Donnerstag, 11. August 2022

Glocke, vor 525 Jahren gegossen
So kam die Gloriosa in den Erfurter Dom

Die „Königin aller Glocken“ hat man sie genannt – und tatsächlich ist die Gloriosa im Erfurter Mariendom die weltweit älteste freischwingende Glocke des Mittelalters. Am Abend des 7. Juli 1497 begann der Glockenguss auf dem Erfurter Domberg.

Von Christoph Schmitz-Scholemann | 07.07.2022

Uwe Kramer, Glockenwart des Erfurter Domberges, schlägt bei einer Wartung im Jahr 2021 die Gloriosa im Mariendom an
Glockenwart Uwe Kramer neben der Gloriosa im Erfurter Mariendom (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)
Es Klingt wie ein ernster und tief ins Herz gehender Gruß aus fernvergangenen, frommen Zeiten, wenn die berühmteste Glocke der Hohen Domkirche Sankt Marien zu Erfurt erklingt.
„Also musikalisch ist es ein ‚E‘, aber es ist durch die Größe dieser Glocke ein unglaublich voluminös tiefer Ton. Und da es eben die einzige Glocke ist, die dieses großartige Tonvolumen hat, weiß dann auch jeder in der Stadt: Eben läutet die Gloriosa.“

Zweieinhalb Meter hoch, über elf Tonnen schwer

Ulrich Neymeyr, der katholische Bischof von Erfurt, kennt die Gloriosa gut. Mehr als einmal ist er in 37 Metern Höhe in den Glockenstuhl des Domturms gestiegen und hat die zweieinhalb Meter hohe und über elf Tonnen schwere Glocke auch von innen betrachtet:
„Und wenn dann, auch nur ganz leise, mit einem Gummihammer ein Ton angeschlagen wird, ist das ein Ton, den man auch körperlich spürt, weil alles dann vibriert und diesen Ton aufnimmt. Es ist, wie wenn eine riesige Bassbox neben einem steht. Man spürt den Klang und den Reflex des Klanges auch im Körper.“

Gerangel unter den Glockengießern

Die größte freischwingende Glocke der Welt aus dem späten Mittelalter war nicht die erste im Erfurter Dom, der seit dem 12. Jahrhundert auf einer leichten Erhebung mitten in der Stadt steht. Ihren Vorgängerinnen war aber jeweils nur ein kurzes Leben beschieden. Als man in den 90er-Jahren des 15. Jahrhunderts beschloss, eine neue Glocke anzuschaffen, war der Andrang der Erfurter Glockengießer groß, so Ulrich Neymeyr:
„Es gab einen heftigen Streit unter den Glockengießern, wer diese Glocke gießen darf, die damals die größte ihrer Zeit war und die direkt auf dem Domberg gegossen wurde, und da hat der damalige Weihbischof Bonemilch dann einen holländischen Glockengießer beauftragt, um des lieben Friedens willen.“

Zwei Hochöfen neben der Kirche

Der Holländer Gerhard van Wou war in ganz Europa bekannt dafür, dass seine Glocken immer den erstrebten Ton trafen. Im Frühsommer 1497 ließ er die vorbereitete Glockenform ins Erdreich neben dem Dom einbringen. Die Erfurter Stadtchronik vermerkt:
„Anno Domini 1497 im Juli ließ der Glockengießer neben der Kirche  zwei Hochöfen machen, sehr köstlich gebaut und am 7. Juli um zehn Uhr abends war die Speise gar. Da stieß der Meister einen Zapfen. Da sangen die Herren “Te Deum laudamus“. Und dann, so Ulrich Neymeyr, hat auch der Glockengießer sich auf der Gloriosa verewigt. Und geschrieben, ich lese es mal deutsch vor: Ich besinge mit ruhmreichem - das heißt also Gloriosa im Lateinischen - ich besinge mit ruhmreichem Lob die Schutzherrin, abwehrend den Blitz und die bösen Geister, läute zum Gottesdienst, der im Dom vom Volk mit Gesang gekündigt wird. Gerhardus Wou aus Kampen hat mich gegossen im Jahr des Herrn 1497.“

Die Gloriosa hat viel gesehen

Das Schicksal der Gloriosa war seither wechselhaft. Sie hat viel gesehen und beläutet: Von der Priesterweihe Martin Luthers [*] über die Nutzung des Doms als Pferdestall während der Besetzung Erfurts durch Napoleon, den Tag der deutschen Einheit im Jahre 1990 bis zum Amoklauf im Erfurter Gutenberggymnasium. Mehrfach musste sie repariert werden. Im Jahre 2004 verließ sie wegen eines neuen Haarrisses sogar für zwei Monate ihre Glockenstube, wurde in einem gewagten Manöver ins Freie rangiert, auf einen Schwerlaster gehievt und in einer Nördlinger Glockenwerkstatt geschweißt. Heute läutet sie nur noch zu hohen Festen, damit sie keine neuen Risse bekommt. Aber auch, weil der Erfurter Bischof das Glockenläuten nicht zum akustischen Nippes verkommen lassen will. Ulrich Neymeyr:
„Es gibt immer wieder Anlässe, bei denen wir gebeten werden, die Glocken zu läuten. Das ist nicht die genuine Aufgabe der Glocken. Sie müssen immer im Zusammenhang mit einem Gebet stehen.“

Und wer nicht beten mag, darf jedenfalls auf Schutz vor Blitz und bösen Geistern hoffen und der Gloriosa noch ein langes Leben wünschen.
[*] Wir haben eine Jahreszahl korrigiert.