Mittwoch, 25. Mai 2022

Russland
Die Bedeutung von Gas für die deutsche Energieversorgung

Angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine will die Bundesregierung die Abhängigkeit von russischem Gas verringern. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien soll beschleunigt werden. Bei der Frage nach dem Weg, mit dem Versorgungssicherheit dauerhaft gewährleistet werden kann, gibt es sehr unterschiedliche Antworten.

Von Ann-Kathrin Büüsker | 24.03.2022

Ein russischer Flüssiggastanker ist unterwegs
Große Abhängigkeiten: 57 Prozent des von Deutschland importierten Erdgases kommen aus Russland. (dpa / picture alliance / Sergei Krasnoukhov )
Etwa 55 Prozent der deutschen Erdgasversorgung kommt aus Russland – eine enorme Abhängigkeit von nur einem Versorger. Genau das möchte die Bundesregierung nun ändern, auch wenn Wirtschaftsminister Robert Habeck betont, dass wir mit dem derzeitigen Füllstand der Speicher durchaus über diesen Winter kommen. Erst einmal besteht also Versorgungssicherheit, auch ohne Gas aus Russland.
Doch die Speicher müssen im Sommer wieder aufgefüllt werden. Einfach auf Gas verzichten funktioniert nicht. Auch wenn Deutschland 2045 klimaneutral sein möchte, sind wir derzeit noch auf diesen Energieträger angewiesen.
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Die Ankündigung von Russlands Präsident Putin, für Gasexporte künftig nur noch Rubel zu akzeptieren statt wie vertraglich vereinbart Dollar oder Euro, wertet CDU-Politiker Roderich Kiesewetter als Zeichen dafür, dass Putin weiter eskalieren will. Im Deutschlandfunk forderte er, Gasimporte aus Russland vorübergehend auszusetzen. (24.03.2022)
Die Grünenpolitikerin Katharina Dröge hingegen verteidigt die Entscheidung der Bundesregierung, statt eines sofortigen Stopps die schrittweise Unabhängigkeit von russischen Energieimporten anzustreben. (24.03.2022) Beim Gas werde das vielleicht erst 2027 gelingen. Sanktionen, die sich länger durchhalten ließen, seien am Ende härter, sagte sie im Dlf.
Dröge (Grüne): „Putin weiß, dass wir am Ende unabhängig sein werden“

Wie wichtig ist Gas für die deutsche Wärmeversorgung?

26,7 Prozent am deutschen Primärenergieverbrauch werden durch Erdgas gedeckt. Derzeit wird es vor allem als Energieträger für die Wärmeversorgung gebraucht. Vor allem bei Bestandsbauten: Hier wird fast die Hälfte der Wohnungen (49,5 Prozent) mit Erdgas beheizt. Bei Neubauten sind es nur noch 26,6 Prozent der Wohnungen.
Die Bundesregierung fördert klimafreundlichere Heiztechniken wie Wärmepumpen, um CO2-Emissionen einzusparen. Der Gebäudesektor ist nämlich ein Sorgenkind was Emissionen angeht. 2020 hat er als einziger Sektor seine jährlichen CO2-Minderungsziele nicht erreicht. Das heißt: Hier besteht dringender Handlungsbedarf.
Grafik zeigt den Primärenergieverbrauch in Deutschland
Primärenergieverbrauch in Deutschland (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Die Rolle von Gas für die Stromerzeugung

