft, jetzt mache sie ihr Geschäft mit Tee und Kaffee. Im Dorf heißt es hingegen, die Erntehelfer würden sich betrinken:

"Das ist eine Lüge. Genauso wie die Geschichten, dass sie nur soziale Hilfen kassieren wollen. Diese Leute wollen arbeiten, um ihr Bett bezahlen zu können. Die meisten mieten ja nur ein Bett, nicht einmal ein Zimmer. Sie wollen ihr Essen bezahlen und ihren Familien in der Heimat helfen."

Für einen Euro bereitet Verónica den Erntehelfern aus dem Senegal oder Ghana Leber mit Kartoffeln oder Hamburger aus Hühnerfleisch zu. Auch Alfa aus Guinea wartet schon auf das Essen. Er lebt seit acht Jahren in Spanien. 

"Ich habe ein Zimmer gemietet. In der Wohnung eines Freundes. Ich zahle ihm 120 Euro. Das ist ein Glück, ein ganzes Zimmer für mich. Viele teilen sich ein Zimmer. Wer sonst nichts findet, versucht es bei Freunden oder Verwandten. Wenn ich ein Zimmer habe, und ein Verwandter lebt hier auf der Straße, dann hole ich den natürlich zu mir."

Und zur Frage, ob auch er im Dorf denn auch Rassismus erlebt habe, sagt Alfa:

"Wie würdest Du es nennen, wenn Du hier ein Lokal betrittst und Dir gesagt wird: Du kannst etwas mitnehmen, aber Du darfst Dich hier nicht hinsetzen und einen Kaffee trinken? Das ist Rassismus. Die Leute hier benutzen uns, aber sie mögen uns nicht."

Dabei geht es Alfa noch verhältnismäßig gut. Er hat Papiere, am Tag nach dem Gespräch unterzeichnet er seinen Arbeitsvertrag und bekommt seinen tariflich vorgesehenen Lohn von 6,40 Euro die Stunde; er konnte sich ein Zimmer für sich alleine mieten. Wie die meisten in der Kneipe trägt er keine Maske. Auch er fürchtet das Coronavirus nicht – das Risiko kommt ihm gering vor im Vergleich zu seiner Überfahrt aus Afrika auf die Kanarischen Inseln.

"Das würde ich nicht noch einmal machen. Das sagen alle, die es einmal hinter sich haben und überlebt haben. Mir war nicht klar, wie gefährlich das ist. Nur weil ich Glück hatte, ist mir nichts passiert."

Abhängig von der Landwirtschaft

Wenn die Landwirtschaft Schnupfen bekommt, dann ist die Provinz tot, sagt Pere Roque. Er ist Sprecher des Bauernverbands Asaja und macht deutlich, wie wichtig die Obstbäume für die katalanische Region Lleida sind:

"Alleine in der Erntezeit haben wir hier 35.000 direkte Arbeitsplätze. Rechnen wir die umliegenden Servicebetriebe hinzu, kommen wir leicht auf 60.000 bis 70.000 Arbeitsplätze."

Die spanische Sozialversicherung verzeichnet fast 800.000 befristet Beschäftigte in der Landwirtschaft. Der Bedarf an saisonalen Arbeitskräften ist also enorm, schwankt aber stark. Die Agrarverbände versuchen, diese Arbeit in geordnete Bahnen zu lenken, erklärt Pere Roque. 

"Viele der Erntehelfer kommen schon seit 20 Jahren hierher nach Lleida. Wenn sie wollen, organisieren wir ihnen das Jahr, sie machen dann die ganze Tour, von Lleida oder Aragón in die Extremadura oder nach La Rioja, Andalusien oder Valencia. Sie haben damit zwölf Monate lang Arbeit auf den spanischen Feldern."

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Weil die Zahl der in Spanien verfügbaren Saisonarbeiter aber nicht ausreicht, werden inzwischen auch Erntehelfer aus Osteuropa mit Zeitverträgen ausgestattet. Doch wegen der Corona-Reise-beschränkungen konnten die Osteuropäer dieses Jahr nicht kommen. Und das war nicht das einzige Problem für die Landwirte:

"Die Leute brauchen ja Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionslösung, ihre Temperatur muss gemessen werden. Da brauchen wir jetzt Hilfen für die Mehrkosten, die uns durch die Coronakrise entstehen."

