Thema 06.08.2020

CoronavirusAktuelle Zahlen und EntwicklungenVon Volkart Wildermuth

Grafik: Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Im Coronavirus-Zeitalter sind wir alle zahlensüchtig: Wie viele gemeldete Coronavirusfälle gibt es in Deutschland? Verlangsamt sich die Ausbreitung des Virus, wie entwickeln sich die Fallzahlen international? Wie die Zahlen zu bewerten sind – ein Überblick.

Dieser Beitrag wird jeden Donnerstag aktualisiert.
Stand: Text 6. August 2020 - Grafiken: 6. August 2020

Grafik: Die Meldezahlen in Deutschland im Vergleich zur Vorwoche. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Meldezahlen in Deutschland im Vergleich zur Vorwoche. (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Covid-19 ist das neue Normal. Seit das Virus im Januar seinen Zug um die Welt begann, hat es das Leben in Europa und allen anderen Kontinenten dramatisch verändert. Hier werden einmal pro Woche die wichtigsten Zahlen zusammengefasst und eingeschätzt. Dabei gilt nach wie vor: Die Dunkelziffer ist unbekannt, Teststrategien und Meldeverfahren unterscheiden sich von Land zu Land und verändern sich manchmal sprunghaft von einem Tag auf den anderen. Gut, dass der Erkenntnisgewinn nicht nur in den absoluten Werten steckt, sondern vor allem in den Mustern und typischen Verläufen, die ein Infektionsgeschehen produziert. 

Grafik. Neuinfektionen in Deutschland pro Tag (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Neuinfektionen in Deutschland pro Tag (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

COVID-19: So war die Woche in Deutschland

Am 6. August meldet das Robert Koch-Institut 1.045 Neuinfektionen mit COVID-19 in Deutschland. Das ist – neben dem Ausbruch bei Tönnies – der höchste Wert seit Mai. Gesundheitsminister Jens Spahn betont: "Die Pandemie, das zeigen diese Zahlen, die Pandemie ist noch nicht vorbei". Die Ärztevereinigung "Marburger Bund" spricht schon von einer "zweiten, flachen Anstiegswelle".

Zum Teil geht der Anstieg auch auf eine Ausweitung der Tests zurück: von einer halben Million pro Woche Anfang Juli auf aktuell 570.000. Aber parallel ist der Anteil positiver Test kontinuierlich von 0,6 Prozent auf jetzt 1 Prozent gestiegen. Das zeigt: COVID-19 breitet sich tatsächlich weiter aus. Die Aktivität von SARS-CoV-2 ist zwar noch weit entfernt von der Situation im März oder April, aber die Tendenz weist klar nach oben. Vor drei Wochen (im Juli) hatten sich unter 100.000 Personen im Mittel 2,7 angesteckt, in der ersten Augustwoche sind es schon 5,6. Jeder neue Fall führt zu zusätzlichen Ansteckungen, so dass sich ein kleiner Anstieg auf längere Sicht weiter und weiter verstärkt. Der Grund dürfte in einer gewissen Ermüdung beim Einhalten der AHA-Regeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – liegen. 

Für Schlagzeilen sorgen nach wie vor größere Ausbrüche, aktuell vor allem der im bayrischen Mamming. Dort ist inzwischen nicht nur ein Gurkenhof, sondern auch eine Konservenfabrik betroffen – mehrere hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich mit SARS-CoV-2 infiziert. Großflächige Tests im Ort haben aber keine weiteren positiven Personen entdeckt, der Ausbruch beschränkt sich auf die Betriebe. Trotzdem überschreitet der Landkreis Dingolfing-Landau deutlich die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in der Woche und ist damit auf dem Dashboard des Robert Koch-Instituts (RKI) rot markiert. Auch Düren, Offenbach, Ingolstadt und der Odenwaldkreis melden vergleichsweise hohe Ansteckungsraten und sind orange markiert. 

