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Startseite@mediasresWie das Radio der Zukunft aussieht02.06.2021

DAB+ vs. StreamingWie das Radio der Zukunft aussieht

Während das Digitalradio DAB+ um Hörerinnen und Hörer buhlt, orientieren die sich längst neu: Webradio und Streamingdienste bieten viel mehr Möglichkeiten als das klassische Radio über Antenne. Die neue Freiheit hat aber auch Nachteile - vor allem für das Klima.

Von Annika Schneider

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Eine Frau wählt am 03.03.2017 in Warendorf (Nordrhein-Westfalen) auf einem iPad mit einer Radio App einen Sender aus. Während man früher Radiosender ausschließlich über ein Radiogerät hörte, nutzt man heute auch Smartphone und iPads zum Radio hören. (picture alliance/Guido Kirchner/dpa)
Ein Viertel der Deutschen hört täglich Webradio, zum Beispiel über ein Smartphone oder Tablet (picture alliance/Guido Kirchner/dpa)
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Japan, Island, Mauritius – wer Radio aus aller Welt oder auch aus Deutschland hören möchte, muss nur die Homepage eines Senders aufrufen oder eine Streaming-App installieren. Einzige Voraussetzung ist eine stabile Internetverbindung. Die Webradionutzung ist im Corona-Jahr deutlich gestiegen, fast die Hälfte der Über-14-Jährigen hört Radio auch über das Internet. Doch die Bequemlichkeit hat ihren Preis: Wer streamt, gibt immer auch Daten preis, erklärt Olaf Korte, der am Fraunhofer-Institut in Erlangen im Bereich Audio und Medientechnologien forscht. 

"Selbstverständlich werden bei den Streamingdiensten die Nutzer alle getrackt. Ist doch ganz klar. Diese Daten lässt sich keiner entgehen, um Nutzerverhalten zu kriegen, auf bequemste Weise Einschaltquoten messen zu können, genau mitzukriegen: Bei welchem Lied schaltet jemand um? Wann kommt er zurück? Es gibt auch Streamingdienste, wo Sie wirklich zwar den Stream gemeinsam mit anderen hören, wo aber das sozusagen die Werbeblöcke Ihnen schon personalisiert eingeblendet werden, ohne dass Sie merken, dass sie einen anderen Werbeblock kriegen als ihr Nachbar, der gerade genau das gleiche Streaming-Programm hört."

Im Sinne des Klimaschutzes

Dabei war Anonymität immer eine große Stärke des Radios. Zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg – wer das passende Empfangsgerät hatte, konnte verbotenen Sendern lauschen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Bis heute sind UKW-Frequenzen auch dort zu empfangen, wo es weder Internet noch Strom gibt. Das Gleiche soll künftig das Digitalradio DAB+ bieten: einen terrestrischen Verbreitungsweg, also einen flächendeckenden und vom Mobilfunknetz unabhängigen Rundfunkempfang. Das sei auch im Sinne des Klimaschutzes, sagen die Befürworter. Denn Online-Streaming verbraucht viel Energie: Für jeden Hörer und jede Hörerin geht ein eigenes Datenpaket auf die Reise. Beim Rundfunk hingegen erreichen die ausgestrahlten Frequenzen viele Menschen gleichzeitig.

Ein Mitarbeiter hält ein Digitalradio mit DAB+ auf der Technik-Messe IFA, der weltweit größten Fachmesse für Unterhaltungs- und Gebrauchselektronik in der Hand. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen) (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)Dieser Beitrag ist Teil der Reihe "Vom Ladenhüter zum Radiostandard: Der lange Weg des DAB+". Warum konnte sich das Digitalradio noch nicht flächendeckend durchsetzen? Welche Rolle spielt dabei das Internet? Wann kommt das Aus für UKW? Und was kann Deutschland von der Schweiz und Norwegen lernen?  Diese und weitere Fragen rund um DAB+ beantworten wir auch in einem @mediasres Spezial am 13. Mai um 15.30h im Deutschlandfunk.

