Sonntag, 25. Februar 2024

EKD-Studie
Tausende Missbrauchsfälle in der Evangelischen Kirche

Mehr als 9.000 Minderjährige wurden seit 1946 in der evangelischen Kirche und Diakonie sexuell missbraucht. Davon geht eine aktuelle Studie aus. Die Forscher mussten auf Hochrechnungen zurückgreifen, da etliche Akten nicht zur Verfügung standen.

26.01.2024
    Ein Kreuz steht in der Aegidienkirche der evangelisch-lutherischen Marktkirchengemeinde.
    Bisher wurde sexueller Missbrauch vor allem in der katholischen Kirche thematisiert. Nun geht eine Studie das Thema in der evangelischen Kirche an. Die Untersuchung soll ein umfassendes Bild zeichnen. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
    Bisher wurde vor allem sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche thematisiert. Nun haben Forscher eine erste übergreifende Studie zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie erstellt.
    Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegebene Untersuchung zeigt: Das Ausmaß an sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche ist größer als angenommen. Gleichzeitig liefern die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch Erkenntnisse über Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt in allen Bereichen der evangelischen Kirche und beleuchten strukturelle Probleme in Bezug auf die Aufarbeitung.
    An der Studie des Forschungsverbunds ForuM sind unter Leitung der Hochschule Hannover fünf weitere Institute und Universitäten beteiligt.

    Inhalt

    Wie viele Missbrauchsfälle gibt es in der evangelischen Kirche?

    Laut der Studie sind zwischen 1946 und 2020 geschätzt 9.355 Kinder und Jugendliche in evangelischer Kirche und Diakonie sexuell missbraucht worden. Die Studie geht von knapp 3.500 Beschuldigten aus, davon gut ein Drittel Pfarrer oder Vikare.
    Bei den Zahlen handelt es sich um Hochrechnungen. Denn die offiziell gemeldeten Zahlen von 1.259 Beschuldigten (davon 511 Geistliche) und etwa 2.200 Betroffene bilden in keiner Weise das gesamte Missbrauchsgeschehen ab, erklärten die Wissenschaftler mit dem Hinweis auf die vielen nicht zur Verfügung stehenden Akten. Daher hätten sie auf Basis umfangreicher Daten aus einer einzigen Landeskirche sowie auf Erfahrungswerte anderer Untersuchungen eine Hochrechnung vorgenommen.
    Rund 65 Prozent der Opfer waren männlich und rund 35 weiblich. Bei den Beschuldigten handele es sich fast nur um Männer (99,6 Prozent). Rund drei Viertel von ihnen seien bei der Erst-Tat verheiratet gewesen.
    Eine Berufsgruppe oder klassische Tatkonstellation, auf die sich das Problem reduzieren lasse, gebe es nicht, sagte der Leiter der Studie Martin Wazlawik, während der Pressekonferenz. Sexueller Missbrauch finde sich in allen Einrichtungen und Handlungsfeldern innerhalb der evangelischen Kirche und Diakonie.

    Mit welchen Problemen hatten die Forschenden bei ihrer Arbeit zu kämpfen?

    Die Studie soll eigentlich ein umfassendes Bild über das Thema sexueller Missbrauch in der evangelischen Kirche geben – und zwar über den Zeitraum von 1946 bis 2020. Doch dieser Anspruch kann die Untersuchung nur bis zu einem gewissen Grad erfüllen. Denn für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war es schwer, die notwendigen Daten rechtzeitig zu erhalten. Nicht alle Landeskirchen lieferten das Notwendige.
    Der Leiter der ForuM-Studie Martin Wazlawik beklagte auf der Pressekonferenz daher auch die hohe Heterogenität zwischen den Landeskirchen bezüglich des Umgangs mit Akten. Viele Landeskirchen könnten nicht ausschließen, dass Akten vernichtet wurden. Dies steht einer Aufarbeitung im Wege.
    Einblick erhielten die Forschenden vor allem in Disziplinarakten – also die Akten, die arbeitsrechtliche Verstöße verzeichnen – aber kaum in Personalakten. Doch gerade die Personalakten hätten einen Überblick über das tatsächliche Ausmaß der Missbrauchsfälle liefern können. So zeigen die ermittelten nur die Spitze des Eisbergs. Auch ein Sprecher der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) räumte ein, dass die Bereitstellung von Daten „eine besondere Herausforderung und schwieriger als ursprünglich angenommen“ gewesen sei.
    Ausgewertet wurden rund 4.300 Disziplinarakten, 780 Personalakten und rund 1.320 weitere Unterlagen. Zum Vergleich: Bei der MHG-Studie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz 2018 wurden rund 38.000 Personalakten durchgesehen.

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    Welche Probleme gibt es in Bezug auf Aufarbeitung und kirchliche Strukturen?

