Dienstag, 06. Dezember 2022

Hamburg-Hildesheim-Connection
Zur Rolle deutscher Museen und Universitäten beim Handel mit ägyptischen Antiken

Deutsche Museen und Universitäten könnten nach Recherchen des Deutschlandfunks und der Wochenzeitung „Die Zeit“ möglicherweise über Jahre in den fragwürdigen Handel mit antiken Kulturgütern aus Ägypten verstrickt gewesen sein. Die Ermittlungen laufen.

Von Stefan Koldehoff | 31.08.2022

Der Gold-Sarkophag des Priesters Nedjemankh im Ägyptischen Museum in Kairo nach seiner Rückführung aus den Vereinigten Staaten, 1. Oktober 2019
Für die Rückführung des Gold-Sarkophags von Priester Nedjemankh nach Ägypten spielte US-Entertainerin Kim Kardashian unverhofft eine entscheidende Rolle (AFP / KHALED DESOUKI)
Führende deutsche Ägyptologinnen und Ägyptologen hätten demnach eng mit einer von Hamburg aus tätigen Kunsthändlerfamilie in einer Weise zusammengearbeitet, die wissenschaftlichen Standards teilweise nicht gerecht wurden. Wegen Anhaltspunkten für mögliche handfeste Rechtsbrüche wird gegen einen Hamburger Galeristen und Personen aus dessen Umkreis seitens der Staatsanwaltschaften in Hamburg und Paris ermittelt – in Hamburg unter anderem wegen des Verdachts der gemeinschaftlichen und gewerbsmäßigen Hehlerei, des Betruges sowie der Urkundenfälschung. Diese Ermittlungen dauern an, daher gilt die Unschuldsvermutung für alle Beteiligten.
Ermittlungen der US-Behörden zu einem antiken goldenen Sarg, den das Metropolitan Museum of Art 2019 nach Ägypten zurückgeben musste, führen ebenfalls über die Hamburger, ebenso wie Antikenankäufe des Louvre. Der Direktor des Pariser Museums war im Frühjahr für Vernehmungen festgenommen worden. In diesen beiden spektakulären aktuellen Fällen scheint es zwar ebenfalls Spuren nach Deutschland, nicht aber in öffentliche Institutionen zu geben.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Den Recherchen zufolge haben Museen in Bonn, Hildesheim und Mannheim bis Anfang der 2000er-Jahre Handelsware aus zweifelhaften Quellen in ihren Depots aufbewahrt, ohne dass es dafür in jedem Fall Verträge und offizielle Dokumentationen gegeben hätte. Vom städtischen Hildesheimer Roemer-und-Pelizaeus-Museum aus wurden einzelne Privat-Stücke Ausstellungen des Museumsbestandes unter anderem in den USA und in Spanien hinzugefügt, ohne das seitens des deutschen Museums kenntlich gemacht worden wäre, dass es sich nicht um Museums-, sondern um Privatbesitz handelte. Durch die Ausstellungen und die Veröffentlichungen in den begleitenden Katalogen konnten nach Aussage von Experten das makellose Antlitz und damit auch der Wert der Objekte für mögliche spätere Verkäufe gesteigert werden.

