Europa heute 17.09.2019

Gemeinde Deutsch-GriffenFPÖ-Hochburg in Kärnten Von Antonia Kreppel

Beitrag hören Ein Wahlplakat mit dem Konterfei von Norbert Hofer (FPÖ) und dem Slogan "Fair. Sozial. Heimattreu" steht an einer Straße. Am 29. September wird in Österreich der Nationalrat gewählt. (picture alliance / APA / picturedesk.com / Roland Schlager)Am 29. September wird in Österreich der Nationalrat gewählt. (picture alliance / APA / picturedesk.com / Roland Schlager)

Knapp über 900 Einwohner, vier Gasthäuser, eine Kegelbahn, herausgeputzte Häuser, gepflegte Grünanlagen: Der österreichischen Gemeinde Deutsch-Griffen geht es sichtbar gut. Dennoch haben 53,8 Prozent der Bewohner bei der letzten Nationalratswahl die FPÖ gewählt – einmalig in Österreich.

Nicki schmeckt es hörbar gut – der Hofhund schlürft gierig das klare Brunnenwasser. Auf der Weide liegen die beiden Milchkühe "Linsi" und "Lärche". Idylle pur signalisiert dieser Bauernhof auf einem Hügel über Deutsch-Griffen in Kärnten.

Der Ort hat knapp über 900 Einwohner; sieben FPÖ-Gemeinderäte machen hier Dorfpolitik, dazu drei von der ÖVP. Der einzige Vertreter der SPÖ ist Nebenerwerbsbauer Walfried Prodinger, 66 Jahre alt, kariertes Hemd, wettergerötetes Gesicht.

"Also ich muss so sagen, in unserer Gemeinde, die meisten Beschlüsse fallen fast einstimmig. Weil eigentlich schon aufs Dorf geschaut wird, und dem Dorf soll es gut gehen und da arbeiten wir eh alle daran. Ich hab schon meine Einstellung, meine politische als Sozialdemokrat, dass man schaut, dass man auch für die Leute etwas erreicht, und da haben wir schon ein paar Sachen durchgebracht."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Immer wieder Rechtswalzer - Österreich nach "Ibizagate" und vor der Wahl".

Einen Kindergarten für das Dorf, eine Lehrlingsstelle in der Gemeinde, Zuschüsse für ärmere Bewohner – das haben er und die kleine Sektion der Deutsch-Griffener SPÖ angeregt. Nicht die Bauern, vor allem Rentner wählen ihn, erzählt Walfried Prodinger.

Das Dorf würde keine Asylbewerber dulde

Jahrelang hat er bei einem regionalen Stromanbieter gearbeitet; dort wurde er für die SPÖ sozusagen sozialisiert. Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky sei sein großes Vorbild gewesen. Über die Bundespolitik heute, über "die da oben in Wien", ist er entsetzt; dass die ÖVP und die FPÖ den ganzen Staat in Misskredit bringen.

"Wenn‘s so is‘ wie sie‘s jetzt gehandhabt haben mit der FPÖ und der ÖVP, also so kanns nit gehen, dass man den ganzen Staat in Misskredit bringt. Es darf nit ins Extreme ausarten, nit, des dürfens in Wien nit, im Land nit und nirgends."

Mit den FPÖ-Gemeinderäten hier im Dorf versteht sich Walfried Prodinger gut. Die strenge Asylpolitik der Freiheitlichen teilt er allerdings nicht. "Prinzipiell hab ich so nix dagegen, aber es muss a Maß haben, also richtige Asylwerber, nit, Kriminelle, also auf das muss man schon schauen. Aber bei uns im Dorf wär des nit tragbar, so was."

Das Dorf würde keine Asylbewerber dulden; es gibt auch keinen einzigen in Deutsch-Griffen. Auch hetzerische Postings von Dorfbewohnern auf Facebook habe er schon gelesen. "Aber wie gesagt, in der Gemeindestube die Zusammenarbeit funktioniert, das is‘ des Wichtigste für mich."

