Dienstag, 23. April 2024

Frauenfußball
Die Grenzen des Wachstums

Die Fußball-Bundesliga der Frauen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Doch sie kommt zunehmend an den Punkt, an dem ganz grundsätzliche Entscheidungen getroffen werden müssen.

Von Jessica Sturmberg | 24.03.2024
Die Spielerinnen des SV Werder Bremen schwören sich mit einem Mannschaftskreis im Stadion des 1. FC Kölns ein. Im Hintergrund halten Anhänger des 1. FC Köln Schals ihres Vereins in die Luft.
Die Frauen-Bundesliga soll aufgestockt und professionalisiert werden. Doch noch ist sie in großen Teilen noch ein Zuschussgeschäft. (dpa / picture alliance / Oliver Baumgart)
30.123 Zuschauerinnen und Zuschauer kommen Anfang März zum Spiel 1. FC Köln gegen Werder Bremen, die zweithöchste Besucherzahl im deutschen Frauen-Ligafußball. Die höchste war ein Jahr zuvor ebenfalls in Köln. Auch zum Spitzenspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern München in der Wolfsburger Arena kommen dieses Wochenende mehr als 24.400.
Die Highlight-Spiele in den großen Stadien sorgen mit dafür, dass die durchschnittliche Zuschauerzahl in den letzten beiden Jahren sprunghaft gestiegen ist. Im Schnitt kamen in der vergangenen Saison 2.700 zu einem Spiel. In dieser Saison dürfte es ähnlich groß ausfallen. Dazu ein Medienvertrag, der pro Jahr 5,17 Millionen Euro einbringt und auf alle zwölf Vereine gleich verteilt wird. Die Sichtbarkeit von Frauenfußball ist deutlich gestiegen.
Direkt nach Schlusspfiff jubeln die Spielerinnen des 1. FC Köln, die Spielerinnen von Werder Bremen sinken enttäuscht zu Boden.
30.123 Zuschauerinnen und Zuschauer versammelten sich Anfang März zum Spiel 1. FC Köln gegen Werder Bremen im Kölner Stadion. Es war die zweithöchste Besucherzahl im deutschen Frauen-Ligafußball. Und die Zuschauerinnen und Zuschauer bekamen auch packenden Fußball geboten. (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)

Geschwindigkeit des Wachstums ist sehr unterschiedlich

Allerdings: die Geschwindigkeit, mit der die Liga insgesamt wächst und sich professionalisiert, und wie es in den einzelnen Clubs voranschreitet, ist wiederum sehr unterschiedlich. Das stellt den DFB vor eine Herausforderung, wie Vize-Präsidentin Sabine Mammitzsch im DLF-Sportgespräch erläutert:
„Wie schaffen wir das, dass wir die Liga auf ein gleiches Niveau heben? Und darum geht es im Moment.“

Spielerinnen soll Grundgehalt gezahlt werden

Der Verband hat einen Wachstums- und Professionalisierungsplan entwickelt mit Themen wie Rasenheizung, vollzeitbeschäftigten Assistenz- und Torwarttrainer, Physiotherapeuten oder Videoanalysten und ein Grundgehalt für die Spielerinnen von knapp 3.000 Euro im Monat. Besonders das Grundgehalt sieht Sabine Mammitzsch als wichtig an.
„Das muss das Ziel sein der GooglePixel Frauen-Bundesliga, dass wir so viel Erträge haben, dass Vereine auch in der Lage sind, ein Grundgehalt in welcher Form auch immer zu zahlen.“

Frauenfußball ist ein Zuschussgeschäft

Allerdings ist die Finanzlage höchst unterschiedlich, die Einnahmen sind in der Liga zwar deutlich gestiegen, aber ebenso die Ausgaben. Bisher ist es im Schnitt für die Vereine ein Minusgeschäft. Von den zwölf Vereinen stehen bei elf Männer-Lizenzvereine dahinter, die in geringem oder größerem Rahmen den Frauenfußball bezuschussen. 
Die Frauen des 1.FC Köln sammeln sich zum Mannschaftsfoto vor der gefüllten Kurve ihrer Fans.
Die Fußball-Bundesliga der Frauen ist aktuell noch immer ein Zuschussgeschäft. Vor allem die Männerklubs leisten sich eine Frauen-Fußballmannschaft und schießen Geld hinzu. (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Was bei Vereinen wie Bayern München oder dem VfL Wolfsburg Standard ist, wird oder kann nicht in allen Vereinen geleistet werden. Die SGS Essen als einziger reiner Frauenfußball-Verein in der 1. Liga hat keine Möglichkeit der Quersubventionierung. Manager Florian Zeutschler gibt daher zu bedenken:
„Das, was ich habe, kann ich auch ausgeben und wenn ich das auf dem Markt dann vielleicht mit entsprechender Qualität nicht bedienen bzw. bekommen kann, dann wird der Wettbewerb entscheiden, ob ich sportlich damit erfolgreich bin oder mithalten kann.“

