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Ex-Jugoslawien
Wenn Sprachen zum Politikum werden

Sprache ist Politik: In den Staaten des früheren Jugoslawien gilt dieser Befund besonders. Dabei können Serben, Kroaten, Bosniaken und Montenegriner problemlos miteinander reden. Doch statt zu einen werden die Sprachen jeweils national ausgelegt.

Von Dirk Auer | 28.12.2022
Auf einer Karte von sind diverse Länder des Westbalkans eingetragen. Mit Namen bezeichnet sind verschiedene Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien, darunter Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien (heute: Nordmazedonien)
Geht es auf dem Balkan um Sprache, geht es schnell ums Ganze (picture alliance / FotoMedienService / Ulrich Zillmann)
Eine Podiumsdiskussion im Sommer 2017 in Novi Sad. Die Moderatorin begrüßt das Publikum. In vier Sprachen: Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch.
"Dobar dan, dobar dan, dobar dan, dobar dan."
Viermal hieß es gleichlautend „Guten Tag“ - eine wohlbedachte Pointe zum Auftakt, durch die der Ton für die nachfolgende Diskussion über „Sprache und Nationalismus“ gesetzt ist. Auf dem Podium sitzt damals auch der Schriftsteller Vladimir Arsenijevic. Drei Monate zuvor hatte er in Sarajevo mit anderen Intellektuellen aus der Region eine vielbeachtete „Deklaration zur gemeinsamen Sprache“ vorgestellt.
„Wir wollten die unnatürliche Situation thematisieren, in der sich unsere Region befindet. Nach dem Zerfall von Jugoslawien wurden vier politische Sprachen geschaffen: In Bosnien-Herzegowina spricht man offiziell Bosnisch, in Montenegro Montenegrinisch, in Serbien Serbisch, in Kroatien Kroatisch. Aber jeder, der bei klarem Verstand ist, weiß, dass es sich eigentlich um eine einzige Sprache handelt“.

Weitere Teile der Reihe "Die Politik von Sprachen"

Tatsächlich brauchte es weder in Novi Sad noch in Sarajevo einen Dolmetscher, um die fließende Verständigung zwischen den Podiumsteilnehmern zu ermöglichen. Im Wortschatz der vier Sprachen gibt es nur minimale Unterschiede, auch die Grammatik ist in ihren Grundstrukturen die gleiche. Warum war dann die Deklaration überhaupt nötig? Steht die problemlose Kommunikation zwischen Serben, Kroaten, Bosniaken und Montenegrinern nicht eigentlich außer Frage?
„Auch uns schien es am Anfang, als ob wir eigentlich beweisen wollen, dass Wasser nass ist. Und es ist ja völlig klar, dass Wasser nass ist. Aber das ganze nationalistische Projekt beruht darauf, dass Leute von Dingen überzeugt sind, die eigentlich schwer zu glauben sind. Dieser ganze identitäre Wahnsinn, der seit dem Zerfall von Jugoslawien herrscht, hat sich hier mit der Frage der Sprache verknüpft.“