Aber die meisten Neuinfektionen finden nicht im Rahmen größerer Ausbrüche statt, sondern auf Familienfeiern, religiösen Veranstaltungen in Altenheimen und Gemeinschaftseinrichtungen. Das ist laut Robert Koch-Institut besonders problematisch, weil es für die Gesundheitsämter viel schwieriger ist, viele kleine statt weniger großer Ausbrüche einzuhegen. Christian Drosten schlägt deshalb in der "Zeit" vor, Neuinfizierte gezielt danach zu fragen, ob sie in Superspreading-Situationen waren: mit vielen Leuten auf engem Raum und ohne Lüftung. Wenn ja, sollten die Personen dort sofort für fünf Tage unter Quarantäne gestellt werden, da sie sich höchstwahrscheinlich angesteckt haben.

Die Zahl der Kreise ohne jede Neuinfektion in der vergangenen Woche sinkt beständig auf derzeit 68 der 401 Kreise und kreisfreien Städte. Auf niedrigem Niveau ist COVID-19 also fast überall in Deutschland aktiv. In gut der Hälfte der Kreise stecken sich in der Woche aber weniger als 5 unter 100.000 Einwohnerinnern und Einwohnern an. Vor allem in Ostdeutschland ist das Virus weniger aktiv. Im Gegensatz dazu melden Berlin, Hessen und insbesondere Nordrhein-Westfalen mehr Fälle, als im Bundesdurchschnitt.

Grafik: Die Bundesländer im Vergleich: Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Bundesländer im Vergleich: Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Entscheidend bleibt die Prävention. Jede und jeder einzelne sollte an der AHA-Regel festhalten: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – und in Innenräumen viel lüften.  Nur so lässt sich einer zweiten Welle gegensteuern. Das ist umso wichtiger, als es mit dem Ende der Ferien wahrscheinlich zu zusätzlichen Ansteckungen durch Reiserückkehrer und das intensivere gesellschaftliche Leben in den Schulen und an den Arbeitsplätzen kommen wird.

Derzeit können sich Reisende aus Risikogebieten bei der Ankunft freiwillig testen lassen, ab dem 8. August ist das vorgeschrieben. Erste Auswertungen zeigen, dass bis zu 2,5 Prozent der Tests positiv sind. Das belegt: im Durchschnitt haben Flugreisende ein höheres Infektionsrisiko – entweder weil sie aus einem Land kommen, in dem das Virus verbreiteter ist, oder weil man sich im Urlaub tendenziell weniger streng an die AHA-Regeln hält.

Die Corona-Warn-App verzeichnet inzwischen 16 Millionen Downloads und kann zur schnelleren Nachverfolgung positiv getesteter Corona-Patientinnen und -Patienten beitragen. Mehr als 1.000 Personen haben sich nach einem positiven SARS-CoV-2-Test über eine Hotline den Code für die Meldung in der App geben lassen. Wie oft tatsächlich vor einer möglichen Ansteckung gewarnt wurde, ist wegen der strengen Datenschutzvorgaben nicht bekannt.

Die Reproduktionszahl R

Die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele weitere Personen eine Infizierte oder ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Liegt sie über 1, breitet sich eine Epidemie weiter aus. R lässt sich nur mit komplexen Modellen abschätzen. Das Robert Koch-Institut gibt einen Durchschnitt über vier (sensitiv) oder über sieben (geglättet) Tage an. Weil zwischen einer Infektion und der Meldung ans RKI Zeit vergeht, spiegelt der sensitive R-Wert das Infektionsgeschehen vor sieben bis 14 Tagen wider, während der geglättete Wert auf Ereignisse vor gut zwei Wochen reagiert.

Für SARS-CoV-2 lag die Reproduktionszahl anfangs ungefähr bei 3. Dank des Lockdowns und der anderen Gegenmaßnahmen ist R im März auf Werte unter 1 gesunken – das Virus wurde langsam zurückgedrängt. Anfang Juni stieg R aufgrund der Lockerungen leicht. Auch der Ausbruch Mitte Juni bei Tönnies zeichnet sich deutlich ab.