Das bedeutet aber auch: Alle bekommen dasselbe Programm zur selben Zeit – obwohl das Internet inzwischen viel individuelleres Hören ermöglicht. Audioplattformen wie Spotify kreieren je nach Musikgeschmack automatisierte Playlists, Podcasts decken jede noch so spezielle Nische ab. Dagegen sieht das Digitalradio DAB+ alt aus. 

ARD-Vorsitzender Buhrow glaubt an lineares Radio

In der Debatte um die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender, die möglichst viele Menschen erreichen sollen, geht es deswegen immer öfter um Medienplattformen und Audiotheken. Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow ist dennoch überzeugt, dass es lineares Vollprogramm auch in Zukunft geben wird.

"Das lineare Medium Radio hat ja seine besondere Rolle in der unmittelbaren und schnellen Vermittlung von Momenten, Informationen und auch Stimmungen. Und wenn das Radio weiter auf seine Stärke als Echtzeitmedium und Tagesbegleiter setzt, dann wird es das Radio auch linear noch lange geben."

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Auch die SPD-Politikerin Heike Raab, die die Rundfunkpolitik der Länder koordiniert, wirbt bei aller Offenheit für flexiblere Ausspielwege für lineare Programme:

"Radio ist ein niederschwelliges Medium, mit dem man auch Menschen der unterschiedlichen Generationen auch oftmals barrierefrei ein Informations- und Unterhaltungsangebot machen kann. Und wenn ich an meinen 85-jährigen Vater denke, dann wird der nicht so leicht auf einer Plattform seinen Leblingssender finden."

Auf Autobahnen liegt DAB+ vorne

Jüngere Hörerinnen und Hörer vom Kauf eines DAB+-Empfänger zu überzeugen, könnte allerdings schwieriger werden. Das gilt vor allem für diejenigen, die ein Smartphone und stabiles Internet zu Hause haben – wozu dann noch Geld für ein stationäres Radiogerät ausgeben? Eine wichtige Rolle könnte das Auto spielen: Das Digitalradionetz deckt die deutschen Autobahnen quasi lückenlos ab, während der Internetausbau hinterherhinkt.

Die DAB+-Verfechter werben außerdem mit einer verbesserten Klangqualität bei DAB+, rauschfrei und teilweise sogar im 5.1-Surround-Sound. Bei einem Jazz-Konzert im Kulturprogramm ist dieses Argument allerdings schlagkräftiger als bei den Hits der 90er im Mainstream-Funk – und nicht jeder Anbieter sende in so guter Qualität wie die öffentlich-rechtlichen Programme, sagt Olaf Korte vom Fraunhofer-Institut in Erlangen: 

"Auch in Deutschland gibt es Privatradio-Anbieter – Namen nenne ich hier natürlich nicht – die in der Bit-Rate so sparsam sind, dass ich mir diese Programme teilweise nur schwer anhören kann. Es hängt immer einfach davon ab, was der Programmanbieter bereit ist oder in der Lage ist, an Bit-Rate und damit auch an Geld zu spendieren wollen. Weil natürlich umso mehr Bitrate, umso mehr muss er anteilig an den Kosten des Sendesignals berappen."

5G-Netz bietet neue Möglichkeiten

Während DAB+ also noch um die Gunst von Hörern und Sendern ringt, verweisen manche schon auf die nächste Technologie: Irgendwann könnten Video- und Audioinhalte über 5G übertragen werden – nicht in Form einzelner, energieintensiver Streams, sondern in einem speziellen Rundfunkmodus.

Das ist allerdings noch Zukunftsmusik: Es gibt bislang weder konkrete Pläne noch eine geeignete Infrastruktur, außerdem steht im Zentrum der Überlegungen derzeit vor allem die Fernsehübertragung via 5G. Ob über die geplanten Netze irgendwann auch Radio gesendet werden kann und ob dafür jemals ein flächendeckendes 5G-Rundfunknetz aufgebaut wird, ist offen.

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