Mittwoch, 10. April 2024

Gleichberechtigung im Breitensport
Kampf gegen Benachteiligung von Sportlerinnen

Obwohl Gleichberechtigung von Geschlechtern im Sport seit vielen Jahren ein Thema ist, ist Deutschland noch weit von einer Chancengleichheit für alle im Sport entfernt. Teilweise drehen sich die Uhren auch wieder rückwärts.

Von Jessica Sturmberg | 01.04.2024
Zu sehen ist im Gegenlicht ein Mädchen im Tor von hinten, das die Spielerinnen beobachtet.
Im Gegensatz zum Hockey-Sport bieten die Strukturen im Fußball noch keine Chancengerechtigkeit zwischen Jungs und Mädchen . (Jessica Sturmberg)
Samstagmorgen auf einem Sportplatz im Süden von Köln. Die beiden E-Jugendteams von DJK Südwest und Grün-Weiß Brauweiler spielen gegeneinander. Es geht fair zu, die Mädchen im Alter zwischen 9 und 11 Jahren haben Freude am Spiel und auch eine ordentliche Portion Wettkampfgeist.
Zugleich spielen sie gegen einen gemeinsamen Gegner. Gegen die Diskriminierung auf dem Platz, weil sie Mädchen sind.
Das Foto zeigt eine Gruppe jugendlicher Fußballerinnen, sie bilden einen Teamkreis und tragen die rot-schwarzen Trikots von DJK Brauweiler.
Die Spielerinnen vom DJK Brauweiler kennen die Benachteiligungen der Fußballerinnen in anderen Vereinen. (Jessica Sturmberg)
"Es sollte eigentlich so sein, dass Jungs und Mädchen gleichberechtigt werden, nicht so Mädchen auf den Ascheplatz und Jungs auf den Rasen, sondern dass beide auf dem Rasen spielen dürfen oder beide auf dem Ascheplatz."
"...weil es ist ja nicht so, dass die Männer irgendwie ein höheres Anrecht haben als die Frauen und wenn die den gleichen Job machen..."
"... dass die auch gleich bezahlt werden."
Loi, Nele und Jette finden es nicht richtig, dass ihre Chancen kleiner sein sollen als die der Jungs: "Ich find's voll unfair."

Strukturen im Mädchenfußball ziehen nicht nach

Sie sehen die kleinen und größeren Unterschiede zwischen den Jungs und ihnen. Obwohl sich beide Vereine im Mädchenfußball engagieren und bei ihnen keine auf dem Ascheplatz trainieren muss. Aber sie kennen es von Gegnerinnen.
Wenn er das gesamte Umfeld betrachtet, findet E-Jugend-Trainer Jörg Heinold noch immer, "dass die Strukturen, so wie sie über Jahrzehnte im Männer- und Jugendfußball gewachsen sind, dass die nachziehen müssen. Ich glaube es gibt unendlich viele Mädchen, die gerne Fußball spielen und man muss ihnen nur die Möglichkeit geben und entsprechend die Strukturen so aufbauen."
Fußball ist nicht die einzige Sportart, in der Frauen und Mädchen benachteiligt werden. Aber in der in Deutschland mit Abstand bedeutendsten Sportart wird es besonders deutlich. Gegen diese Ungleichbehandlung zu arbeiten, ist das Ziel von equaletics.

Der Verein equaletics: mit Bildungsarbeit gegen die Ungerechtigkeit

Drei ehemalige Studierende der Deutschen Sporthochschule Köln haben den Verein gegründet. Sie haben die Ungleichheit selbst gespürt und sich entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Sie haben über die Jahre Konzepte erarbeitet und machen in ganz Deutschland Bildungsangebote, gehen in die Vereine, sensibilisieren auf allen Ebenen: Vorstand, Trainerinnen und Trainer, Aktive.

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"Viel passiert einfach unterbewusst. Und wir haben eben das Ziel, das aufzuzeigen, das einfach den Leuten bewusst zu machen, dass es diese Denkmuster bei ihnen gibt, auch wenn sie das vielleicht gar nicht wollen oder nicht bewusst ist."

Sportvereine können von Öffnung profitieren

Erklärt Lisa Steffny, Vorstandsmitglied von equaletics. Für Vereine und Verbände öffnet das auch neue Möglichkeiten – wenn sie die Türen für Menschen öffnen, die Lust auf Sport haben, sich vorher aber wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung nicht angesprochen gefühlt haben, sagt Vorstandskollegin und Mitgründerin, Lisa Kalina:

"Wenn man dann auch aufzeigt, eine Analyse des Vereins, des Verbandes machen, sagt: Die und die erreicht ihr noch nicht, da habt ihr noch Kapazitäten. Da könnt ihr noch mehr Leute gewinnen. Da könnt ihr auch sehr viel mehr Ehrenamtliche gewinnen und da könnt ihr Gelder generieren."
Manchmal sind es nur ein, zwei Personen, die Entwicklungen anstoßen, die eine Frauen- und Mädchenabteilung gründen – oft gegen Widerstände. Sie brauchen Verbündete, die das festigen, was aufgebaut wird. Für eine breite Akzeptanz und damit auch nicht alles zusammenbricht, wenn die Türöffner von einst nicht mehr da sind.