Auch bei der Erzeugung von Strom spielt Gas eine wichtige Rolle, 14,5 Prozent der deutschen Stromerzeugung entstanden 2021 durch den Einsatz von Erdgas. Zukünftig soll es eine besondere Schlüsselrolle einnehmen: als Reservekapazität.
Grafik zeigt die Bruttostromerzeugung in Deutschland
Bruttostromerzeugung in Deutschland (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
Schon 2030 sollen 80 Prozent des Bruttostrombedarfs aus erneuerbaren Energien kommen. Bis 2035 soll gar der komplette Strombedarf aus den erneuerbaren Energien gedeckt werden, so das ehrgeizige Ziel des Bundeswirtschaftsministeriums. Die erneuerbaren Energien haben jedoch einen Nachteil: Wind und Sonne sind nicht immer unbegrenzt verfügbar. Es braucht daher Reservekapazitäten, die man kurzfristig hochfahren kann, wenn man sie braucht. Dafür sollen auch neue Gaskraftwerke zugebaut werden, darauf haben sich die Ampelparteien im Koalitionsvertrag verständigt.
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Die Grünen waren lange dagegen, schließlich ist Gas ein fossiler Energieträger und damit alles andere als klimafreundlich. Im Koalitionsvertrag wird Erdgas jetzt jedoch als Brückentechnologie definiert. Nun gibt es jedoch erste Stimmen, die auch auf einen beschleunigten Gasausstieg setzen. Diesen forderte etwa die grüne Obfrau im Ausschuss für Klimaschutz und Energie, Lisa Badum, gegenüber dem RND.
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Wäre Kohle eine Alternative?
Alternativ könnte man auch Kohlekraftwerke als Reserve nutzen. Diese sollen in Deutschland allerdings bis 2038 abgeschaltet werden, „idealerweise“ schon bis 2030. Die Ampelkoalition hat sich darauf verständigt, den Kohleausstieg, wenn möglich, vorzuziehen, um so CO2-Emissionen einzusparen. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn genügend Reservekapazitäten geschaffen werden.
Die Bundesnetzagentur prüft regelmäßig die Auswirkungen von Kraftwerksabschaltungen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hinzu kommt: Auch ein großer Teil der in Deutschland eingesetzten Kohle kommt derzeit aus Russland, nach Angaben des Wirtschaftsministers sind es 50 Prozent.
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat gegenüber dem RBB einen vorgezogenen Kohleausstieg in Frage gestellt, vor allem wegen der hohen Gaspreise. Diesen Ausstieg hat er nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine noch einmal erneut in Frage gestellt. Woidke ist allerdings schon immer skeptisch gewesen, ob ein Kohleausstieg überhaupt möglich wäre. Die Brandenburger Lausitz ist eine der letzten Förderregionen von Braunkohle in Deutschland, das Kraftwerk "Schwarze Pumpe" an der Landesgrenze zu Sachsen ist eines der Kraftwerke mit der längsten Laufzeit, es sichert gut bezahlte Industriearbeitsplätze für die Region.
Theoretisch hätte Deutschland noch unerschlossene Braunkohleressourcen, zum Teil haben die Betreiberkonzerne geplante Tagebauerweiterungen wegen des gesetzlichen Kohleausstiegs nicht beantragt. Die Erschließung hätte erhebliche Folgen für Umwelt und Klima und würde zu gesellschaftlichen Spannungen führen. In Nordrhein-Westfalen und Sachsen kämpfen Bürgerinitiativen für die Rettung von Dörfern, damit diese nicht abgebaggert werden. Die Pläne des Energiekonzerns RWE, den Hambacher Wald für den Kohletagebau abzuholen, hatten zu erheblichem Widerspruch aus breiten Teilen der Bevölkerung geführt.
Wie steht es um eine nationale Gasreserve?
Mit Blick auf den nächsten Winter wird es jetzt darum gehen, die deutschen Gasspeicher wieder ausreichend zu füllen. Um Versorgungssicherheit herzustellen, will die Bundesregierung nun die Betreiber von Gasspeichern verpflichten, ihre Speicher vor dem Winter zu füllen, eine Art nationaler Gasreserve aufzubauen.
Ein entsprechendes Gesetz ist in Arbeit, erklärte Wirtschaftsminister Robert Habeck. Die Gasspeicher in Deutschland sind in privater Hand, die größten Kavernen werden von „Astora“ betrieben, eine Tochterfirma der „Wingas“, diese wiederum ist eine Tochterfirma des russischen Erdgasproduzenten „Gazprom“.
Habeck setzt außerdem darauf, weitere Bezugsquellen und -wege zu erschließen. Konkret hebt er den Bezug von LNG, also Flüssigerdgas hervor, welches beispielsweise aus den USA oder Katar bezogen werden kann. Die Zahl der Terminals in Europa ist in den vergangenen Jahren gestiegen, Deutschland besitzt jedoch keine eigene Anlandungsstelle, sondern versorgt sich über Terminals in den Nachbarländern, etwa in Rotterdam.
Deutsche Projekte in Brunsbüttel, Stade oder Wilhelmshaven scheiterten zuletzt an mangelnden Perspektiven der Wirtschaftlichkeit oder an lokalem Widerspruch. Habeck macht jedoch seit Wochen deutlich, dass er ein solches Terminal in Deutschland will, um die deutsche Energiesouveränität zu sichern. Er ist damit auf Kollisionskurs zu seinem eigenen Landesverband.
Die Grünen in Schleswig-Holstein haben sich auf ihrem Parteitag Mitte Februar dazu entschieden, die Formulierung „Schleswig-Holstein braucht kein LNG-Terminal“ in ihr Landtagswahlprogramm aufzunehmen. Habecks Vorstoß stieß in der Debatte auf enorme Kritik. Hintergrund ist die grundsätzlich klimaschädliche Wirkung des Energieträgers Erdgas, die durch Fördertechniken wie Fracking und den Transport in fossil betriebenen Tankern noch potenziert wird.
Import von Flüssigerdgas - wie es um ein LNG-Terminal in Brunsbüttel steht
Die Debatte steht auch unter dem Eindruck der anstehenden Landtagswahlen. In Schleswig-Holstein wird am 8. Mai ein neuer Landtag gewählt. FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz, Spitzenkandidat seiner Partei bei der Wahl, versucht den Ausbau eines LNG-Terminals erheblich voranzutreiben. Er fordert von der Bundesregierung entsprechende Garantien für mögliche Betreiberfirmen, dass die Anlagen mindestens 20 Jahre betrieben werden können.
Auch in Niedersachsen stehen im Herbst Landtagswahlen an. Dort wirbt Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) beinahe wöchentlich für ein LNG-Terminal. Im Landtag erklärte er nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine, sein Bundesland habe mit Stade und Wilhelmshaven zwei "zwei hervorragend geeignete Standorte für den Import“.
Vor allem für den Tiefwasserhafen „Jade-Weser-Port“ in Wilhelmshaven soll dies eine wirtschaftliche Perspektive bieten. Lies sprach von „GreenGasReady-Terminals“ – dahinter steht die Idee, Terminals so aufzubauen, dass sie später dafür geeignet sind, Wasserstoff zu importieren.
Könnte Wasserstoff der Energieträger der Zukunft werden?
Dieser soll, so die Idee, mittelfristig Erdgas als Energieträger und Produktionsstoff ersetzen und auch in neuen Gaskraftwerken zur Stromproduktion eingesetzt werden können. Auch in der aktuellen Energiekrise betont Wirtschaftsminister Habeck wiederholt die Notwendigkeit des Hochlaufs der Wasserstoffwirtschaft. Entscheidend für den Weg zur Klimaneutralität ist hierbei sogenannter grüner Wasserstoff, der mittels Elektrolyse mit erneuerbarem Strom hergestellt wird. Er wird deshalb auch als Speichertechnologie betrachtet.
Die Idee dahinter: Wenn mehr Strom aus Wind und Sonne zur Verfügung steht, als gebraucht wird, kann dieser in die Produktion von Wasserstoff fließen und so „gespeichert“ werden. Grundvoraussetzung hierfür ist jedoch genügend verfügbarer grüner Strom und ein Leitungsnetz zur Speicherung und Distribution.