Grafik: Die Entwicklung der geglätteten Reproduktionszahl R (7-Tage-R) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Die Entwicklung der geglätteten Reproduktionszahl R (7-Tage-R) (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Fast die ganze vergangene Woche lag R über 1 – SARS-CoV-2 konnte sich tendenziell weiter ausbreiten. Aktuell weist die Kurve nach unten: Der 4-Tage-R-Wert liegt bei 0,9 und der 7-Tage-R-Wert bei 0,97 (Stand 5. August). Das überrascht erst einmal, am 6. August wurde ja mit 1.045 Neuinfektion ein besonders hoher Wert gemeldet. Welche Daten dem 4-Tage-R vom 5. August zugrunde liegen, zeigt die folgende Grafik.

Grafik: Diese Grafik zeigt, aus welchen Daten sich der 4-Tage-R-Wert zusammensetzt – am Beispiel des am 5. August veröffentlichten 4-Tage-R von 0,9. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Diese Grafik zeigt, aus welchen Daten sich der 4-Tage-R-Wert zusammensetzt – am Beispiel des am 5. August veröffentlichten 4-Tage-R von 0,9. (Stand 5. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Die hohen Zahlen vom 6. August werden R also erst in den nächsten Tagen beeinflussen. Außerdem schwanken die R-Werte stark, es gibt einen breiten Unsicherheitsbereich. Das liegt auch daran, dass bei den absolut niedrigen Infektionszahlen mögliche Meldeverzögerungen und andere Artefakte einen großen Einfluss auf die Modelle bekommen. Entscheidend ist, ob R längerfristig über oder unter 1 liegt.

Der R-Wert ist nicht das einzige Maß für die Epidemie. Ein anderer Blickwinkel auf die Veränderungen bietet die Zahl der aktiven Fälle, also der Personen, die derzeit eine COVID-19-Infektion haben. Errechnet wird sie, indem man von der Gesamtzahl der Infektionen die Todesfälle und die (geschätzte) Zahl der Genesenen abzieht. Die Zahl ist wichtig, weil sie in etwa die Gruppe widerspiegelt, von der Neuinfektionen ausgehen können.

Die folgende Grafik zeigt nicht die absolute Zahl der aktiven Fälle, sondern deren Veränderung. Bei Werten über 0 wachsen die aktiven Fälle an. Die Kurve in der Grafik verlief über Wochen unter der Nulllinie, erst der Ausbruch bei Tönnies Mitte Juni führte vorrübergehend zu einem Wachstum der aktiven Fälle. Dank der Quarantäne blieb dies aber ein isoliertes Ereignis und so sank die Kurve schnell wieder unter 0. Obwohl es keine wirklich großen Ausbrüche gab, nimmt die Zahl der aktiven Fälle aber seit Mitte Juli wieder zu. Die Kurve liegt beständig über Null. Ein weiterer Hinweis darauf, dass SARS-CoV-2 nach wie vor an vielen Orten vorhanden ist und jede Möglichkeit zur Verbreitung nutzt. 

Grafik: Wachstum der aktiven Fälle in Deutschland (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Wachstum der aktiven Fälle in Deutschland (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Eine Entwicklung allerdings ist positiv zu bewerten: Die Altersstruktur der Infizierten hat sich verschoben. Etwa 95 prozent sind unter 60 Jahre alt, dagegen sind Menschen über 80 kaum noch betroffen. Das spricht dafür, dass weniger Infizierte intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Aber auch wenn sich derzeit vor allem Menschen im mittleren Lebensalter und jüngere anstecken, zeigen Erfahrungen aus England, dass diese Gruppe in einem zweiten Schritt das Virus auch wieder zu den älteren Menschen bringt. Deshalb ist der Schutz der Alters- und Pflegeheime nach wie vor entscheidend.  

In der vergangenen Woche sind 44 Menschen aufgrund von COVID-19 gestorben. Damit stieg die Zahl der Todesfälle noch einmal leicht an, liegt aber weiterhin niedrig. Im Vergleich zu den Neuinfektionen hinkt die Entwicklung bei den Todeszahlen hinterher, denn zwischen einer Infektion, einem schweren Verlauf der Krankheit und schließlich dem möglichen Tod vergehen gut drei Wochen.