Das Radiomanuskript zum Kultur-heute-Beitrag:
Meist soll der Direktor abends oder am Wochenende gekommen und dabei nicht allein gewesen sein. Wenn er wieder ging, so erzählte es eine enge Mitarbeiterin im Frühjahr 2001 der Polizei, hatten sich die Bestände im Museumsdepots gelegentlich verändert: vor allem ägyptische Kulturgüter seien entnommen, andere hinzugefügt worden. Dokumentiert worden sei das nirgends. Begleitet wurde der Museumschef den Ermittlungen zufolge von einem Kunsthändler, dessen Rolle den Angestellten im angesehenen Roemer- und Pelizaeus-Museum (RPM) der Stadt Hildesheim lange Zeit nicht klar war und bis heute undurchsichtig scheint. Offenkundig war für sie nur eines: Der Mann genoss seit spätestens den 1990er-Jahren das Vertrauen des Direktors, eines der damals prominentesten Ägyptologen und Ausstellungsmacher in der deutschen Museumswelt.
So eng war das Verhältnis der beiden Männer nach Recherchen des Deutschlandfunks und der ZEIT, dass dem in Hamburg ansässigen Kunsthändler in Hildesheim sogar großzügig Räumlichkeiten des Museums zur Verfügung gestellt wurden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses bestätigen diese Zusammenarbeit. Der Händler konnte dort Teile seiner privaten Sammlung altägyptischer Kulturgüter einlagern. So wurde der Geschichte dieser Objekte der Aufenthalt in einem ehrwürdigen Museum hinzugefügt, was – beabsichtigt oder nicht – im Markt zu einer erheblichen Wertsteigerung beitragen konnte. Und das auch bei Stücken, deren legale Herkunft womöglich gar nicht allumfassend überprüft werden konnte: Denn der Inhalt dieser Kisten sei der Stadt nicht bekannt gewesen, bestätigte der Leitende Städtische Direktor Endrik Bischoff seinerzeit gegenüber der Polizei in einem Verfahren, das schließlich eingestellt wurde – wegen mangelnden Tatverdachts.
Der Direktor selbst kann zu den Vorwürfen nicht mehr befragt werden; er starb 2004. Der Händler, der auch Sammler ist, lässt über seine Anwälte zu Fragen des Deutschlandfunks und der ZEIT nur mitteilen:
„Ihre Fragen werden wir derzeit nicht beantworten. Wir weisen darauf hin, dass diese zum Teil unzutreffende Tatsachenbehauptungen enthalten, die auch deshalb nicht veröffentlicht werden dürfen. Insbesondere die Ermittlungsbehörden in Deutschland werfen unserem Mandanten nichts vor, vor allem keinen ‚Antikenschmuggel‘. Vielmehr sieht die Staatsanwaltschaft lediglich Anhaltspunkte hierfür und ermittelt deshalb – wie Sie sicher wissen – ergebnisoffen.

