Dienstag, 31. Januar 2023

225. Geburtstag des Komponisten
Gaetano Donizetti - mit 70 Opern zum Superstar des Belcanto

Die hohe Kunst des Belcanto, des geschmeidig-schönen Gesangs ist Kern der romantischen Opern des vor 225 Jahren nahe Mailand geborenen Komponisten Gaetano Donizetti - am dramatischsten dargestellt von Maria Callas in Donizettis „Lucia di Lammermoor".

Von Wolfgang Schreiber | 29.11.2022

Der italienische Komponist Gaetano Donizetti porträtiert von Giuseppe Rillosi um das Jahr 1940.
Der italienische Komponist Gaetano Donizetti porträtiert von Giuseppe Rillosi um das Jahr 1940. (picture-alliance / akg-images / Hedda Eid / / Hedda Eid)
Belcanto, die Seele der Oper Italiens, das Schmiermittel ihres Triumphs. Drei Komponisten teilten sich die Vorherrschaft der schönen Melodie im frühen 19. Jahrhundert: Gioachino Rossini, Vincenzo Bellini und Gaetano Donizetti. Und der junge Giuseppe Verdi war ihr Erbe. Der Begriff Belcanto, schöner Gesang, zielt auf die Technik raffinierten Singens, die schöne Stimme allein genügt nicht. Belcanto ist die Kunst des langen Atems, der geschmeidigen Melodiebögen, der emotionalen Leidenschaft. Gaetano Donizetti hat dies alles in seiner Oper „L’elisir d’amore“ vollendet realisiert - mit der Arie des Nemorino.

Der Belcanto - einst populär wie Fußball heutzutage

Una furtiva lagrima, eine verstohlene Träne, besingt der verliebte Tenor in Donizettis Oper „L’elisir d’amore“, weil ihm die angebetete Dame endlich Zeichen von Gegenliebe sendet. Was bedeutete die Opernkunst in Italien damals, vor 200 Jahren? Sie war Volkskunst, populär wie heutzutage Fußball, ein Vergnügen, ein Rausch für alle. Schwer vorstellbar heute, wie nahbar Opernaufführungen in Mailand oder Rom, in Neapel oder Venedig abliefen – das frenetische Genussmittel im Alltag. Ein Komponist aus Paris, Hector Berlioz, hat das erlebt und nach einer Aufführung von Donizettis „Liebestrank“ beschrieben:
„Ich fand das Theater voller Menschen, die sich mit dem Rücken zur Bühne in normaler Lautstärke unterhielten. Unbeirrt gestikulierten und brüllten sich die Sänger die Seele aus dem Leib. Der Lärm des Publikums war so groß, dass man außer der Basstrommel nichts hörte. Die Leute spielten, aßen in ihren Logen zu Abend …“ - und die Opernkomponisten komponierten sich fast zu Tode.

Ernste und buffoneske Meisterwerke

Gaetano Donizetti wurde am 29. November 1797 in Bergamo nahe Mailand geboren, in armen Verhältnissen. Er studierte Gesang, Cembalo und, bei dem aus Bayern stammenden Komponisten Simon Mayr, Musiktheorie, wuchs allmählich in seinen Opern-Schaffensrausch hinein. Zu europäischem Ruhm aufgestiegen, hat Donizetti in drei Jahrzehnten, kaum vorstellbar, 70 Opern komponiert. Routinearbeiten, viele davon fast vergessen, schafften Raum für ernste und buffoneske Meisterwerke wie „Maria Stuarda“, „Lucrezia Borgia“ oder „Don Pasquale“. Es gab da einen Höhepunkt in der Kunst des romantischen Belcanto.
Harmonie und Schönheit der Stimme sind zwar Bestandteile des Belcanto, doch die bezwingende Wirkung auf Zuhörer entsteht erst, wenn – wie Maria Callas in Donizettis „Lucia di Lammermoor“ – die Leidenschaft, das Leid der handelnden Person in die Tiefe ihres Charakters dramatisch eindringt.
Gaetano Donizetti hatte nach “Lucia di Lammermoor” seinen Lebensmittelpunkt gleichsam verdoppelt: Wien und Paris. Dabei gab es längst Anzeichen von Erschöpfung, es folgten Krankheiten und in Paris ein Zusammenbruch. Zurück in seiner Geburtsstadt Bergamo, zeitweise in einer „Irrenanstalt“ gelandet, starb Gaetano Donizetti im April 1848. Ein tragisches Lebensende hatte er schon in der Oper „Anna Bolena“ angezeigt – diesem Liebes- und Todesdrama im Königshaus Heinrichs des Achten.