Samstag, 03. Dezember 2022

50 Jahre Gentechnik
Kommt jetzt der Mensch nach Maß?

1972 begann im Schatten von Mondlandung und Vietnamkrieg die Ära der Gentechnik. Auf gentechnisch veränderte Viren folgten Bakterien, Tiere, Pflanzen. Das Erbgut des Menschen blieb tabu - bis 2018 mithilfe der Genschere Crispr/Cas 9 Lulu und Nana geboren wurden.

Von Michael Lange | 25.09.2022

Der Wissenschaftsjournalist Volker Arzt erläutert im Fernsehstudio die Forschung in der Gentechnik und steht dabei in einem Pappmache-Modell einer Zelle - Aufnahme in den 80er Jahren
Wenn der Mensch eingreift in die Maschinerie des Lebens: Die praktischen Möglichkeiten der Gentechnik werden immer größer - die ethischen Herausforderungen allerdings auch. (imago/United Archives)
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit beginnt 1972 ein neues Zeitalter. Die Menschheit staunt immer noch über die ersten Mondlandungen und verarbeitet die Folgen des Vietnamkrieges. Ein Terroranschlag überschattet die olympischen Spiele von München.

In diesem Jahr, am 1. Oktober, veröffentlicht eine Arbeitsgruppe um den US-Biochemiker Paul Berg in der Fachzeitschrift PNAS einen Artikel. Darin beschreiben die Wissenschaftler erstmals eine genetische Manipulation. Für den Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger ist es der Anfang der neuen Ära: „Das ist für mich der eigentliche Umschlagspunkt. Also da hat qualitativ etwas Neues angefangen.“
Das Team von der Stanford-Universität hat drei Gene aus dem Bakterium Escherichia Coli in das Erbmaterial von Viren eingeschleust, in so genannte Lambda-Phagen. Deren Erbgut ist klein und überschaubar. Da sie ausschließlich Bakterien befallen, bestand offensichtlich keine Gefahr. Bis in den Medien warnende Stimmen auftreten, wird es noch einige Jahre dauern.

„Das sind schon tolle Sachen. Ich meine: Man muss sich auch als Gesellschaft daran gewöhnen, dass es dem Leben jetzt an den Kragen geht.“
Eine einen Monat alte gentechnisch veränderte Maus an der Universität von Kuopio in Finnland im Oktober 1998. Die gentechnisch veränderten Mäuse verlieren im Alter von vier bis sechs Wochen ihr Fell. Durch den Alterungsprozeß bildet ihre Haut starke Falten, ihre Lebenserwartung sinkt um die Hälfte. Neben ihrem Wert als Modell für das Studium von Krankheiten könnten sie bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs und Schlaganfall eine Rolle spielen.
Gentechnisch veränderte Mäuse sind seit Jahrzehnten Standard-Testobjekte in vielen wissenschaftlichen Disziplinen (picture alliance / dpa / Lehtikuva Oy Vänska)

Gentechnik-Mäuse und dystopische Spekulationen

Nach den ersten genmanipulierten Viren folgen 1973 gentechnisch veränderte Bakterien und 1974 die erste Maus. Gentechnik-Mäuse werden bald zum Werkzeug in der Krebsforschung und bei der Medikamentenentwicklung. Pflanzen folgen erst später: 1983. Die Manipulation des Menschen haben die Gentechniker nicht im Sinn. Aber nach und nach beginnen die Spekulationen.
Die Wissenschaftshistorikerin Christina Brandt lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena: „Die Diskussion, was die neue Biologie, wie sie oft genannt wurde, für die Menschheit der Zukunft bedeuten würde, ist ein Thema, das schon vor der Gentechnik angesprochen wurde. Da ist schon immer Thema, wie diese neue Biologie, die zukünftige Gesellschaft verändern könnte.“

Brandt leitet das Ernst-Haeckel-Haus, ein gelbes Gebäude im italienischen Landhausstil. Zwei Stockwerke unter ihrem Arbeitsplatz befindet sich das repräsentative Büro des gleichermaßen verehrten wie umstrittenen Zoologen Ernst Haeckel. Seine „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ machte die Evolutionslehre in Deutschland populär. Er hätte ein Held der Biologie werden können, wie Charles Darwin.