Grafik: Todesfälle in Deutschland pro Tag (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Todesfälle in Deutschland pro Tag (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Die Ausbreitung des Coronavirus im internationalen Vergleich

Ab dem 8. Augst sind Tests für Reiserückkehrerinnen und -rückkehrer aus Risikogebieten verpflichtend. Und das aus gutem Grund, denn in manchen Risikogebieten ist SARS-CoV-2 aktiver als in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken, ist theoretisch höher. Weil Tests immer nur eine Momentaufnahme darstellen, bieten sie weniger Sicherheit als die eigentlich vorgeschriebene Quarantäne.

Nach wie vor stecken sich die meisten Menschen aber innerhalb von Deutschland an. Der Anteil der importieren Fälle steigt aber auf derzeit ungefähr 18 Prozent. Die weitaus meisten dieser Ansteckungen finden nach den Angaben des Robert Koch-Institutes im Westbalkan statt. Mit deutlichem Abstand folgt die Türkei. Die gilt als Risikogebiet – trotzdem erklärte das Auswärtige Amt die meisten Mittelmeerregionen im Land für unbedenklich, für Reisende aus diesen Gebieten sind Tests damit nicht erforderlich. Dabei steigen die Werte im Landesdurchschnitt der Türkei. Hier vertrauen die Behörden vor allem dem türkischen Hygienekonzept. Aktuell sind die Strände wohl voll, vor allem auch mit türkischen Badegästen.

Umgekehrt sind manche Regionen in Nicht-Risikoländern für das Auswärtige Amt wegen COVID-19 keine sicheren Urlaubsdestinationen. Das betrifft etwa die autonomen Gemeinschaften Aragon, Katalonien und Navarra in Spanien. Sie sind für den ausfälligen Anstieg der Neuinfektionen Spaniens verantwortlich. Umso wichtiger ist es, auch im Urlaub die AHA-Regeln zu beachten, um möglichst kein unerwünschtes Andenken mitzubringen.

Grafik: Ausgewählte Reiseziele in der Übersicht – gemessen an der Höhe der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Ausgewählte Reiseziele in der Übersicht – gemessen an der Höhe der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Weltweit hat die COVID-19-Pandemie deutlich an Fahrt aufgenommen. Ende Juni meldete die Weltgesundheitsorganisation erstmals 10 Millionen bestätigte Infektionen. Inzwischen sind es fast 19 Millionen. Mehr als 700.000 Menschen sind an SARS-CoV-2 gestorben. In vielen Ländern weisen die Kurven der Neuinfektionen steil nach oben. Die meisten Fälle verzeichnen die USA, Brasilien, Indien und Russland. Auch in Panama, einigen Golfstaaten, Israel und Südafrika breitet sich COVID-19 aktuell schnell aus.

Viele Länder, die eine erste Welle von SARS-CoV-2 Infektionen zurückdrängen konnten, verzeichnen wieder deutlich steigende Zahlen. Das Virus nutzt jede Chance sich zu verbreiten, eine zweite Welle ist ständig möglich. Die Liste der betroffenen Länder ist lang (hier geordnet nach der Gesamtzahl der Infektionen, Stand 6. August): Peru, Spanien, Frankreich, Israel, Belgien, Niederlande, Rumänien, Singapur, Polen, Japan, Marokko, Moldawien, Nepal, Australien, Tschechien.

Blickt man nicht auf Länder, sondern auf die großen Weltregionen, hat Südamerika Nordamerika inzwischen deutlich überholt. Das liegt vor allem auch an einem leichten Rückgang der Zahlen in den USA, während sich die Epidemie in Peru, Kolumbien, Argentinien rausch ausbreitet. Trotz aller Erfolge in der Bekämpfung ist das Virus in Europa immer noch aktiver als in Asien und Afrika, wo es erst langsam aber stetig an Boden gewinnt. Das ist allerdings ein grober Blick, es sind immer einzelne Länder, die die Entwicklung auf einem Kontinent dominieren. In Afrika ist das Südafrika, in Asien derzeit Indien, in Europa Russland.