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Wie steht es um den Ausbau der Erneuerbaren Energien?
Um unabhängiger von fossilen Energien zu werden, wird es also darauf ankommen, mehr grünen Strom zur Verfügung zu haben. Die Bundesregierung betont deshalb auch in der aktuellen Krise ihren Willen, die Erneuerbaren Energien deutlich auszubauen. Entsprechende Gesetze sollen in der ersten Jahreshälfte auf den Weg gebracht werden. So hat die Ampel-Koalition bereits Eckpunkte präsentiert, um die sogenannte „Agri-PV“ zu fördern, also Solarpanele, die zusätzlich zur landwirtschaftlichen Produktion auf Ackerflächen platziert werden können.
Energiewende: Früher Kohleausstieg möglich ohne russisches Gas?
Ein „Wind-an-Land“-Gesetz soll zudem Rahmenbedingungen dafür schaffen, zwei Prozent der Landesfläche für Windkraftanlagen zur Verfügung zu stellen und den Bau von Anlagen zu beschleunigen. Gegen das Flächenziel kommt jedoch teils erheblicher Widerstand aus den Bundesländern, etwa aus Bayern, das solche Vorgaben des Bundes strikt ablehnt. Bislang ist es den Bundesländern durch eine Klausel im Baugesetzbuch möglich, eigene Abstandsregeln festzulegen.
Mit der sogenannten „10h-Regel“ hat Bayern die strengsten Abstandsregeln, die vorsehen, dass eine Windkraftanlage einen Mindestabstand vom 10-fachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden haben muss. 2021 wurden in Bayern nur acht neue Windkraftanlagen gebaut, in Sachsen, wo der Widerstand ebenfalls groß ist, wurde nur ein einziges Windrad neu errichtet.