Eugenik und rote Linien für die Forschung

Aber Haeckel wollte den Lauf der Menschheitsgeschichte nicht nur erklären, sondern ihn verändern. Er nannte es „die Gesellschaft genetisch verbessern“. Das wollten auch die Eugeniker in den folgenden Jahrzehnten. Gentechniker wollen etwas Anderes, aber auch das nennen einige Eugenik. „Also es geht nicht mehr um die Frage der Verbesserung der Gesellschaft, sondern es geht eher um etwas wie die Verbesserung des Individuums.“

Christina Brandt möchte im Zusammenhang mit Gentechnik nicht von Eugenik sprechen. Tatsächlich spielt die genetische „Verbesserung der Gesellschaft“ in den Debatten um die Gentechnik keine Rolle. Andere Fragen stehen im Vordergrund. „Wie geht man eigentlich damit um? Welche Experimente kann man machen? Mit welchen Mikroorganismen, mit welchen Bakterien, mit welchen Vektorsystemen? Wie sollen Labore aussehen?“
Den Wissenschaftlern, die die Gentechnik entwickelt haben, ist nicht ganz wohl bei ihrer Forschung. Paul Berg und andere Pioniere laden deshalb ein zu einem Symposium an die kalifornische Pazifikküste, nach Asilomar. 140 Frauen und Männer treffen sich, darunter auch Ärzte, Juristen und Philosophen. Nach stundenlangen Diskussionen und Spaziergängen am Strand einigt man sich auf ein Moratorium. Der Gentechnik-Pionier Paul Berg formuliert es später so:

„Bringe keine toxischen Gene in E. Coli. Bringe keine Medikamenten-Resistenz-Gene in E. Coli. Und bringe keine Krebsgene in E. Coli.“

Das Darmbakterium Escherichia Coli ist das Arbeitspferd im Labor. Gene für Giftstoffe oder auch Krebsgene sollen nicht in das Bakterium verpflanzt werden. Naheliegende Gefahren stehen im Fokus der Pioniere. Für sie ist wichtig, die Kontrolle zu behalten. Christina Brandt:

„Das ist aber noch eine Debatte, die über Laborsicherheit geht, vielleicht schon einige ökologische Themen. Was passiert, wenn solche gentechnisch veränderten Bakterien freigesetzt werden? Für die beteiligten Molekularbiologen ist es oftmals nicht verständlich, dass dann Ende der 1970er Jahre die Öffentlichkeit ganz anders darauf reagiert. Für die Öffentlichkeit ist das etwas, wo mehr verhandelt wird, als nur die Frage der Laborsicherheit: Nämlich der grundsätzliche Zugang zum Lebendigen, der da zur Diskussion steht. Der Eingriff in Schöpfung, der Eingriff und die Veränderung der Natur. Da kommt einiges zusammen.“
Demonstranten vor dem Brandenburger Tor in Berlin mit gelben Luftballons und Bannern und Schildern mit Aufschriften wie "Gendreck weg" und "Stoppt Genfood - sofort" (4. September 2005)
Proteste gegen genmanipulierte Nahrungsmittel waren ein Kernthema der Umweltbewegung und der Öko-Parteien (imago/Christian Ditsch)

Retortenbaby, Klonschaf Dolly und Genmais

Nicht Bakterien oder Viren prägen bald die öffentliche Debatte, sondern ein Neugeborenes. Am 25. Juli 1978 wird in England Louise Brown geboren. Das erste Kind, das durch künstliche Befruchtung entstanden ist – eigentlich ganz natürlich aus Eizelle und Samenzelle, ohne genetische Manipulation.
Aus dem Tagesschau-Jahresrückblick 1978 über Louise Brown, das erste Retortenbaby
„Das einstige 'Arme Leute Hospital' Oldham bei Manchester. Es ist der 25. Juli. Die Würde des Menschen ist aufgerufen bei dieser Geburt. Nicht seine Rechte, seine Aufgaben oder seine Bestimmung in der Gesellschaft lösen ein weltweites Echo aus. Vielmehr seine Herkunft. Es ist das erste Retortenbaby, künstlich gezeugt, im Reagenzglas gewachsen, bis es in den Mutterleib eingepflanzt wurde. Fünf Pfund schwer ist das Mädchen bei der Geburt: Louise Brown.“
„In dem Moment, wo Embryonen im Reagenzglas zugänglich sind, bekommt natürlich auch die Vision, Gentechnik am Menschen anzuwenden, einen neuen realen Gehalt. Der ist zwar immer noch weit weg, aber es kommt näher.“

In den 1980er Jahren verschärft sich die Debatte. Vor allem die gerade entstehende Umweltbewegung positioniert sich gegen die moderne Biotechnologie. Fremde Gene haben in der Natur nichts zu suchen, nicht in der Nahrung, und auch nicht im Menschen.

