Dienstag, 29. November 2022

Vor 100 Jahren geboren
José Saramago - Portugals populärer Literaturnobelpreisträger

José Saramago ist bis heute der einzige portugiesische Literaturnobelpreisträger und wird in seiner Heimat sehr geschätzt. Sein Verhältnis zur portugiesischen Regierung war allerdings zwischenzeitlich angespannt. Er lebte lange Zeit im Exil.

Von Tilo Wagner | 16.11.2022

Der Literaturnobelpreisträger José Saramago
1998 wurde José Saramago mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet (picture alliance / dpa / Giuseppe Giglia)
In der Schwedischen Akademie in Stockholm steht ein schlaksiger alter Herr mit Hornbrille und Halbglatze vor einem Mikrofon. Sehr lange hat die portugiesische Literatur auf diesen Moment gewartet: Zum ersten Mal wird ein Schriftsteller des Landes mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Wer für ihn der weiseste Mensch war

Doch der Preisträger José Saramago spricht nicht über Literatur, sondern von seiner Großmutter und von seinem Großvater, einem armen Schweinezüchter, der nicht lesen und nicht schreiben konnte, und dennoch für Saramago der weiseste Mensch der Welt war: „Im Winter, wenn die Kälte der Nacht kam und im Haus das Wasser in den Krügen gefrieren ließ, holten sie die schwächsten Ferkel aus dem Stall und nahmen sie mit in ihr Bett. Unter den dicken Decken schützte die menschliche Wärme die kleinen Tiere vor dem Erfrieren und verhinderte ihren sicheren Tod.“
Mensch und Schwein unter einer Decke. In diese Welt, in Azinhaga, rund 100 Kilometer nördlich von Lissabon, wurde José Saramago am 16. November 1922 geboren. Er wuchs in Lissabon auf und absolvierte eine Schlosserlehre, doch die langen Sommerferien verbrachte er bei seinen Großeltern auf dem Land. Später arbeitete er als Übersetzer in einem Verlag, schrieb zwei Romane, die kaum Beachtung fanden, veröffentlichte Chroniken und die ersten Gedichtbände. Doch erst nach der Nelkenrevolution Mitte der 1970er-Jahre entschloss sich Saramago, Schriftsteller zu werden.
Als er mit 53 Jahren an seinem ersten erfolgreichen Roman „Levantado do Chão“ ("Hoffnung im Alentejo") zu arbeiten begann, fand er in den Bildern, Geschichten und Menschen, die er auf ähnliche Art und Weise aus seiner vom Landleben geprägten Kindheit und Jugend kannte, den Weg zu seiner ganz eigenen Sprache: „Wenn der Tag klar ist, kann man von den Korkeichen aus Lissabon sehen, wer hätte gedacht, dass es so nahe ist, wir haben doch immer gemeint, am Ende der Welt zu leben, das sind so Irrtümer von jemandem, der nichts weiß und nie etwas erfährt. Die Schlange der Versuchung kam und glitt hinauf bis ins Laubwerk, von dem aus João Mau-Tempo auf Lissabon schaut, sie verhieß ihm alle Herrlichkeiten und Reichtümer der Hauptstadt, für ein wenig Fahrgeld ...“
Seine Sprache greife auf die Tradition des oralen Geschichtenerzählers aus dem ländlichen Raum zurück, sagte Saramago einmal. Er benutzte dieses Werkzeug jedoch, um damit die verschiedensten Themen der komplexen, modernen Welt anzusprechen: In "Die Stadt der Blinden" bricht eine Epidemie aus, die die Menschen erblinden und Opfer eines brutalen autoritären Regimes werden lässt. Dieser Roman, der später verfilmt und als Theaterstück und Oper aufgeführt wurde, spiegelt auch Saramagos politische Positionierung gegen Unterdrückung und Ausbeutung wider. Saramago war Mitglied der portugiesischen KP, die sich in Portugal als einzige Partei im Untergrund gegen das autoritäre Regime gestellt hatte.
Er wurde Zeit seines Lebens nicht müde, den globalen Kapitalismus zu kritisieren. Die Idee der Gleichheit war für ihn so grundlegend, dass er sein eigenes Schaffen relativierte: „Wenn jemand nach seinem Tod ein Werk hinterlässt, dann heißt das nicht unbedingt, dass das Werk wichtiger ist als ein x-beliebiger Mensch, der ein würdiges Leben voller Arbeit und Respekt für andere geführt und sich für etwas Sinnvolles engagiert hat.“

Distanz zur konservativen Regierung

Sein Verhältnis zu Portugal war zwiespältig. Mit dem portugiesischen Staat brach José Saramago in den 1990er-Jahren, als eine konservative Regierung sich deutlich gegen seinen kirchenkritischen Roman "Das Evangelium nach Jesus Christus" positionierte. Saramago ging mit seiner spanischen Frau, der Journalistin Pilar del Rio, nach Lanzarote. Die dort entstandenen Tagebücher geben einen tiefen Einblick in die Seele des Portugiesen im Exil.
Juni 2010: Trauerfeier für den verstorbenen Literaturnobelpreisträger Saramago in Lissabon
Juni 2010: Trauerfeier für den verstorbenen Literaturnobelpreisträger Saramago in Lissabon (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Francisco Seco)
Der Nobelpreis hat Saramago auch mit seinem Land versöhnt. Er reiste durch die Welt, sammelte Ehrendoktortitel und fühlte sich wie ein Botschafter der portugiesischen Sprache und Kultur. Im Juni 2010 starb er in seinem Haus auf Lanzarote. Seinen Wunsch nach einer besseren Welt drückte José Saramago einmal so aus: „Jedem von uns steht ein Quadratmeter zu. Wir müssen ihn nur bearbeiten. Wenn alle das tun würden, wäre die Welt mit Sicherheit ein besserer Ort zum Leben.“