
Ältere Menschen sind inzwischen besonders häufig von Armut betroffen. Fast jeder fünfte Mensch über 65 Jahren galt 2024 in Deutschland als armutsgefährdet. In der Gesamtbevölkerung war es dagegen nur etwa jeder sechste.
Bisher sind Menschen in Ost- und Westdeutschland statistisch ungefähr ähnlich betroffen, doch es ist absehbar, dass sich das ändern wird. Ostdeutschland steuert auf ein massives Problem mit Altersarmut zu.
Statistisch aktuell mehr Altersarmut in Westdeutschland
Aktuell gibt es in Ostdeutschland tatsächlich weniger Altersarmut als in Westdeutschland. In Ostdeutschland waren 2024 18,4 Prozent der über 65-Jährigen von Armut betroffen, in Westdeutschland 19,7 Prozent.
Das liegt an den Erwerbsbiografien von Frauen. Denn Frauen waren in Ostdeutschland in den vergangenen Jahrzehnten stärker beruflich aktiv. Und das spiegelt sich heute in den gesetzlichen Renten wider.
Im Osten bekamen Frauen im Jahr 2023 nach Auskunft der Deutschen Rentenversicherung im Schnitt etwas über 1.200 Euro Rente. Frauen im Westen hatten rund 400 Euro weniger auf dem Konto.
Aus diesen Zahlen lässt sich aber nicht ableiten, dass ältere Menschen in Ostdeutschland wohlhabender sind, sie sind lediglich seltener arm. Das liegt auch daran, dass das verfügbare Geld im Osten gleichmäßiger verteilt ist, erklärt Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.
“Frauen und Männer haben mittlere Renten, das reicht dann auch, um die typische Armutsschwellen zu überschreiten.” Im Westen gebe es aber mehr sehr niedrige, aber eben auch mehr sehr hohe Renten.
Ob jemand als arm definiert wird, orientiert sich an Mittelwerten. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens einer Gesellschaft zur Verfügung hat. Für einen Singlehaushalt bedeutet das aktuell: Wer weniger als 1.380 Euro im Monat zur Verfügung hat, gilt als arm.
Für größere Haushalte kommen dann einige Gewichtungsfaktoren ins Spiel, erklärt die Soziologin Katja Möhring von der Universität Bamberg.
Ostdeutsche Rentner haben viel weniger Vermögen
Die Definition von Armut bezieht sich auf die Abweichung vom Mittleren Einkommen. Vermögen wird dabei nicht berücksichtigt. Und bei den Vermögen stehen ältere Menschen in Westdeutschland wesentlich besser da, sagt Laura Romeo, Leiterin des Deutschen Zentrums für Alltagsfragen.
Im Durchschnitt hätten Rentner in Ostdeutschland im Jahr 2021 ein Vermögen von 151.000 Euro gehabt, in Westdeutschland hingegen 360.000 Euro. Vermögen umfasst dabei Wohneigentum, Geldanlagen und sonstigen Besitz.
Auch das hat seine Wurzeln zum Teil in der DDR-Geschichte. Denn die Möglichkeiten zur Vermögensbildung waren in der DDR gegenüber denen im Westen deutlich eingeschränkt, sagt Romeo. Mit der Folge, dass es in Ostdeutschland insgesamt wesentlich weniger zu vererben gebe. Von Generation zu Generation werde diese Ungleichheit daher weitergegeben.
Und Vermögen kann natürlich genutzt werden, um im Alltag den Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) bilanziert, dass der Anteil der Menschen in Altersarmut bundesweit auf etwa elf Prozent sinkt, wenn man Vermögen einbezieht. Auf eine solche Absicherung durch Vermögen können in Ostdeutschland allerdings weniger Menschen zurückgreifen.
Altersarmut wird in Ostdeutschland drastisch zunehmen
Altersarmut wird in Ostdeutschland ein deutlich größeres Problem werden, das ist jetzt schon statistisch absehbar. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Künftige Rentner in Ostdeutschland verfügen nicht über stabile Erwerbsbiografien aus der Wendezeit. Über alle Altersgruppen ist die Armutsgefährdung in Ostdeutschland seit Jahren höher als in Westdeutschland und das wird sich in die Altersarmut fortsetzen.
Und gerade bei den Jahrgängen, die kurz vor der Rente stehen, seien Ostdeutsche wesentlich stärker von Armut betroffen als Westdeutsche, sagt die Soziologin Katja Möhring: “Das heißt, wir werden wahrscheinlich das Problem der Altersarmut in Ostdeutschland in der Zukunft sehr verstärkt sehen.”
Seit dem vergangenen Jahr findet zudem keine sogenannte Hochwertung der ostdeutschen Renten mehr statt. Dieser Ausgleichsmechanismus hatte bisher dafür gesorgt, dass sich das niedrigere Lohnniveau in der DDR und in Ostdeutschland weniger stark auf die Rentenhöhe niederschlug, als es bei einer bundeseinheitlichen Berechnungsgrundlage der Fall gewesen wäre.
Kaum private Vorsorge in Ostdeutschland
In Ostdeutschland stellt die gesetzliche Rente die mit Abstand wichtigste Einkommensquelle im Alter dar. Die Generation der 45 bis 64-Jährigen hat in Ostdeutschland deutlich weniger privat vorgesorgt oder vorsorgen können als im Westen. Insbesondere bei Geldanlagen in Wertpapieren, Aktien und Fonds liegt diese Generation Ostdeutscher deutlich zurück. Fast jeder Fünfte trifft sogar keine private Vorsorge.
Radiobeitrag: Isabel Fannrich-Lautenschläger | Onlinetext: Tobias Pastoors















