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StartseiteKultur heuteWarum steckt die Ballerina im Bärenfell?29.05.2020

Endlich mal erklärtWarum steckt die Ballerina im Bärenfell?

Die Tänzerinnen des 18. Jahrhunderts tanzten in weit schwingenden Kleidern aus schweren Stoffen. Schon ein Jahrhundert später kam das Tutu in Mode, das alle Bewegungsfreiheit lässt. Ab dem 20. Jahrhundert gibt es bei der Kostümwahl keine Tabus mehr - bis hin zu nackten Tänzerinnen und Tänzern.

Von Wiebke Hüster

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Ein Mensch im Zottelkostüm tanzt zwischen Frauen auf der Bühne. (Staatsballett Berlin/Jubal Battisti)
Das Tutu ist Geschichte: Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts Berlin als haarige Fellwesen (Staatsballett Berlin/Jubal Battisti)
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Absatzschuhe mit Schmuckschnallen, Beinkleider und ein strahlenförmig abstehender Kopfschmuck – so trat Louis XIV. im Jahr 1653 in dem Ballett "La Nuit" auf. Er stellte die Sonne dar, den zentralen Planeten des barocken Kosmos. Der höfische Tanz, in dem er sich täglich übte, spiegelte in seinen repräsentativen Konstellationen die Machtstrukturen des absolutistischen Hofes: eine gottgebene Ordnung. Le Roi Soleil, der Sonnenkönig, war das Sinnbild der Sonne.

Im 18. Jahrhundert lösten Tänzerinnen die männlichen Virtuosen im Mittelpunkt des Bühnengeschehens ab. Von nun an waren sie es, um derentwillen man ins Theater kam. Der Tanz trat in seine erste Epoche der Professionalisierung ein. Aus dem "Basse danse", dem Schreiten und Gleiten der adligen Tänzer, wurde eine virtuose, anmutige Praxis, die das Springen und die in die Höhe, das "Élevé", strebenden Balancen entwickelte.

Gefühle, Handlungen, Sitten veranschaulichen

Divine, göttlich, war nun ein Attribut, das den Tänzerinnen vorbehalten war. Beim Tanzen zeigten die tief ausgeschnittenen, streng taillierten und schwingenden Kleider die zarten Knöchel und satinbespannten Absatzschuhe der Frauen. Stars wie Marie Camargo erregten mit leidenschaftlicher Ausführung und technischem Können sogar Voltaires Aufmerksamkeit – sie tanze wie ein Mann, bemerkte er bewundernd. Und das bei der Schwere der Stoffe.

Im 18. Jahrhundert vollzogen die Reformer des Tanzes eine bedeutende Wende. Marie Sallé, eine begabte Protagonistin dieses Wandels, entriss den antiken Pygmalion-Stoff dem Vergessen und gestaltete ihren Auftritt in beeindruckender Natürlichkeit – in einer Tunika, ohne jeden Schmuck. Das reduzierte, unpompöse Kostüm machte anschaulich, dass es hier um Seele, um Ausdruck ging. Bereits Aristoteles hatte gefordert, der Tanz solle Gefühle, Handlungen und Sitten veranschaulichen und auf keinen Fall nur schöne Schritte demonstrieren.

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Unirdisches Nachschwingen

Doch bereits vom 18. Jahrhundert an schwelgte das Ballett auch immer wieder in exotischen Sujets und kostümierte die Tänzerinnen und Tänzer als Inder oder Chinesinnen. Das Theater wurde zu dem Ort, an dem sich magische Metamorphosen vollziehen. Im 19. Jahrhundert kreierte das romantische Ballett, in dem Geister und Märchengestalten tanzen, den duftigen Tüll-Rock.

Das Tutu ließ, weil es so schleierhaft leicht ist, alle Bewegungsfreiheit für die immer virtuoser und athletischer werdende "Danse d'école", das klassische Ballett. Man sieht den ganzen Körper fast unverhüllt in Bewegung. Das zeitverzögerte Nachschwingen der Tüllröcke verstärkt den Charakter des Unirdischen. Das Inbild der klassischen Ballerina – die ein kurzes, federndes, schwingend abstehendes Tutu trägt – erschien mit Tschaikowskys "Schwanensee" auf der Ballettbühne.

Ein Jahrhundert der Überraschungen

Die berühmte revolutionäre Barfußtänzerin Isadora Duncan kam für ihre Darbietungen der Brahms-Walzer auf Sallés Tunika zurück. Erneut wurde die Antike zum Bezugspunkt. Das 20. Jahrhundert brachte dann die größten Überraschungen, was die Tanzkostüme betrifft. Coco Chanel entwarf Sportkleidung als Kostüme für die avantgardistischen Anfänge von Sergej Diaghilews Ballets Russes. So wie der Tanz sich alle musikalischen Freiheiten nimmt und symphonische und sakrale Kompositionen choreografiert, so gab es irgendwann in der Moderne auch keine stofflichen Einschränkungen mehr.

George Balanchine entkleidete das Ballett der anekdotischen Erzählung und ließ das New York City Ballet erstmals in Trainingskleidung auftreten. Pina Bausch und der phantastische Surrealismus des Tanztheaters Wuppertal sah die Frauen in Blütenkleidern und die Männer in Anzügen, aber auch in Bademänteln und Unterkleidern. Andy Warhol zog Merce Cunninghams Company hautfarbene löchrige Trikots an, um sie wie fast nackte Fabelwesen der Kunstwelt erscheinen zu lassen. Michael Clarks Punk-Choreografien brachten das obszöne Kostüm ins Spiel, Jiri Kylian ließ die Frauen mit nackten Brüsten tanzen, Hans van Manen zog den Männern Röcke an.

Kann alles ein Kostüm sein?

Alexander Ekman verkleidete die Ballerinen des Staatsballetts Berlin als haarige Fellwesen. Florentina Holzinger macht ihr weibliches Ensemble auf eine aggressive Art nackt. Es gibt keine Tabus mehr. Nur wenn keine Argumente mehr helfen und sich Tänzer in der Ausübung ihrer Kunst behindert sehen, ist die Freiheit des Kostümbilds gefährdet. Wenn ein zu üppiges, zu langes, zu umständliches, zu wärmendes Kostüm in der Generalprobe plötzlich beim Tanzen kaputtgeht, ist das vielleicht kein Zufall. Sondern Notwehr gegen die ästhetische Überzeugung der Designer, alles - und nichts – könne ein Kostüm sein im Tanz.

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