Rückgabe an Ägypten

Ermittler in verschiedenen Staaten bewerten ihre Erkenntnisse anders. „Ohne sein Netzwerk in Deutschland hätte sein System nicht funktioniert“, sagt am Telefon Oberst Matthew Bogdanos, seit 1988 stellvertretender Bezirksstaatsanwalt von Manhattan. Der hoch dekorierte US-Marine ist einer der prominentesten Kunstfahnder weltweit. Er hat in spektakulären Raubkunstfällen wie dem des 3,5 Millionen Euro teuren Goldsarges ermittelt, den das Metropolitan Museum of Art 2019 an Ägypten zurückgeben musste.
Der Goldsarg des Priesters Nedjemankh nach seiner Rückführung aus den USA nach Ägypten, hier im Ägyptischen Museum in Kairo am 1.10.2019
Der Goldsarg des Priesters Nedjemankh nach seiner Rückführung aus den USA nach Ägypten, hier im Ägyptischen Museum in Kairo am 1.10.2019 (picture alliance / AP Photo / Mahmoud Bakkar)
Die Details zu diesem Fall hatte unter anderem der französische Investigativjournalist Vincent Noce im britischen „Art Newspaper“ aufgedeckt. Bogdanos‘ Ermittlungen zufolge waren der Kunsthändler und ein Geschäftspartner seiner Hamburger Galerie am Verkauf dieses Goldsarges beteiligt. Der Geschäftspartner ließ demnach das wertvolle Objekt über Mittelsmänner zunächst zu einem inzwischen verstorbenen Kunsttransporteur in die Nähe von Bonn bringen, um es später weiterzuverkaufen. Auf Fragen dazu äußern sich die Anwälte des Mitarbeiters und die des Kunsthändlers ebenfalls nicht konkret.
Auch in einem zweiten spektakulären Fall führt eine direkte Spur nach Deutschland. Im Mai 2022 erschütterte die zeitweise Inhaftierung von Jean-Luc Martinez, zwischen 2013 und 2021 Direktor des Louvre in Paris, die internationale Kunstwelt, weil er Ankäufe illegal exportierter Stücke für die Louvre-Filiale in Abu Dhabi nicht verhindert haben soll. Auch hier sehen Ermittler Bezüge zu den Kunsthändlern in Hamburg und anderen mutmaßlich Beteiligten; gegen einige von ihnen wird deshalb in Paris und Hamburg ermittelt – in Hamburg nach Auskunft der Staatsanwaltschaft insbesondere wegen des Verdachts der gemeinschaftlichen und gewerbsmäßigen Hehlerei, des Betruges sowie der Urkundenfälschung. Die Ermittlungen dauern noch an, es gilt daher nach wie vor die Unschuldsvermutung für alle Beteiligten.
Durch diese aktuellen Fälle werfen in Deutschland aber nun auch wieder länger zurückliegende Leihgaben, Geschenke oder Ankäufe Fragen auf: Woher stammen die Stücke aus dem Besitz des Hamburger Händlers ursprünglich, die sich zeitweise in Museen in Bonn, Hildesheim, und Mannheim befunden haben? Wie kamen sie nach Deutschland? Wie ernst nahmen deutsche Museen ihre Sorgfaltspflichten im Umgang mit internationalem Weltkulturerbe? Wie genau überprüften die damals Verantwortlichen die Herkunftsgeschichte von Objekten, die von dem Kunsthändler stammten und ihren Häusern und damit auch ihnen selbst zu Prestige verhalfen.
Anlass zu Misstrauen schien nicht unmittelbar geboten. Die Geschichte, die der studierte Ägyptologe, Sammler und Händler in Hamburg viele Jahre lang erzählte, klang plausibel: Seine Familie habe in Ägypten eine große Antikensammlung erworben, unter anderem aus dem Bestand eines namhaften ägyptischen Händlers. Bereits vor 1983 sei diese Sammlung dann gemäß den damaligen Gesetzen legal in die Schweiz und dann nach Deutschland gebracht worden.