Deklaration gegen Sprache als politisches Instrument

Vor allem dagegen wandten sich die Intellektuellen 2017: Sprache, so betonten sie, dürfe nicht politisch instrumentalisiert werden. Die Deklaration hat in allen vier Ländern ein enormes Echo hervorgerufen: Viele Prominente unterstützten die Initiative, andere wiesen sie dagegen scharf zurück. Besonders heftig waren die Reaktionen in Kroatien.
„Wie könnte ich das unterstützen? Wer in Kroatien könnte das unterstützen?“, erwiderte Premierminister Andrej Plenkovic auf die Frage von Journalisten, was er von der Deklaration halte.
Und die damalige Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović erklärte: "Ich denke, dass diese Deklaration eine völlig marginale Sache ist, die überhaupt nicht diskutiert werden braucht."
"Diese sogenannte gemeinsame Sprache war ein politisches Projekt, das zusammen mit dem ehemaligen Jugoslawien untergegangen ist, und es wird sie nie wiedergeben."
Die Reaktionen zeigen: Geht es auf dem Balkan um Sprache, geht es schnell ums Ganze. Fragen, deren Klärung anderswo Linguisten überlassen würde, sind hier hochpolitisiert. Das ist nichts Neues. Die Frage ist, wer sich den Vorwurf gefallen lassen muss, nicht vernünftig, sondern ideologisch zu argumentieren. Ist es, wer auf die grundsätzliche Gemeinsamkeit der Dialekte und Sprechweisen pocht - oder ist es jener, für den jede Nation eine eigene Sprache hat und haben muss. Fakt ist: Die Idee, dass die südslawischen Völker eigentlich eine gemeinsame Sprache sprechen, ist älter als ihre staatliche Vereinigung.
Christian Voß, Professor für südslawische Sprachen und Kulturen an der Humboldt-Universität in Berlin: „Als Geburtsstunde einer gemeinsamen Sprache würde ich eigentlich das Wiener Sprachabkommen von 1850 beurteilen, als sich serbische, kroatische und auch zwei slowenische Intellektuelle und Schriftsteller in einem Wiener Café trafen und eine Erklärung aufgesetzt haben, dass sie sich als ein gemeinsames Volk deklarieren, das eine gemeinsame Sprache brauche. Das Programm war eine einheitliche Schriftsprache zu schaffen, andere Dialekte aufzugeben. Und das interessante ist, dass dies tatsächlich, was auf absoluter Freiwilligkeit beruhte, tatsächlich funktioniert hat.“

Novi Sad-Abkommen oder Sprache als verbindender Faktor

Und dieser, so legte es die Wiener Versammlung fest, sollte fortan „Serbokroatisch“ genannt werden. Die Vorstellung, dass Sprache zu einem verbindenden Faktor werden könne, galt insbesondere für das sozialistische Jugoslawien. 1954 unterzeichneten namhafte serbische und kroatische Linguisten und Schriftsteller, darunter der spätere Literatur-Nobelpreisträger Ivo Andric, das sogenannte Abkommen von Novi Sad.
"Das Novi Sad-Abkommen ist ein neues Bekenntnis zur gemeinsamen Sprache, die aber plurizentrisch verstanden wird, indem man sagt, es dürfen unterschiedliche Dialektformen verwendet werden. Es werden gemeinsame Projekte geplant, ein gemeinsames großes Wörterbuch und so weiter.“
Der einheitliche Geist war jedoch nicht von großer Dauer: Mitte der 1960er-Jahre entstand in Kroatien eine politische Reformbewegung, die auf mehr Eigenständigkeit gegenüber dem jugoslawischen Gesamtstaat pochte - der sogenannte Kroatische Frühling.
„Und hier kommt dann 1967 eine Deklaration aus Zagreb, die einerseits im Zusammenhang steht mit den Studentenunruhen 1968, andererseits ist es nicht nur ein Ruf nach mehr Demokratie und Dezentralisierung, sondern es ist auch Nationalismus. Und die kroatische Elite, Professoren und Künstler, bekennen sich sehr lautstark zu ihrem Wunsch, die Sprache nicht mehr Serbokroatisch zu nennen, sondern nur noch Kroatisch."
Der Kroatische Frühling wurde niedergeschlagen: Die Anführer der Bewegung wurden inhaftiert oder ihrer Funktionen enthoben. Die Sprache jedoch blieb das Feld, auf dem in Jugoslawien immer auch um Fragen der nationalen Identität gestritten wurde, wie Christian Voß betont.
"Sprache war ein hochpolitisiertes Feld in einem Staat, der eigentlich, wie alle sozialistischen Länder, das Nationalitätenproblem für abgehakt hielt, der sagt, das sind nur im Westen ein Problem, wir sind die perfekte Gesellschaft.Und so wurde die Diskussion um Sprache ja so ein Ersatzstadion, wo solche Konflikte ausgetragen wurden. Es war von Anfang hoch politisch. Und ist es bis heute geblieben.“

