Altersvorsorge
Gemischte Reaktionen auf Vorschläge der Rentenkommission

Die Vorschläge der Rentenkommission, die am Wochenende bekannt geworden sind, haben eine breite Debatte ausgelöst. Bundesarbeitsministerin Bas sprach von einem "Gesamtkunstwerk", das nun diskutiert werden müsse. Aus der Opposition und von Arbeitnehmer- und Sozialverbänden kommt vorwiegend Kritik. Ein Überblick.

    Die SPD-Co-Vorsitzende Bärbel Bas spricht während der Jahresauftaktklausur des SPD-Parteivorstands in Berlin
    Die SPD-Co-Vorsitzende Bärbel Bas (Sebastian Gollnow / dpa / Sebastian Gollnow)
    Die geplante Abschaffung der abschlagsfreien früheren Rente soll nach Aussage von Bundesarbeitsministerin Bas von Schritten zum Schutz von unmittelbar Betroffenen flankiert werden. Die Regierung müsse schauen, dass die Frühverrentungen reduziert werden, allerdings sollten ein Vertrauensschutz Übergangsfristen gelten. 
    Im Grundsatz lobte Bas die am Vortag bekanntgewordenen Empfehlungen der Regierungskommission zur Alterssicherung. Gut sei, "dass über alle Generationen jetzt geguckt wird: Wie können wir die Rentenversicherung für alle Generationen bezahlbar halten?" Ansonsten würden die Beiträge in den nächsten Jahren laut Bas enorm steigen, weil die Babyboomer in Rente gingen. Alle müssten ein Stück weit dazu beitragen, dass dies nicht passiere.
    Der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, Radtke, wertete die Vorschläge in den Zeitungen der Funke Mediengruppe als "starke Grundlage". Zu Details wollte er sich zwar noch nicht äußern, aber das wichtigste Signal sei, dass es ein einstimmiges Votum gebe. Dennoch könnte es auch innerhalb der Koalition aus CDU, CSU und SPD weiterhin Konfliktpotenzial geben. Die SPD will das Rentenniveau sichern und Einschnitte bei langjährig Versicherten vermeiden. Die Union dringt stärker auf Generationengerechtigkeit, längeres Arbeiten und Begrenzung des Beitragsanstiegs.

    Haßelmann (Grüne): "Fehler, das Rentenniveau nicht bei 48 Prozent zu stabilisieren"

    Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Haßelmann betonte, es sei ein Fehler das Rentenniveau nicht bei 48 Prozent zu stabilisieren. In Ostdeutschland etwa seien mehr als 70 Prozent der Menschen auf die Gesetzliche Rentenversicherung angewiesen, erklärte Haßelmann der Nachrichtenagentur AFP. Diese hätten keine Sicherheit, falls die Kommissionsempfehlungen umgesetzt würden. Positiv bewertete es Haßelmann, dass die Kommission eine Stärkung der Kapitaldeckung bei der Rente und eine weitgehende Abschaffung der so genannten Rente mit 63 vorschlägt.
    Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Springer, wies auf "brauchbare Vorschläge" in der Kommissionsbericht hin - etwa, Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Dies sei eine Forderung der AfD, sagte Springer ebenfalls der Nachrichtenagentur AFP. Generell liefen die Empfehlungen aber darauf hinaus, dass Menschen länger arbeiten und höhere Beiträge zahlen müssten. Das sei Rentenpolitik zulasten der Beschäftigten.
    Die Linken-Fraktionsvorsitzende Reichinnek wies die Vorschläge als "Schlag in die Magengrube" zurück. Es werde mehr Druck auf die Menschen gemacht, anstatt ein Rentensystem anzugehen, in das alle Erwerbstätigen einzahlten, sagte sie dem Portal "web.de". 

    Fratzscher: Vorschläge gehen nicht weit genug

    Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Fratzscher, forderte Änderungen an den Empfehlungen der Rentenkommission. Der "Rheinischen Post" sagte Fratzscher, die Vorschläge gingen in die richtige Richtung, seien aber nicht weitreichend genug. Auf absehbare Zeit würde nichts Grundlegendes an den drei größten Problemen geändert: der hohen Altersarmut, der starken Belastung der jungen Generation und der Schieflage bei der Gerechtigkeit, so Fratzscher. So sei die empfohlene schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters zu langsam.
    Die Vorsitzende des Wirtschaftsweisen-Gremiums, Schnitzer, lobte die Empfehlungen hingegen. An die Regierungsparteien appellierte Schnitzer im "Handelsblatt", dass sie sich die Vorschläge zu eigen machen und damit das Rentensystem zukunftsfähig und generationengerechter gestalten sollten.

    Arbeitnehmer und Sozialverbände zeigen sich enttäuscht

    Enttäuscht zeigte sich der Sozialverband Deutschland. Vor allem der Einstieg in die Kapitaldeckung mache ihr Sorgen, sagte die Verbandsvorsitzende Engelmeier. Erträge aus der Kapitaldeckung an die gesetzliche Rentenversicherung seien nicht kalkulierbar. Es sei zudem die Chance vertan worden, alle Beschäftigten in die Gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. 
    Verdi-Chef Werneke kritisierte, trotz mancher guter Vorschläge gingen die Pläne der Kommission im Kern an der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen vorbei. In sehr vielen Berufen seien die körperlichen und psychischen Belastungen so hoch, dass schon ein Renteneintrittsalter mit 67 Jahren für viele Menschen unerreichbar sei. Kritik ‌kam auch von ‌der IG Metall. Sollte geplant sein, das beitragsfinanzierte Rentenniveau abzusenken und die Rente ​ohne Abschläge nach 45 Versicherungsjahren abzuschaffen, werde dies in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie auf heftige Ablehnung treffen.
    Der Handelsverband Deutschland teilte mit, die in den Kommissionsvorschlägen vorgesehene Abschaffung von Minijobs wäre ein gefährlicher Irrweg. "Das vernichtet Hunderttausende Jobs im Einzelhandel. Denn viele Minijobber können beispielsweise wegen fehlender Möglichkeiten zur Kinderbetreuung gar nicht Vollzeit arbeiten", ​sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Genth der Nachrichtenagentur Reuters.

    Weiterführende Informationen

    Die Vorschläge der Rentenkommission im Überblick
    Kommission empfiehlt Fondsmodell und steigendes Eintrittsalter (Audio)
    Diese Nachricht wurde am 21.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.