Grafik: Kontinente im Vergleich anhand der Neuinfektionen über sieben Tage pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Kontinente im Vergleich anhand der Neuinfektionen über sieben Tage pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

In Asien ist COVID-19 dank rigoroser Kontaktbeschränkungen und anderer Vorsorgemaßnahmen in vielen Ländern unter Kontrolle. Mit den Öffnungen beginnen aber auch die Zahlen wieder zu steigen. China, Ausgangspunkt der Pandemie, vermeldet seit Juli regelmäßig wieder mehr als 100 neue Fälle pro Tag. Japan ist mitten in einer zweiten Welle mit aktuelle doppelt so vielen Ansteckungen als im April. Die Fälle in Indien begannen vergleichsweise spät zu steigen, weil sich ein Lockdown nicht durchhalten ließ, steigen die SARS-CoV-2-Fälle dramatisch auf fast zwei Millionen. Über 40.000 Menschen sind dort gestorben. Die Dunkelziffer dürfte erheblich sein. 

Viele Länder in Europa waren von SARS-CoV-2 schwer betroffen. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass in der Woche vom 30. März bis zum 6. April 50 Prozent mehr Menschen gestorben sind, als in anderen Jahren üblich. Vor allem Spanien, Belgien, Italien und Frankreich verzeichneten eine deutliche Übersterblichkeit – in Deutschland dagegen war sie kaum ausgeprägt. Großbritannien ist in dieser Analyse nicht enthalten, weil das Land nicht mehr zur EU gehört. Das vereinigte Königreich nimmt allerdings bei den Todeszahlen in Europa die traurige Spitzenposition ein. Schweden, das seinen relativ liberalen Sonderweg korrigiert hat, verzeichnet wieder eine niedrige Neuinfektionsrate nach zwischenzeitlich großen Problemen mit vielen Toten unter der älteren Bevölkerung.

Europa ist es gelungen SARS-CoV-2 erfolgreich zurückzudrängen und doch verzeichnen viele Länder wieder steigende Zahlen. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Spanien, Frankreich sogar für die Schweiz. Ob sich eine zweite Welle abwenden lässt, bleibt offen.

Russland steht an Platz vier der weltweiten Infektionszahlen. Noch immer werden rund 5.000 Neuinfektionen pro Tag registriert (Stand 6. Augsut). Nach einem strengen Lockdown öffnet das Land rigoros. Auch auf dem Balkan verbreitet sich COVID-19 weiter. Serbien war das erste Land in Europa, in dem wieder Profifußball gespielt wurde, seitdem sind die Infektionszahlen deutlich angestiegen. Das Land befindet sich mitten in einer zweiten Welle. Auch im Kosovo steigen die Zahlen. Entsprechend kamen im Juli die meisten bekannten importierten COVID-19-Fälle in Deutschland aus dem Kosovo (608) und aus Serbien (227). Mit 7.606 Fällen fand der Großteil der Infektionen aber innerhalb der Bundesrepublik statt.

Der Schwerpunkt der Epidemie verlagert sich in ärmere Länder, derzeit vor allem nach Lateinamerika und nach Indien. Der Ausreißer unter den Industrienationen sind nach wie vor die USA. Aktuell zählt das Land nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität (JHU) 4,8 Millionen Infizierte und gut 158.000 Tote (Stand 6. August). Allerdings beginnt die Zahl der täglichen Neuinfektionen langsam wieder zu sinken. Dagegen bleibt die Sterblichkeit auf einem hohen Niveau. Am Mittwoch (5. August) starben 1.403 US-Amerikaner, etwa einer pro Minute. Viele Bundesstaaten haben entgegen der Warnungen von Expertinnen und Experten ihre Beschränkungen gelockert. Die Zahlen stiegen zunächst in den südlichen Bundesstaaten und Kalifornien dramatisch. Inzwischen gehen sie dort leicht zurück, dafür breitet sich SARS-CoV-2 in den ländlichen Gebieten in der Mitte der USA aus. In einzelnen Countys und Stadtbezirken in den USA kommen die Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen. Einige Bundesstaaten haben deshalb ihre Einschränkungen erneut in Kraft gesetzt.

