Samstag, 13. April 2024

Sport und Bewegung
Wie sähe eine ideale Sportlandschaft in Deutschland aus?

Deutschland steht beim Thema Bewegung vor vielen Herausforderungen: Bewegungsmangel und marode Sportstätten zum Beispiel. Vor allem soll aber Bewegung für alle möglich sein - wie müsste die Bewegungslandschaft in Deutschland dafür aussehen?

Maximilian Rieger im Gespräch mit Kirsten Hasenpusch, Friedhelm Julius Beucher und Karim Abu-Omar | 01.04.2024
Zu sehen sind Mütter mit Kinderwagen, die im Wald stehen und Bälle in die Luft werfen.
Oft können vorhandene Räume schon für Bewegungsangebote genutzt werden (IMAGO / Funke Foto Services / IMAGO / Johannes Pusch)
Deutschland steht beim Thema Bewegung vor mehreren Herausforderungen: Bewegung in der Ganztagsschule integrieren, immer weniger Ehrenamtliche in Vereinen und alte, sanierungsbedürftige Sportstätten.
Entsprechend sieht auch die Bilanz aus: Laut Weltgesundheitsorganisation bewegen sich rund 40 Prozent der Erwachsenen zu wenig. Bei Jugendlichen sind es sogar mehr als 80 Prozent, die das empfohlene Pensum nicht erreichen.
Dabei muss gesundheitsförderliche Bewegung gar nicht per se auf dem Sportplatz oder mit Sportgeräten stattfinden, sagt Karim Abu-Omar, Professor am Lehrstuhl für Sportwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg – mit dem Schwerpunkt Bewegung und Gesundheit:
Denn Bewegung ist vielfältig - Karim Abu-Omar empfiehlt eine halbe Stunde pro Tag für Erwachsene. Man solle dabei ins Schwitzen kommen, es kann aber auch beispielsweise Holzhacken sein, schlägt er vor.

Städte müssen bewegungsfreundlicher werden

Dass sich Menschen bewegen, könne aber vereinfacht werden, wenn Städte zur Bewegung einladen würden:
"Warum gehören die Städte eigentlich den Autos und nicht den Menschen? Das ist genau die Frage, die wir uns stellen müssen“, appelliert Karim Abu-Omar. Städte wie Kopenhagen machen es vor, wie Städte autofreier sein können. Ein Problem an den Autostädten sei auch, dass vulnerable Personen dort immer in Gefahrensituationen sein würden.
„Es braucht ein Umdenken und nicht nur bei Menschen, sondern auch in der Politik, zum Beispiel für eine Tempobeschränkung auf 30 km/h in der Stadt.“

Bewegung sollte ganzheitlich und übergreifend gedacht werden

Es brauche dazu aber ein ganzheitliches Betrachten auch von Seiten der Politik, sagt Kirsten Hasenpusch, Vorstand der Deutschen Sportjugend, der Jugendorganisation des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ihr ist wichtig, dass politisch der Sport nicht nur beim Bundesministerium des Inneren mitgedacht wird, das für den Sport zuständig ist, sondern auch andere Minsterien integriert werden, bespielsweise das für Gesundheit.
„Ich glaube, es könnte einfacher sein, wenn man übergreifend denken würde und Bewegung ganzheitlich denkt und angeht, dann ist es auch nicht mehr ganz so einfach, die Verantwortung immer hin und her zu schieben.“
Und man müsse auch direkt die Zielgruppen der Angebote fragen:
„Jugendlichen wollen beteiligt werden, wollen gehört werden, sie wollen mitreden. Wir haben aber auch eine riesige Ganztagsherausforderung, da funktioniert vielleicht die Beteiligung noch nicht so gut", kritisiert Hasenpusch.