Öffentlichkeit und Wissenschaft diskutieren seitdem unterschiedliche Fragen, resümiert Christina Brandt: „Gentechnik ist für die Kritiker im Prinzip das gleiche wie die Atomenergie: Eine Hochrisikotechnologie. Für die Molekularbiologen aber stellt sich das ganz anders dar. Für sie ist es nur eine hypothetische Gefahr, weil sie eine andere Perspektive darauf haben. Sie haben die Laborperspektive, dass sie Mikroorganismen verändern, die dann – und das ist ein breiteres Feld, was wichtig wird – ganz neue auch ökonomische Anwendungsbereiche erschließen.“

Der gentechnische Werkzeugkasten erobert die Pharmaindustrie

Immer mehr Biotechnologiefirmen werden gegründet, vor allem in den USA, erste genmanipulierte Pflanzen freigesetzt. Der gentechnische Werkzeugkasten erobert die Pharmaindustrie. Bakterien produzieren menschliches Insulin. Euphorie und große Versprechungen auf der einen Seite, grundsätzliche Ablehnung auf der anderen. Aber die Gentechnik lässt sich nicht aufhalten.

Am 14. September 1990 erfährt die vierjährige Ashanti Da Silva als erster Mensch eine gentechnische Behandlung.
Gentechnisch veränderte Immunzellen sollen ihr gestörtes Immunsystem aufbauen und dem kleinen Mädchen ein normales Leben ermöglichen. Ob die Gentherapie ihr wirklich hilft, bleibt unklar. Die Öffentlichkeit diskutiert wohlwollend über die neuen medizinischen Möglichkeiten.

Mehr Aufsehen und mehr Schlagzeilen erzeugt ein aus Körperzellen geklontes Schaf, das 1996 in Schottland geboren wird: Dolly. Die Welt ist schockiert. Es droht der geklonte Mensch. Unzählige Kopien von Einstein oder Hitler.
Christina Brandt: „Da gibt es immer so ein Auf und Ab der Debatten, wenn man das so Revue passieren lässt. Mit den Siebzigern als Gentechnikdebatte, den Achtzigern, wo Reproduktionsmedizin und Embryonenforschung ein diskursives Amalgam darstellten. Dann in den 90ern Gentherapie und Keimbahneingriffe, Nuller Jahre embryonale Stammzellen. Und dann wird es ein bisschen ruhig… .“

Tödliche Zwischenfälle und andere Rückschläge

Unterdessen sorgen einzelne Gentherapie-Studien für Gesprächsstoff. Allerdings meist durch Misserfolge. Weder Erbkrankheiten noch Krebs lassen sich bekämpfen. Immer wieder müssen die Gentherapeuten zurück ins Labor.

Toni Cathomen vom Institut für Transfusionsmedizin und Gentherapie am Universitätsklinikum Freiburg zieht eine ernüchternde Bilanz. „Da ist man mit sehr viel Euphorie gestartet, und tatsächlich lief man ins Leere, weil nichts funktioniert hat. Im Gegenteil: Es gab tödliche Zwischenfälle, wo es dann zur Überstimulation des Immunsystems kam, und die Patienten dann an einem Schock gestorben sind.“

Ein Todesfall erregt die Gemüter. Der unerwartete Tod des jungen Patienten Jesse Gelsinger wird durch eine fehlerhafte Gentherapie verursacht. Andere Gentherapie-Patienten erkranken an Leukämie.
Illustration der Crisp/Cas-Genschere: Ein kleiner Abschnitt des DNA-Molekül wird gezielt modifiziert
Mit der Genschere Crisp kann das Erbgut in kleinsten Schritten gezielt verändert werden - dafür gab es 2020 den Nobelpreis (imago / Keith Chambers)

Die Genschere Crispr/Cas9 macht alles "kinderleicht"

Positive Nachrichten folgen nach 2012. Neue gentechnische Werkzeuge, insbesondere die Genschere Crispr/Cas, werden zum Renner – zunächst in den Laboren, etwas später auch in den Kliniken. Gene schneiden, zusammenfügen und korrigieren. Kinderleicht.