Freiheitlichen sind seit sechzig Jahren am Ruder

Das Gemeindeamt liegt im Zentrum des Dorfes. Der junge FPÖ-Bürgermeister, Jahrgang 1985, wirkt aufgeschlossen, dynamisch. Zweimal die Woche hält Michael Reiner Sprechstunde für seine Bürger; drei Tage pendelt er an die Klagenfurter Fachhochschule, wo er Medizintechnik unterrichtet. In der letzten Nationalratswahl haben 53,8 Prozent Deutsch-Griffener FPÖ gewählt – einmalig in Österreich; die Freiheitlichen sind hier bereits über sechzig Jahre fest am Ruder. Ein "blaues Wunder?"

"Ich glaub das ist einfach eine sehr gute Personalpolitik. Wir waren eigentlich immer Freiheitliche und Unabhängige, also wir haben auch sehr viele Fraktionsmitglieder, die für die Gemeinde arbeiten, die nicht Mitglied der FPÖ als Partei an sich sind, also die weder Mitgliedsbeiträge zahlen noch Mandatars-Abgabe; die einfach nur sagen, das ist die Gruppe von denen sie glaubt, dass sie bestmöglich für die Gemeinde arbeitet und wo sie sich gerne einbringen."

Dem Dort geht es sichtbar gut: Sauber herausgeputzte Häuser, gepflegte Grünanlagen samt Kinderspielplatz, ja selbst die alte Telefonzelle ist in ein Holzhäuschen eingekleidet. "Die FPÖ ist eine Partei, die sich immer stark auch für den ländlichen Raum eingesetzt hat, eher für kleine Strukturen und wir haben 20 aktive örtliche Vereine, die Tradition und Brauchtum pflegen. Und ich bin einfach so aufgewachsen, dass man eine gewisse Wertschätzung für seine Heimat, sein Vaterland, für seine Großeltern, dass man eine gewisse Wertschätzung dem gegenüber bringt und wir sind bemüht, dass wir viel für die Jungfamilien tun."

Das Dorfleben müsse funktionieren

Wertkonservativ ist der zweifache Familienvater, möchte, ganz auf Parteilinie mit der FPÖ, die Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter aufwerten. Mit dem Programm der Bundes-FPÖ ist er vor allem seit Ibiza nicht immer einverstanden. "Also ich war schwer enttäuscht, also des ist für mich verwunderlich, dass wir‘s immer wieder schaffen, dass wir solche Charaktere in Positionen bringen, die dann tatsächlich auch in der Partei die Richtung vorgeben. Innerhalb der freiheitlichen Fraktion bin ich wahrscheinlich derjenige, der am weitesten "in der Mitten" steht; wir gehen nicht unbedingt in eine richtige Richtung im Moment."

Und was denken die Deutsch-Griffener? Vier Wirtshäuser hat das Dorf; im Gasthaus Obersteiner mit der alten Kegelbahn sitzen einige Rentner an der Bar. Eine ältere Frau rührt in ihrem Kaffee; jahrelang ist sie täglich einhundert Kilometer weit gependelt in die nächstgelegene Schuhfabrik; Akkordarbeit, bis das Werk in ein osteuropäisches Land verlegt wurde. Es gibt keinen Zusammenhalt "da draußen", betont sie immer wieder; nur "da drinnen", in ihrem Dorf. Ein zweiter Gast klagt vor seinem Achtel Rot, das es "keine Arbeiterpartei" mehr gäbe. Aus der SPÖ ist er ausgetreten; jetzt ist er parteilos.

"I war fast 40 Jahr Mitglied dabei, da hat der eine Rote gegen den anderen Roten gearbeitet. Jetzt bin i schon lang weg, i bin enttäuscht.

Die junge Gastwirtin mit dem tätowierten Albert Einstein auf dem T-Shirt schenkt noch ein Achtel Rot nach. Dass der FPÖ-Bürgermeister mit jedem per Du ist imponiert ihr. Und so gibt es eine Sache, auf die sich hier alle einigen können: "A Mensch muss er sein", lautet das einstimmige Credo. Und das Dorfleben müsse funktionieren. Das sei das Wichtigste. Und dafür setze sich die FPÖ eben ein.

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