Roman über Demenz
Ein Riss im Bad, im Buch und im Kopf

Die US-Amerikanerin Julie Otsuka erzählt in „Solange wir schwimmen“ von einer dementen Mutter und verschränkt dabei das Schwinden ihrer Protagonistin mit dem Schwimmen. Ein liebevoller Roman, der aber nicht konfliktfrei ist.

Von Katharina Borchardt | 06.09.2023
Eine Frau mit einer rosa Badekappe schwimmt in einem Schwimmbecken
Beim Schwimmen geht es der Romanfigur Alice gut. Im Wasser weiß sie, was zu tun ist. Doch dann wird der Pool geschlossen. (imago images / Panthermedia / WavebreakmediaMicro)
Ein Swimming Pool im Souterrain, irgendwo in einer nicht näher benannten amerikanischen Stadt. Hier ziehen sie alle ihre Bahnen: die mit den Rückenschmerzen, die mit den Senkfüßen, den geplatzten Träumen und den gebrochenen Herzen. Ganz normale Leute eben. Auch Alice, die heimliche Hauptfigur in dieser Schwimmbadszenerie.

Eine von uns – Alice, eine pensionierte Labortechnikerin in einem frühen Stadium von Demenz – kommt her, weil sie schon immer hergekommen ist. Und auch wenn sie sich vielleicht nicht an die Nummer ihres Schließfachs erinnert oder daran, wo sie ihr Handtuch hingelegt hat – sobald sie ins Wasser gleitet, weiß sie, was zu tun ist. Ihre Armzüge sind lang und fließend, ihr Beinschlag ist kräftig, ihr Geist klar.

Zitat aus „Solange wir leben“ (S. 9)

Beim Schwimmen geht es der dementen Mutter gut

„Solange wir schwimmen“, solange geht es allen gut. Auch Alice, die immer mal wieder auftaucht zwischen den Bahnenziehern und den Aquajoggern. Sie sprechen mit der Wir-Stimme des Schwimmkollektivs, aus der sich immer mal wieder einzelne Sportlerstimmen herauslösen. Pointiert übersetzt von Katja Scholtz: mit viel Sinn für Kürze und die Diktion ganz unterschiedlicher Figuren. Jeder Satz ein Miniporträt! Schon für die Übersetzung von Julie Otsukas erstem Roman „Wovon wir träumten“ erhielten Autorin und Übersetzerin gemeinsam den hochdotierten Albatros-Literaturpreis, sehr zurecht.

Riss im Schwimmbecken

Otsukas neues Buch ist aber eine Spur witziger geraten, auch wenn die Geschichte alles andere als komisch ist: Eines Tages wird ein Riss im Becken entdeckt. Das Schwimmbad wird geschlossen.
Julie Otsuka: „Zunächst schrieb ich über den Riss als einen ganz realen Riss im Betonboden des Schwimmbeckens. Beim Schreiben aber ging mir auf, dass der Riss auch eine Metapher dafür war, was sich in Alices Kopf abspielte, in ihrem Gehirn“, sagt die Autorin Julie Otsuka, deren eigene Mutter lange dement war. Was in diesen Roman sehr erkennbar eingeflossen ist.
„Als ich mit dem Buch fertig war, erfuhr ich, dass ihre ganz spezielle Form der Demenz, dem sogenannten Morbus Pick ähnelte. Wer Morbus Pick hat, hat eine erweiterte, verbreiterte Sylvische Fissur im Hirn. Ein richtiger Graben, eine Kluft. Da dachte ich natürlich: Das passt ja perfekt! Man kann den Schwimmbadriss aber auch als Metapher lesen für alle möglichen Brüche im Leben: eine Scheidung, eine schlechte Nachricht, eine schlechte Diagnose. Für all dies kann der Riss stehen“, erklärt Julie Otsuka.

Riss durch den Roman

Der Riss geht auch durch den Roman selbst: Die erste Hälfte spielt in diesem Schwimmbad, einem geradezu magischen Ort. Doch dann schließt das Bad, und mit Alice geht es bergab. Es ist ihre Tochter, die in der zweiten Hälfte die Rolle der Erzählerin übernimmt und viel über ihre Mutter weiß.

Sie erinnert sich an die getrockneten Kakis, die früher vom Dachvorsprung des Hauses ihrer Mutter in Berkeley baumelten. Sie hatten den schönsten Orangeton überhaupt. Sie weiß, dass dein Vater Pfirsiche liebt. […] Sie weiß, welches Schlafzimmer ihres ist und welches seins. Sie weiß, dass ihr Schlafzimmer früher dein Zimmer war. Sie weiß, dass es nicht immer so war wie jetzt.

Zitat aus „Solange wir leben“ (S. 72)
Auch an ihre Zeit in Gefangenschaft erinnert sich Alice übrigens. Sie ist japanischer Herkunft. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor wurden die Japanese Americans in Lager deportiert. Ein Thema, das in allen drei Romanen von Julie Otsuka eine Rolle spielt. Eine Trilogie, wie sie sagt. Die Autorin selbst ähnelt der Roman-Tochter ein wenig, die von sich selbst in Du-Form spricht.
Julie Otsuka: „Ich habe es immer vermieden, über mich selbst in der ersten Person zu schreiben. Ich finde das sehr, sehr schwierig. Am nächsten komme ich der ersten Person hier mit der Du-Form, die damit aber über eine Art Ich spricht. Diese Du-Form finde ich großartig. Habe ich so noch nie gemacht in einem Buch. Damit habe ich Distanz zu meinen eigenen Erfahrungen geschaffen. Hätte ich über mich selbst in der ersten Person geschrieben, wäre das zu nah dran gewesen.“

Risse und Spalten zwischen Mutter und Tochter

Vielleicht auch der Mutter zu nah. Denn von ihr hält sich die Tochter ihr Leben lang fern. Warum? Das bleibt unerklärt. Ein Buch voller Details, die aber keine Spachtelmasse sind für all die Risse und Spalten zwischen Mutter und Tochter. Die heute 61-jährige Julie Otsuka studierte zunächst Bildende Kunst und Malerei. Zum Schreiben kam sie erst spät.
Julie Otsuka: „Beim Malen habe ich Szenen immer nur sehr locker auf die Leinwand skizziert. Ganz grob, mit sehr lockeren Strichen. An Details habe ich mich zunächst nie festgehalten. Die kamen erst nach und nach hinzu und dann alle gleichzeitig. Meine Schreibtechnik ist da ganz ähnlich: Ich skizziere eine Szene, einen Abschnitt mit sehr losen, manchmal fragmentarischen Sätzen. Einfach damit so eine Szene erstmal einen Umriss bekommt. Und dann gehe ich nochmal zurück und arbeite die Details ein.“
Großartig detailliert ist auch der maliziöse Mediziner-Chor in der Pflegeeinrichtung „Belavista“, wo die Mutter schließlich einquartiert wird. Dieser so ehrliche wie herzlose Care-Monolog bringt eine scharfe Note in diesen keineswegs konfliktfreien, aber doch sehr liebevollen Roman.
Otsuka hat ein wahnsinnig gutes Gehör für Floskeln, Phrasen und Sprüche. Mikroplastiken der Sprache. Ein Roman der spitzen Zitate, die sich mit anderen Sätzen verbinden und zu fließen beginnen. Selten einen so ergreifenden Roman gelesen über Demenz und den Abschied einer Tochter von ihrer Mutter.
Julie Otsuka: „Solange wir schwimmen“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Katja Scholtz, Mare-Verlag, 160 Seiten, 22 Euro.