Ein halbes Jahr nach der FlutWiederaufbau und Hochwasser-Demenz

Bei den verheerenden Sturzfluten im Sommer 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kamen 182 Menschen ums Leben. Städte und Dörfer wurden verwüstet und unbewohnbar. Jetzt streiten Behörden, Bürger und Wissenschaftler über vernünftigen Hochwasserschutz und die richtigen Lehren aus der Flut.

Von Felicitas Boeselager und Anke Petermann | 14.01.2022

Eine Brücke über einen Fluss. Die Brücke ist eingestürzt und endet abrupt.
Die Ruine der historischen Bogenbrücke über die Ahr in Rech sechs Monate nach der Flutkatastrophe. (picture alliance/dpa)
Zerstörte Häuser, zerwühlte Uferlandschaften, Trauernde und Helfende – auf unzähligen Fotos hat der Pressefotograf Hans-Jürgen Vollrath die Flutkatastrophe 2021 und ihre Folgen festgehalten. Starke Regenfälle hatten vor sechs Monaten ein katastrophales Hochwasser an Bächen und Flüssen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verursacht. Viele Gemeinden, insbesondere im Ahrtal, wurden verwüstet. In Rheinland-Pfalz kamen 134 Menschen ums Leben. In Nordrhein-Westfalen gab es 48 Tote. Hans-Jürgen Vollrath ist einer von 42.000 Flut-Betroffenen allein im Landkreis Ahrweiler. Das erzählt der Fotograf am Rande eines beruflichen Termins im schwer verwüsteten Altenahr. Im Hintergrund rattern Baufahrzeuge durchs Tal. Bis das Hochwasser durch seine Heimatstadt Bad Neuenahr rauschte, lebte Vollrath dort im „Eichenweg“, einer Holzhaussiedlung mit baumbestandenem Innenhof, „paradiesisch“ sei das gewesen.
„Unmittelbar an der Ahr, dann kommt ein kleiner Garten, dann kommt ein kleiner Radweg, dann kommt die Ahr. Also näher kann man eigentlich bei uns nicht wohnen an der Ahr.“
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Doch dieses Paradies ist zerstört, hier kann vorerst niemand mehr leben. Knapp ein Jahr vor der Flutkatastrophe hatten sich neben der Holzhaus-Siedlung „Eichenweg“ Vertreter des Immobilien-Investors Renum mit dem Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler zum symbolischen Spatenstich getroffen. Ein Vorzeigeprojekt in Sachen „klimaneutrales Wohnen“ - so beschrieb Guido Orthen von der CDU das geplante Quartier „Pius Gärten“. Mit begrünten Dächern und Anschluss ans lokale Fernwärmenetz. Als im Sommer die Sturzflut kam, standen bereits zwei Mehrfamilienhäuser mit Tiefgaragen im Rohbau. Jetzt sind sie schwer beschädigt, Zukunft ungewiss.
Früher, bevor man angefangen hat, hier zu bauen, gab es an der Stelle das sogenannte Piuswäldchen, erzählt Anne Behrens, die ebenfalls flutbetroffene ehemalige Nachbarin von Familie Vollrath: „Dahinter ist eine große Wiese gewesen. Und das hat man alles hier gerodet.“
Gerodet für das Bauvorhaben. Nach der Extrem-Flut von 1804 und dem etwas weniger dramatischen Hochwasser von 1910 war Bad Neuenahr dynamisch gewachsen, heute zählt die Kreisstadt 30.000 Einwohner. Der einst weit verzweigte Flusslauf der Ahr wurde immer weiter eingeengt.
„Im Prinzip liegt also jetzt der Ort Bad Neuenahr ungefähr seit 1910 eher im Bett der Ahr als, sagen wir mal, an der Ahr. Das ist also ein sehr großes Problem.“

