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StartseiteThemaWas über Wirksamkeit und Nebenwirkungen bekannt ist04.03.2021

Debatte um Impfstoff von AstraZenecaWas über Wirksamkeit und Nebenwirkungen bekannt ist

Der Impfstoff von AstraZeneca steht in der Kritik. Menschen lassen sich nicht impfen, obwohl sie an der Reihe wären. Sie fürchten, dass der Impfstoff sie nicht ausreichend schützt. Warum das ein Irrtum ist und welche Zweifel es sonst noch gibt - ein Überblick.

Drei Impfampullen der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen nebeneinander (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)
Die Impfstoffe der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca erfahren unterschiedliche Akzeptanz (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)

Die Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca laufen nur schleppend an. Es besteht bei einigen Menschen Misstrauen gegenüber dem Impfstoff: Er soll weniger wirksam sein als andere bereits zugelassene Präparate und zudem unangenehme Nebenwirkungen haben. Dabei ist er so praktisch wie kein anderer in Deutschland zugelassener Impfstoff: Er muss nicht aufwändig gekühlt werden, sondern ist im Kühlschrank haltbar und kann so in Arztpraxen verimpft werden. Außerdem ist er billiger. Zunächst hatte die Ständige Impfkommission den Impfstoff von AstraZeneca nur für Menschen unter 65 Jahren empfohlen, weitete diese Empfehlung aber am 4. März auch für ältere aus. 


Wirkt AstraZeneca ausreichend gegen das Coronavirus?

Ja. Der Impfstoff von Astrazeneca verhindert den Tod und schwere Verläufe durch die Krankheit Covid-19 und schützt wahrscheinlich auch vor langfristigen Folgen - so wie die anderen in Deutschland zugelassenen Impfstoffe auch. Er schützt also davor, auf der Intensivstation zu landen, beatmet zu werden und zu sterben. Eine Studie, an der nur 2.000 Menschen teilnahmen, hatte allerdings für die südafrikanische Coronavirus-Variante eine geringere Wirksamkeit des Impfstoffs ermittelt. So soll der AstraZeneca-Impfstoff nur einen "minimalen Schutz" gegen milde und mittelschwere Krankheitsverläufe bieten. 

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Dennoch hält Virologe Christian Drosten grundsätzliche Bedenken gegen den AstraZeneca-Impfstoff für unbegründet. Im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" sagte er, er halte hierzulande vor allem die britische Variante für relevant. Gegen diese ist auch der AstraZeneca-Impfstoff wirksam, ermittelte eine Studie der Oxford University. Allerdings kann man insgesamt noch nicht viel über die Wirksamkeit des Impfstoffes für ältere Menschen sagen. 

Die Aussage des Vorsitzenden des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, er habe Verständnis etwa für medizinisches Personal, das sich nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff impfen lassen wolle, nennt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter "völlig verantwortungslos". Er selbst werde sich mit dem AstraZeneca-Impfstoff impfen lassen.

Was bedeutet eine Wirksamkeit von 70 Prozent?

Bei Impfstoffen wird damit die Prozentzahl ausgedrückt, wie viel kleiner das Risiko für eine Erkrankung bei Geimpften im Vergleich zu Ungeimpften ist, erklärt Dlf-Wissenschaftsredakteur Christian Floto. Es bedeutet also nicht, dass von zehn Geimpften nur sieben geschützt sind. Gefährlich ist dieses Missverständnis, weil es zur Verunsicherung beiträgt, kommentiert Martin Mair im Dlf.

Der Impfstoff von AstraZeneca im Einsatz (ZUMA Wire) (ZUMA Wire)Kommentar: Wichtig ist nicht der Hersteller, sondern die Impfung an sich
Die Debatte um den Corona-Impfstoff von AstraZeneca sei von Missverständnissen geprägt, kommentiert Martin Mair. Ihn abzulehnen, sei letztendlich für den gesamten Erfolg der Impfkampagne gefährlich.

Die Hersteller ermitteln den Wert nach ihren jeweiligen Studien. Eine Gruppe bekommt den Impfstoff gespritzt, die andere ein Placebo. Nun wird ermittelt, wie viele Menschen jeweils in den Gruppen an Covid-19 erkranken. Wären es etwa gleich viele, bedeutet das, der Impfstoff ist wirkungslos. Werden in der Placebo-Gruppe mehr Fälle gezählt, schützt der Impfstoff offenbar, er ist damit wirksam. Nun wird errechnet, wie viel geringer das Erkrankungsrisiko in der Impfgruppe war. Bei Biontech hatten Menschen in der Impfgruppe ein um 95 gemindertes Risiko, an Covid-19 zu erkranken. "Erkranken" bedeutet dabei nicht, schwer zu erkranken, ein Husten gehört auch zu den Symptomen einer Infektion. Zugespitzt hat das der US-amerikanische Infektiologe Lawrence Corey: "Wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor Husten schützt oder wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor dem Tod bewahrt?"

