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StartseiteInformationen am MorgenWie Integration funktioniert - und wie auch nicht14.06.2018

Flüchtlingsarbeit in Brandenburg Wie Integration funktioniert - und wie auch nicht

Ob eine erfolgreiche Integration gelingt, hängt oft auch davon ab, ob sich Ehrenamtliche engagieren und ob die örtlichen Verwaltungen mitspielen. Das zeigt sich beispielsweise in zwei brandenburgischen Landkreisen: Ostprignitz-Ruppin und Märkisch-Oderland.

Von Thilo Schmidt

Flüchtlinge und ihre Kinder gehen über das Gelände der Zentralen Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Flüchtlinge auf dem Gelände der Zentralen Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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"Und diese Paprika so schneiden. Nicht so machen, dann geht sie kaputt."

Mit einem scharfen Messer schneidet Youssouf Al-Mahadi die Paprika von den meterhohen Ranken, hier, im Gewächshaus der Havelia Gemüseanbau im brandenburgischen Fretzdorf. Insgesamt 22 Flüchtlinge arbeiten hier, Hand in Hand mit Deutschen oder Polen. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

"Ist sehr schön, hier zu arbeiten, mit Kollegen aus Polen oder Tschad oder Somalia. Deutsche Leute auch. Es sind gute Leute, und Respekt!"

Betriebsleiter Johannes Lachmann ist nicht nur froh, dass er seinen Beitrag zur Integration leisten kann, die viele Arbeit in den Gewächshäusern könnte auch ohne die Flüchtlinge gar nicht bewältigt werden. Dass er die unkompliziert einstellen kann, liegt auch daran, dass der Landkreis Ostprignitz-Ruppin ein Interesse daran hat, dass die Flüchtlinge in Arbeit kommen. Und dass es ein Netzwerk gibt zwischen Politik, Vereinen und Unternehmen, zum Beispiel dem kreiseigenen Klinikum, das auch die Flüchtlingsunterkünfte in Neuruppin betreibt.

"Es gibt hier bei den Ruppiner Kliniken sehr engagierte Leute. Und wir haben eine Stellenanzeige geschrieben, allgemein, also egal was für eine Nationalität oder was für ne Herkunft. Und die Stellenanzeige ist natürlich auch an die Ruppiner Kliniken gegangen, und da gibt es einen Mitarbeiter, der sehr hinterher ist, der sehr bemüht ist und der auch sehr interessiert ist, die geflüchteten Leute unterzubringen beruflich. Und da hat sich ne gute Beziehung aufgebaut. Und wen wir Fragen haben, oder wenn es Probleme gibt wegen irgendwelcher Behördengänge, irgendwelcher Schriftstücke oder Bank, und so weiter, ruft man ihn an. Und das macht die Sache sehr, sehr einfach." 

Unterschiedliche Erfahrungen

Das ist nicht selbstverständlich. Lachmann ist vor anderthalb Jahren hier her gezogen, vorher hat er einen Betrieb im Landkreis Märkisch-Oderland geleitet.

"Also ich hab die Erfahrung in Märkisch-Oderland anders gemacht. Da ist es sehr, sehr viel schwerer, mit der Ausländerbehörde zu sprechen, überhaupt erst einmal mit denen in Kontakt zu treten. Und hier ist es genau das Gegenteil. Wenn die Ausländerbehörde Fragen hat zu Mitarbeitern, dass dann auch angerufen wird und gefragt wird: Was macht der, wie lange ist er noch beschäftigt, und wie funktioniert das alles. Und das ist sehr schön."

Früher, im Landkreis Märkisch-Oderland, hat er sich im Willkommenskreis Neuhardenberg engagiert.

Neuhardenberg, vor dem Flüchtlingsheim. Horst Nachtsheim, der mit Johannes Lachmann einen engagierten Mitstreiter verloren hat, wartet noch auf ein paar Fahrgäste für die Einkaufsfahrt nach Berlin. Die organisiert der Willkommenskreis, weil die Flüchtlinge in Neuhardenberg ihre gewohnten Lebensmittel nicht bekommen können.