"Arabischer Frühling“ auch für Raubgräber

Dass es schon immer ein massives Problem mit dem illegalen Export von Kulturgütern aus Ägypten gab, war allerdings schon damals zumindest in Fachkreisen bekannt. Unabhängig von auf den ersten Blick plausiblen Provenienzgeschichten ist daher ein öffentlich nachvollziehbares Prüfen der Legalität von außer Landes gebrachten Kunstschätzen sicher geboten. Der Handel mit ägyptischen Kulturgütern unklarer Herkunft, die oft aus Raubgrabungen stammen, ist teilweise auch durch die politischen Zustände in den Herkunftsländern begünstigt. Die Aufstände, Proteste und revolutionären Bewegungen in verschiedenen Ländern, der „Arabische Frühling“ ab Dezember 2010, ließen dort nicht nur viele staatliche Strukturen zusammenbrechen. Er führte auch zu Kunstkriminalität und Antikenschmuggel in bis dahin unbekanntem Ausmaß.
„Unendlich viele illegale Raubgrabungen haben stattgefunden“, weiß die Ägyptologin Regine Schulz, seit 2011 Kuratorin und heute auch Wissenschaftliche Direktorin des Roemer-und-Pelizaeus-Museum. „Diebesgut ist aus Museen, Grabungslagern und Magazinen verschwunden. Unmengen davon sind außer Landes gebracht worden. Es lagert jetzt irgendwo und ruht und wird in den nächsten Jahren am Markt auftauchen.“ Das bestätigt auch ihre Kollegin Gabriele Pieke, Wissenschaftliche Sammlungsleiterin an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim: „Ab 2011 wurde in jedem Loch gegraben, ganze Gegenden sahen auch wie Schweizer Käse. Große Armut führte zu Diebstählen.“
Die Raubgrabung selbst sei bei jedem illegalen Antikentransport der leichteste Teil, sagt US-Ermittler Matthew Bogdanos: „Jeder hat Raubgräber, in vielen Ländern der Erde. Danach braucht man einen sicheren Ort, an dem man die Objekte außerhalb des Landes ruhen lassen kann – wo sie weißgewaschen werden können. Den Ermittlungen seiner Behörde zufolge habe der Mann aus Hamburg das auf ein neues Level gehoben und dafür gesorgt, dass seine Stücke durch Zugang zu den Museen sogar seriös in Publikationen veröffentlicht wurden.“
Der New Yorker Staatsanwalt Matthew Bogdanos ist einer der prominentesten Kunstfahnder weltweit
Der New Yorker Staatsanwalt Matthew Bogdanos ist einer der prominentesten Kunstfahnder weltweit (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Richard Drew)
Zahlreiche Objekte, die nach wie vor dem Händler gehörten, wurden vom Museum in Hildesheim immer wieder auf internationale Ausstellungstourneen geschickt: zwischen Februar 1996 und August 1998 nach Houston, Detroit, Portland und St. Petersburg/Florida, deutlich mehr 1999 auch in die spanischen Städte Girona, Oviedo, Tarragone und Lieida und Anfang 2000 nach Taiwan. Dass es sich dabei gar nicht nur um Museumsbesitz, sondern auch um den Besitz eines Händlers handelte, erfuhren weder die ausstellenden Museen noch die Öffentlichkeit im Ausland. Auch die begleitenden Publikationen gaben darüber keine Auskunft und verwiesen stattdessen nur auf das Museum. Damit hatten die privaten Objekte und ihre Herkunft in gewisser Weise schon einen Unbedenklichkeitsstempel erhalten. Wer sie später verkaufen wollte, konnte immer auf die vermeintlich seriösen Kataloge verweisen: Ein angesehenes Museum würde doch keine Stücke zweifelhafter Herkunft ausstellen.

Kein Kommentar

Die Anwälte des Kunsthändlers äußerten sich auf Anfrage von ZEIT und Deutschlandfunk auch zu dessen Umgang mit deutschen Museen nicht. In Hamburg standen noch vor wenigen Wochen sein Name und der seiner Galerie auf dem Klingelschild und dem Briefkasten eines eleganten, weißen Stadthauses in einem vornehmen Hamburger Stadtteil. Die Fassade ist wie ein Tempel mit Säulen und Giebeln verziert; auf dem Klingelschild fand sich auch der Doktortitel, den er in den 1970er-Jahren von einer deutschen Universität bekam.
In Paris wird neben dem ehemaligen Louvre-Chef Martinez, einem Experten des prominenten Pariser Auktionshauses Pierre Bergé und seinem Ehemann auch gegen einen Geschäftspartner der Hamburger Galerie ermittelt. Er sitzt derzeit in Frankreich in Untersuchungshaft. Seine Anwälte schreiben, sie hätten bis zum Redaktionsschluss keine Zeit, alle Fragen des Deutschlandfunks und der ZEIT mit ihrem Mandanten zu besprechen. Das Verfahren in Paris gehe aber weit über die Transaktionen ihres Mandanten hinaus, er sei bloß Vermittler der Gegenstände gewesen, wegen derer jetzt ermittelt werde. Nach seinem besten Wissen seien keine Gegenstände geraubt worden. Die Belege für die Objekte seien echt gewesen – bis auf ein paar kleinere Dokumente.
Matthew Bogdanos und seinem New Yorker Team gelang es allerdings laut Ermittlungsberichten, die dem Deutschlandfunk und der ZEIT vorliegen, ein mutmaßliches System hinter diesen Transaktionen aufzudecken. Rund fünf Jahre lang leitete der Jurist nach dem Irakkrieg ein Spezialteam, das rund 10.000 Objekte aus dem geplünderten Nationalmuseum in Bagdad sicherstellen konnte, darunter die berühmte Vase von Uruk und die Maske von Warka. Im Fall des Goldsargs von Nedjemankh bescherte ihm ein banaler Zufall eine Spur zu den mutmaßlichen Aktivitäten der Hamburger Händler.
Bei einer Gala im Metropolitan Museum of Art in New York hatte 2018 Society-Star Kim Kardashian in einem engen goldenen Kleid neben einem anatomisch geformten altägyptischen Sarg aus Gold posiert, den das Museum erst kurz zuvor erworben hatte. Was als doppelte PR funktionieren sollte, ging zumindest für das Met nach hinten los: Ein anonymer Informant im Mittleren Osten erkannte auf dem im Internet verbreiteten Foto den antiken Sarg des Priesters Nedjemankh wieder und beschwerte sich bei Bogdanos. Allerdings nicht über den Diebstahl, sondern weil die Grabräuber, die das Objekt 2011 in der Region Minya in Ägypten ausgegraben hätten, dafür nicht bezahlt worden seien. Bogdanos eröffnete eine Ermittlung und konnte schließlich die Geschichte des Objektes aus der Zeit zwischen 150 und 50 vor Christus rekonstruieren: Danach habe der Geschäftspartner des Hamburger Galeristen im Dezember 2011 in Kontakt zu einem Zwischenhändler gestanden und zunächst Fotos von dem illegal ausgegrabenen, noch verschmutzten Goldsarg erhalten. Auch auf konkrete Fragen zu diesem Objekt antworteten die Anwälte des Händlers bis Redaktionsschluss nicht; sie wiesen aber pauschal auf angeblich zum Teil unzutreffende Tatsachenbehauptungen in den Fragen von Deutschlandfunk und ZEIT hin.