Die 70 Prozent, die AstraZeneca für sein Vakzin angibt (die EMA beziffert den Wert auf 60) sind für einen Impfstoff sogar ein guter Wert. Zwar liegt sie unter der Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech und Moderna. Doch viele Grippe-Impfstoffe haben bei Älteren eine Wirksamkeit von gerade einmal 50 Prozent und retten trotzdem jährlich Hunderttausende. Durch einen vergrößerten Abstand zwischen zwei Impfungen könnte laut einer Studie die Wirksamkeit von AstraZeneca sogar noch auf 82 Prozent erhöht werden. 

AstraZeneca für Menschen über 65 Jahre

Die Ständige Impfkommission (StiKo) hatte zunächst davon abgeraten, weil es zu wenig Datenmaterial gibt. An den Studien waren zu wenige Menschen in diesem Alter beteiligt, es haben vorwiegend Menschen unter 55 Jahren teilgenommen. Statistisch gesehen sind die vorgelegten Daten daher nicht aussagekräftig. Ergebnisse aus der Phase II legten aber nahe, dass der Impfstoff tatsächlich auch in diesem Alterssegment wirkt.

Am 4. März empfahl die Stiko den Impfstoff von AstraZeneca dann auch für Menschen über 65.

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Welche Nebenwirkungen sind bislang aufgetreten und warum?

Im Vergleich zu anderen Impfstoffen haben mehrere Geimpfte, meist Klinik-Angestellte, von teils deutlichen Impfreaktionen berichtet. Darunter fallen Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Fieber, Schmerzen rund um die Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit, Erbrechen und Muskelschmerzen. 

Laut RKI und Paul-Ehrlich-Institut sind das übliche Impf-Nebenwirkungen, die auch bei anderen Impfstoffen auftreten können. Das für die Impfstoffkontrolle zuständige PEI überprüft nach einem Medienbericht allerdings, ob die bisher aufgetretenen Impfreaktionen über das hinausgehen, was in den klinischen Prüfungen beobachtet wurde. Hersteller AstraZeneca sieht keinen Grund zur Sorge und berichtet von "milden bis moderaten" Nebenwirkungen, die so auch erwartet wurden. 

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"Das Verstörendste waren wohl die Fieberschübe und Schüttelfrost", sagte Dlf-Wissenschaftsredakteur Christian Floto. Dabei sei Fieber bei einer Impfung insbesondere bei jüngeren Menschen überhaupt nicht aufregend - sie haben das aktivere Immunsystem. Es läge an der Art des Impfstoffes, dass Reaktionen anders ausfallen als etwa beim mRNa-Impfstoff von Biontech/Pfizer. 

Der Vektorimpfstoff von AstraZeneca basiert auf einem für den Menschen nicht gefährlichen (Erkältungs-)Virus, "was als eine Art Luftballon fungiert, in dem sich Konfetti befindet. Das Konfetti ist dann der Bauplan für die Teile des Virus, die in der Zelle hergestellt werden müssen und gegen die dann erst Antikörper gebildet werden. Der Luftballon, also das Transportvirus, ist ein hoher Reiz für das Immunsystem. Da ist Fieber nur Ausdruck dafür, dass das Ding funktioniert", erklärt Floto.

Kann man sich aussuchen, womit man geimpft wird?

Bisher nicht, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn. Noch sind nicht genügend Dosen für alle Impfwilligen verfügbar. Sollte das der Fall sein, sei auch eine Wahlmöglichkeit denkbar. Angesichts der Zweifel am AstraZeneca-Impfstoff gibt es nun einen Vorschlag des Generalsekretärs der Deutschen Gesellschaft für Immunologie: Carsten Watzl sagte der "Augsburger Allgemeinen", man könne Menschen, die zunächst zwei Dosen von AstraZeneca erhalten hätten, später noch mit einem mRNA-Impfstoff nachimpfen, um die Immunität zu verstärken. Das wären die Präparate von Biontech/Pfizer oder Moderna. Dies könne wegen der Virusvarianten ohnehin ratsam sein.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Quelle: og, RKI, Bundesgesundheitsministerium, AstraZeneca, RWI

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