So klingt es zumindest aus dem Mund einer Studentin im Labor in Freiburg: „Man hat einen Forward- und einen Reverse-Primer. Hier einen 1,5 Milliliter Eppi. Da kommt dann der Forward- und der Reverse-Primer rein. Mit den Pipetten, die wir hier zur Verfügung haben... Das ist der Heizblock. Der wird jetzt auf 100 Grad aufgeheizt. Nach zehn Minuten ausgestellt, und dann langsam hinunter gekühlt... dann brauchen wir noch unser Cas9-Plasmid. Ja, und dann kann man auch gleich in die Zellkultur gehen…“
Toni Cathomen: „Also man muss da wirklich von einer Crispr-Revolution sprechen. Weil sich diese Technologie so schnell verbreitet hat, dass jedes Labor diese Technologie einsetzen kann. Die Revolution ist voll im Gange. In ganz verschiedenen Bereichen hat Crispr/Cas Fuß gefasst.“

Die Genschere wird in den folgenden Jahren ständig verbessert, zum Beispiel durch sogenannte Basen-Editoren. Fachleute sprechen nicht mehr von Gentechnik, sondern von Genom-Editierung. Wie ein Text im Computer lassen sich Erbanlagen überarbeiten: Verändern, verbessern, umschreiben.

„Ich glaube, man darf von Gentherapie 2.0 sprechen. Das heißt im Vergleich zur konventionellen Gentherapie, die ja versucht eine neue Genkopie in Zellen einzuschleusen, dass wir jetzt den nächsten Schritt machen, und versuchen, direkt den Fehler im Erbgut zu korrigieren.“

Behandlung von Blutkrankheiten in Sicht

Heute laufen weltweit etwa 50 klinische Gentherapie-Studien, bei denen Genscheren an Patienten ausprobiert werden. Die meisten davon verwenden Crispr/Cas. Auch wenn dabei gelegentlich Fehler auftreten: Solange die Genschere im Labor arbeitet, lassen sich die veränderten Zellen anschließend überprüfen – und Zellen mit Fehlern aussortieren.

„Da werden neue Methoden entwickelt, um so genannte Fehlschnitte sichtbar zu machen und auch die Konsequenzen besser darstellen zu können. Wir nennen das den TÜV für Genscheren. Und ich glaube: Die werden eine große Rolle spielen bei der Zulassung von geneditierten Therapieprodukten.“

Große Hoffnungen richten sich auf die Behandlung vererbter Blutkrankheiten, wie Beta-Thalassämie oder Sichelzellenanämie. Ergebnisse liegen bereits vor. Und 2023 könnte die erste Zulassung einer Gentherapie mit Crispr/Cas erfolgen.

Mit der vieldiskutierten Keimbahntherapie, der vererbbaren Genmanipulation, hat das alles nichts zu tun. Dazu müssten Gene im Embryo manipuliert werden, oder in Ei- oder Samenzellen.

Experimente am menschlichen Embryo

Mitten in London, gleich neben dem internationalen Bahnhof St. Pancras steht seit ein paar Jahren ein moderner Forschungstempel: Das Francis Crick Institute. Ein Plakat verrät: Hier verändert Wissenschaft die Welt. Tag und Nacht arbeiten hinter den Glaswänden alles in allem etwa 2.000 Mitarbeiter. Und natürlich unzählige Computer, Sequenzierautomaten, Pipettierroboter, PCR-Maschinen, Zentrifugen und so weiter.

Die wichtigsten Werkzeuge jedoch sind unsichtbar. Es sind: Molekulare Werkzeuge. Sie kopieren, verändern und zerschneiden das Erbmolekül DNA. „Ich persönlich habe gedacht: Das ist eine Revolution. Von ganz zu Beginn an.“ Mit Crispr/Cas ändert sich alles. Das hat Robin Lovell-Badge schnell verstanden. Seine Begeisterung ist auch zehn Jahre nach der Entdeckung nicht verflogen.
„Wir waren alle sehr enthusiastisch. Überall auf der Welt benutzten Labore das neue Werkzeug. Ohne lief nichts mehr in der biologischen Forschung, auch hier am Francis Crick Institute. Von 120 Arbeitsgruppen hier arbeiten heute schätzungsweise 90 Prozent mit Crispr.“

Aber nur eine Arbeitsgruppe am Francis Crick Institute in London erforscht menschliche Embryonen mit der Genschere. Das ist das Team um Kathy Niakan. Zu ihrer Arbeitsgruppe gehört die aus Deutschland stammende Wissenschaftlerin Sophie Brumm. Die Arbeit ihrer Gruppe ist in Großbritannien genehmigt worden und wird streng kontrolliert. In Deutschland wäre sie nicht erlaubt.