Rückhalteflächen für künftige Hochwasser

Wolfgang Büchs ist Professor für Biologie an der Uni Hildesheim, er hat zur Flora, Fauna und Landschaft des Ahrtals geforscht. Seine Einschätzung zum Hochwasser-Risiko in der bebauten Fluss-Niederung von Bad Neuenahr: „Im Prinzip kann man das nur hinbekommen, indem man solche Areale wie die ‚Pius Gärten‘ erhält - als Grünflächen und als Retentionsfläche.“
Also als Rückhalteflächen für künftige Hochwasser. Doch solche Freiflächen gingen und gehen zunehmend verloren. Unzählige Bauten kamen im Ahrtal dazu, und es wird weiter gebaut – auch die Pius Gärten hat der Investor nicht aufgeben. Der Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung vom Bauverbot im Überschwemmungsgebiet liege bereits vor, bestätigt am Telefon Joachim Gerke, Abteilungsleiter Wasserwirtschaft der Struktur- und Genehmigungsdirektion, kurz SGD Nord. Bewilligt sei dieser Antrag aber noch nicht.
Anwohnerin Anne Behrens deutet auf die Grünfläche vor den überschwemmten Rohbauten: „Geplant ist ja auch, dass man hier vorne Einfamilienhäuser bauen soll.“
Das Ahrtal nach der Flut (03.01.2022)
Sechs davon in einer Reihe - mit Flussblick. „Paradiesisch“ hätte man das vor dem Hochwasser anno 2021 wohl genannt. Doch mittlerweile hat die zuständige Behörde das Areal im neu kartierten Überschwemmungsgebiet als „besondere Gefahrenzone“ gelb schraffiert. Heißt: absolutes Bauverbot, ohne Ausnahme. Weil vor der Flutkatastrophe aber eine rechtskräftige Baugenehmigung vorlag, scheinen der Investor und die Stadt Bad Neuenahr eine Ausnahme noch für möglich zu halten.
Auf Anfrage schreibt die Pressestelle der Stadt: „Da sich die geplanten Einfamilienhäuser im besonderen Gefährdungsbereich des Überschwemmungsgebietes befinden, ist hier eine mögliche Erteilung einer Ausnahmegenehmigung durch die zuständige SGD Nord mit erhöhten Aufwendungen verbunden. Derzeit können noch keine Aussagen zum weiteren Vorgehen getroffen werden.“
Willi Smits, Nachbar der Familien Behrens und Vollrath, ebenfalls schwer flutgeschädigt, deutet auf das andere, das rechte Flussufer.

Wie eng soll das Tal werden?