    Sexualisierte Gewalt wird in der Evangelischen Kirche Deutschland erst seit 2018 öffentlich thematisiert. Also erst seit wenigen Jahren. Darauf verwies der Leiter der ForuM-Studie Martin Wazlawik. Muster, die der jahrzehntelangen Tabuisierung Vorschub leisteten, seien beispielsweise: der Verweis auf die katholische Kirche und dortige Risikofaktoren wie Zölibat oder Machtstrukturen, die man als EKD nicht habe. Oder die Einordnung von sexualisierter Gewalt als gesamtgesellschaftliches Phänomen. Auch der Verweis auf die Heimerziehung der 50er- und 60er-Jahre oder den Liberalisierungsdiskurs in den 70ern und 80ern sei ein Mittel, um sexualisierte Gewalt als „Problem der Vergangenheit darzustellen“, so Wazlawik.
    Die Betroffenen berichten in der Studie von Erfahrungen, die im Widerspruch zu der proklamierten „Null-Toleranz-Politik“ stehen. Die evangelische Kirche und Diakonie hätten sich nicht als Systeme gezeigt, bei den Betroffenen Unterstützung erfahren haben, so Studienleiter Martin Wazlawik. Aufarbeitung sei nur aufgrund des Engagements der Betroffenen geschehen. Vonseiten der evangelischen Kirche und Diakonie habe nur eine „reaktive Aufarbeitung“ stattgefunden.
    „Die evangelische Kirche redet sich immer wieder raus. Es wird immer wieder den Betroffenen zugeschoben“, bilanziert Katharina Kracht, die dem früheren Betroffenenbeirat der EKD angehörte und Mitglied im Beirat der Studie war. „Man läuft gegen Gummiwände.“ Oft hätten Betroffene monate- oder auch jahrelang auf Antwort warten müssen, bestätigt Fabian Kessl, Co-Autor der EKD-Missbrauchsstudie. Wenn sie sich mit Forderungen an die Kirche gewandt hätten, sahen sich manche Betroffene Ausschluss und Diskreditierung ausgesetzt.
    Die Forschenden verwiesen auf evangelisch-spezifische Phänomene und systemische Faktoren der evangelischen Kirche, die sexueller Gewalt Vorschub leisten oder die Aufklärung erschweren: So bewirken die föderalen Strukturen, dass sehr uneinheitlich mit den Betroffenen umgegangen wird – sowohl in Bezug auf die Aufarbeitung als auch bei Entschädigungszahlungen. Verantwortung könnte dadurch delegiert und weggeschoben werden.

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    Die Erzählung von der evangelischen Kirche als vermeintlich „bessere Kirche“ mit partizipativen, demokratischen Strukturen führe ebenfalls dazu, dass sexueller Missbrauch als unvorstellbar gelte, so Wazlawik. Hinzu komme ein Harmoniezwang und Konfliktunfähigkeit im „Milieu der Geschwisterlichkeit“. Es gebe die Vorstellung, dass auf Schuld gleich Vergebung erfolgen sollte, so Studien-Co-Autor Fabian Kessl. „Hier braucht es eine Auseinandersetzung mit der wahrscheinlich auch theologischen Frage: Wie kann man auch aushalten, dass es Schuld gibt in Kirche, ohne dass die schnell und überhaupt vergeben werden kann.“
    Auch der Umgang mit den vermeintlichen Tätern zeigt mangelnde Transparenz: Zwei Drittel der beschuldigten Pfarrpersonen hatten ihren Dienstort innerhalb der Landeskirche mindestens einmal gewechselt. Bei einem knappen Drittel stand der Wechsel im Zusammenhang mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt. Aber lediglich bei 26,5 Prozent der Wechselfälle wurde nach Aktenlage Hinweise auf sexualisierte Gewalt an die aufnehmende Gemeinde kommuniziert.
    „Die Kirche, die Diakonie geben meist den Tätern und Täterinnen Schutz und den Betroffenen eben nicht“, sagt dazu Detlev Zander, Betroffenenvertreter im Beteiligungsforum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Eine persönliche Hilfe von der Institution hat es nicht gegeben. Im Gegenteil. Man hat mich diskreditiert, man hat mich fertiggemacht.“

    Was fordern Missbrauchsbetroffene?

    Die Studie zeige, dass der Föderalismus der evangelischen Kirche „ein Grundpfeiler für sexualisierte Gewalt“ sei, sagte Detlev Zander, Betroffenenvertreter im Beteiligungsforum der EKD. Die föderale Struktur verhindere Aufarbeitung. Deswegen müsse es eine übergeordnete Stelle als Ansprechpartner für Betroffene geben: „Es kann nicht sein, dass jede Landeskirche machen kann, was sie möchte.“
    Auch Katharina Kracht, die dem früheren Betroffenenbeirat der EKD angehörte und Mitglied im Beirat der Studie war, kritisierte, die EKD sei „eigentlich ein zahnloser Tiger“. Sie forderte für Betroffene „das Recht auf Aufarbeitung“. Dies müsse im Kirchenrecht festgeschrieben werden. Kracht appellierte außerdem, die Ergebnisse der Studie ernst zu nehmen, auch wenn es Probleme mit der Zulieferung von Daten gegeben habe. Sonst würden die Betroffenen von sexueller Gewalt nur wieder unsichtbar gemacht werden. „Hören Sie auf die Betroffenen.“
    An der Studie arbeiteten Betroffene von sexueller Gewalt in besonderem Maß mit. Sie teilten Wissen über Täterstrategien und Vertuschungspraktiken. Trotzdem bilde die Untersuchung „niemals die Wirklichkeit ab“, sagt die Betroffenensprecherin Nancy Janz. Sie geht davon aus, dass viele Fälle im „Dunkelfeld liegen“. Janz fordert angemessene Entschädigungssummen. Diese seien noch niedriger als in der katholischen Kirche. Auch müssten die Betroffenen besser unterstützt werden, damit sie nicht alleine um Aufarbeitung kämpften.

    lkn