Das Verschwinden des Serbokroatischen

Mit dem blutigen Zerfall von Jugoslawien ab 1991 verschwand auch die Sprache „Serbokroatisch“. Statt um Gemeinsamkeiten ging es in den neuen Staaten nun um Abgrenzung. Eine wichtige Rolle zur Stärkung der Nationalsprachen spielten die staatlichen Medien. Ljubica Letinic kam 1993 als junge Journalistin zum kroatischen Rundfunk HRT.
„Ich habe im dritten Bildungsprogramm angefangen, da war diese Sprachpolizei noch nicht so streng, wie in den politischen Sendungen. Aber als ich später zum Info-Programm gewechselt bin, habe ich gemerkt, dass jeder Text, den ich für die Nachrichten gelesen habe, ganz genau angeschaut wurde."

Es gab eine richtiggehende Besessenheit, alle Worte, die irgendwie serbisch klangen, aus der Sprache zu tilgen und durch kroatische Ausdrücke zu ersetzen.

Getilgt wurden nicht nur Worte. Ganze Bücher verschwanden aus den Bibliotheken, die nicht eindeutig in der kroatischen Variante des Serbokroatischen geschrieben waren. Es gab „Sprachratgeber“-Rubriken in Zeitschriften und Sendungen im Fernsehen, die der Bevölkerung beizubringen versuchten, was es heißt, ein vermeintlich reines Kroatisch zu sprechen. Dazu wurden alte, aus der Mode gekommenen Worte wieder reaktiviert, wie die alt-slawischen Monatsbezeichnungen. So hieß der Oktober nun nicht mehr wie früher „oktobar“, sondern „listopad“, der Monat des Blätterfalls. Und wenn sich kein kroatisches Wort anbot, wurde manchmal auch einfach ein neues kreiert.
„Zum Beispiel für das Wort „Helikopter“, das ja kein serbisches Wort ist, sondern ein Fremdwort. Dafür haben sie sich das Wort „zrakomlat“ ausgedacht, auf Deutsch: Luftdrescher. Wir haben uns über so etwas immer lustig gemacht, und solche Worte haben sich auch nicht durchgesetzt. Niemand spricht heute von einem Luftdrescher.“
Karte und Chronologie zu den Jugoslawienkriegen
Karte und Chronologie zu den Jugoslawienkriegen (dpa / dpa-infografik GmbH)

Standards für politisch korrektes Kroatisch

Tatsächlich scheiterten die meisten an den neuen Standards für ein politisch korrektes Kroatisch. Zu ihnen gehörte ausgerechnet auch der erste Präsident des unabhängigen Kroatiens, Franjo Tudjman. Weil er als jugoslawischer Offizier mehrere Jahre im serbischen Belgrad verbracht hatte, schlichen sich in sein Sprechen immer wieder auch Ausdrücke ein, die ursprünglich aus dem Serbischen kommen. Legendär ist etwa die Geschichte, als der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton im Winter 1996 zum ersten Mal nach Kroatien kam und am Flughafen von Zagreb empfangen wurde.
„Und Tudjman in seiner Euphorie sagte: Ja sam srecan - ich bin glücklich. Das Problem ist: „srecan“ ist Serbisch, auf Kroatisch heißt es „sretan. Was aber wirklich verrückt war: die Intervention der Redakteure und der Toningenieure im Radio. Sie suchten in den Reden von Tudjman das Wort „sretan“, um es dort einzufügen, wo er in seiner Rede am Flughafen das Wort „srecan“ sagte.“
Darüber muss Ljubica Letinic auch heute noch lachen. Für die Vollstrecker der nationalen Sprachpolitik war es dagegen eine bitter-ernste Angelegenheit. Der kroatische Linguist Stjepan Babic etwa schrieb:

Die Forderung kroatischen Wörtern den Vorrang zu geben, ist keine Mode, vielmehr geht es um Leben und Tod der kroatischen Sprache und somit des kroatischen Volkes.