Kosten, die auch zu steigenden Verbraucherpreisen führen.

Kontrollen auf Sklavenarbeit

Nach Zeitungsberichten, es würden in diesem Jahr Erntehelfer fehlen, strömten auch zahlreiche Einwanderer ohne Papiere in die nordspanischen Anbauregionen. Doch Landwirten, die Arbeitskräfte ohne Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung beschäftigen oder aus anderen Gründen nicht bei der Sozialversicherung anmelden, drohen Strafen. Davor hatte die spanische Arbeitsministerin Yolanda Díaz vor der Saison eindringlich gewarnt. Sie hatte den Kontrolleuren sogar Anweisungen gegeben, auf den Feldern nach Zwangs- oder Sklavenarbeit zu suchen. Und inzwischen liegt auch mindestens eine Anzeige gegen einen Landwirt vor, der Erntehelfern keine Masken gegeben und auch andere Schutzmaßnahmen missachtet haben soll. Die Bauern fühlten sich unschuldig an den Pranger gestellt:

"Die Arbeitsministerin hat einen Fehler begangen, als sie in diesem offiziellen Dokument von Sklavenarbeit auf den spanischen Feldern gesprochen hat. In so einer Position kann sie nicht die ganze Branche so leichtfertig kriminalisieren. Wir als Landwirtschafts-verband fordern selbstverständlich ihren Rücktritt."

Was nicht heißt, dass es keine illegalen Beschäftigungsverhältnisse auf den Feldern gäbe. In der Provinzhauptstadt Lleida leben und schlafen seit Wochen bis zu 200 Afrikaner auf der Straße. Ihr Treffpunkt ist ein Jugendzentrum in der Altstadt. Hier kocht der Senegalese Modu für seine Landsleute. 

"Ohne Papiere ist es sehr schwer, Arbeit zu finden. Und ohne Arbeit hast Du kein Geld. Auch sonst ist es nicht leicht; es gibt Leute, die uns Schwarzen keine Unterkunft vermieten wollen."

Er lehnt sich an eine Wand. Obwohl es auch am Abend noch heiß ist, trägt er eine Mütze. "Hier sind wir alle gleich", steht mit roten Lettern auf einem Plakat hinter ihm. Ein junger Mann schleppt die Zutaten für das Abendessen ins Lokal. 

"Jetzt haben wir in den Nachrichten gehört, dass in Lleida Saisonarbeiter fehlen. So sind wir hierhergekommen. Alle meine Landsleute hier sind gute Leute, sie wollen arbeiten. Wenn sie arbeiten dürften, ginge es ihnen besser. Und Spanien auch. Wer arbeitet, zahlt Sozialbeiträge, Steuern. Das ist gut für uns und auch für Spanien."

Zwei Mahlzeiten bereitet Modu täglich zu, für 200 bis 300 Leute, schätzt er. An diesem Abend gibt es Reis mit Fleisch. Die Lebensmittel spendet Keita Baldé, ein in Katalonien geborener Fußballprofi des AS Monaco, dessen Eltern aus dem Senegal stammen. Er zahlt auch 80 Afrikanern ein Hotelzimmer. Einige der Migranten übernachten auch in zwei Messehallen, die die Stadtverwaltung dafür eingerichtet hat. Die 200 Plätze dort reichen allerdings längst nicht aus:

"Es kommt nicht jeder einfach in diese städtische Herberge rein. Jeden Tag kommen neue Leute in Lleida an. Sie treffen ihre Landsleute und kommen erstmal hierher zu uns. Wir leben immer zusammen. Viele haben auch Schwierigkeiten mit der Herberge. Man muss sie um sieben Uhr am Morgen verlassen, bekommt ein belegtes Brot und dann muss man raus. Man muss aber auch bis um 23 Uhr zum Schlafen wieder zurücksein. Später darf man nicht mehr rein." 