Im Nahen und Mittleren Osten befindet sich Israel mitten in einer zweiten Welle. Die täglichen Infektionszahlen liegen mehr als doppelt so hoch wie im April. Vor allem Schulen und Hochzeitsfeiern ermöglichen dem Virus dort eine schnelle Ausbreitung. Auch der Irak und Saudi-Arabien sind stark betroffen. Der Iran kämpft schon seit Beginn der Pandemie mit dem Virus und befindet sich seit Ende Mai in einer dramatischen zweiten Welle, wobei die Zahl der Neuinfektionen langsam zurückgeht, während die Todesfälle noch steigen. Gemessen an der Bevölkerung verzeichnet das kleine Bahrain derzeit eine besonders starke Ausbreitung von SARS-CoV-2 – mit Neuinfektionen von über 150 in der Woche pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Allerdings gehört Bahrain auch zu den Ländern mit der höchsten Zahl an COVID-19-Tests. Trotzdem will Indien seine Arbeitskräfte aus Bahrain evakuieren.

Nachdem sich das Virus lange ungebremst in Brasilien ausbreiten konnte, schien sich die Epidemie dort auf hohem Niveau zu stabilisieren. Über 2,8 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer haben sich infiziert, mehr als ein Prozent der Bevölkerung. Expertinnen und Experten schätzen die tatsächlichen Fallzahlen auf ein Vielfaches. Auch die Zahl der Toten dürfte höher als die offizielle gemeldeten 97.000 Todesfälle liegen. Panama, Peru und Kolumbien verzeichnet derzeit weltweit die höchsten Ansteckungsraten mit rund 160 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in der Woche. Mexiko dagegen ist es gelungen den Anstieg zu bremsen. Dort haben sich fast eine halbe Million Menschen angesteckt, fast 50.000 sind an COVID-19 gestorben, damit liegt die Sterblichkeit in Mexiko besonders hoch.

Neuseeland hat sich im Mai nach einem strengen Lockdown für "COVID-19-frei" erklärt und will diesen Status durch strikte Quarantäne bei der Einreise sichern. Vorerst scheint das zu gelingen. Auch Australien ist zunächst vergleichsweise gut durch seine Epidemie gekommen. Nach den Lockerungen ist das Virus aber insbesondre im Bundesstaat Victoria zurückgekommen. Der Ausbruch dort ist inzwischen größer, als der im Frühjahr auf dem gesamten fünften Kontinent. Entsprechend gilt in Victoria eine sehr strikte Ausgangssperre.

Grafik: Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner im Ländervergleich (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner im Ländervergleich (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Vom afrikanischen Kontinent hört man von Ausbrüchen, die sich nicht überall in den offiziellen Statistiken widerspiegeln. Insgesamt melden die Africa CDC am 6. August für den Kontinent fast eine Millionen Fälle, 21.617 Menschen sind dort bisher gestorben. Mehr als die Hälfte der Fälle konzentrieren sich in Südafrika. Dort werden auch die meisten Neuinfektionen gemeldet, allerdings beginnen die Werte zu sinken. Die Todesfälle steigen aber weiterhin. Die Zahl von über 9.000 Verstorbenen dürfte eine Unterschätzung darstellen. Zumal in Afrika die indirekten Folgen von COVID-19 besonders dramatisch sind. Wegen der Pandemie sind viele andere Gesundheitsangebote wie Impfungen, Malarianetze, HIV- und TB-Medikamente nur eingeschränkt verfügbar. Auch der Hunger breitet sich wieder aus und gefährdet vor allem Kinder.

Wenn es eine Lehre aus der internationalen Entwicklung der Pandemie gibt dann lautet sie: SARS-CoV-2 wird jede Chance nutzen, die eine Gesellschaft bietet.

Wie viele Menschen sterben an COVID-19?