Goldsarg per FedEx

15 Monate später wurde der Goldsarg den US-Ermittlungen zufolge über die Vereinigten Arabischen Emirate per FedEx an einen Kunsttransporteur in der Nähe von Bonn verschickt – angeblich mit Papieren, die belegen sollten, dass das wertvolle Stück nur ein griechisch-römischer Sarkophag aus der Türkei sei. Wert: 5.000 Euro. Später wurde der Goldsarg als ein ägyptisches Stück mit einer legalen Exportlizenz angeboten, die angeblich aus dem Jahr 1971 stammte. Erst 1983 verbot der Staat Ägypten mit seinem Gesetz Nr. 117 fast grundsätzlich den Verkauf von Antiken ins Ausland. Dass die scheinbar legale Export-Lizenz gefälscht war, sei laut Bogdanos inzwischen mit Hilfe beschlagnahmter E-mails und offizieller Daten belegbar. Im Mai wurde der Gold-Sarg dem Museum in New York angeboten, das dafür schließlich im Juni und Dezember 2017 insgesamt 3,5 Millionen Euro überwies.
Ähnlich soll das Netzwerk um die Hamburger Kunsthändler den Ermittlungen zufolge bei mindestens sechs weiteren wertvollen Objekten verfahren sein, die der Louvre für seine Franchising-Filiale in Abu Dhabi ankaufte: bei einem Grabensemble und einem Männerporträt, einer monumentalen Kleopatra-Büste, einer Figur der stillenden Göttin Isis, eines blauen Fayence-Nilpferdes und dem Modell eines ägyptischen Hausbootes – für zusammen rund 50 Millionen Euro. Allein der 70 Zentimeter große Kleopatra-Kopf kostete 35 Millionen Euro. Die Statue, zu der er einmal gehört hatte, muss fünf Meter groß gewesen sein.
Als es Bedenken seiner Mitarbeiter wegen der Herkunft einer Stele mit dem Namen Tut-anch-amuns gab, soll Jean-Luc Martinez diese letztendlich vom Tisch gewischt haben – so die in Paris gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Der Pariser Mittelsmann hatte das prominente Stück 2016 für 8,5 Millionen Euro an den Louvre Abu Dhabi verkauft; dessen Ankaufskommission gehörte Martinez an. Wieder gab es beeindruckende Dokumente, die ein legales Geschäft nachweisen sollten. „Beihilfe zu bandenmäßigem Betrug und Verschleierung der Herkunft von unrechtmäßig erworbenen Gütern“ werfen die Ermittler in Frankreich dem 58-Jährigen Martinez vor, der einmal einer der mächtigsten Männer der Museumswelt war. Drei Tage lang wurde er im Mai in Untersuchungshaft verhört; über seinen Anwalt François Artuphel bestritt er gegenüber dem „Art Newspaper“ alle Vorwürfe.
Betroffen ist auch eine 2600 Jahre alte Grab-Stele, die den Pa-di-Séna (auch: Pa-di-su-neheh) mit den Göttinnen und Göttern Osiris, Horus und Hathor zeigt und einmal Teil seiner Grabanlage war. Laut Bogdanos‘ Ermittlungen sei sie ab 2015 mit Bildern und Informationen von dem Geschäftspartner der Hamburger Galerie ebenfalls dem Pariser Mittelsmann angeboten worden. Auch für dieses Stück gibt es eine angebliche ägyptische Exportlizenz, die der für den Goldsarg in vielen Details ähnelt; auch für dieses Dokument lässt sich aber nach Überzeugung Matthew Bogdanos nachweisen, dass es sich um eine Fälschung handelt. So habe beispielsweise der Generaldirektor der ägyptischen Antikenbehörde bestätigt, dass es die zitierte Exportlizenz mit der Nummer 1067 aus dem Jahr 1970 nie gegeben habe. Und auch sonst habe sein Staat die Ausfuhr der Stele keinesfalls genehmigt.