„Das ist natürlich Denken des 19. Jahrhunderts", entgegnet der Slawist Christian Voß.
„Es ist ja eine Ideologie aus Westeuropa, insbesondere der deutsche Kultur- und Sprach-Nationalismus von Herder und Grimme und Fichte und so weiter: Eine Nation ist erkennbar und bildet sich durch die Sprache. Und deshalb haben wir überall dieses Sprach-Nationalismen.“
Die Vorstellung, dass jede Nation eine eigene Sprache braucht, ist auch in Kroatien nicht unwidersprochen geblieben. Prominenteste Kritikerin des Sprachnationalismus ist die Linguistin Snezana Kordic. Sie sagt: Jene Sprache, die früher Serbokroatisch hieß, existiert weiter, als „plurizentrische Sprache“, die in verschiedenen lokalen Varianten gesprochen werde. Wobei diese Varianten so nahe beieinander lägen, dass sich die Sprecher fließend verständigen könnten. Und das, so betonte sie 2012 gegenüber dem kroatischen Rundfunk, sei auch gar nichts Besonderes:
„Es ist genau so, wie Amerikaner und Briten sich verstehen und flüssig kommunizieren können. Oder Deutsche und Österreicher. Es sind verschiedene Nationen, aber sie haben eine gemeinsame Sprache. Es gibt jeweils einige Unterschiede und daran erkennen wir, ob jemand aus Amerika kommt oder aus Großbritannien, aus Österreich oder aus Deutschland. Und genau so ist es bei uns."
Dass sich Serben, Kroaten, Bosniaken und Montenegriner im Alltag problemlos verstehen, bestreiten noch nicht einmal hartnäckigste Nationalisten. Politisch wird dennoch darauf beharrt, dass jede Nation eine eigene Sprache spreche. Die Folgen sind am deutlichsten in Bosnien-Herzegowina zu sehen, ein Land, in dem es drei offizielle Amtssprachen gibt: Bosnisch, Serbisch und Kroatisch.

Offizielle Verlautbarungen und Dokumente in drei Sprachen

Weil jeder das Recht auf den Gebrauch seiner eigenen Sprache hat, müssen offizielle Verlautbarungen und Dokumente dreisprachig publiziert werden - mit nur minimalsten Abweichungen voneinander. Für den Schriftsteller Vladimir Arsenijevic, Mitinitiator der Deklaration zur gemeinsamen Sprache, ist das eine absurde und unnötige Geldverschwendung. Besonders verheerend seien die Auswirkungen der nationalistischen Sprachpolitik jedoch im Bildungssystem.
„Ich gebe ein Beispiel aus der Stadt Jajce, wo vor allem Bosniaken und Kroaten leben. Eine kleine Stadt in Bosnien, wo es keine offensichtlichen Trennungen zwischen den ethnischen Gruppen gibt. Die Kinder wachsen zusammen auf, sie spielen zusammen, und es ist ihnen total klar, dass sie die gleiche Sprache sprechen. Aber in dem Moment, wo sie in die erste Klasse kommen, gehen auf einmal die Kroaten am Vormittag in die Schule, die bosniakischen Kinder am Nachmittag. Die Kroaten bekommen Schulbücher in Geschichte, Geografie und Sprache angeblich in kroatischer Sprache, die Bosniaken angeblich in bosnischer Sprache."
Blick auf den beleuchteten Wasserfall in der bosnischen Stadt Jajce
In Jajce, einer kleinen Stadt in Bosnien und Herzegowina, leben vor allem Bosniaken und Kroaten (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Armin Durgut)
Die Schüler von Jajce haben es vor einigen Jahren zu landesweiter Bekanntheit gebracht, weil sie sich das nicht länger gefallen lassen wollten. Wochenlang sind sie auf die Straße gegangen. Ihre Forderung: Sie wollten zusammen in die Schule gehen.
„Sie hatten Transparente, auf denen sie Birnen und Äpfeln gemalt hatten. Ich habe das erst nicht verstanden, und dann haben sie es mir erklärt: Als der Kanton-Minister für Bildung gefragt wurde, warum er die Segregation im Bildungssystem nicht abschafft, hat er geantwortet, man könne Birnen nicht mit Äpfeln mischen. Leider ist trotz der ganzen Proteste nichts passiert.“
Es sind solche unnötigen Trennungen, welche die Initiatoren der „Deklaration zur gemeinsamen Sprache“ 2017 im Blick hatten. Doch trotz der schwierigen Vergangenheit, der Erfahrung von Krieg und Staatszerfall: Im Alltag ist die nationalistische Sprachpolitik weitgehend gescheitert.