Wer keine Papiere hat, hofft um sechs Uhr morgens an den Straßenkreuzungen von Lleida auf sein Glück. Manchmal hält ein Kleinbus, der Fahrer verhandelt kurz mit den wartenden Afrikanern, dann steigen sie ein. Der Kolumbianer Juan Carlos darf auf einen legalen Job hoffen, er hat Papiere, schon seit 20 Jahren arbeitet er als Erntehelfer in Spanien. Doch bis er einen Arbeitsvertrag unterzeichnet hat, muss er sehen, wo er bleibt. 120 Euro zahlt er für ein Zimmer:

"Da kann man nicht protestieren. Wir sind zu Dritt in einem Zimmer. Ich halte das jetzt erst mal aus, wenn ich Arbeit finde und was verdiene, suche ich mir etwas anderes. In der Wohnung schläft einer auf dem Sofa, wir sind zu Dritt, und in einem anderen Zimmer schlafen noch Zwei. Der Besitzer zahlt vielleicht eine Miete von 400 Euro, die 400 Euro hat er schon mit uns dreien, die in nur einem Zimmer schlafen. Insgesamt sind wir zu sechst in der Wohnung."

So schlafen die Erntehelfer auf den Straßen, in überbelegten Quartieren, fahren in überfüllten Kleinbussen auf die Felder. Epidemiologen schütteln den Kopf: Prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen erhöhen das Infektionsrisiko, warnen sie. Tatsächlich haben die Behörden in einem Teil der Provinz Lleida für 200.000 Menschen erneut Ausgangsbeschränkungen verhängt. In mindestens vier Obstplantagen haben sie Infektionsherde ermittelt, dazu in einem Altenheim, in einem Wohnblock und in einer Pension. Dass er vorsichtig sein muss, weiß auch Juan Carlos. Doch es geht ihm wie so vielen:

"Ich habe keine andere Wahl. Wenn ich meiner Tochter im Juli kein Geld schicke, fliegt sie auf die Straße. Sie studiert in Mexiko und zahlt dort seit zwei Monaten keine Miete.

Kooperativen sollen die Landwirte stützen

So beklagen die Erntehelfer in Nordspanien schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen, und die Landwirte steigende Produktions-kosten und niedrige Absatzpreise. Manche Bauern sehen in der rein lokalen Vermarktung ihres Obstes eine Alternative. Andere schließen sich zu großen Kooperativen zusammen, um mit den großen Investorengruppen konkurrieren zu können. Eine der größten Kooperativen ist Fruits de Ponent. Sie liefert jährlich rund 37.000 Tonnen Obst von 180 Landwirten an Supermärkte in 36 Staaten. Längst geht es nicht mehr nur um frisches Obst, erklärt ihr Generaldirektor Josep Presseguer zwischen den Rollbändern in der Fertigungshalle:

"Wir habe auch Anteile an weiterverarbeitenden Unternehmen, die zum Beispiel Fruchtkonzentrate und -pürees herstellen, aus denen Erfrischungsgetränke gewonnen werden. Wir haben auch eine Marke für Fruchtsäfte. Wir verkaufen ja sonst vor allem saisonales Obst. Da ist hier bis zum Ende des Sommers sehr viel zu tun, aber Pfirsiche kann man ja nicht lagern wie Äpfel oder Birnen. Daher unser Interesse an der Weiterverarbeitung oder auch an der Umstellung auf Obst, das sich besser lagern lässt."

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Somit können die Landwirte auch mit überreifem Obst noch Erlöse erzielen, das sonst auf dem Müll landen würde, erklärt der Manager. Dank ihres Umsatzes kann die Kooperative auch in computergesteuerte Sortiermaschinen investieren. Die hohe Produktivität der Kooperative komme auch den fast 500 saisonal angestellten Beschäftigten zugute, versichert der Manager. Für würdige Unterkünfte sorge das Unternehmen. Die Bilder von Migranten, die auf den Straßen übernachten müssten, gefallen auch Presseguer nicht:

"Das ist ein soziales Problem. Diese Leute wohnen hier, bekommen aber keine Arbeitserlaubnis. Wenn wir sie hierbehalten, müssen wir ihnen auch die Möglichkeit geben, legal und unter würdigen Bedingungen ihren Unterhalt zu verdienen."

Und zur Ausgrenzung der meist ausländischen Erntehelfer in den Anbauregionen meint der Obstmanager: 

"Die Pandemie hat bei vielen Menschen eine große Angst ausgelöst, auch Angst vor den Leuten, die zu uns kommen. Was nicht geht, ist, dass wir die deutschen Touristen auf Mallorca jetzt mit Beifall empfangen, während in Berlin, Lleida, Paris oder sonst wo andere Menschen auf den Straßen schlafen müssen."

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