Expertisen aus der Uni

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Ägyptischen Museums der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hatte in einem Papier mit unbekanntem Adressaten bestätigt, das es auch hier eine Verbindung nach Deutschland gab: Das kunstvoll gravierte Kalkstein-Objekt sei schon 1992 ins Ägyptologische Seminar der Universität Bonn gebracht worden und dort bis 2011 aufbewahrt worden. Es sei vorher bereits, seit den späten 1970er-Jahren, im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim zu Studienzwecken und für einen möglichen Ankauf aufbewahrt worden. Aus Hildesheim heißt es, es gebe dazu keinerlei Aufzeichnungen. Der ehemalige Mitarbeiter erklärte auf Anfrage von ZEIT und Deutschlandfunk, er wisse nicht mehr, wer ihn um die Bestätigung gebeten habe, dass sich das „fantastische Ausstellungsobjekt“ in zwei seriösen deutschen Museen befunden habe. Später habe er auch noch weitere, insgesamt etwa fünf bis sechs, honorarfreie Gutachten über Exponate verfasst, die er noch aus seiner Zeit in Bonn gekannt habe. Was die früheren Standorte anging, habe er sich auf Angaben verlassen, die er dazu bekommen hatte und die plausibel klangen. Manchmal hätten auch entsprechende schriftliche Nachweise vorgelegen. Am 3. Dezember 2019 ließ die New Yorker Staatsanwaltschaft die Stele, die dort zum zweiten Mal auf der Kunstmesse TEFAF angeboten werden sollte, beschlagnahmen. Sie wurde als gestohlenes Gut ebenfalls nach Ägypten zurückgegeben.
Die Grundlage für das, was Matthew Bogdanos als System der Hamburger Händler bezeichnet, war nach Aussage verschiedener Beteiligter, mit denen Deutschlandfunk und ZEIT gesprochen haben, Anfang der 1990er-Jahre die „Hildesheim-Hamburg-Connection“. Der dortige Direktor und der Kunsthändler kannten sich bereits seit dem Studium. Bettina Schmitz, damals im RPM verantwortliche Kuratorin für die Alt-Ägypten-Sammlung, erinnerte sich, dass spätestens seit 1990 größere Mengen von Objekten aus dem Besitz des Hamburgers in die Magazine gelangt seien.
Die lange Bekanntschaft brachte beiden Männer Vorteile: Der Direktor erhielt für sein finanziell nicht üppig ausgestattetes Haus immer wieder Neuzugänge, mit denen er in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit glänzen konnte. Der Händler hatte einen prominenten Lagerort, der seinen Besitz aufwertete und keine Kosten verursachte. 1999 kaufte die Stadt für das Museum mindestens drei Stücke von ihm an. Von einem „Kompensationsgeschäft“ war intern ganz offen die Rede – auf Grundlage von Bewertungen, die von anderen Ägyptologen angezweifelt wurden. Die Objekte – ein Holzschiff, ein Entengefäß und ein Diadem – seien zum Teil aus unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt, damit nicht komplett authentisch und deutlich zu teuer bezahlt worden. Von wem das Ankaufs-Geschäft ausging, ist nicht klar.