Noch stoßen die Vereine an Grenzen

Seit 19 Jahren ist die SGS erstklassig, rangiert im Tabellenmittelfeld und hat es in dieser Saison auch ins Pokal-Halbfinale geschafft. Der klub hat viele Nationalspielerinnen hervorgebracht wie Nicole Anyomi, Linda Dallmann, Sara Doorsoun oder Marina Hegering und ist ein klassischer Ausbildungsverein mit einer guten Nachwuchsarbeit. Ein Grundgehalt kann sich Zeutschler derzeit nicht vorstellen, wie er aus seiner Perspektive deutlich macht:
„In welchem Umgang komme ich als Verein mit der Mannschaft zusammen. Da gibt es Vereine, die von morgens bis abends zusammen am Trainingsgelände sind. Es gibt Vereine, wo man sich im Vormittags- Mittagsbereich zusammenfindet und dementsprechend ist ja auch die Verfügbarkeit bzw. die Arbeitszeit unterschiedlich zu rechnen.“
Manager Florian Zeutschler betont, dass auch sein Verein weiter wachsen wolle, „dass wir aber so wie auch die letzten Jahre, dass wir nachhaltig wachsen und nicht nur kurzfristig irgendwelche Entwicklungen vielleicht mitgehen, die wir dann nicht halten können. Für uns als Verein ist einfach entscheidend, dass wir in vielen Bereichen einfach die Möglichkeit weiter beim Verein sehen, dass man selbst entscheidet, wo ich investiere, in welchen Bereichen ich in Personal investiere, in welchem Bereich ich in der Infrastruktur investiere bzw. auch investieren kann.“

Frauenfußball soll kein Abbild der Männerliga werden

Auch der 1. FC Köln mit der größten Fankulisse will verhindern, dass der Frauenfußball langfristig ein Abbild der Männerliga wird und sieht es als eigenständige Einheit, die nicht vom Männerbereich subventioniert werden soll, betont Geschäftsführer Christian Keller, auch nicht jetzt während des Transferverbots bei den Männern:
„Dieser Vergleich wir können bei den Männern nichts ausgeben, deshalb investieren wir mehr in die Frauen, der ist nicht so, weil wir versuchen, den Frauenfußball als autonomes Projekt zu fahren, der sich aus sich heraus tragen soll und nicht quersubventioniert werden soll über den Männerfußball. Weil nur wenn es sich selbst trägt dann gewinnt es auch die Akzeptanz, die es auch braucht, und da sind wir auf einem guten Weg.“
Bei Eintracht Frankfurt wird noch viel Geld aus dem Männerbereich in den Frauenfußball gesteckt, langfristig will Manager Axel Hellmann das nicht mehr. Er drängte vor kurzem den DFB zu einer Reform mit einer Aufstockung der Liga und brachte die Perspektive ein, dass die Klubs sich wie bei den Männern mit der DFL ausgliedern könnten. Mammitzsch lehnt das gar nicht ab:
„Wir sind eigentlich genau an der Stelle, an der damals die DFL oder die Bundesliga der Männer entschieden hat, wir gehen jetzt einen eigenen Weg. Uns fehlt nur, dass wir nicht genug Erträge haben.“

Eine Aufstockung der Liga ist in Planung

Darum wird darüber nachgedacht, welche Vermarktungsmöglichkeiten es noch geben kann und welche Partner noch gewonnen werden können. Der Wachstums- und Professionalisierungsplan, der jetzt noch einmal überarbeitet wird, wird jetzt zwar nicht so schnell umgesetzt werden, wie sich das einige Vereine und der DFB vorgestellt hatten. Dennoch werde es nicht mehr lange dauern, bis weitere Schritte folgen, ist Mammitzsch zuversichtlich.
Eine Aufstockung der 1. Liga um zwei oder vier weitere Klubs scheint schon bald sehr wahrscheinlich, eventuell kommt es auch zu einer Ausgliederung. Was die Investitionen angeht, da wird ein Kompromiss gefunden werden müssen.
„Nach unserem Plan wäre es gewesen, dass wir wahrscheinlich zum Sommer vielleicht einen anderen Weg gegangen wären, aber ich kann mir vorstellen, dass wir in diesem Jahr tatsächlich auch weitere Entwicklungsschritte gehen", sagt Mammitzsch.

Die höhere Kulisse spornt die Spielerinnen an

Es wird sich einiges verändern, die Frage ist - mit welcher Geschwindigkeit. Schon jetzt hat der Frauenfußball schon große Schritte gemacht. Die wissen die Spielerinnen auch zu schätzen. Ganz besonders, wenn Zehntausende im Stadion ihnen zujubeln. Darin sind sich auch die Gegnerinnen auf dem Platz einig, wie die beiden Kaptäninnen von Köln und Bremen, Manjou Wilde und Michelle Ulbrich.
„Das ist unfassbar besonders und das genießen wir.“
„Ich glaube jede Spielerin, die in so einem großen Stadion spielen darf, verspürt eine riesengroße Dankbarkeit, ist superstolz, dass so viele Fans den Weg ins Stadion immer wieder finden, dann kommen beim nächsten Heimspiel nochmal 500 mehr als sonst.“
Die Kulisse spornt die Spielerinnen sichtbar an, solche Spiele sind dann oft auch sportlich von höherer Qualität.