„Wir verwenden Crispr/Cas 9 in unserem Labor, um wissenschaftliche Fragen zu beantworten. Und zwar sind wir an der frühesten Entwicklung des menschlichen Embryos interessiert. Das heißt: Wir stellen uns Fragen, wie eine befruchtete Eizelle sich entwickelt in den ersten sieben Tagen nach der Befruchtung. Dafür verwenden wir Crispr.“

Zelleigene Reparatur sorgt für Überraschungen

Das Team um Kathy Niakan will herausfinden, was nach der Befruchtung der Eizelle geschieht. Die Informationen sollen helfen, die künstliche Befruchtung zu verbessern. Beim Umgang mit den Embryonen sei man äußerst vorsichtig, versichert Sophie Brumm.

„Das Arbeiten mit menschlichen Embryonen ist natürlich anders, als das Arbeiten mit allen anderen Embryonen, weil wir nur eine begrenzte Anzahl davon haben. Das heißt: Jedes Mal, wenn wir von unserem Lager verschiedene menschliche Embryonen auftauen, muss das sehr sorgfältig durchgeführt werden. Die Experimente müssen ordentlich geplant sein und durchgeführt werden. Dann kann eigentlich nichts schief gehen.“

Und dennoch geschieht bei der Forschung mit den kostbaren Embryonen immer wieder Unerwartetes. Wenn im Labor einzelne Gene verändert werden, sorgen die zelleigenen Reparaturmechanismen für ungeplante Änderungen. Manchmal wird das Erbgut des Embryos regelrecht umkonstruiert.

„Wenn man Crispr/Cas 9 im menschlichen Embryo anwendet, dann kann es auch vorkommen, dass nicht nur eine ganz kleine Manipulation entsteht, sondern es kann sein, dass große Teile der DNA plötzlich fehlen, weil der Embryo das so repariert hat. Das ist sehr unerwartet geschehen, ganz neu, als wir das herausgefunden haben. Und das sollte uns zu denken geben, wenn wir das medizinisch anwenden würden.“

Robin Lovell-Badge zieht eine klare Grenze zwischen Embryonenforschung im Labor und Manipulationen der menschlichen Keimbahn, wo ein neuer Mensch heranwächst. „Die Methode Crispr/Cas ist sicher genug für die Erforschung von Embryonen. Das Team am Crick-Institute kultiviert den Embryo nur für wenige Tage, ohne die Absicht, den genetisch veränderten Embryo in eine Gebärmutter einzupflanzen, damit er sich zu einem Kind entwickelt.“
Auf diesem Screenshot spricht der chinesische Forscher He Jiankui während eines Interviews in der Stadt Shenzhen in der südchinesischen Provinz Guangdong.
Einzelaktion eines "verrückten Wissenschaftlers" oder absehbare Grenzüberschreitung? He Jiankuis Genmanipulation sorgt 2018 für einen Schockmoment (dpa / Chen Jialiang / Imaginechina)

Schockmoment für Genetik und Öffentlichkeit

Immer wieder hat sich der Genetiker auch mit ethischen Fragen rund um die Embryonenforschung beschäftigt. Die Diskussionen sind viele Jahre in klaren Bahnen verlaufen. Bis im November 2018 etwas Unerwartetes geschieht. Robin Lovell-Badge ist plötzlich mitten drin im Geschehen, das zuvor nur als Gedankenspiel stattgefunden hat. Die hypothetische Gefahr ist nicht mehr hypothetisch.

„Ich war sehr überrascht.“ Zwei Tage vor einem Gipfeltreffen der Genom-Editierer in Hongkong erfahren er und die Crispr-Pionierin Jennifer Doudna, dass ein chinesischer Wissenschaftler namens He Jiankui nicht nur über gentechnisch veränderte Embryonen redet, sondern es gemacht hat. Das Zwillingspärchen Lulu und Nana ist bereits geboren.
Gemeinsam mit Jennifer Doudna sitzt Robin Lovell-Badge auf einem Sofa in der Lobby des Tagungshotels. Ihnen gegenüber: Der chinesische Wissenschaftler He Jianku. Lovell-Badge soll völlig blass geworden sein. Er kann es nicht fassen, was He Jiankui ihnen eröffnet.

