Donnerstag, 11. August 2022

Fragen und Antworten
Von Equal Pay bis Mini-Stadien: Wissenswertes zur Fußball-EM der Frauen in England

Die EM in England war die 13. Ausgabe der Europameisterschaft der Frauen. Wegen der Corona-Pandemie fand sie ein Jahr später statt als geplant. Insgesamt nahmen 16 Teams an dem Turnier teil, die deutsche Mannschaft überzeugte und spielte sich bis ins Finale. Doch wie steht es um den Fußball und seine Wahrnehmung insgesamt?

Von Sabine Lerche, Mathias von Lieben und Raphael Späth | 01.08.2022

    Nationalspielerin Jill Roord während einer Trainingseinheit der niederländischen Frauen-Nationalmannschaft auf dem KNVB-Campus  in Zeist
    Gleiche Prämien vom Verband wie die Männer: Niederlandes Nationalspielerin Jill Roord (imago images/GEPA pictures)

    Welchen Stellenwert hat die EM?

    Beobachter und Beobachterinnen sehen in der diesjährigen Fußball-EM die Chance auf eine Zeitenwende. Das deutlich gestiegene Interesse an dem Turnier der Frauen unterstützt diese These. Allein zum Eröffnungsspiel zwischen England und Österreich waren im ausverkauften Old Trafford von Manchester 74.000 Fans im Stadion. Im Finale im Wembley-Stadion wurde mit über 87.000 Zuschauenden sogar ein neuer EM-Rekord aufgestellt.
    Insgesamt wurden bereits vor dem Start des Turniers knapp 500.000 Tickets verkauft. „Das ist ein Quantensprung“, sagt daher auch Silke Rottenberg, ehemalige DFB-Torfrau, im Interview mit dem Deutschlandfunk.
    Zum Vergleich: Bei der Europameisterschaft in den Niederlanden 2017 wurden über das gesamte Turnier hinweg laut Rottenberg 240.000 Tickets verkauft.
    Die Gastgeberinnen und auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sprechen von "einem tollem Fußballfest" - und der englische Verband FA gar vom "größten europäische Frauen-Sport-Event der Geschichte". Nach einem FA-Report sollen 250 Millionen TV-Zuschauer in 195 Ländern Spiele anschauen. Organisatoren, UEFA und auch die nationalen Verbände wie der DFB erhoffen sich eine nachhaltige Wirkung für ihren Sport.

    Hat das Turnier die sportlichen Erwartungen erfüllt?

    Fünf Jahre nach der letzten Fußball-Europameisterschaft hat sich der Sport enorm weiterentwickelt. „Im Vergleich zu meiner Zeit ist es natürlich noch mal viel schneller geworden, viel dynamischer, viel athletischer“, sagt Silke Rottenberg, die ihre Karriere sogar bereits 2008 beendete: „Das Spiel ist auch technisch noch mal besser geworden.“ Die EM in England, wo Frauen-Teams auf großes Interesse stoßen, bietet dieser Entwicklung laut Rottenberg nun eine passende Bühne. „Ich bin überzeugt: Dadurch wird sich der Frauenfußball auch international noch mal weiterentwickeln.“
    Aufgrund der gestiegenen Leistungsdichte war der Kreis der Titelanwärterinnen in diesem Jahr besonders groß. Zu den Top-Favoritinnen wurden Gastgeber England, Frankreich, Titelverteidiger Niederlande und Spanien gezählt. Auch Schweden wird immer wieder als Titelanwärter genannt. „Europa ist leistungstechnisch enger zusammengerückt“, sagt Rottenberg. Die deutsche Mannschaft hat durch ihre tollen sportlichen Leistungen für eine Euphorie in Deutschland gesorgt. Das Endspiel gegen England verfolgten fast 19 Millionen Zuschauer live im Fernsehen - ein neuer Rekord für Länderspiele der Frauen.

    Hat die deutsche Mannschaft die Erwartungen erfüllt?