Fragwürdige Gutachten

Als die Stadt für den umstrittenen Ankauf der drei Objekte in Hildesheim Ende Oktober/Anfang November 1999 Gutachten über Bedeutung und Wert verlangte, funktionierte das langjährige Netzwerk erneut: Man bat einfach die damalige, 2019 verstorbene Leiterin des Ägyptologischen Instituts der Bonner Universität um ein Gutachten. Die Professorin hatte die Objekte zwar im Original nie gesehen, sagte aber laut einem von ihr unterzeichneten Vernehmungsprotokoll trotzdem zu. Für zwei der Objekte gab sie den Auftrag an eine Bonner Kollegin weiter, die der Kunsthändler aus Hamburg ebenfalls seit Ende der 1970er-Jahre kannte und die auch bereits für das Museum in Hildesheim gearbeitet hatte.
Gegenüber ZEIT und Deutschlandfunk konnte sie sich nicht mehr an die Ereignisse von vor 23 Jahren erinnern. In ihrer Vernehmung hatte die heute nach wie vor aktive Ägyptologin 2001 aber angegeben, die zu begutachtende Entenschale und das Diadem hätten ihr im Original nicht vorgelegen. Die Versicherung der Echtheit, sei für sie ausschlaggebend gewesen, die Begutachtung überhaupt zu übernehmen. Außerdem habe ja auch in Hildesheim niemand Zweifel geäußert, als die Objekte mit der Sammlung des dortigen Museums auf Ausstellungen geschickt worden seien. Der Ankauf konnte danach wie geplant stattfinden.
Die Nachfolgerin des Hildesheimer Direktors ab 2000, die in Chicago geborene Ägyptologin Eleni Vassilika, machte die Unstimmigkeiten bei den Ankäufen und die jahrelange Zusammenarbeit zwischen ihrem Vorgänger und dem Händler öffentlich und gab gegenüber der Polizei unter anderem zu Protokoll, die Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hätte ihrer Meinung nach „oberflächliche Gefälligkeitsgutachten“ abgegeben. Und durch die Einlagerung von Kunstgegenständen aus dem Besitz des Kunsthändlers in Hildesheim und durch die vom Museum damit veranstalteten Ausstellungen hätte dieser das Museum abhängig gemacht: Das Haus habe sich letztendlich zum Kauf der Objekte aufgrund seiner Darstellung und der diktierten Preise verpflichtet gefühlt.
 Das kritische Hinterfragen stieß in Hildesheim nicht etwa auf Zustimmung. Ein Sturm der Entrüstung brach über Vassilika herein. Ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs bzw. Untreue gegenüber der Stadt Hildesheim war seinerzeit zwar eröffnet, aber im Dezember 2001 aufgrund fehlenden Tatverdachts eingestellt worden. Die Staatsanwaltschaft konnte einige Vorwürfe nicht nachvollziehen: Der ursprünglich gesehene Ansatz einer möglicherweise bewussten Manipulation sei nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit belegbar. Vassilika verließ das Haus 2005. Ihr Vorgänger hatte zu Lebzeiten alle Vorwürfe bestritten, seine Forderung nach Schmerzensgeld und Schadensersatz in Höhe von 44.000 Euro aber letztendlich zurückgezogen. Stattdessen erhielt er eine „Ehrenerklärung“, in der er als „glänzender Fachmann“ gewürdigt wurde, dem „Respekt, Anerkennung und Dank für sein berufliches Lebenswerk“ zustünden. Die von ihm jahrelang geduldeten und genutzten Kisten mit dem Eigentum des Hamburger Kunsthändlers hatte seine Nachfolgerin Eleni Vassilika jedoch schon alsbald nach Ihrem Amtsantritt im Jahr 2001 an die Familie zurückgegeben.

