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StartseiteThemaWie lange hält der Impfschutz?03.08.2021

Debatte über AuffrischungsimpfungenWie lange hält der Impfschutz?

Immer mehr Menschen in Deutschland sind durch eine Corona-Schutzimpfung geschützt. Doch wie lange hält dieser Schutz vor schweren Verläufen von Covid-19 an? Bei manchen Menschen liegt die Impfung schon Monate zurück, die Debatte um Auffrischungsimpfungen nimmt daher Fahrt auf. Was bisher bekannt ist.

Zwei Mitarbeitende des Impfzemtrums ziehen Spritzen mit Corona-Impfstoffen auf (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)
Über 50 Prozent der Deutschen sind vollständig geimpft (Stand: 03.08.21). Benötigt man womöglich bald eine Auffrischung und wenn ja, wann? (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)
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Erste Untersuchungen und die rasche Verbreitung der Delta-Veriante geben Hinweise darauf, dass der Schutz durch eine Corona-Impfung mit der Zeit offenbar schwindet. Dies hat die Diskussion verstärkt, ob und vor allem wann eine Impfauffrischung über eine dritte Dosis notwendig wird.

Am 03.08.2021 haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern über eine mögliche Dritte Impfdosen – zunächst für Risikogruppen – beraten. Das Bundesgesundheitsministerium hatte zuvor vorgeschlagen, dass bestimmte Personengruppen bereits ab September mit einem mRNA-Vakzin erneut geimpft werden sollten, also mit Biontech oder Moderna.

Wie lange reicht der Schutz nach einer vollständigen Impfung?

Die Studien- und Datenlage dazu ist weiterhin nicht eindeutig. Eine US-Studie zum mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer hat Hinweise zu den sogenannten B-Gedächtniszellen geliefert. Drei Monate nach der zweiten Impfung wurden diese B-Gedächtniszellen nachgewiesen. Dies bedeutet, dass wenn wir uns wieder mit einem Virus auseinandersetzen müssen, die B-Zellen relativ schnell aktiviert werden und uns vielleicht auch schützen können, sagte der Immunologe Professor Reinhold Förster von der Medizinischen Hochschule Hannover im Dlf.

Die B-Zellen produzieren aber keine Antikörper zu den Viren, so wie andere Zellen im Körper das machen, erklärte Förster. Demnach wisse man nicht, vor was genau diese Zellen schützen: Können Sie vor Infektionen schützen? Können Sie auch vor einem schweren Verlauf schützen? Oder bieten sie am Ende doch wenig Schutz? Die US-Studie habe da lediglich Hinweise geliefert. 

Die Immunantwort beruht grundsätzlich auf zahlreichen Komponenten. Neben den B-Gedächtniszellen zum Beispiel auch auf den T-Zellen. Die große Frage, wie lange die Immunität anhalte, sei noch nicht beantwortet, so Förster. Dies werde man im Endeffekt nur "im Selbstversuch sehen", so Förster, "nämlich dann, wenn sich zweifach geimpfte Personen wieder infizieren".

Daten von Mitte Juli 2021 aus Israel – wo sehr früh geimpft wurde – deuten darauf hin, dass die Wirksamkeit der Biontech/Pfizer-Impfung mit der Zeit deutlich nachlässt. Messungen zeigten, dass nach drei Monaten die Antikörper-Level ungefähr um die Hälfte gefallen waren. Immunantworten seien jedoch fast alle vergänglich, so Förster. Zudem wisse man weiterhin nicht, welche Menge an Antikörpern benötigt werde, um uns vor einer Infektion zu schützen.

Reicht die Datenlage, um den Nutzen einer Dritt-Impfung einzuschätzen?

Momentan reicht die Datenlage nicht, um abzuschätzen, ab wann sich eine sogenannte Auffrischungsimpfung, flächendeckend für alle, lohnt. Nach vorliegenden Untersuchungen lässt sich aber schon jetzt absehen, dass es sich lohnen wird bei Patienten, die immunsupprimiert sind. Dabei geht es um die Menschen, die als erstes geimpft wurden, zur Risikogruppen zählen und zudem ein geschwächtes Immunsystem haben. Zu ihnen gibt es Studien, die zeigen, dass eine dritte Impfung die Immunantwort deutlich steigern kann. Das betrifft vor allem ältere und alte Menschen. Für sie würde sich eine Auffrischungsimpfung als erstes empfehlen, so Immunologe Förster.

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Wird es standardmäßige Auffrischungsimpfungen geben?

Früher oder später werde es wahrscheinlich so kommen, glaubt Immunologe Förster. Wenn es in Altenheimen, die komplett durchgeimpft wurden, wieder zu schweren Corona-Verläufen komme, dann werde die Bereitschaft, sich ein drittes Mal impfen zu lassen oder auch seitens der Politik eine dritte Impfung zu empfehlen, deutlich größer sein, ist sich Förster sicher. Er vermutet, dass dies ein Jahr nach Abschluss der ersten Immunisierung der Fall sein werde. Das gelte vor allem für Hochbetagte, Immunsupprimierte oder Menschen, die am Anfang keine Immunantwort hatten. Diese zu identifizieren, sei natürlich schwierig. Studien zeigten jedoch, dass ein bestimmter Prozentanteil nach zweimaliger Immunisierung nicht gut oder auch gar nicht geschützt sei.

Covid-19: Wie lange hält der Impfschutz? Bericht von Volkart Wildermuth in Forschung aktuell vom 11. Mai 2021 (04:23) 

Perspektivisch sei eine dritte Dosis wahrscheinlich für alle notwendig, schätzt auch Dlf-Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth. Man wisse zum Beispiel von den vor SARS-CoV-2 verbreiteten Coronaviren, dass man sich im Abstand von Jahren auch mehrfach mit ihnen anstecken könne. Das führte bei den früheren Coronaviren dann nur zu einem Schnupfen – bei SARS-CoV-2 wäre es ein größeres Problem.

Auch die Impfhersteller Moderna und Biontech/Pfizer rechnen mit einer Abnahme der Wirksamkeit ihrer Vakzine und damit dass eine dritte Impfung nötig wird - nicht zuletzt wegen der Virus-Varianten. Die Pharmafirmen arbeiten bereits an den entsprechenden Impfstoffen und haben Anträge auf Zulassung gestellt. Perspektivisch gehen sie davon aus, dass man wie bei der Grippeimpfung eine jährliche Auffrischung benötigen wird. Selbstverständlich wollen die Unternehmen aber auch ihren Impfstoff verkaufen. Die Notwendigkeit von Impfauffrischungen müsste daher von unabhängiger Seite untersucht und beurteilt werden.

Emer Cooke, Chefin der Europäischen Arzneimittelagentur, nimmt zwar ebenfalls an, dass eine Auffrischung nötig werden könnte – aber ob dies flächendeckend wirklich schon nach einem Jahr nötig sei, müsse man abwarten.

Auch eine internationale Perspektive lässt am Sinn früher Auffrischungsimpfungen zweifeln, denn weltweit haben viele Menschen noch gar kein Impfangebot erhalten. Impfkampagnen im globalen Süden wären nicht nur für diese Menschen eine Chance, sie könnten auch verhindern, dass dort viel Virus zirkuliert, und so vielleicht auch, das Varianten entstehen, die eine dritte Dosis erst nötig machen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

(Quellen: Volkart Wildermuth, Interview Sprechstunde 13.7.2021)

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