Die allermeisten Menschen überstehen eine COVID-19-Erkrankung ohne große Probleme, etwas Fieber, ein trockener Husten, vielleicht nicht einmal das. Aber 20 Prozent der Patientinnen und Patienten, also eine oder einer aus fünf, erkranken schwer und müssen in der Klinik behandelt werden. Fünf Prozent der Erkrankten benötigen eine Beatmung. Ein erheblicher Teil kann auch dann nicht gerettet werden. Eine aktuelle Studie aus Deutschland hat mehr als 10.000 Patientenverläufe ausgewertet: Danach sterben zwei von zehn ins Krankenhaus eingelieferten COVID-19-Patienten. Wer so schwer erkrankt ist, dass er oder sie beatmet werden muss, hat nur eine Überlebenschance von 50 Prozent. Solche Verläufe treffen vor allem, aber durchaus nicht nur ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. Immer wieder sterben auch scheinbar gesunde, kräftige Menschen an SARS-CoV-2. Genesene berichten von anhaltender Erschöpfung und neurologischen Symptomen. Dies sind Einzelfälle, die derzeit nicht verstanden sind.  

Das Risiko für einen dramatischen Verlauf steigt mit dem Alter erheblich an: Besonders Menschen jenseits der 70 haben ein erhöhtes Sterberisiko. Ebenso Personen mit Herz-Kreislauf-Leiden, einer Zuckerkrankheit, Atemwegsproblemen oder Bluthochdruck. 

Grafik: Todesfälle im Vergleich über sieben Tage pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Todesfälle im Vergleich über sieben Tage pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner (Stand 6. August 2020) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Dass die Kurve der Sterbezahlen nicht gleichmäßig der Zahl der Infektionen folgt, kann unterschiedliche Gründe haben. Etwa ein von Anfang an nicht gut aufgestelltes Gesundheitssystem oder ein plötzlicher Ansturm von COVID-19-Erkrankten, der die Kapazitäten überfordert. Plötzliche Sprünge in der Kurve gehen meist auf Änderungen im Meldeverfahren zurück. Darüber hinaus werden wohl bei weitem nicht alle COVID-19-Sterbefälle als solche erfasst oder erkannt (New York Times).

Viel diskutiert wird die unterschiedliche Sterberate in verschiedenen Ländern. Bei dieser Case Fatality Ratio (CFR) handelt es sich um den Anteil der nachgewiesen Infizierten, der am Ende stirbt. In Deutschland liegt die CFR aktuell bei 4,3 Prozent. Dieser Wert hängt aber von sehr vielen Faktoren wie der Teststrategie ab, nicht nur von der Qualität des Gesundheitssystems. Die CFR überschätzt die Gefährlichkeit von SARS-CoV-2, weil sie die vielen Infizierten ausblendet, die gar nicht zum Arzt gehen und deshalb auch nicht getestet werden. Interessanter wäre die Infection Fatality Rate (IFR), also die Sterblichkeit bezogen auf die Zahl aller Infizierten. Wegen der hohen Dunkelziffer kann sie nur mit Modellen abgeschätzt werden, die aktuell auf Werte zwischen 0,5 Prozent und 1,0 Prozent kommen.

Robert Koch-Institut (RKI) oder Johns-Hopkins-Universität (JHU)?

Ob man auf die Zahlen des RKI schaut oder auf die der JHU: Die Trends sind identisch, auch wenn sich die absoluten Werte ein wenig unterscheiden. Das liegt daran, dass beim RKI die offiziell gemeldeten Fälle verwendet werden. Es braucht einige Tage, bis Verdachtsfälle diagnostiziert und getestet sind, und die Information vom Gesundheitsamt vor Ort über das Bundesland nach Berlin gelangt.

Die JHU greift auf die Daten des RKI zu, ergänzt sie aber mit Modellen und weiteren Quellen (Veröffentlichungen der lokalen Behörden und der Weltgesundheitsorganisation sowie Berichte aus Medien/Internet).

Beide Datenquellen haben ihre Berechtigung. Beide hinken der tatsächlichen Situation hinterher. Vor allem im internationalen Vergleich muss man zudem von erheblichen Verzerrungen in der Abbildung des Geschehens ausgehen, die zum Teil strukturellen, zum Teil politischen Ursprungs sind.

(Redaktion: Andrea Kampmann, Christiane Knoll, Josh Moriarty, Charlotte Voß, Volkart Wildermuth, Anne Göbel)

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