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Die vergessene erneuerbare Energie

Wasserkraft ist in Deutschland nicht so angesagt wie Solar- und Windkraftanlagen, mit denen sich in kürzerer Zeit höhere Renditen erzielen lassen. Die Betreiber der Wasserkraftanlagen hätten daher gerne eine höhere Vergütung aus dem großen Topf des EEG.

Von Susanne Lettenbauer | 15.07.2013

    Gewaltig strömt die Isar unterhalb des bayerischen Landtags neun Meter ein Wehr hinab. Direkt darunter erzeugt seit zwei Jahren eine 30 Tonnen-Hightech-Kastenturbine Ökostrom für 4000 Münchner Haushalte. Unsichtbar, emissionslos, geräuschlos. Das elfte und modernste Wasserkraftwerk in und um München sorgt in der Landeshauptstadt für einen Imagewandel der alten Energieform Wasserkraft.

    Nicht nur wie hier an der Isar, an einem Fluss haben die Stadtwerke München Turbinen verbaut, sondern auch in ihren Wasserleitungen, um den natürlichen Druck des Wassers bei den alljährlichen Isarhochwassern auszunutzen.

    Würden alle alten Wasserkraftanlagen in Deutschland so modernisiert werden, dann könnte eine ansehnliche Zuwachsrate an Strom aus Wasser erreicht werden, sagt der energiepolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Ludwig Wörner:

    "Also ich behaupte mal, dass man bei den Altanlagen, wenn wir die zum Teil wieder in Betrieb nehmen, samt Umgehungsgerinnen und den Anlagen, die man ertüchtigen kann, müsste man etwa auf sechs bis sieben Prozent insgesamt kommen und das wäre ein schöner Brocken."

    Doch Investitionen in Wasserkraftanlagen stagnieren deutschlandweit. Erstens wegen technisch-ökologischer Bedenken: Sie häckseln die Fische. Hinzu kommt das Image: In ihrer Megavariante tragen sie in vielen Ländern zu Vertreibung und erhöhten CO2-Emissionen bei. Speziell in Deutschland ist Wasserkraft nicht so angesagt wie Solar- und Windkraftanlagen, mit denen sich in kürzerer Zeit höhere Renditen erzielen lassen.

    Und es fehlten spezielle Fördermöglichkeiten für Sanierungen oder neue Turbinen in Wasserkraftanlagen, obwohl Forscher in den letzten Jahren hocheffiziente Maschinen entwickelt haben, so Wörner:

    "Wir könnten zum Beispiel die Hamann-Turbine, die sogenannte Schneckenturbine in mehrere Flüsse einsetzen, das stört überhaupt nicht, weil die mitschwimmt. Das Ding läuft in Salzburg und überall, nur nicht in Bayern. Die würden keinen Fisch stören, keinen Fluss stören, da wäre das Geschiebe durchgängig."

    Laut dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz EEG liegt die Einspeisevergütung für Strom aus Wasserkraft bei knapp 13 Cent pro Kilowattstunde - Tendenz sinkend. Solarstrom aus einer normalen Dachanlage bringt im Vergleich dazu 15 Cent, sagt Hans-Peter Lang, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Wasserkraftwerke. Vollautomatisierte moderne Turbinen rentierten sich da nur wenig:

    "Wir benötigen dafür eine gewisse Wirtschaftlichkeit. Wir vom Bundesverband fordern deshalb ja auch, dass die Vergütungssätze angehoben werden, denn heute muss das vollautomatisch betrieben werden. Im Gegensatz zu früher sind die Leute nicht 24 Stunden vor Ort, sondern müssen selber noch in die Arbeit."

    Probleme macht den deutschen Wasserkraftwerken auch die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Darin werden der Erhalt und die Wiederherstellung eines natürlichen Fließgewässersystems in Deutschland gefordert, ein K.o-Argument für Wasserkraftanlagen, sagen die Betreiber.

    Auch die Neuregelung des Wasserrechtes durch das Wasserhaushaltsgesetz seit März 2010 lässt der Wasserkraftnutzung wenig Spielraum: Demnach ist das Aufstauen, Entnehmen und Ableiten von Wasser nur zulässig, "wenn eine ausreichende Mindestwasserführung gewährleistet wird, geeignete Maßnahmen zum Schutz der Fischpopulation ergriffen wurden und die Durchgängigkeit des Gewässers erhalten oder wiederhergestellt wird".

    Ein sogenannter Wassererlass ähnlich dem bayerischen Windatlas sollte eigentlich in speziellen Karten die Potenziale für Wasserkraftnutzung im Freistaat ermitteln. Er scheiterte am Widerstand der Naturschutzverbände. Warum sagt der Energieexperte des Bund Naturschutz in Bayern, Herbert Bartel:

    "Wenn man sich anschaut: Das Zubaupotenzial von Wasserkraft ist gering, man spricht da von ein, zwei Prozent. Wenn man das vergleicht mit Windenergie, dort spricht man von einem Faktor 10 oder 15 wie wir Windenergie ausbauen können, von daher fokussieren wir uns bei der Energiediskussion auf Sonnenenergie und Wind. Die Wasserkraft ist ausgebaut, da ist kein Potenzial zu sehen mehr für uns."

    Rund 40 Prozent der regenerativen Energien kommen in Bayern aus der Wasserkraft. Das reicht, meinen Fischereiverbände, Naturschutz- und Vogelschutzverbände. Und zwar für ganz Deutschland.