Beucher: Sport brauche einen größeren Stellenwert in den Kommunen

Ein Zuständigkeitsdenken dürfe nicht vorgeschoben werden, das sieht auch der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes Friedhelm Julius Beucher so. Kommunen und Länder sollten mitgenommen werden, aber vor allem vor Ort in den Kommunen brauche der Sport einen anderen Stellenwert. Er fordert zum Beispiel eigenständige Sportausschüsse in den Kommunen: „Sport steht immer am Ende der Skala. Aber Sport muss als Alleinstellungsmerkmal stehen."
Beucher war von 1990 bis 2002 auch Mitglied des Bundestages und dort auch vier Jahre Vorsitzender des Sportausschusses. Er sieht noch ein anderes Problem in den deutschen Sportstrukturen: „Es fehlt auch manchmal an der Durchlässigkeit von Informationen, Informatioen kommen eben oft nicht vor Ort an.“
Die Infos, die bei Verbänden oder Landessportverbünden entstehen, versickern im System, weil die Strukturen so komplex seien und es sehr viele verschiedenen Player gebe.
„Ich wollte nicht vom Strukturwirrwarr sprechen, sondern wir haben sehr viele Angebote und es ist immer entscheidend, wie die Leute vor Ort erfahren, was es gibt. Wir haben uns immer wieder im organisierten Sport Gedanken zu machen, auch mithilfe der Politik, wie die Informationen bei den Menschen ankommen.“

Aufholbedarf bei der Barrierefreiheit

Bei Bewegungsangeboten müsste man alle Individualitäten mitdenken. Eine perfekte Stadt für Bewegung sieht deshalb für Karim Abu-Omar so aus: freie Zugänglichkeit für alle, verschiedene Bewegungsangebote, zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar, Naturräume und Parks und auch im Winter genug Hallen:
„Wir müssen ja auch immer mitdenken, dass Sport, wenn man weit fliegt oder fährt, nicht so gut fürs Klima ist, auch wenn es gut für den Menschen ist.“
Ein wichtiger Punkt wäre dabei auch die Barrierefreiheit, ergänzt Beucher. 90 Prozent der Sportstätten in Deutschland seien nicht barrierefrei, so der Sportfunktionär. Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen zum Sport zu bringen, sei daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Das könne der Deutsche Behindertensportverband nicht alleine schaffen, denn das Umdenken müsse im Kopf beginnt: Es brauche mehr wohnortnahe und kostenlose Angebote und vor allem eben die Barrierefreiheit. Noch wäre es so, dass über 55 % der Menschen mit Behinderung keinen Sport treiben, sagt Beucher.
Kirsten Hasenpusch von der Deutschen Sportjugend glaubt, inklusive Angebote zu schaffen, sei gar nicht so schwierig: Gehe man offen mit dem Thema Inklusion um, führe das auch dazu, dass die Angst vor Fettnäpfchen und Berührungsängsten weniger wird.

Den Ehrenamtlichen Mut machen

Im Sport, gerade im Vereins- und Breitensport, stemmen Ehrenamtliche die Angebote und Trainingsstunden. Um sie zu halten und bestenfalls mehr zu gewinnen, sollte man ihnen Mut machen, findet Hasenpusch:
„Teilhabe und Vielfalt ist ein dynamischer Prozess, genauso wie das Ehrenamt. Oft reicht es schon, wenn man geübte Formen nur ein bisschen anpasst, dann hat man schon ein inklusives Angebot.“
Hasenpusch plädiert dafür, nicht in Schubladen zu denken, denn „Sport ist für alle da und das wollen wir. Und wir wollen, dass sich alle bewegen können. Seid mutig und macht es einfach, weil es oft gar nicht so komplex ist. Und sonst fragt einfach.“
Auch Beucher möchte gerne Mut machen und zwar: „Mut machen muss übergehen in ein Vormachen!“ Erst, wenn man etwas vormache, könne man zeigen, wie es geht und dadurch mehr Gleichberechtigung schaffen. Er hat ein Beispiel: Im Rollstuhl-Basketball würden im Breitensport Männer und Frauen gleichberechtigt in einer Mannschaft zusammenspielen.
Die Menschen, die gute, zukunftsfähige Strukturen aufbauen, die müssten von allen Seiten und auch der Politik mit Ressourcen unterstützt werden, schließt Abu-Omar: „Wir haben viel guten Willen. Wir brauchen nur noch ein bisschen politische Unterstützung und dann schaffen wir das."