"Wenn wir Flüchtlinge begleiten, zum Beispiel, auf Ausländerbehörden, oder aufs Sozialamt, dann kriegen wir ja den Frust, den die Flüchtlinge abkriegen, den kriegen wir ja auch ab. Und wir konzentrieren uns jetzt auf das, was unmittelbar an Möglichkeiten realisiert werden kann, zum Beispiel diese Einkaufsfahrten."

Der alte Linienbus, den ein Jugendhilfeverein aus der Region zur Verfügung stellt, ist abfahrbereit. Die Neuhardenberger organisieren mit ihm nicht nur die Einkaufsfahrten, sondern auch Ausflüge, zum Beispiel an die Ostsee. Sein Engagement in Gremien des Landkreises hat Horst Nachtsheim frustriert hingeschmissen.

"Weil die Willkommenskreise von der Politik in der Weise nicht ernstgenommen werden. Und es ist auch im Landkreis so, dass die Willkommensinitiativen spürbar zurückgehen. Wir haben mit 18 Leuten angefangen in Neuhardenberg, jetzt sind wir noch sieben, acht Leute, die aktiv dabei sind.

Verschwinden der Willkommenskreise

Eines Nachts vor drei Jahren wurde Horst Nachtsheims VW-Bus und das Auto einer anderen Flüchtlingshelferin von Unbekannten angezündet, beide brannten völlig aus. 

Nicht nur die Ehrenamtlichen, auch die Flüchtlinge haben es schwer im Landkreis. Weil geduldete Flüchtlinge hier kaum Chancen auf eine eigene Wohnung haben oder ihr Geld nicht aufs Konto überwiesen bekommen. Und darunter wiederum leidet die Integration.

"Alle Flüchtlinge müssen einmal im Monat vorsprechen, und dann bekommen sie quasi ihren Scheck. Das heißt zum Beispiel: Ich unterrichte noch in Seelow, mach dort Deutschkurse, das heißt einmal im Monat fällt bei uns zum Beispiel ein ganzer Unterrichtstag aus, manchmal auch zwei Unterrichtstage, weil die Leute nach Diedersdorf müssen und dort ihr Geld abholen."

In einem langen Brief, den Nachtsheim anlässlich seines Rückzugs aus den Gremien dem Landrat schrieb, prognostizierte er gar das Verschwinden der Willkommenskreise. Weil es "keinen politischen Boden für die Entwicklung und Festigung einer Willkommenskultur" gebe.

"Naja, er hat uns also mehrfach vorgeworfen, die Willkommensinitiativen würden das Flüchtlingsthema quasi als so ne Art Spielwiese benutzen, wo sie ihr Engagement austoben wollen, auf jeden Fall: Es war die Summe, und es hat auch dann nochmal ein Gespräch gegeben, und er hat dann gemeint, er bedauert, dass ich mich zurückziehe. Aber ich glaube, er ist froh, dass ich mich zurückgezogen hab."

Die Ehrenamtlichen - in Märkisch-Oderland nur lästige "Gutmenschen"? Für Spielenachmittage mit den Kindern oder Feuerfeste am Ramadan hat Nachtsheim jetzt jedenfalls noch mehr Zeit als vorher. Die Flüchtlinge, für die er so etwas ist wie ein väterlicher Freund, danken es ihm.

"Horst hilft uns, dass wir nach Berlin zum Einkaufen gehen. Verstehst du? Wir sind sehr glücklich!"

Der alte Linienbus ist mittlerweile in Berlin angekommen, die Flüchtlinge strömen zu Eurogida, dem türkischen Supermarkt.

In einem Zeitungsinterview sagte Landrat Gernot Schmidt: "Wir haben die Flüchtlingskrise gut gemeistert". 

Der Landrat hat das Thema offenbar abgehakt.

 

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