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StartseiteForschung aktuellModelliererin Viola Priesemann: "Wir stehen relativ dicht am Kipppunkt" 12.03.2021

Dritte Corona-WelleModelliererin Viola Priesemann: "Wir stehen relativ dicht am Kipppunkt"

Erstmals sind die Infektionszahlen im Wochenvergleich wieder deutlich gestiegen. Die dritte Welle nimmt Fahrt auf, weil die britische Mutante das Regiment übernommen hat. In diese hohe Inzidenz hinein zu öffnen sei riskant, sagte die Modelliererin Viola Priesemann im Deutschlandfunk.

Viola Priesemann im Gespräch mit Christiane Knoll

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Dr. Viola Priesemann (Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut fuer Dynamik und Selbstorganisation) in der ARD-Talkshow ANNE WILL am 01.11.2020 in Berlin. Thema der Sendung: Vier harte Wochen – wie nachhaltig wirken die Anti-Corona-Maßnahmen? (picture alliance / Eventpress Stauffenberg)
Viola Priesemann modelliert verschiedene Szenarien der Pandemie (picture alliance / Eventpress Stauffenberg)
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Mitten in die Debatte um Priorisierung, Zuständigkeiten und das schleppende Tempo bei der Impfung in Deutschland sind in den letzten beiden Tagen die Infektionszahlen im Wochenvergleich erstmals wieder deutlich gestiegen. Ebenfalls in dieser Woche legen die Zahlen der Testlabore nahe, dass die britische Variante deutlich Land gewonnen hat und 55 Prozent der Neuinfektionen ausmacht. Ein Zusammenhang liegt mehr als nahe.

Aber was heißt das jetzt? Viola Priesemann ist Modelliererin und forscht am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen.

Christiane Knoll: Frau Priesemann, wo stehen wir heute, was sehen Sie in Ihren Kurven?

Viola Priesemann: Wir stehen wahrscheinlich relativ dicht an einem Kipppunkt. Wir haben jetzt über die letzten Wochen den sehr langsamen Anstieg gesehen, und so ein langsamer Anstieg ist immer schwierig, weil man ihn fast nicht merkt. Eigentlich sollten da schon die Alarmglocken klingeln, aber stattdessen wurde ja weiter gelockert, und die Notbremse wurde von 100 auf 200 gesetzt. Wir sehen jetzt also ähnlich wie im letzten Herbst erst diesen langsamen Anstieg, der dann schneller wird, und zusätzlich haben wir nicht nur mehr Kontakte, wir haben die Variante B.1.1.7, wir kommen auch wieder an diesen Kipppunkt, wo dann die Gesundheitsämter mit der Kontaktnachverfolgung nicht mehr hinterherkommen. Und wenn uns diese Maßnahme der Pandemieeindämmung auch noch wegfällt, dann beschleunigt sich der Anstieg der Fallzahlen noch mal mehr.

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"Neue Variante nimmt mehr zu, als die alte abnimmt"

Knoll: Es war klar, dass irgendwann Anfang März die britische Variante die 50-Prozent-Marke übertreffen würde – ab jetzt dominiert sie. Was erwarten Sie für die kommenden Wochen?

Priesemann: Das eine, was schon mal gut ist, ist, dass sie sich eher langsamer ausgebreitet hat, als wir das zumindest in pessimistischen Szenarien erwartet hätten. Aber jetzt sind wir ja in dem Bereich, wo wir etwa bei 50/50 sind, das heißt, die alte und neue Variante tragen gleichermaßen bei. Das heißt, wir haben R über 1, das heißt, die neue Variante nimmt mehr zu, als die alte Variante abnimmt. Das bedeutet, dass die Zunahme sich deutlich verstärken wird, wenn das Verhalten sich nicht ändern wird oder sogar noch mehr Kontakte stattfinden. Ein bisschen eine Chance sehen wir in der Saisonalität, die wir aber leider überhaupt nicht abschätzen können. Die Saisonalität wird möglicherweise 20 Prozent betragen, für B.1.1.7 erwarten wir aber im Verhältnis zur älteren Variante eher 30 Prozent oder möglicherweise mehr Ansteckungen.