Von Hildesheim nach Mannheim

Einige Jahre später nahm der Hamburger Kunsthändler dann Kontakt zu den Reiss-Engelhorn-Museen (REM) in Mannheim auf – über den inzwischen verstorbenen Kunstspediteur, dem auch der Goldsarg des Nedjemankh aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ins Rheinische geschickt worden war. Dieser habe ihm berichtet, so der damalige Mannheimer Generaldirektor Alfried Wieczorek, der Kunsthändler suche nach einem festen Ort für seine Sammlung und könne sich eine Zustiftung vorstellen. In Mannheim dachte man über den Aufbau eines neuen Ausstellungsschwerpunkts mit altägyptischer Kunst nach, den die REM im Herbst 2014 eröffnen wollten – mit Hilfe der Bestände aus Hamburger Besitz.
Wieczorek fuhr in Begleitung eines Anwalts der Museumsstiftungen an die Elbe, um mit dem Besitzer und seinen Anwälten zu verhandeln. Dass er zugleich mit einem Händler sprach, sei ihm bewusst gewesen, so Wieczorek. Für eine Übernahme machte der Direktor aber zur Bedingung, dass die Dokumente vorgelegt würden, die belegten, dass die Sammlung sauber und nach geltenden Vorschriften zustande gekommen sei. Schon kurz vor Weihnachten 2011 wurde der Transport der Objekte durch den Kunstspediteur nach Mannheim beauftragt, obwohl der verhandelte Vertrag noch nicht unterschrieben war. Dort blieben sie aber versiegelt in einem Sonderdepot gelagert, bis die angeforderten Dokumente vorlägen.
Zwar gab es irgendwann einen Vertrag mit jenem Ägyptologen, der die Sammlung schon in Bonn betreut hatte und dessen Wissen darum nun für Mannheim gesichert werden sollte. Trotz mehrerer Anfragen und Aufforderungen, so Wieczorek, habe man aber keine ausreichenden Unterlagen zur Provenienz und zum Erwerb der Objekte bekommen. Im März 2013 gaben die REM deshalb mehrere Tausend Objekte an die Familie des Sammlers zurück. Die Familie des Kunsthändlers ließ die Stücke mit einem Transportunternehmen abholen, nachdem sie das Museum aus Gründen des Selbstschutzes auch fotografisch dokumentiert hatte.
Die REM haben wegen der aktuellen Ermittlungen ihre Unterlagen zu den damaligen Ereignissen inzwischen an das Bundeskriminalamt übergeben, das sich nun dafür interessiert. In einigen der deutschen Museen haben die Ermittlungsbehörden erneut Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befragt. Der Geschäftspartner der Hamburger Galerie wurde im März 2022 nach Frankreich ausgeliefert, wo das Verfahren noch läuft. Bei zwei weiteren Beschuldigten wurde der entsprechende Antrag aber abgelehnt. Über ein weiteres Auslieferungsersuchen der französischen Behörden zu dem Kunsthändler selbst ist noch nicht abschließend entschieden worden. Bislang gibt es auch keine Anklage. Die Staatsanwaltschaft ermittelt vielmehr nach wie vor ergebnisoffen Dies betonen auch seine Anwälte. Zudem stelle sich ihr Mandant selbstverständlich den Ermittlungen.
In den deutschen Museen aber stellt sich spätestens jetzt die Frage, woher die Objekte stammen, die man aus dem Hamburger Besitz aufbewahrt, ausgestellt, publiziert und zum Teil auch erworben oder geschenkt bekommen hat. Auch hier hat die Aufarbeitung gerade erst begonnen.