„Er hoffte, seinen Durchbruch mit einem großen öffentlichkeitswirksamen Coup verkünden zu können, in einigen Wochen. Aber ein Journalist hatte Wind davon bekommen. So konnten wir beide ihn überreden, öffentlich Klartext zu reden. Er sollte auf dem Gipfel detailgenau erklären, was er getan hatte.“

Robin Lovell-Badge moderiert später auf der Bühne und kündigt den Vortrag an. Online sind viele tausend Zuhörer dabei. Bis zuletzt weiß er nicht, ob He Jiankui wirklich erscheinen wird. Dann kommt er: Ein 34 Jahre alter Forscher, eher unsicher, offensichtlich überfordert von der Situation. Später wird er dargestellt werden als extrem ehrgeizig, aber auch äußerst naiv.

„Er hat seine Geschichte erzählt. Und ich war schockiert, wie alle meine Kollegen. Ich konnte nicht glauben, dass er es wirklich getan hat. Und wir waren auch schockiert, weil er es außerdem sehr schlecht gemacht hat.“

Haftstrafe für eine "verrückte" Genmanipulation

Durch den gentechnischen Eingriff wollte He Jiankui die Zwillinge vor dem Aids-Erreger HIV schützen. Denn ihr Vater ist HIV-positiv. Die von ihm durchgeführte Genveränderung sollte die Eintrittspforte für die Viren blockieren, so dass die HI-Viren nicht in die Immunzellen gelangen. Ob der Schutz überhaupt funktioniert hat, bleibt unklar. Es steht fest: Längst nicht alle Zellen der Embryonen sind geschützt. Sie bilden Mosaike aus geschützten und ungeschützten Zellen. Die genetische Manipulation war unvollständig und fehlerhaft.

Außerdem hat He Jiankui auf eine sorgfältige Überprüfung der Schnitte im Erbgut verzichtet. Ob es zu Fehlschnitten gekommen ist, weiß niemand. Krebs oder Stoffwechselstörungen könnten die Folge sein.
Auch chinesische Wissenschaftler und die zuständigen Behörden in China distanzieren sich. Später wird He Jiankui zu einer Haftstrafe verurteilt. Robin Lovell-Badge versucht seitdem die Geschichte zu rekonstruieren:

„Er hat zuvor Kontakt aufgenommen mit einigen Wissenschaftlern außerhalb Chinas. Alle haben ihm abgeraten. Das sei verrückt. Und auf jeden Fall zu früh, nicht sicher. Es gebe keinen Grund, so etwas zu machen. Aber wir wissen heute, dass er Unterstützung hatte, innerhalb Chinas. Möglicherweise von anderen Wissenschaftlern, von lokalen Behörden, eventuell sogar von der Regierung.“

Robin Lovell-Badge schüttelt den Kopf, wenn er daran denkt. So viel ist falsch gelaufen. Warum nur hat He Jiankui die Genschere zur Anti-HIV-Behandlung ausprobiert? Die Embryonen waren weder krank noch infiziert. Andere Methoden hätten die Embryonen effektiver und sicherer schützen können.

Paradebeispiel für Ethik-Verstoß

So wie er die Kritik formuliert, wird aber auch klar: Robin Lovell-Badge lehnt genetische Eingriffe bei Embryonen, Eizellen oder Spermien nicht grundsätzlich ab. Sie können – richtig durchgeführt - hilfreich sein und Leiden verhindern, meint er. Zum Beispiel bei dominant vererbten Krankheiten wie der Huntington-Krankheit. Wenn bei einem Elternteil beide Versionen des zuständigen Gens defekt sind, gibt es keine andere Methode, um gesunde eigene Kinder zu bekommen. In diesen Fällen müsse allerdings eine andere Methode gewählt werden, betont er.

„Wenn Sie es wirklich wollen und einen guten Grund dafür haben, gäbe es einen relativ sicheren Weg zur Genom-Editierung: Sie könnten aus Hautzellen eines Paares Stammzellen in Zellkultur züchten. Diese im Labor hergestellten Stammzellen könnten sie mit Crispr/Cas genetisch verändern und anschließend sorgfältig überprüfen. Dann hätten sie nur die gewünschten Veränderungen und sonst nichts. Aus den Stammzellen können dann im Labor Eizellen oder Spermien heranreifen für die künstliche Befruchtung.“
Über den Gesundheitszustand der Zwillinge und eines weiteren Mädchens mit der gleichen Manipulation ist kaum etwas bekannt. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr sollen sie regelmäßig untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen bleiben bis heute geheim. Mittlerweile steht fest: Hier ist fast alles falsch gelaufen. Wissenschaftlich, medizinisch, und natürlich ethisch.