Knoll: Optimisten hatten ja argumentiert, die Menschen, die sich anstecken, werden im Schnitt jünger, weil die Älteren eben schon geimpft sind. Für die Jüngeren ist die Infektion nicht ganz so gefährlich, aber trotzdem sehen wir, dass auch die Belegung der Intensivstationen schon wieder langsam ansteigt. Wie lässt sich das verstehen?

Priesemann: Die Wahrscheinlichkeit, infolge einer COVID-Infektion zu versterben, ist inzwischen relativ gut bekannt. In der Altersgruppe 40 bis 60 sind es etwa 0,1, 0,2 Prozent. Das ist jetzt erst mal für die einzelne Person nicht extrem hoch, aber es ist natürlich die Summe. Wir haben in der Altersgruppe 40 bis 60 20 Millionen Menschen oder mehr. Wenn von denen ein gewisser Teil intensivpflichtig werden würde, könnte das theoretisch die Intensivstationen noch über Monate füllen, und das ist eben das Problem, das wir haben. Wir müssen wirklich warten, bis eigentlich jeder ein Impfangebot hatte. Vorher die Fallzahlen hochgehen zu lassen, bringt uns relativ schnell wieder in volle Intensivstationen.

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Knoll: Relativ schnell, was heißt das?

Priesemann: Das kann man eben extrem schwer abschätzen. Bei einem exponentiellen Wachstum hängt es total davon ab, ob ich einen R-Wert von 1,1 oder zum Beispiel 1,2 habe, und das sind ja nur 10 Prozent Unterschied, das ist nicht viel. Wir haben in den ganzen anderen Parametern aber viel größere Unsicherheiten, wie viel ansteckender ist zum Beispiel die neue Variante und vor allen Dingen, wie wird sich das Verhalten der Menschen und auch die politischen Entscheidungen, wie werden die sich entwickeln über die nächsten Wochen. Wenn Sie mir sagen, wie sich das Verhalten verändert, dann kann ich Ihnen auch wesentlich präzisere Voraussagen geben, aber 10 Prozent, auf diese Präzision können wir einfach den R-Wert für die nächsten Monate überhaupt gar nicht sagen. Das heißt, was wir als Modellierer nur machen können, ist Szenarien angeben und sagen, wenn das Verhalten so bleibt, wenn die Kontakte oder alternativ, wenn die Kontakte noch erhöht werden oder wenn die Kontakte erniedrigt werden, dann erwarten wir grob die eine oder die andere Entwicklung. Derzeit zeigen eigentlich alle Szenarien auf ein Wachstum und eben auch auf ein exponentielles Wachstum, was eher sogar noch schneller wird in den nächsten Wochen, weil das B.1.1.7 dominiert. B.1.1.7 selbst hat, wenn wir bei der alten Variante einen R von 1 hätten, einen R von 1,3 oder vielleicht ein bisschen mehr, ein R von 1,3 bedeutet, dass sich die Fallzahlen etwa alle knapp zwei Wochen verdoppeln. Und das ist immens. Da ist man relativ schnell von den 70 auf den 140, auf den 300 innerhalb von dann vier bis sechs Wochen. Wenn wir nur die B.1.1.7-Variante mit 1,3 ansetzen. Saisonalität kann uns helfen, das Impfen ist derzeit noch relativ langsam, das wird uns erst im Mai, Juni deutlich helfen, das heißt, da kann man vorher nicht drauf setzen. Wenn man diese ganzen Faktoren und Unsicherheiten zusammennimmt, sieht man, wie schwierig einfach so eine Vorhersage ist, eine ganz konkrete Vorhersage zu machen.

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Bei hohen Fallzahlen reichen Tests nicht aus

Knoll: Die Politik setzt auch auf Tests – können Sie sich vorstellen, dass wir damit den Anstieg ausreichend dämpfen können?