    Das DFB-Team galt vor dem Turnier nicht mehr automatisch als Titel-Anwärter. Dennoch traute die ehemalige Welttorhüterin Silke Rottenberg der deutschen Elf „unheimlich viel“ zu. Allein 16 der 23 deutschen Auswahl-Spielerinnen stehen kommende Saison immerhin auch bei den deutschen Dauersiegerinnen FC Bayern und VfL Wolfsburg unter Vertrag. „Martina Voss-Tecklenburg und ihr Team haben eine tolle Mannschaft aus jungen und erfahreneren Spielerinnen zusammengebaut“, sagt Rottenberg.
    Im Laufe des Turniers hat das DFB-Team die Erwartungen vieler Expertinnen und Experten dann sogar übertroffen: Mit Siegen wie dem 2:0 gegen Top-Favorit Spanien in der Vorrunde oder dem 2:1 im Halbfinale gegen die Französinnen haben die deutschen Fußballerinnen gezeigt, dass sie immer noch zur absoluten Weltspitze gehören.
    Auch im Finale gegen England war die deutsche Mannschaft auf Augenhöhe, unterlag erst nach Verlängerung knapp mit 1:2. "Wenn ich eins weiß, dann ist das auch ein Spiel, das uns auch enorm für die Zukunft helfen wird", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nach dem Finale. "Wir wollen um Titel spielen und auch Titel gewinnen." Der Grundstein dafür wurde bei dieser Europameisterschaft gelegt.

    In welchen Stadien wurde gespielt?

    Insgesamt wurden die Partien der Fußball-EM der Frauen in zehn verschiedenen Stadien ausgetragen. Die größte Kapazität bietet das Old Trafford in Manchester (74.000 Fans) sowie das Wembley Stadium in London (90.000), in dem das Finale ausgespielt wurde. Weitere Premier-League-Stadien bei der Europameisterschaft waren das Brighton Community Stadium und das Brentford Community Stadium. Gespielt wurde aber auch in Sheffield, Southampton, Milton Keynes, Rotherham und Leigh. Sechs der zehn Spielstätten ermöglichten Spiele mit mindestens 30.000 Fans, die anderen vier waren kleiner als 20.000.
    Einige Spiele fanden allerdings in sehr kleinen Arenen statt - zum Beispiel im Manchester City Academy Stadium mit einer Kapazität von 4.700 Fans oder dem Leigh Sports Village mit einem Fassungsvermögen von 8.000. Als "respektlos" und "peinlich" hatte das Islands Spielführerin Sara Björk Gunnarsdottir bezeichnet.
    Als die EM geplant wurde, habe man in England einfach nicht mit einem solchen Aufschwung gerechnet, begründet die ehemalige deutsche Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb, die mittlerweile für den englischen Verband arbeitet, dies im Gespräch mit der Sportschau. Man habe deshalb auch Stadien ausgewählt, von denen man sich sicher war, dass man sie auch füllen könne. "Das ist jetzt ein Super-Lerneffekt für die nächsten Europameisterschaften, wo wir dann definitiv größere Stadien aufsuchen müssen", sagt sie.

    Wie sichtbar ist der (deutsche) Frauenfußball?

    In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Diskussionen über die Sichtbarkeit und Reichweite des Fußballs der DFB-Frauen gegeben. Mit der Live-Übertragung aller 132 Bundesligapartien der abgelaufenen Spielzeit auf Magenta Sport und einer Zusammenfassung der Top-Partie des Spieltags in der Sportschau sei laut Siggi Dietrich, Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauenbundesliga, jedoch „ein total wichtiger Schritt“ gemacht worden.
    Positiv für die Entwicklung sei auch, dass sich immer mehr Frauenklubs unter dem Dach der Männer-Profiklubs eingliedern. „Je mehr Top-Namen in der Liga sind, umso attraktiver ist sie“, sagte Dietrich vor einigen Monaten im Gespräch mit dem Deutschlandfunk: „Weil da ja auch viele Fans mitgezogen werden und die Aufmerksamkeit noch einmal zusätzlich steigt.“ Dass dem Sport von Alexandra Popp und Co mittlerweile eine höhere Bedeutung zugestanden wird, zeigt sich aber auch an den prominenteren Anstoßzeiten der diesjährigen Europameisterschaft. Alle drei Vorrundenspiele der DFB-Frauen begannen jeweils um 21 Uhr – auf dem deutschen Fernsehmarkt die absolute Primetime.
    Dass die DFB-Elf und der Fußball generell nun mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen, liegt laut Rottenberg aber auch daran, dass sich die Strukturen zuletzt professionalisiert haben und sich das gesamte Umfeld von Trainerteam bis Nachwuchsarbeit deutlich vergrößert und damit verbessert hat. Im Vergleich zu Ländern wie England oder Spanien, wo sich die nationalen Fußballverbände noch mehr für die Entwicklung und Vermarktung einsetzen, hinkt Deutschland aber noch etwas hinterher.
    Die Frauen des FC Barcelona spielten in der vergangenen Saison zum Beispiel gleich zweimal vor mehr als 90.000 Fans im Camp Nou. Größenordnungen, von den der deutsche Frauenfußball noch weit entfernt zu sein scheint. In England sind die Nationalspielerinnen zudem in den Medien laut der ehemaligen deutschen Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb sehr präsent, sagte sie im Gespräch mit der Sportschau. ARD-Expertin Nia Künzer sieht das in der Ernsthaftigkeit begründet, mit der der Frauen-Fußball mit den Männer-Lizenzvereinen verzahnt wird.

