Donnerstag, 26. Januar 2023

Untersuchung deutscher Medienhäuser
Noch immer wenige Frauen in Führungspositionen

Seit mehr als zehn Jahren setzt sich der Verein "ProQuote" für Gleichberechtigung von Frauen und Männern an der Spitze von Redaktionen ein. Neue Zahlen zeigen: Es tut sich nur langsam etwas. Die Idee einer Quote bleibt zudem umstritten.

Text: Michael Borgers | Ulrike Trampus im Gespräch mit Sören Brinkmann | 16.01.2023

Teilnehmerinnen einer Podiumsdiskussion anlässlich der Vorstellung der Studie des Vereins ProQuote Medien zur Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen unterhalten sich
ProQuote fordert, dass die Hälfte aller Führungspositionen in den Medien auf allen Hierarchiestufen von Frauen besetzt wird (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)
Wer war die erste Chefredakteurin einer deutschen Tageszeitung? Die Suche nach der Antwort auf diese eigentlich doch einfache Frage gestaltet sich überraschend schwierig. Anrufe bei verschiedenen Zeitungs-, Medien- und Kulturforschern – bleiben ohne Ergebnis, niemand weiß es so genau.
Die Suche im Internet zu der Frage führt erst in einem späten Eintrag zu einer Passage in einem medienwissenschaftlichen Fachbuch von 2005. Dort schreibt Susanne Kinnebrock, heute Professorin für Öffentliche Kommunikation in Augsburg, „eine der ersten, vielleicht sogar die erste Chefredakteurin einer deutschen Zeitung“ dürfte Rosa Luxemburg gewesen sein. Die Arbeiterführerin und SPD-Politikerin habe 1898 für zwei Monate die „Sächsische Arbeiterzeitung“ geleitet, eine damals in Dresden beheimatete Tageszeitung. Womit sie wohl eine Ausnahme für viele Jahrzehnte gewesen sein dürfte. 

Gräfin Dönhoff, Alice Schwarzer, Georgia Tornow

Wie sieht es also in der jüngeren Vergangenheit aus? Marion Gräfin Dönhoff? Leitete von 1968 bis 1972 mit der „Zeit“ eine Wochenzeitung. Alice Schwarzer? Ihre 1977 gegründete „Emma“ erscheint nur alle zwei Monate.
War es dann vielleicht Georgia Tornow, die 1988 als erste Frau die Leitung der taz übernahm? Doch auch bei hier, in der Berliner Redaktion der überregionalen Tageszeitung, weiß man es nicht genau.
Und selbst falls Tornow die Erste (beziehungsweise Zweite oder Dritte nach Rosa Luxemburg und vielleicht einer anderen) an der Spitze einer Tageszeitungsredaktion gewesen sein sollte, habe sie innerhalb der taz nicht so geheißen, erklärt eine Mitarbeiterin des Archivs. Das C-Wort habe man damals noch abgelehnt und stattdessen von einem „Leitungsgremium“ unter der Führung Tornows gesprochen.

„ProQuote“: Noch lange nicht gleichberechtigt

Von der (vielleicht bezeichnenden) historischen Spurensuche zur Gegenwart: Seit mehr als zehn Jahren setzt sich „ProQuote“ für eine Gleichstellung bei Führungspositionen in Medien ein. Und die aktuelle Bilanz des Vereins lautet: „Noch lange nicht gleichberechtigt – Der mühsame Aufstieg von Frauen in Print- und Onlinemedien“. So ist die Pressemitteilung zu neuen Zahlen überschrieben.
Positiv hält die Untersuchung fest, dass in deutschen Leitmedien der Anteil von Frauen in Führungspositionen von 13,7 Prozent (2012) auf inzwischen 38,9 Prozent gestiegen sei. Den ersten Platz belege die taz mit 64,2 Prozent, den letzten die FAZ mit 23,9 Prozent.
Doch die oberste Leitungsetage von Lokalzeitungen werde noch immer „in krassem Ausmaß“ von Männern dominiert. Demnach würden nur neun der 97 ausgewerteten Redaktionen von Frauen geleitet. Warum tut sich ausgerechnet hier so wenig?

Chefredakteurinnen, die gegen eine Quote sind

Ulrike Trampus arbeitet seit gut 20 Jahren als Chefredakteurin, zunächst beim „Wiesbadener Kurier“, inzwischen bei der „Ludwigsburger Kreiszeitung“; sie ist damit die zurzeit Dienstälteste in dieser Funktion in Deutschland. Eine Frauenquote an der Spitze lehnt Trampus ab. Eine richtige Erklärung für das andauernde Ungleichgewicht habe sie auch noch nicht gefunden, sagt sie im Deutschlandfunk. Aber auch: „Ich möchte keine Quotenfrau sein.“
Auch bei einer 50-50-Quote könne es weiterhin Schwierigkeiten geben, dann aber der Eindruck eines „Alibis“ entstehen, Frauen in Führungspositionen zu führen. Außerdem tue sich langsam etwas auf anderen Führungsebenen jenseits der Chefredaktion, beobachtet Trampus.
Auch Judith Wittwer, gemeinsam mit Wolfgang Krach an der Spitze der Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“, ist gegen eine Quotenlösung. Gegenüber dem Deutschlandfunk erklärte sie 2020 anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums der SZ, „dass wir alles dafür tun sollten, dass wir es auch ohne Quote schaffen“.
An ihrer damaligen Sicht habe sich bis heute im Grundsatz nichts geändert, erklärte sie nun: Frauenförderung sei nicht nur Frauensache und eine Quote immer die zweitbeste Lösung. Dabei verweist Wittwer auf entsprechende personelle Besetzungen innerhalb der eigenen Redaktion.
Zudem dürfe es in der gesamten Diskussion aus ihrer Sicht nicht ausschließlich um personelle Fragen gehen: Frauen müssten auch als Expertinnen sichtbar werden im Blatt.

„ProQuote“: Daten haben zu einem Umdenken geführt

„ProQuote“ hat sich 2012 als Initiative von Journalistinnen gegründet, die dazu beitragen wollen, dass Entscheidungen in Medienhäusern auch von Frauen getroffen werden. Der Verein untersucht regelmäßig das Verhältnis von Frauen und Männern in den Leitungsfunktionen deutscher Redaktionen; für den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk gibt (und gab) es eigene Zahlen.
Monika Pilath, Mitglied der Chefredaktion von „Zeit online“, sagte nun, dass die Daten der Initiative zu einem Umdenken geführt hätten. Medienhäusern sei es jetzt „ein bisschen peinlich“, wenn dadurch ein geringer Anteil von Frauen in Führungspositionen deutlich wird. Verstärkt würden nun häufiger Führungspositionen mit Frauen besetzt. Und dies wiederum führe dazu, dass weitere Frauen Chancen erhielten.