„Gegenüber soll ja noch ein großer Komplex gebaut werden, der ist im Baugenehmigungsverfahren.“ Ein weiteres Projekt mit unsicherem Ausgang. Und vom Namen her zum Verwechseln ähnlich: „Wohnpark Sankt Pius“.
„Ob das noch sinnvoll ist, das Tal noch enger zu machen, das sollte man sich wirklich fragen.“
Den Bebauungsplan für den sogenannten Wohnpark, das größte Mietwohnungsprojekt seit Jahrzehnten, hatte der Stadtrat von Bad Neuenahr-Ahrweiler am 8. Juli beschlossen, eine Woche vor der Flutkatastrophe. Und zwar, so unterstreicht Ulrich Stieber, Ortsvorsteher des Stadtteils Bachem: „Einstimmig.“
Das Vorhaben mit elf Mehrfamilienhäusern und 130 Mietwohnungen bejubelten damals alle Stadtverordneten. Der Schutz vor Starkregen sei berücksichtigt, befand die CDU damals mit Blick auf die Baufläche, 100 Meter von der Ahr entfernt. Nur ein paar Tage später wurden das gesamte Baugelände und die zum Fluss hin vorgelagerten Schulen überschwemmt. Das Problem: Auch dieses Projekt liegt jetzt im amtlich festgesetzten Überschwemmungsgebiet der Ahr. Das musste das Land Rheinland-Pfalz nach der Flutkatastrophe neu berechnen und kartieren.
Die blauen Linien in den Karten signalisieren: So weit würde sich ein Hochwasser einmal in hundert Jahren ausdehnen. Die Extremflut von 2021 ging in diese Berechnung ein. In diesem Überschwemmungsgebiet ist das Bauen aufgrund des Hochwasser-Risikos verboten - bis auf begründete Ausnahmen. Der Antrag für den ersten Bauabschnitt sei unlängst bei der Kreisverwaltung eingereicht worden, sagt ein Sprecher der Basler Lebensversicherung AG. Doch der dazugehörige Antrag auf eine Ausnahme liegt der SGD Nord noch nicht vor. Die Genehmigungsbehörde fordert weitere Details: Im Hochwasserfall dürfen die elf neuen Gebäude den Wasser-Abfluss und den Wasserstand nicht nachteilig verändern. Der Verlust von Hochwasser-Rückhaltefläche muss an Ort und Stelle ausgeglichen werden. Die elf Tiefgaragen will der Investor daher als Rückhaltebecken ausbauen.
Ortsvorsteher Stieber: „Es soll ja so geplant werden, dass circa 1,50 Meter der Tiefgaragen aus der Erde herausragen noch. Also, es schon eine Retentionsfläche insgesamt darstellt.“
Doch ab einem bestimmten Pegelstand müssten laut Behörde alle Autos aus den Tiefgaragen entfernt und hochwassersicher abgestellt werden. Wird für die Evakuierung mit einem speziell dafür Verantwortlichen kein schlüssiges Konzept vorgelegt, hat das Projekt keine Chance bewilligt zu werden. Weitere gesetzliche Vorgaben gibt es zum Eigenschutz: Das Erdgeschoss muss gegen ein 100-jährliches Hochwasser gesichert, darf aber nicht abgeriegelt sein, im Notfall darf das Wasser nicht in das Gebäude eindringen, aber Flucht und Notarzt-Zugang müssen möglich bleiben.
Das alles klingt an diesem Standort kaum machbar. Doch die Basler Lebensversicherung AG als Investor ist zuversichtlich, es hinzubekommen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, kurz GDV, dem die Basler angehört, wünscht sich allerdings weniger Ausnahmegenehmigungen und weniger Neubauten in Überschwemmungsgebieten.
GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen: „Wenn Sie beispielsweise ein Haus in einem amtlich festgesetzten Überschwemmungsgebiet bauen, dann haben Sie eine 100jährliche Wahrscheinlichkeit eines Hochwasserrisikos. Aber das heißt eben nicht, das Hochwasser erst in hundert Jahren bei Ihnen auftritt. Sondern es bedeutet, dass Sie jedes Jahr in den nächsten hundert Jahren eine Wahrscheinlichkeit von einem Prozent haben.
Und das heißt im Kern, das Hochwasser kann bei Ihnen schon morgen eintreten. Deswegen fordern wir eben eine Anpassung des Baurechts an die Folgen des Klimawandels. Also wir sollten idealerweise in extrem hochwassergefährdeten Gebieten nicht mehr bauen. Und hier sind auch andere Länder wie beispielsweise die Schweiz auch deutlich weiter als wir.“

Die Lehren aus der Flut

Welche Lehren aus der Flut im Sommer zu ziehen sind: Damit beschäftigen sich die Behörden auch in Nordrhein-Westfalen. In Erftstadt-Blessem ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob beim Erdrutsch an einer Kiesgrube auch Fahrlässigkeit im Spiel war, weil ein Hochwasserschutzwall nicht den Richtlinien entsprochen haben soll.
Was den künftigen Hochwasserschutz betrifft, so geht es auch um die Bedeutung der Talsperren in Nordrhein-Westfalen. Einige von ihnen liefen nach dem Starkregen im Sommer über, besonders dramatisch war die Situation an der Steinbachtalsperre in der Eifel.
„Also im Moment stehen wir auf dem eingekerbten, eingeschnitzten Absperrdamm der Steinbachtalsperre, blicken in den Sonnenschein ins leere Becken, das Wasser ist ja seit ungefähr Mitte Juli komplett abgelassen, nachdem der Damm zu brechen drohte.“
Ingenieur Christian Lorenz blickt auf die ausgelassene Steinbachtalsperre. Nach tagelangem Starkregen drohte der Damm damals zu brechen, Wasser lief unkontrolliert über die Dammkrone. Einsatzkräfte pumpten Tag und Nacht Wasser aus der Talsperre. Wenn der Damm nicht gehalten hätte, wären rund zwei Millionen Kubikmeter Wasser ins Tal gestürzt - mit kaum abschätzbaren Folgen für die einzelnen Orte.
Blick auf den Damm der Steinbachtalsperre, der mehrfach gebrochen ist
Die Steinbachtalsperre im Juli 2021 (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)
„Da ich die Talsperre eigentlich relativ gut kenne, war ich mir ziemlich sicher, dass es gut ausgehen würde. Aber ziemlich sicher ist nicht ganz sicher und der Ingenieur ist vorsichtig, und insofern muss man dann natürlich sagen, die eingeleiteten Maßnahmen haben ihre Berechtigung, sind richtig.“
Zu diesen Maßnahmen zählt zum Beispiel das sechs Meter breite V, das aus der Staumauer herausgeschnitten wurde, um sie zu entlasten. Das sei aber eine Übergangslösung, erklärt Lorentz, bis die Stadt Euskirchen und die Gemeinde Swisttal als Eigentümer über die Zukunft der Steinbachtalsperre entscheiden. Drei verschiedene Szenarien sind denkbar.
„Szenario eins wäre, alles wiederherzustellen, wie es vorher war.“
In der Vergangenheit war die Steinbachtalsperre ein Reservoir für Brauchwasser, das vor allem die Landwirte in der Umgebung zur Bewässerung ihrer Felder nutzten. Hochwasserschutz war im ursprünglichen Konzept allerdings nicht vorgesehen. Dass die Talsperre im vergangenen Sommer als Hochwasserrückhaltebecken dienen musste, war so nie geplant worden.
„Also Szenario zwei: Das Becken bleibt so wie es jetzt ist, leer, und dient komplett dem Hochwasserschutz. Das ist das Maximum an Hochwasserschutz, das ich liefern kann. Damit verliere ich dann natürlich die Möglichkeit Brauchwasser zu liefern.“