Mit Daten aus der Wissenschaft überzeugen

Es geht auch darum, Emotionalität aus Diskussionen herauszunehmen, etwa wenn es um das Thema Leistungsfähigkeit geht. Jungs haben im Schnitt mehr Kraft und sind schneller, aber ist ihr Sport deswegen attraktiver und lohnt es sich deswegen, mehr zu investieren? Lisa Steffny verweist auf Daten aus der Wissenschaft:
"Es gibt gerade viele Studien, viel Untersuchungen, viele Statistiken, was einem auch hilft, dass es nicht nur über die eigene Betroffenheit geht oder über gefühlte Fakten, dass es so ist, sondern dass es einfach Studien dazu gibt. Zum Beispiel gibt es eine Studie darüber, dass die Leistung von Fußballerinnen, sobald man gesehen hat, dass es Frauen sind, immer schlechter bewertet wurde, als wenn man das Geschlecht nicht erkannt hat. Das war eine französische Studie."

Vorbild Hockey: Vom Männersport zum ausgeglichenen Geschlechterverhältnis

Was führt dazu, dass Zuschreibungen so passieren? Und lässt sich das aufbrechen?
Ja, findet Maren Boyé, im Deutschen Hockeybund zuständig für Bildung und Entwicklung.

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Anfang der 2000er Jahre, als Hockey auch noch männlich dominiert war,  iniitiert der Verband  eine Kampagne: "Hockey, weil ich ein Mädchen bin"
Die Kampagne läuft ein gutes Jahrzehnt. Mit Aufklebern, Flyern und Postern wird um Mädchen geworben. Die Führungsebene des Verbandes wird weiblicher. Dadurch kommen neue Ideen auch in der Spitze an. Und der Olympiasieg der Hockeyfrauen 2004 hilft, die Sportart für Frauen sichtbarer zu machen. Der Ertrag 24 Jahre später:

"Fakt ist, dass wir das Mädchenhockey an sich in der Form nicht mehr pushen müssen, weil wir da von den reinen Mitgliederzahlen in der Gleichheit schwimmen. Man muss sogar dazusagen, dass in der Altersrange 7 bis 14 Jahre ein bisschen mehr Mädchen haben als Jungs."
Maren Boyé steht an einem Hockeyplatz
Maren Boyé ist im Deutschen Hockeybund zuständig für Bildung und Entwicklung (Jessica Sturmberg / dlf)
Im vergangenen Jahr wird die Europameisterschaft für Frauen und Männer zusammen in Mönchengladbach veranstaltet. Der Sport gilt längst nicht mehr als Jungs- oder Männersport.

Equaletics verzeichnet auch Rückschritte in der Entwicklung

Ist so eine nachhaltige Entwicklung auch für andere Sportarten wie Handball, Eishockey oder - wo das meiste Geld in Deutschland hinfließt - Fußball denkbar?
In den vergangenen beiden Jahrzehnten sind Meilensteine erreicht worden, aber es gibt auch Rückschritte, die der Verein equaletics zunehmend wahrnimmt, wie Lisa Kalina erzählt:

"Dass wir da auch immer mehr Gegenwind spüren und dass auch gerade der Sport, auch wenn es um rechtsextremen Tendenzen geht, ein großes Auffangbecken ist, also das sollte man sich vor Augen führen, wenn es darum geht, dass Sport ein Platz der Demokratie, des Miteinanders, des Austauschens ist, ist Sport zugleich auch Nährboden für rechtes Gedankengut. Sport kann sowohl in Mannschaftssportarten als auch im Boxsport, im Kampfsport sehr stark dazu beitragen, dass da in der Gemeinschaft Gefühle entwickelt werden, was dann aber von Rechten übernommen wird."
Chancengleichheit für alle? Das scheint unter solchen Bedingungen utopisch. Aber diese Utopie trotzdem zu durchdenken, findet Lisa Kalina wichtig - auch mit der Perspektive, dass Sport auch noch andere Werte und Ziele verkörpern kann als nur Leistung.
Ziele, wie einen sicheren, diskriminierungs- und barrierefreien Ort zu schaffen, bei dem jeder Mensch im Sport das ausleben kann, was er für sich selbstbestimmt ausleben will.
Für E-Jugendtrainer Jörg Heinold von Grün-Weiß Brauweiler wäre schon viel in Sachen Chancengleichheit erreicht, "wenn es nicht mehr die Frage gibt, wenn man einen Verein anfragt: Gibt es eine Möglichkeit für Mädchen Fußball zu spielen? Sondern, dass klar ist, natürlich kann das Mädchen hier Fußball spielen."