    Wie hoch sind die Prämien im Frauenfußball?

    Die UEFA schüttete bei der EM in England insgesamt 16 Millionen Euro an Prämien aus. Zum Vergleich: Bei der Männer-EM 2021 konnten sich die Mannschaften über einen deutlich üppigeren Prämien-Topf in Höhe von 330 Millionen Euro freuen. Auch der DFB hatte zwar im Vorfeld der EM seine nationalen Siegprämien von 37.500 auf 60.000 Euro pro Spielerin deutlich angehoben. Trotzdem klafft auch hier im Vergleich zu den DFB-Männern, die für einen Sieg bei der EM 2021 400.000 Euro pro Spieler bekommen hätten, immer noch eine sehr große Lücke. „In Deutschland haben wir da noch einiges vor uns“, sagt daher auch Silke Rottenberg.
    Gleiche Prämien für die Fußball-Nationalmannschaften der Frauen und Männer bei der Fußball- Europameisterschaft sind auch laut André Hahn, dem sportpolitischen Sprecher der Links-Fraktion im Bundestag, ein unaufschiebbarer Schritt hin zur Gleichstellung der Sportlerinnen und Sportler. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte sich während der Europameisterschaft mehrmals zu dem Thema. "Wir haben 2022. Frauen und Männer sollten gleich bezahlt werden. Das gilt auch für den Sport, besonders für Nationalmannschaften", twitterte er zu Beginn der EM. Nach der Europameisterschaft will er gemeinsam mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff in der DFB-Zentrale in Frankfurt über dieses Thema sprechen.
    Vielen Aktiven wie Nationalspielerin Svenja Huth geht es nicht nur um die Angleichung der Prämien, sondern vor allem um die Angleichung der Rahmenbedingungen: professionelle Trainingsausstattung, Zahl der Trainer und Trainerinnen, Analysten. Das fordert auch Silke Raml, die für den DFB in der UEFA-Kommission für Frauenfußball sitzt. Sie hält den Ruf nach gleicher Bezahlung für verfrüht, weil deutscher Frauenfußball noch nicht so weit ist wie beispielsweise der in den USA. „Da sind auch die Vereine in der Bringschuld“, sagt dazu Silke Rottenberg. „Wenn ich sehe, dass Co-Trainer oder Torwarttrainer teilweise noch nicht fest angestellt sind, dann ist das nicht der richtige Weg.“

    Wie sieht es in den anderen Ländern mit „Equal Pay“ aus?

    In Europa haben von den 16 Teilnehmerländern der EM inzwischen acht Verbände, und damit die Hälfte, angekündigt, eine Form von „Equal Pay“ umzusetzen: England, Norwegen, Finnland, Schweden, Island, Spanien, die Niederlande und die Schweiz. In Norwegen erhalten die Nationalspielerinnen und -spieler bereits seit 2017 die gleichen Prämien. Möglich wurde dies seinerzeit, weil die Männer auf Geld aus ihren Sponsoring-Einnahmen verzichtet haben. Die Verbände aus Spanien, den Niederlanden und der Schweiz haben kurz vor der EM verkündet, dass sie die Prämien angleichen. Die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft bekommt vom Hauptsponsor Credit Suisse künftig die gleichen Prämien ausgezahlt wie die Männerauswahl. Bis 2024 sollen die Erfolgsprämien zu 100 Prozent angeglichen werden.
    Ausgelöst wurde die „Equal-Pay“-Bewegung vom erfolgreichsten Nationalteam: der Elf der USA. Die US-Fußballerinnen erzielten im vergangenen Februar eine Vereinbarung mit dem nationalen Verband, der Spielerinnen und Spielern die gleiche Bezahlung garantiert. Vorausgegangen war ein jahrelanger Rechtsstreit, bis vor ein US-Bundesgericht. Künftig sollen alle Einnahmen und Preisgelder, sei es aus Männer- oder Frauen-Turnieren, in einen großen Topf fließen und dann gleichmäßig an alle Spielerinnen und Spieler verteilt werden.