Samstag, 21. Mai 2022

PEN-Präsident Deniz Yücel
"Diese Aufforderung zum Rücktritt lehne ich ab"

Auf die Rücktrittsforderungen reagierte PEN-Präsident Deniz Yücel im Dlf kämpferisch. Einige seiner Vorgänger werfen ihm vor, gegen die PEN-Charta verstoßen zu haben, weil er bei einer Veranstaltung des Literaturfestivals Lit.Cologne ein Eingreifen der NATO im Ukrainekrieg forderte. Aus dem Gebot zum Frieden sei kein absoluter Pazifismus abzuleiten. Es gebe Situationen, wo die Freiheit mit der Waffe verteidigt werden müsse.

Deniz Yücel im Gespräch mit Michael Köhler | 21.03.2022

Der Journalist Deniz Yücel bei einer Lesung auf einer Bühne
PEN-Präsident Deniz Yücel befürwortet alle Maßnahmen Russland auf kultureller, wirtschaftlicher und sportlicher Ebene auszustoßen. (picture alliance / dpa / Gerald Matzka)
Michael Köhler: Kurz vor der Sendung haben wir den PEN-Präsidenten selber erreicht, der hier exklusiv Stellung bezieht, Deniz Yücel. Es hat im Moment den Eindruck, da wäre so eine kleine Hexenjagd los, weil Sie das freie Wort gewählt haben und Ihre Meinung öffentlich gesagt haben, Herr Yücel. Haben Sie das Gefühl, Ihnen will da jemand einen Maulkorb anlegen, weil Sie öffentlich über Krieg und die Rolle der Schriftsteller nachdenken? [*]
Deniz Yücel: Ach, wissen Sie, es gibt ja so eine gewisse Wehleidigkeit gerade in Deutschland, wenn Leute irgendwas sagen und dann kriegen sie Gegenwind und dann fühlen sie sich sofort in ihrer Meinungsfreiheit und so weiter bedroht, und dann gehen sie damit hausieren … Nein, das mach ich nicht, weil ich weiß sehr genau, was eine wirkliche Einschränkung der Freiheit des Wortes anbetrifft. Und deshalb, nein, das ist auch keine Hexenjagd. Ich staune zwar wirklich darüber, dass eine Organisation, die sich die Freiheit des Wortes auf die Fahnen geschrieben hat, keine Diskussion über eine politische Frage führen möchte, sondern dass ich da zum Rücktritt aufgefordert werde von fünf ehemaligen Präsidenten. Aber das nehme ich zur Kenntnis, und ich habe ja auch – das werden Sie sicher wissen – darauf geantwortet, eigentlich nur vereinsintern. Ich habe gesagt, wir können gerne bei der nächsten besten Gelegenheit diese Diskussion führen, diese Aufforderung zum Rücktritt lehne ich ab – also ich hab mich auch schon mit anderen Präsidenten angelegt.

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Köhler: Sie sprechen sich für ein Eingreifen auch von Intellektuellen in den Russland-Ukraine-Krieg aus und sind für Flugverbotszonen – ist das so richtig wiedergegeben?