Priesemann: Es kommt drauf an, wie diese Tests eingesetzt werden. Das A und O ist halt nach wie vor, dass die Fallzahlen niedrig bleiben müssen, denn ansonsten reichen irgendwann auch die Tests nicht mehr aus, und vor allem kommen auch die Gesundheitsämter mit der Kontaktnachverfolgung nicht mehr hinterher. Das heißt, wenn die Tests uns helfen, dann würden sie uns ja auch helfen, die Fallzahlen niedrig zu halten. Die absolute Prämisse sollte also sein, die Fallzahlen niedrig zu halten, denn wenn wir lockern – und das haben wir jetzt wirklich auch detailliert durchgerechnet in unseren Modellen –, wenn wir jetzt lockern, klar, dann haben wir eine kurze Periode der Freiheit. Dann stoßen wir an die Grenze der Intensivstationen, und spätestens dann müssen diese Lockerungen wieder zurückgenommen werden. Außerdem bergen hohe Inzidenzen das Problem, dass Escape-Varianten eher entstehen. Escape-Varianten sind die Varianten des Virus, die den Immunschutz umgehen können, und das würde bedeuten, dass mit dem Impfprogramm im Zweifel wieder von vorne anfangen muss.

Knoll: Im Gespräch ist ja jetzt auch, die Grenzregionen bevorzugt zu impfen, die Pendler. Was halten Sie von dieser Idee?

Priesemann: An sich ist das natürlich gut, überall da zu impfen, wo es vermehrt zu Ausbreitungen kommt. Man muss halt immer bedenken, dass der Impfstoff, der dort eingesetzt wird, eventuell woanders fehlt, und dann ist es eine Güterabwägung. Ich hab da kein Modell, wo ich jetzt quantitativ sagen könnte, wie viel das genau bringt, aber an sich ist das intuitiv erst mal gesehen eine gute Idee, zu sagen, in den Grenzregionen müssen wir auf jeden Fall testen, das sollte auch das Testen auf gar keinen Fall ersetzen, und möglicherweise kann es diesen Regionen ein bisschen Erleichterung schaffen. Das A und O ist dort – das ist ein ganz generelles Prinzip –, über die Grenzen kommen neue Varianten rein, über die Grenzen kommen neue Infektionsketten rein, die werden gestartet, und wie sehr die dann aber lokal sich ausbreiten, das hängt wieder von unserem Verhalten ab. Das heißt, beides ist wichtig: der Eintrag von außen und das, was wir dann aus diesen Infektionsketten lokal machen.

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"Sehr wenig Impfstoff" in den nächsten Monaten

Knoll: Was wir heute Morgen in der Bundespressekonferenz auch erfahren haben, das war, dass vor allem in den Kitas Ausbrüche zu beobachten sind, also bei den ganz Kleinen, bei den Null- bis Fünfjährigen ist ein deutlicher Anstieg mit mehr Ausbrüchen, aber auch mehr Beteiligten, und es gibt auch dort Hinweise auf die Variante B.1.1.7, also die britische Variante. Wäre es nicht auch eine Idee, wenn wir jetzt davon sprechen, Schneisen einzuschlagen sozusagen an den Grenzen, vielleicht auch Schneisen in der Bevölkerung einzuschlagen, also zum Beispiel die Eltern von Kleinkindern zu impfen, wenn wir schon die Kitas offen lassen wollen?

Priesemann: Wenn wir uns anschauen, wie viel Impfstoff wir in den nächsten zwei bis drei Monaten zur Verfügung haben, dann ist es einfach sehr, sehr wenig, und man muss sich gut überlegen, wie man den verteilt. Bei niedrigen Inzidenzen, wenn wir die halten, spart es uns diese Überlegung. Ab Mai, Juni ist die Impfstoffproduktion wesentlich höher, dann hoffen wir auch, dass die Impfstoffverteilung von der Logistik her gut hinterherkommt. Da werden wir wirklich deutlich merken, dass wir mehr und mehr öffnen können, ohne höhere Fallzahlen zu riskieren. Insofern Eltern oder Kinder oder Menschen, die viele Kontakte haben, dann sollte man auch zum Beispiel sagen, Menschen, die aus großen Haushalten kommen. Wenn man zum Beispiel fünf oder sechs Personen im Haushalt hat, die dann möglicherweise auch noch zur Arbeit gehen müssen, nicht im Homeoffice arbeiten können, die haben auch ein viel größeres Risiko, dass sie das Virus in den Haushalt einschleppen, weil eben jede Person, die rausgeht – in die Schule, auf den Arbeitsplatz, zum Supermarkt –, das Risiko in die Familie trägt. Also auch darüber könnte man argumentieren. Es gibt ganz, ganz viele Perspektiven, und die Ethikkommission hat da eine Entscheidung gemacht, die ich da jetzt auch nicht umwerfen möchte, in keiner Weise.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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