Mangelnde Transparenz, keinerlei Sicherheitsüberprüfungen, keine Überwachung durch eine Ethik-Kommission. All das kritisiert der deutsche Ethikrat und dessen Vorsitzende Alena Buyx, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Universität München:

„Ich benutze diesen Fall in meiner Vorlesung zur Forschungsethik mit meinen Medizinstudierenden als ein Beispiel dafür, dass man gleichzeitig sehr viele wichtige Prinzipien der Forschungsethik verletzen kann. Dass offensichtlich diese Eltern selbst nicht wussten, dass sie einwilligen in einen erstmaligen Eingriff, den es so weltweit noch nie gegeben hatte. Sie dachten: Das ist irgendwie so eine Impfstudie. Da sind wirklich so viele Dinge aus ethischer Perspektive falsch gewesen, dass ich wirklich erschüttert war.“
Für die Zukunft will der Ethikrat die Genom-Editierung am Menschen nicht völlig ausschließen. Eine Hintertür bleibt offen. „Da haben wir gesagt nach sehr sorgfältiger ethischer Analyse – wir haben verschiedene ethische Maßstäbe zur Orientierung umgewälzt, - dass es Situationen geben kann, in denen mehr für die Verwendung dieser dann ausgereiften und sicheren – wenn das so wäre – dieser Technologie sprechen würde als dagegen.“

International ist ein Moratorium nicht durchsetzbar

In Deutschland spricht sich die Mehrheit der Experten nicht für ein vollständiges Verbot aus, aber für ein Moratorium. Alle Forschungen, die zur Geburt gentechnisch veränderter Kinder führen können, sollen für mehrere Jahre unterbleiben, so die Forderung. Wenig später diskutiert eine Beratergruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO über das gleiche Thema. Ganz anders als der Deutsche Ethikrat, wie sich Alena Buyx erinnert:

„Ich war Mitglied in dieser WHO-Gruppe, und es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich bin da als deutsche Stimme hingereist und hatte unsere deutsche Stellungnahme im Gepäck und war wirklich sehr eingedacht in die deutsche Diskussion, und habe dann sehr viele Unterschiede festgestellt. Das ist eine steile Lernkurve – sage ich ganz offen – auch für mich selbst gewesen.“

Auf internationaler Ebene findet die Idee eines Moratoriums wenig Zuspruch. Und nicht nur Experten aus China und den USA, wo diese Forschung stattfinden könnte, sprechen sich gegen zu starke Beschränkungen aus. Auch viele Entwicklungsländer wollen die Forschung nicht unterdrücken. Sie erklären:

„‘Bei uns geht es um etwas anderes. Wir wollen überhaupt an dieser Technologieentwicklung teilheben. Wir glauben, dass wir damit in unseren Ländern viel Leid verhindern können. Wie kommt ihr denn dazu – Stichwort Moratorium oder Globales Verbot – das tatsächlich abzulehnen?‘ Und das war schon eine sehr interessante Erfahrung. Man lernt so zu akzeptieren, dass man für ein weltweit orientiertes Dokument, an dem wir gearbeitet haben, gegebenenfalls mehrere Positionen zum Ausdruck bringen muss.“
Ein weltweites Moratorium kommt nicht zustande. Ein absolutes Verbot der Keimbahntherapie, wie es Jahrzehnte lang Konsens war, steht nicht einmal zur Debatte. Abgelehnt wird lediglich die genetische Veränderung zur „Optimierung“ des Menschen. Vermutlich wird die Keimbahntherapie kommen. Vieles ist denkbar, sagt Alena Buyx:

„Selbstverständlich ist es jetzt sehr schwierig, nachzuvollziehen ob und was da noch passiert. Aber wenn, dann passiert es in einer dezidierten Grauzone.“

Oder wie es eben der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger formuliert: „Das sind schon tolle Sachen. Ich meine: Man muss sich auch als Gesellschaft daran gewöhnen, dass es dem Leben jetzt an den Kragen geht."