Ein einheitliches Talsperren-Konzept

Was angesichts der Dürresommer, die die Eifel in den vergangenen Jahren auch schon erlebt hat, für die Landwirte problematisch werden könnte.
„Und Szenario drei ist dann eigentlich eine – wie sagen wir heute immer - Hybridlösung, also, ich sage mal, ein kleiner Mischmasch. Wir machen einen großen Teil Hochwasserschutz, wir machen ein bisschen Brauchwasser und wir machen auch eine nette Form von Naherholung und versuchen, das alles unter einen Hut zu bringen."
Zwischen den drei Szenarien müssen nun die Stadt Euskirchen und die Gemeinde Swisttal entscheiden. - Die Steinbachtalsperre ist eine von insgesamt 86 Talsperren in Nordrhein-Westfalen. Sie war nicht die einzige, die im Juli überlief. Euskirchens Bürgermeister Sacha Reichelt fordert deshalb ein einheitliches Talsperren-Konzept für sein Bundesland.
Das wird es aber so nicht geben, sagt NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser von der CDU: „Sondern wir müssen uns auch aufgrund der geografischen, unterschiedlichen Verhältnisse jede Talsperre individuell angucken. Das machen die Talsperren Betreiber zusammen mit den Bezirksregierungen. Aber es wird dann, wie gesagt, auch klare Vorschriften für die einzelnen Talsperren geben und heute ist es ja auch schon so, dass die Pläne, wie die Talsperren gefahren werden von den jeweiligen Bezirksregierungen auch genehmigt werden müssen.“
So muss für jede Talsperre jeweils neu die Balance zwischen Wasserspeicher und Hochwasserschutz gefunden werden. Auch Geografie-Professorin Mariele Evers von der Universität Bonn hält das für sinnvoll.
„Es gibt tatsächlich auch, wenn man sich das Hochwasserschutzgesetz anschaut, die Möglichkeit Hochwasserentstehungsgebiete zu identifizieren und dementsprechend dann dort auch, ich sage mal, einen Fokus zu legen.“

