Demografiekrise
Wie in Sachsen-Anhalt Überalterung und Abwanderung bekämpft werden

In Sachsen-Anhalt sind die Folgen der Demografiekrise besonders zu spüren. Doch findige Kommunen entwickeln Gegenstrategien.

    Stadtansicht von Eisleben.
    Mansfeld-Südharz ist der am stärksten überalterte Landkreis in Deutschland. Die Lutherstadt Eisleben gehört dazu. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
    Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit der ältesten Bevölkerung – das Durchschnittsalter liegt bei 48,3 Jahren. Neben niedrigen Geburtenzahlen trägt vor allem Abwanderung zur demografischen Krise bei.
    Kein ostdeutsches Flächenland hat seit der Wiedervereinigung so viele Einwohner verloren: Die Bevölkerungszahl ist um rund ein Viertel gesunken. Was bedeutet das für die Menschen, die geblieben sind? Und wie können schrumpfende Orte lebenswert bleiben?

    Inhalt

    Zwei Abwanderungswellen und Männer in der Überzahl  

    In Sachsen-Anhalt leben heute rund 2,1 Millionen Menschen, gut 750.000 weniger als noch 1990. Zu DDR-Zeiten war die Region stark industrialisiert: Neben Chemiekombinaten gab es etwa das Schwermaschinenbau-Kombinat SKET sowie den Kupferbergbau in Mansfeld-Südharz. Dieser Landkreis ist heute der am stärksten überalterte in Deutschland. Nach den wirtschaftlichen Verwerfungen infolge der Wiedervereinigung suchten viele Menschen Arbeit im Westen.  
    Eine zweite Abwanderungswelle setzte Ende der 1990er-Jahre ein. Vor allem gut ausgebildete Frauen flohen vor der hohen Arbeitslosigkeit. Das wirkt bis heute nach, auch wenn Sachsen-Anhalt seit einigen Jahren einen leicht positiven Wanderungssaldo verzeichnet.
    Die jetzige Elterngeneration ist zu klein, um den Bevölkerungsschwund durch Geburten zu kompensieren. Im vergangenen Jahr wurden in Sachsen-Anhalt so wenige Kinder geboren wie noch nie seit der Wiedervereinigung: knapp 12.000. Es ist inzwischen schwierig, eine Familie zu gründen, junge Männer sind in vielen Regionen in der Überzahl.

    Ärztemangel, Abwehrhaltung, Skepsis gegenüber Zuwanderung

    In den schrumpfenden Gemeinden machen die Kliniken oft ihre Geburtenstation dicht. Im Fallpauschalensystem sind sie nicht mehr wirtschaftlich. Die medizinische Versorgung verschlechtert sich insgesamt: So wurde in Havelberg (Altmark) ein Krankenhaus geschlossen, das mit seiner ambulanten und stationären Versorgung zur Blaupause im ländlichen Raum werden sollte. Nun bietet ein Chirurg aus einer Nachbarstadt einmal pro Woche eine Sprechstunde an.
    Auch Bahnverbindungen werden eingestellt, Läden machen zu. Die alternde Gesellschaft ist zudem weniger veränderungsbereit. Kleinere Gewerbegebiete im Umfeld von Städten scheitern teils am Widerstand der Bevölkerung: Wer tiefgreifende Umbrüche erlebt hat, möchte im Alter vermutlich eher seine Ruhe haben.
    Auch die Zuwanderung insbesondere in Kleinstädte stößt auf Skepsis, da es kaum Gelegenheiten für Begegnungen und Austausch gibt. Berührungspunkte fehlen, etwa am Arbeitsplatz oder in der Kita. Die Integration vornehmlich junger Männer aus dem Ausland ist schwierig: Anders als in westdeutschen Regionen gibt es keine gewachsene migrantische Aufnahmegesellschaft.  
    Sachsen-Anhalt ist jedoch – wie ganz Deutschland – dringend auf Zuwanderung angewiesen, denn Fachkräfte fehlen, zumal jetzt die Generation der Babyboomer in Rente geht. In dem Bundesland hat fast jeder zehnte Auszubildende und nahezu jeder fünfte Arzt einen Migrationshintergrund.
    Umfragen in migrantischen Netzwerken zeigen allerdings, dass vier von fünf Menschen mit Migrationsgeschichte erwägen, Sachsen-Anhalt zu verlassen, sollte dort nach der Landtagswahl im September eine AfD-geführte Landesregierung das Sagen haben. Die Partei, die in Umfragen weit vorn liegt, hat Abschiebungen „ab Minute 1“ angekündigt. In ihrem Wahlprogramm heißt es, sie wolle auf „kulturfremde Fachkräfte“ verzichten.

    Automatisierte Dorfläden, Azubis und eine Künstlerstadt  

    Das ist die komplexe Problemlage. Doch in dem Bundesland gibt es viele Initiativen und Ansätze, wie Orte und Regionen trotzdem lebenswert bleiben können:
    In Kleinstädten und Dörfern öffnen automatisierte Dorfläden, in denen man rund um die Uhr einkaufen kann.  

    In Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) setzt ein Pflegeunternehmen bewusst auf Fachkräfte aus dem Ausland. Es beschäftigt rund sechzig Auszubildende aus verschiedenen Nationen und ist eines der größten Unternehmen der Stadt.

    Rotationsverfahren sollen mehr junge Ärzte in ländliche Regionen bringen. Seit 2025 gibt es etwa an der Uniklinik Halle ein Programm, das einen sechsmonatigen Einsatz in einer ambulanten Einrichtung in Mansfeld-Südharz vorsieht.

    Projekte wie der sogenannte Telenotarzt sorgen dafür, dass leichtere Krankheitsfälle auf dem Land von Rettungssanitätern übernommen werden können, indem sich ein Notarzt der Uniklinik per Video und Funk zuschaltet. So können knappe Ressourcen in der Medizin besser genutzt werden.

    Mit Fördermitteln hat sich Kalbe in der Altmark zur „Künstlerstadt“ entwickelt. Seit mehreren Jahren kommen auf Initiative eines Vereins Künstler aus aller Welt dorthin. Häuser werden saniert und Festivals organisiert.
    Insgesamt leben die Menschen gern in ihrem Bundesland – das zeigt der Sachsen-Anhalt-Monitor. Ihre persönliche Lage beurteilen sie demnach überwiegend positiv. An die Zukunft des Landes haben sie allerdings gedämpfte Erwartungen.

    Radiobeitrag: Niklas Ottersbach, Onlinetext: Beate Thomsen