„Dann plötzlich herrscht so ein betretenes Schweigen“

Yücel: Nicht so ganz. Ich habe auf der Auftaktveranstaltung in Köln ein paar Sachen in den Raum geworfen. Ich hab gesagt, dass ich das zwar schon merkwürdig finde, dass die Leute, die vorher genau wussten, dass Putin ja nichts Böses im Schilde führt und garantiert keinen Krieg anfangen würde, jetzt meinen genau zu wissen, dass, wenn man eine Flugverbotszone erklären würde, dass das sofort zum Dritten Weltkrieg führt.
Ich hab gesagt, ich finde es falsch, dass die NATO darauf verzichtet hat, auch nur eine ernst zu nehmende Drohkulisse aufzubauen und sofort kategorisch das ausgeschlossen hat. Mit jedem, wirklich ausnahmslos jedem ukrainischen Autor – ob er in Deutschland lebt oder in der Ukraine –, mit dem ich in den letzten Wochen gesprochen habe, von dem ich gelesen habe, den ich gehört habe, alle wiederholen diese Forderung. Was ich halt merkwürdig finde, ist, wenn wir über Solidarität mit der Ukraine sprechen – das ist in aller Munde, dazu bekennen sich alle –, aber genau an diesen Stellen herrscht dann plötzlich so ein betretenes Schweigen, und wie ich finde auch in einer blamablen Art und Weise. Das ist zu sehen gewesen letzte Woche im Deutschen Bundestag, als der ukrainische Präsident Selenskyi dazu aufrief, reißen Sie die Mauer nieder, und die Antwort des Bundestages war: Geburtstagsgrüße verlesen und über die Geschäftsordnung diskutieren.
Köhler: Nun sagen die Mitglieder der Vereinigung, der Sie vorstehen, Sie hätten gegen die PEN-Charta verstoßen, weil Sie sich nicht für Frieden einsetzen würden und würden Ihre persönliche Meinung äußern im Amt des Präsidenten, und deshalb wird gleich auch eine Art Verfahren auf …
Yücel: Es sind ja nicht die – Entschuldigung, da muss ich unterbrechen –, es sind ja nicht die Mitglieder, das stimmt nicht.
Köhler: Sondern?
Yücel: Das sind Mitglieder, aber nicht die Mitglieder.
Köhler: An Zahl nicht gering – das hat immerhin dazu geführt, dass seit dem 08.03. ein Antrag auf Entlassung und Neuwahl des Präsidiums vorliegt. Und Sie haben gerade gesagt …
Yücel: Ja, aber da ging’s um andere Sachen.
Köhler: Werden Sie zurücktreten?
Yücel: Nein, warum sollte ich?
Köhler: Na, immerhin, wenn ein Antrag auf Neuwahl des Präsidiums im Raum ist, das ist ja …

Yücel: Solidarität mit der Ukraine bedeutet letztlich auch eine militärische Solidarität

Yücel: Das gehört natürlich – wir sind eine demokratische Institution, ich wurde ja auch mit einer Gegenkandidatin gewählt – es gibt vorgesehene Verfahren, und wenn solch ein Antrag bei der nächsten Mitgliederversammlung im Mai eingereicht wird, dann stelle ich mich selbstverständlich der Debatte. Sollte eine Mehrheit dazu entscheiden, nicht nur mich – es geht ja nicht nur um mich, sondern auch um die Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen des Präsidiums – abzusetzen, dann habe ich das als guter Demokrat natürlich auch zu akzeptieren. Aber bis dahin glaube ich auch nicht, dass diejenigen, die am lautesten schreien, tatsächlich die Mehrheit dieser Vereinigung vertreten, so wie sie die für sich beanspruchen. Das wollen wir doch mal sehen. Und der deutsche Faschismus, der Nationalsozialismus wurde nicht mit offenen Briefen und Sitzblockaden befreit.
Aus dem Gebot zum Frieden einen unbedingten Pazifismus abzuleiten, das kann man zwar, aber ich glaube, das ist nicht die einzige Schlussfolgerung, die auf der Grundlage der PEN-Charta möglich ist. Und ich glaube, dass es Situationen gibt, wo der Frieden, wo die Freiheit, wo die Menschenwürde tatsächlich leider auch mit der Waffe zu verteidigen ist. Also ich finde, in diesem offenen Brief, da spricht so eine gewisse, für mich etwas seltsame Vorstellung da raus, als ob das, was ich, was irgendwer anders, irgendwelche anderen Autoren, Intellektuelle, was der PEN sagt, als ob das kriegsentscheidend wäre. Immer, wenn ich mich irgendwo öffentlich äußere, sind es vor allem ukrainische Autorinnen und Autoren, die sich dann wirklich bedanken.
Nein, Solidarität mit der Ukraine bedeutet letztlich auch und vor allem im Moment eine militärische Solidarität. Und wenn die Leute, Kolleginnen und Kollegen, Autoren aus der Ukraine sich dafür bedanken, dann denke ich, so falsch liege ich damit wohl nicht.
Köhler: Rücktrittsforderungen an die Adresse des PEN-Präsidenten Deniz Yücel und seine Entgegnung.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
[*] Anmerkung der Redaktion: In der Live-Sendung war die Moderation stark verkürzt, wir haben sie deshalb am 24.3. durch die Originalfrage ersetzt.