Mehr Starkregen wegen des Klimawandels

Hochwasserentstehungsgebiete sind laut Definition des Bundesumweltministeriums Regionen zum Beispiel in Mittelgebirgen, wo bei Starkregen innerhalb kurzer Zeit starke oberirdische Abflüsse entstehen können. Bislang hat nur das Bundesland Sachsen solche Gebiete mit ausgewiesen. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gibt es sie noch nicht. In solchen Gebieten könnten Hochwasser verhindert oder jedenfalls abgemildert werden.
„Sei es jetzt Regenrückhaltebecken oder verschiedene technische Lösungen, einen Weg zu schaffen, wo ich das Wasser dann hinleiten kann, im Falle von Hochwasser. Also gesteuerte Rückhaltebecken oder Polder oder dann halt auch ganz gezielt mit Feuchtgebieten umgehe, neu entstehen zu lassen.“
Starkregen dürfte wegen des Klimawandels künftig häufiger auftreten, sagen Meteorologen voraus. Talsperren und Rückhaltebecken reichen dann nicht mehr, um die Sturzfluten in den Griff zu bekommen. Zu einem Gesamtkonzept für den Hochwasserschutz in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gehört daher auch die Frage, wie und wo in den betroffenen Gebieten überhaupt gebaut werden darf und wo es Wiesen und Wälder geben muss, die das Wasser aufnehmen können.
Auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler wird darüber diskutiert, ob die Basler Lebensversicherung AG ihre elf geplanten Mehrfamilienhäuser mit 130 Wohnungen bauen dürfen soll. Bewilligen Genehmigungsbehörden das, dann freut sich der Bachemer Ortsvorsteher Ulrich Stieber auf das Projekt mit Bäckerei und Begegnungsräumen. Er hält kurz inne, denkt an die Katastrophe vor einem halben Jahr, an die 134 Todesopfer im Ahrtal. 69 Menschen, die bei der Flut ums Leben kamen, stammten aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, zwei davon aus seinem Stadtteil Bachem.
„Und das sind zwei Menschen zu viel, die zu Tode gekommen sind. Das muss auch für die Zukunft ein Signal sein.“
Doch Neubauten ausgerechnet in der Flussaue – welches Signal ist das? Die Pressestelle der Kreisstadt korrigiert die Fragestellung.
„Von einem Bauen in einer ‚Flussaue‘ kann bei diesem Projekt nicht die Rede sein.“
Viele Wiesen und Auwälder in der Flussniederung verschwanden zwar, als in den 70er Jahren die großen Schulzentren am Fluss gebaut wurden. Dennoch bleibt das Gelände das Überflutungsgebiet der Ahr, jetzt auch amtlich kartiert.
Zurück zur Frage an die Stadt Bad Neuenahr. Warum trotz Flutkatastrophe und Hochwassergefahr neue Häuser nur hundert Meter vom Ahr-Ufer entfernt? Die Pressestelle schreibt: „Menschen müssen die Möglichkeit haben, in den flussnahen Bereichen zu leben. Eine sinnvolle und gefahrenbewusste Bebauung anhand von Hochwasserschutzkonzepten muss unser gemeinsames Ziel sein.“

Düseneffekt durch Einengung

Die Stadt wünscht sich Lösungen, die ein Anschwellen des Flusses dieser Dimension gezielt abfangen können. Ohne das explizit zu fordern, richtet sie diesen Wunsch vor allem an die Gemeinden, die an der Mittleren und Oberen Ahr liegen, also flussaufwärts Richtung Südwesten. Sie sollen dem Fluss mehr Überflutungsraum geben, so dass Bad Neuenahr besser vor reißenden Hochwassern geschützt ist. Doch genau das Gegenteil passiert derzeit. Durch die Extremflut waren an der Ahr neue Flussarme und Kiesbänke entstanden. Doch die würden jetzt wieder zusammengeschoben und teils begradigt, Ufer trapezförmig befestigt.
„Durch die Einengung des Flusses schaffe ich natürlich auch wieder diesen berühmten Düseneffekt“, bemängelt der Biologe und Ahrtal-Kenner Wolfgang Büchs: „Ich muss also versuchen, sozusagen dem Fluss, wo auch immer es möglich ist, den Raum zu geben, den er sich in solchen Fällen eines solchen Hochwassers nimmt. Das ist insbesondere zwischen den Ortschaften der Fall. Das ist die Philosophie auch der Retention.“
Nämlich Flächen zu bewahren oder zurückzugewinnen, die Wasser aufnehmen und speichern können. Der Biologe Wolfgang Büchs wünscht sich mehr Dynamik und Transparenz, zudem eine deutlichere Ansage seitens des Landes. Die Wasserbehörde verweist dagegen auf die Rechte von Eigentümern flutverwüsteter Flächen. Biologie-Professor Büchs bleibt aber dabei: Planierte Ufer und zu enge Fluss-Abschnitte sind nicht hinzunehmen.
„Man wird wahrscheinlich bestimmte Dinge, die jetzt nicht so gut gelaufen sind, wieder rückbauen und anders gestalten. Also, wir werden die Dinge zum Teil zweimal bezahlen.“