Erinnerungen an eine gemeinsame Vergangenheit

Nach wie vor gibt es nirgendwo Übersetzer, auch nicht bei Treffen zwischen Regierungsvertretern. Überregionale Medien wie Al Jazeera Balkans oder der Nachrichtensender N1 senden dasselbe Programm für den gesamten ehemals serbokroatischen Sprachraum. Was eigentlich nur natürlich ist: Der Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren hat nicht dazu geführt, dass die Menschen plötzlich eine andere Sprache sprechen.

Wenn sich Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien im Ausland treffen, gehen sie oft sofort etwas zusammen trinken.

"Es gibt über die Sprache eine kulturelle Nähe und wechselseitige Sensibilität - und, zumindest in der älteren Generation, eine Erinnerung an eine gemeinsame Vergangenheit in einem Staat, wie auch immer dieser beurteilt wird. Für mich persönlich ist das ein großer Wert. Es ist eine Form der Inklusivität, die nichts mit nationalen Grenzen oder Nationalitäten zu tun hat.“
Auch in der Kultur sind die Verbindungen über die Sprache intakt geblieben. Weder Filme noch Bücher, die im jeweiligen Nachbarland erscheinen, werden übersetzt, es gibt grenzüberschreitende Publikationsprojekte.
Und auch in Berlin treffen sich regelmäßig Literaturinteressierte aus Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro, um gemeinsam über alte und neue Bücher aus der Region zu sprechen. BKS Club nennen sie ihr Treffen. BKS, das steht für „Bosnisch, Kroatisch, Serbisch“, erklärt Marko Kuzmanovic, der regelmäßig zu den Lesungen und Diskussionen kommt.
“Es hört sich zwar so an, als ob es drei verschiedene Sprachen sind, aber wir verstehen uns alle gut, egal in welcher Sprache wir sprechen..“
Mitte November war die junge Schriftstellerin Lana Bastasic zu Gast. Sie ist in Kroatien geboren, in Bosnien aufgewachsen und lebt heute in serbischen Hauptstadt Belgrad. Der Moderator ist in Bosnien geboren, hat in Kroatien studiert und lebt heute wieder in Bosnien. Wer nicht aus der Region kommt, hat Mühe, bei der anschließenden Diskussion die feinen sprachlichen Unterschiede überhaupt zu bemerken. Aber wenn es sich tatsächlich um eine in ihren Grundzügen gemeinsame Sprache handelt: Wie kann sie dann benannt werden? Die Antwort ist schwierig, sagt Marko Kuzmanovic.
„Ich bin noch in Jugoslawien zur Schule gegangen, und ich bezeichne die Sprache oft immer noch als Serbokroatisch. Aber hier, wo Menschen aus allen möglichen Republiken des ehemaligen Jugoslawien zusammenkommen, sagen wir meistens einfach „nas jezik“, unsere Sprache, ungeachtet dessen, dass man eigentlich immer auch hört, wo jemand herkommt.“
In jedem Fall, so Kuzmanovic, gibt es durch die Sprache eine natürliche Verbindung – ungeachtet aller politischen Konflikte, die es immer wieder zwischen den Ländern gibt.
„Indem wir hier über Literatur diskutieren, halten wir in gewisser Weise den kulturellen Raum offen. Es gibt hier immer noch diesen gemeinsamen Geist, beziehungsweise es hat sich hier eigentlich gar nicht viel geändert.“